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Jon Krakauer und der Mythos der Wildnis

Von Dr. Bernd A. Weil

  

Jon Krakauer wurde 1954 in den Vereinigten Staaten geboren und lebt heute mit seiner Frau Linda in Seattle im Bundesstaat Washington. Er arbeitet als Wissenschaftsjournalist für verschiedene amerikanische Zeitschriften, vor allem für das Magazin "Outside". Krakauer erhielt mehrere Preise für seine spektakulären Reportagen. Sein Bestseller "In eisige Höhen" beschreibt eine dramatische Expedition zum Mount Everest aus dem Jahr 1996, die in einer Katastrophe endete. Durch dieses Buch wurde er bekannt.

Jon Krakauers dokumentarischer Tatsachenroman "In die Wildnis - Allein nach Alaska", den er 1995 schrieb und seiner Frau Linda widmete, gehört zu den spannendsten, die ich in den letzten Jahren gelesen habe (veröffentlicht im Januar 1996). 

Am Schreibstil erkennt man den Journalisten, der vom Chefredakteur der Zeitschrift "Outside" nach Alaska geschickt wurde, um den rätselhaften Tod eines jungen Mannes anhand von Tagebucheintragungen, Notizzetteln, Inschriften, Postkarten und Interviews zu ergründen, der von sechs Elchjägern in der Wildnis Alaskas verhungert gefunden wurde. Aus Krakauers umfangreichem Artikel "Death of an Innocent" im "Outside Magazine" (Januar 1993) entstand später sein lesenswertes Buch "In die Wildnis" ("Into the Wild").

Christopher Johnson McCandless, dessen abenteuerliche Reise Krakauer minutiös nachzeichnet, wurde 1968 geboren und wuchs in der oberen Mittelschicht von Annandale im US-Bundesstaat Virginia auf. Sein Vater Walt war ein bedeutender Ingenieur in der amerikanischen Raumfahrtindustrie. Sowohl in der Schule wie auch im Sport zählte Chris zu den Besten seines Jahrgangs. Am 12. Mai 1990 schloss er sein Studium der Geschichte und Anthropologie an der Emory University von Atlanta (Georgia) mit hervorragenden Zensuren und einem Bachelor-Diplom mit Auszeichnung ab. Die letzten zwei Jahre seines Studiums finanzierte Christopher durch eine Erbschaft, die er von einem Freund der Familie erhalten hatte; von den ursprünglich 40.000,- Dollar waren jetzt noch 24.000,- übrig. Vater Walt, Mutter Billie und die Geschwister Sam und Carine gingen eigentlich davon aus, dass Chris nun Jura studieren würde ...

Aber Chris verschwand Mitte 1990 einfach, nannte sich jetzt "Alex" ("Alexander Supertramp") aus South Dakota, spendete 20.000,- Dollar an "OXFAM America", eine Hilfsorganisation gegen den Welthunger, ließ sein Auto und den größten Teil seines persönlichen Besitzes zurück und verbrannte später in Fairbanks sogar noch sein letztes Reisegeld. Er sehnte sich nach Einsamkeit, Gefahren und Wildnis und brach jeden Kontakt zu seiner Familie radikal ab, die sich sein Verhalten nicht im geringsten erklären konnte und zunächst teilweise wütend reagierte.

Nach vielen tausend Meilen als Tramp quer durch die USA und Kanada (1990 bis 1992) kam er schließlich am 25. April 1992 nach Fairbanks in Alaska. In seiner letzten Postkarte vom 27. April aus Fairbanks schrieb der "Ausreißer" an seinen besten Freund Wayne Westerberg in Carthage (South Dakota), den Chris erst am 15. April verlassen hatte: "Dieses Abenteuer geht vielleicht tödlich aus."

Am Dienstag, dem 28. April, wurde der Vagabund Chris McCandless von dem Elektriker James ("Jim") Gallien fünf Meilen südlich von Fairbanks in einem Allrad-Pick-up mitgenommen und am kaum noch benutzten, unbefestigten Stampede Trail westlich des George Parks Highway und nördlich des Denali (Mount McKinley) im Denali-Nationalpark rausgelassen.

