Noch einmal: Zu Besuch bei Frank Turner

Über den Alaska-Highway und andere Straßen ...


Mittwoch, 22. September 2004: "Waaaaahnsinn". Mehr konnte Jürgen kaum sagen, als wir im Anflug auf Whitehorse waren und er die weite unberührte Wildnis unter sich sehen konnte. 

Alaska-Highyway und andere, siehe auch CD unten Jürgen kommt aus Bayern und ist Berge eigentlich gewohnt, aber die kanadischen hatten ihm den Atem geraubt. Für ihn war es das erste Mal, dass er nach Kanada kam. Für mich, Frank, war es das dritte Mal. Im Jahre 2000 war ich schon einmal in diesem Teil Kanadas unterwegs, 1997 war es die Gegend um Toronto. Wir hatten diesen Trip über ein Jahr zuvor gebucht und dementsprechend lang war die Vorfreude. Wir hatten viel geplant. Mit wir meine ich Karin (60), meine Mutter, Jürgen (23), einen guten Freund, und mich, Frank (29).

Während des Anflugs auf Whitehorse bekamen wir die Augen nicht mehr weg vom Fenster: Für Jürgen war es der Wahnsinn schlechthin und für mich und meiner Mutter sozusagen eine Wiedersehensfreude ... 

Nachdem wir die Ankunft und die Zollkontrolle hinter uns hatten, wurden wir auch schon vom Hotelbus abgeholt und direkt in den Ort gefahren. Unser Hotel lag nur paar Schritte vom Yukon Quest Checkpoint in Whitehorse entfernt - schade, dass dieses Rennen zu einer anderen Zeit stattfand!

Im Hotel hielt uns nicht sehr viel, und so stellten wir nur unser Gepäck ab und machten uns gleich auf den Weg in die Stadt: Wir stöberten durch einige Geschäfte und gingen am Yukon River entlang spazieren. Whitehorse ist zwar die größte Stadt im Yukon und zugleich Provinzhauptstadt, aber trotzdem ist alles in dieser Stadt bequem zu Fuß erreichbar.

Es geht los - mit einem der großen Modelle ... Alles was wir sahen, rief Erinnerungen in mir hervor. Doch das Wichtigste zu dem Zeitpunkt war, Frank Turner wiederzusehen: Frank ist der einzige Musher, der bisher alle Yukon Quest Rennen mitgefahren ist und bei einem sogar den ersten Platz belegte. Wir haben ihn im Jahre 2000 schon als herzensguten Menschen kennengelernt. Und so war es für mich eine große Freude, ihn nun wieder besuchen zu dürfen.

Wir gingen sehr früh ins Bett an diesem Tag, um möglichst früh am nächsten Morgen fertig zu sein und endlich unser Wohnmobil zu bekommen ... 

Der Hotelbus brachte uns am Morgen zur Verleihstation: Zu unserer großen Überraschung bekamen wir eines der großen Modelle.

Der erste Weg führte uns direkt zum nächsten Supermarkt, wo wir uns erst einmal einen Vorrat an Nahrungsmitteln zulegten. Ein solcher erster Besuch im Supermarkt dauert meist immer etwas länger, weil dort so viele Dinge stehen, die bei uns unbekannt sind. Man kann sich kaum entscheiden, was man mitnehmen soll: So viele Dinge, die man unbedingt probieren muss. Dementsprechend hoch war der Kassenzettel. (Pssst ....180 $ ).

Es dauerte etwas, bis alles gut verstaut war, doch die Vorfreude auf Frank Turner und seine Hunde ließ uns schneller machen.

Auf dem Weg zu Frank Turner ...

Der Alaska-Highway führte uns in nördlicher Richtung aus Whitehorse hinaus: Etwa 20 km hinter Whitehorse ist die Abzweigung des Klondike Highway, der nach Dawson City führt. Wenn man diesem Highway etwa 15 km folgt, kommt man zu einer Abzweigung, von der aus ein Feldweg zum Gelände von Frank Turner führt. Zumindest hatte ich das noch so in Erinnerung. 

Wir folgten also dem Klondike Highway auf der Suche nach der Abzweigung, die auch mit einem Hinweis auf die Muktuk-Kennels - so der Name von Franks Kennel - versehen war. Doch es kam nichts. Nach weiteren 10 km wurde ich langsam stutzig: Ich war mir bei der Fahrt so sicher, dass ich keine Karte brauchte. Doch es kam kein Schild ...

Frank Turners neues Heim ...Jürgen schaute immer wieder auf den Flyer der Kennels, den er im Hotel mitgenommen hatte und widersprach mir. Doch irgend wie konnte ich ihm nicht glauben: Der Flyer zeigte eine Zufahrt zu den Kennels, die über den Alaska Highway zu erreichen war. 

Völlig perplex drehten wir um und fuhren zurück, um dann wieder auf dem Alaska Highway weiter zu fahren. Und schon kurze Zeit später war das Schild des Muktuk Kennels zu sehen!

Ein Feldweg führte uns 4 km mitten in die Wildnis hinein:. Ein holpriger Schotterweg von 4 km kann einem ziemlich lang  vorkommen. Und: Ich kannte die Gegend nicht. Hier war ich noch nie gewesen!

Nach einigen scharfen Kurven und steilen Abfahrten kamen wir letztendlich auf einem großen freien Areal an. Ein riesiges Blockhaus stand dort mitten am Fluss und davor jede Menge Hundehütten mit den dazugehörigen Hunden. Das Heim von Frank Turner. Des Rätsels Lösung für mich: Er war kurz nach unserem Besuch im Jahre 2000 umgezogen, weil das alte Gelände zu klein geworden war ...

Die Hunde kläfften, als wir mit unserem Wohnmobil auf den Platz fuhren. Während wir ausstiegen, kam uns Frank Turner auch schon entgegen und begrüßte uns: Es war kaum zu glauben, aber die Fotos, die wir damals bei ihm machten, brauchten wir ihm nicht mal zu zeigen: Er hatte uns erkannt. 

Die Begrüßung war noch herzlicher, als wir gedacht hatten. Das erste was er uns zeigte, waren die kleinen Welpen, die gerade mal 2 Wochen alt waren ... Naja, nicht nur zeigte, sondern jedem von uns einen in die Hand drückte. 

Platz genug für alle: Im Kennel von Frank Turner ...Es ist für uns immer noch erstaunlich, dass jemand so warmherzig mit seinen Hunden umgeht. Alle seine Hunde sind besonders freundlich und lieb. Er zeigte uns sein neues Anwesen und erklärte, dass wir uns dort frei bewegen könnten. Wir fragten ihn gleich, ob wir über Nacht bleiben dürften (obwohl wir die Antwort eigentlich schon wussten). 

Er führte uns zu dem Platz, wo wir unser Wohnmobil abstellen konnten. Den Tag ließen wir dann ausklingen, indem wir uns zu den über 100 Hunden gesellten und später noch von Frank zum Kaffee eingeladen wurden - ein gemütlicher Abend in dem großen Blockhaus.

Nach Dawson City ...

Geweckt wurden wir vom Hundeheulen: Es gab gerade Frühstück. Gegen Mittag wollten auch wir weiter. Doch zur Rückkehr nach Whitehorse in etwa 4 Tagen wollten wir noch einmal bei Frank reinschauen.

Die Tour führte uns den Alaska Highway weiter Richtung Norden: Schnell ließen wir Haines Junction und Burwash Landing hinter uns. Der Highway führte entlang des Kluane Lakes, stetig Alaska näherkommend. In Beaver Creek endete die Tour für den Tag: Direkt am Highway gab es ein Rasthaus mit angrenzendem Campground. 

Ein Schild in Beaver Creek zeigt die kälteste je gemessene Temperatur in Kanada: -63°C. Den folgenden Tag wollten wir früh aufbrechen, damit wir genug Tageslicht für den "Top of the World" Highway hatten. Und somit endete auch der heutige Tag früh im Bett ...

Der Folgetag sollte in Dawson City enden: Also hieß es morgens rasch weiter zu kommen, um noch genug Zeit zu haben für den Top of the World Highway. Kurz hinter Beaver Creek kam dann auch die Grenze zur USA: Die Zollformalitäten waren schnell erledigt und es ging weiter. 

Kilometerweiter Blick ...

Der Alaska Highway kam uns an dieser Stelle unendlich vor, doch letztendlich kam dann die Abzweigung zum "Top of the World" Highway: Die ersten 60 Kilometer sind eigentlich wie alle anderen Highways auch. Eine vereinsamte Straße mitten durch die weite Wildnis; nur wenige Autos kamen uns hier entgegen. Doch dann wurde der Highway immer steiler und führte in die Berge hinauf. Auch den ersten Schnee hatten wir in diesen Höhen auf der Straße. Je höher man kam, desto schöner und weiter wurde der Ausblick: Man konnte kilometerweit schauen, auf tiefe Täler, schneebedeckte Berge und die karge Fauna. Müßig schlängelte sich der Highway auf den Bergen entlang.