Der "Cheechako" ("Greenhorn") Chris hatte nur eine erbettelte, zerfledderte Straßenkarte von Alaska, ein leichtes 22er halbautomatisches Remington-Gewehr (Marke "Nylon 66") mit Zielfernrohr, fünf Kilo Reis, billige Wanderstiefel sowie die Bücher "Krieg und Frieden" von Leo Tolstoi, "Doktor Schiwago" von Boris Pasternak, Novellen von Nikolai Gogol, das Aussteigerbuch "Walden" von Henry David Thoreau und sechs weitere Paperbacks dabei, aber nicht einmal eine Axt oder einen Insektenkiller, keine Schneeschuhe und keinen Kompass. 

Er sagte zu Jim Gallien, der ihm noch ein Paar Gummistiefel und zwei belegte Brote aufdrängte, er wolle "ein paar Monate lang von dem, was das Land so hergibt, leben". Als er Jims Truck entstieg, ließ Chris die Karte, seine Uhr, seinen Kamm und sein gesamtes Geld (85 Cents!) absichtlich zurück ...

Vier Monate später, am Sonntag, dem 6. September 1992, wurde Chris' stark verwester Leichnam 20 bis 25 Meilen westlich von Healy in einem abgelegenen Waldlager am Stampede Trail von sechs Elchjägern gefunden. 

Christopher Johnson McCandless war vermutlich schon am 18. August 1992 im Alter von nur 24 Jahren verhungert, nachdem er durch einen Sturz über drei Monate an sein Lager gefesselt war und seine Vorräte (vor allem Beeren und Wild) ausgingen. Über diesen tragischen Fall berichteten die "Anchorage Daily News" und die "New York Times". 

Jahre später behaupteten Chemiker, dass Chris sich durch den Verzehr von wildem Pflanzensamen vergiftet habe (vgl. Anchorage Daily News, 7.4.1997). Der "Aussteiger" fand den Hungertod in einem blau-weißen ausrangierten, rostenden Stadtbus der 40er Jahre aus Fairbanks, der ihm als Unterkunft gedient hatte. 

Bereits 1934/35 hatte sich in der Davies-Schlucht mitten in der Wüste von Utah ein ähnlicher Fall ereignet: Der des jungen Everett Ruess (Spitzname "Kapitän Nemo" nach Jules Verne), über den Wallace Stegner in seinem Buch "Mormon Country" berichtete.

War Chris "schizophren oder ein Pilger" (Anchorage Daily News, 17.4.1996), "ein hoffnungsloser Romantiker oder einfach nur ein Spinner" (Klappentext des Buches)? - Diese Frage muss sich der Leser selbst beantworten, was keineswegs einen Makel des Romans darstellt, denn die Antwort des Rezipienten ist abhängig von der jeweiligen Einstellung zu unserer allgegenwärtig gewordenen "Zivilisation". Fest steht, dass Christopher McCandless seine eigenen Fhigkeiten maßlos überschätzte, weil er der Faszination der gewaltigen Natur Alaskas nicht widerstehen konnte. Die Inschrift auf einem Stück Holz in dem Bus am Stampede Trail, in dem man Chris tot fand, lautet: "Jack London is King. Alexander Supertramp, Mai 1992."

Christophers Eltern, Walt und Billie, kamen mit einem Hubschrauber für einige Stunden zu dem weißen verlassenen Bus am Stampede Trail und sahen die Matratze, auf der ihr Sohn einsam starb. Mutter Billie, die den schlimmen Verlust so schnell nicht verwinden kann, tröstete sich mit den Worten: "Es ist irgendwie beruhigend, zu wissen, dass Chris hier war ..."


Werke von Jon Krakauer:

Zeitungsberichte über Chris McCandless


© 2001 Dr. Bernd A. Weil, Fotos: Thorsten Ulonska (aus unserem Reisebericht Alaska 99)


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