Man verliert ohne Kompass schnell die Orientierung, in welche Himmelsrichtung man gerade fährt, insbesondere bei so vielen Kurven und Windungen. Oftmals konnte man sich den Straßenverlauf nicht mal denken, weil man annahm, dass hinter der nächsten Kurve eigentlich eine tiefe Schlucht sein müsste. 

Bei einer einzigen Straße in so einer Gegend müsste man diese eigentlich meilenweit einsehen können. Doch der Highway hat viele Überraschungen parat. So auch die Goldgräberstadt Chicken. Naja, ob man dazu Stadt sagen kann, ist vielleicht eher Ansichtssache ...

Das Wahrzeichen von Chicken: Die Dredge ... Chicken Downtown ...

Der Ort war allerdings zu dieser Jahreszeit verlassen. Vereinzelt sollten entfernt ein paar Häuser noch bewohnt sein, sagte man uns später. Die Hauptattraktion von Chicken ist ohne Zweifel die Dredge, ein riesiger Schaufelbagger, der zu Zeiten des Goldrausches voll in Betrieb war, nun jedoch abgewrackt auf dem Trockenen liegt.

Der Highway - nunmehr nur noch eine Schotterpiste - schlängelte sich weiter auf seinem Weg Richtung Dawson City. Auf dem wohl höchsten Punkt der Strecke kam eine Kreuzung zum Vorschein: Ein Wegweiser fehlte hier ganz. 

Am höchsten Punkt ... Wer aber mit Karten umgehen konnte und zumindest ein wenig Orientierungssinn hatte, konnte sich denken, wo die Abzweigung hin führte: Es war die Straße nach Eagle. Ein kleiner Ort, der nur über diese Straße zu erreichen und somit im Winter von der Außenwelt abgeschottet ist.

Für uns ging es aber weiter Richtung Dawson City. Nur unweit hinter der Kreuzung folgte dann auch ein kleiner Grenzposten, der anzeigte, dass man nun wieder Kanada erreichte. Stand hier vor 4 Jahren noch eine heruntergekommene Blockhütte mit einem Wachmann, so war nun eine mittelgroße Grenzstation daraus geworden. Alles ist offizieller geworden und für meinen Geschmack auch unpersönlicher: Denn wo vor 4 Jahren noch ein wenig Smalltalk mit einem trapperähnlichen Grenzmann möglich war, ist jetzt nur noch "Abfertigen" angesagt - der "Fortschritt" eben ...

Es waren noch einige Kilometer zu fahren. Dass sich das Wohnmobil derart gut auf der Straße hielt, war für uns schon fast wie ein Wunder. Denn wenn man einmal einen Fuß vor die Tür setzte, um sich umzuschauen, merkte man ganz schnell, wie rutschig die Schneedecke auf der Straße doch war: Man musste ziemlich aufpassen, dass man sich nicht hinlegte. Das über 4 Tonnen schwere Wohnmobil aber hielt sich auf der Straße, als hätte es Spikes an den Reifen ...

Zuerst hatten wir noch Befürchtungen, dass der Top of the World Highway schon gesperrt sein könnte, da er im Winter nicht passierbar ist. Wenn man diese rutschigen Straßen erlebte, wusste man dann auch, warum. Doch wir kamen gut durch und schon bald verrieten die ersten Werbeschilder, dass wir nur noch wenige Kilometer von Dawson City entfernt waren. Die letzten Kilometer wurde es schließlich schummrig und schon bald war es stockfinster. Die Autos, die uns während der letzten hundert Kilometer entgegen kamen, konnte man an zwei Händen abzählen.

Mit der Fähre ging es über den Yukon River direkt hinein nach Dawson City: Es war schon spät und die Geschäfte hatten bereits alle geschlossen. Wir fuhren ein wenig außerhalb zu einem Campground und wollten uns den Ort erst am nächsten Tag anschauen.

Stromausfall in Dawson City: Die ganze Stadt war an diesem Tag lichterlos. Wir kamen am Morgen in den Ort, früh wollten wir uns dort umschauen, da wir für den selben Tag noch die Rückkehr nach Whitehorse (und zu Frank Turner) geplant hatten. Und das waren immerhin knapp 480 km ...

In der Stadt sahen wir ein Dieselaggregat und jemanden, der dieses mittels seines eigenen Pickups zum Starten brachte, um die Stadt wieder mit Strom zu versorgen. Kaum zu glauben, aber es funktionierte! 

Dawson City ist trotz seiner Abgeschiedenheit recht groß gegenüber den anderen Orten der Gegend. Einige Stunden bummelten wir durch Geschäfte, Informationscenter und Cafés, bevor wir uns an die Weiterfahrt machten. Nur zufällig hörten wir in einem Café, dass der Top of the World Highway an diesem Tag für die Durchfahrt geschlossen wurde - wegen starkem Schneefall. 

Rückkehr zur Farm ...

Der Klondike Highway führte uns durch Wälder und offene Felder: Immer wieder säumten abgebrannte Wälder den Straßenrand. Schilder erzählten von Waldbränden, die hier einst wüteten und deren Spuren nach all den Jahren noch gut sichtbar waren. 

Die Orte Stewart Crossing, Pelly Crossing und Carmacks ließen wir schnell hinter uns: Sie bestanden oftmals nur aus einer Handvoll Häuser, einer Tankstelle und vielleicht mal einem Rasthaus. Spät am Abend kamen wir bei Frank an und wieder klang der Tag mit einer Einladung zum Kaffee aus ...

Auf Trainingstour ...

Am nächsten Tag wurden wir wieder von Hundegebell geweckt: Schnell war ich angezogen, da ich an diesem Tag beim Füttern der Hunde mithelfen wollte. Es war geplant, dass Jürgen und ich heute eine Trainingstour mitfahren sollten: Das bedeutete, zwölf Huskies vor den Trainingswagen, in diesem Fall ein Quad, und dann mitten rein in die Wildnis. Derartige Touren bietet Frank als kleinen Einblick in seine Arbeit an. 8 km ging es schließlich über Stock und Stein und es war manchmal recht mühsam, sich bei dem Geholper auf dem Quad festzuhalten. Fabienne, eine von Franks "Angestellten", machte diese Tour mit uns ...

Nach der Tour folgte ein nettes Beisammensitzen mit Videoshow: Frank zeigt gerne die offiziellen Filme, die über die Yukon Quests gemacht werden. Er taucht immer wieder in den Filmen auf, als Rekordhalter, der jedes bisherige Yukon Quest mitgefahren ist.

Am Nachmittag besuchten wir die Takhini Hot Springs: Einer heiße Quelle, nur wenige Kilometer entfernt. Das heiße Wasser war in der kalten Gegend für uns eine willkommene Abwechslung ...

Bei der Arbeit: Frank Turner ...Eine letzte Nacht verbrachten wir auf Franks Anwesen: Seine Großzügigkeit und Gastfreundschaft muss man einfach erleben. Es ist jedem zu raten, der jemals nach Whitehorse kommt, diesen Menschen kennen zu lernen. Seine Arbeit, seine Kraft und sein großes Herz gegenüber den Hunden ist einfach unbeschreiblich.

Am nächsten Morgen half ich nochmals beim Füttern der Hunde und nach dem Frühstück verabschiedeten wir uns von Frank und seinen Hunden: Ein Abschied, der nicht für immer sein wird. Denn ich weiß, dass ich ihn irgend wann wieder besuchen werde ...

Wir nutzten nochmals die Gelegenheit, durch Whitehorse zu fahren, um unsere Nahrungsmittel aufzustocken und noch ein wenig durch die Geschäfte zu stöbern. Kurz darauf verließen wir den Ort in südöstlicher Richtung.

Die Vegetation wechselte nun ständig: Oftmals war kilometerlang nichts besonderes auf der Strecke zu sehen, auch wilde Tiere ließen sich nicht blicken. Wo wir vor vier Jahren noch viele Schwarzbären und sogar Grizzlies zu Gesicht bekommen hatten, war diesmal kein einziges Tier zu sehen. Die Landschaft aber hatte nichts von ihrer Schönheit eingebüßt: Die großen Baumfelder, die steinigen Berge und auch die ab und zu auftauchenden einsamen Häuser sind wie aus einem Bilderbuch ...


© 2004 Text Frank Schultz, Fotos: Jürgen Ratmann. Karte aus Alaska-Highway, PAW-Verlag