Mit dem  EXPLORER MAGAZIN "unterwegs":

  Norwegen 2000:

Schwerpunkt: Hinterlassenschaften - Überreste deutscher Aktivitäten ...


Überall bei unseren Reisen durch Nordskandinavien stoßen wir auf fragwürdige Hinterlassenschaften: Die Überreste deutscher Aktivitäten im Zweiten Weltkrieg sind insbesondere auch in Norwegen nicht zu übersehen.

Besonders wichtig war das nördliche Norwegen für die deutsche Seekriegsführung in den vierziger Jahren: Unzählige Kapitel des Seekriegs gegen die Alliierten wurden hier oben geschrieben.

Über die Bedeutung des Trondheim-Fjords im Zusammenhang mit der Jagd auf die Tirpitz hatten wir schon im Vorjahr berichtet. Ebenso dazu passt die Nachricht von Anfang Oktober 2000, dass die norwegische Marine in der Barentssee die Überreste des im Dezember 1943 mit rund 2000 Seeleuten an Bord versenkten Schlachtschiffs Scharnhorst gefunden hatte - in 300 Metern Tiefe und ca. 100 Seemeilen nordwestlich des Nordkaps wurde damit nun auch das Wrack des letzten der bisher unentdeckten großen deutschen Kriegsschiffe aufgefunden.

Die folgenden Textpassagen können nur andeuten, worum es hier oben im nördlichen Norwegen wirklich ging ...

Aus: "Seemacht" v. E.B.Potter, Ch.W.Nimitz, J.Rohwer, Kapitel 34: Der Seekrieg im Nordmeer 1941-1945

"Mit dem erfolgreichen Abschluß der Norwegenoperation hatte die deutsche Führung einerseits ihr Ziel, einer alliierten Festsetzung in diesem Gebiet zuvorzukommen und die für die deutsche Kriegswirtschaft wichtige Erzversorgung aus Nordschweden sicherzustellen, erreicht. ... Als Absprungbasis für die Atlantikunternehmungen der schweren Schiffe und der Hilfskreuzer behielt Norwegen jedoch seine große Bedeutung. ...

Doch sollten sich die Murmansk-Konvois im ersten Halbjahr 1942 zu risiko- und verlustreichen Operationen entwickeln, nachdem Hitler zu der Überzeugung gekommen war, daß Norwegen durch eine britische Invasion bedroht war und starke deutsche See- und Luftstreitkräfte nach Norwegen verlegte. ... Hitler sah sich  ... in seiner Befürchtung einer alliierten Landung in Norwegen bestätigt, die er bereits seit dem Sommer 1941 hegte und die u.a. auch durch seine Skepsis gegenüber der Neutralität Schwedens genährt worden war. Da das Heer und die Luftwaffe wegen der Beanspruchung im Osten keine starken Verbände für eine Verteidigung Norwegens gegen einen massierten Angriff bereitstellen konnten, war es nach Hitlers Auffassung Aufgabe der Marine, mit Hilfe ihrer schweren Schiffe diese Verteidigung zu gewährleisten. So hatte er bereits im Herbst 1941 auf die Verlegung der fertig gewordenen Tirpitz sowie des wieder einsatzbereiten Panzerschiffes Admiral Scheer nach Norwegen gedrängt ..."

Festung Gamvik

Vor dem Hintergrund der obigen Geschehnisse erlangt auch die ehemalige Befestigung von Gamvik ihre Bedeutung, über die man von den Einheimischen noch einiges erfahren kann, so z.B. vom bereits erwähnten Hildor Bech vom Camp 71° N.

Heute sind hier in Gamvik nur noch Befestigungsruinen aus dem Zweiten Weltkrieg zu besichtigen - die Geschichte dahinter spricht wieder mal für sich und gegen die der militärischen Logik:

Die Stellung in Gamvik war besetzt von 1940 bis Oktober 1944, ca. 150 Soldaten waren hier im Einsatz. Die insgesamt 6 installierten schweren Geschütze sollten zum Einsatz kommen gegen Konvois und gegen mögliche alliierte Landungen, die Reste ihrer Lagerungen sind heute noch gut erkennbar ...

    

12 Mann befanden sich in jedem der Bunker, jeweils 8 waren am Geschütz tätig, zwei waren nur zur Beobachtung abgestellt. Viele Österreicher befanden sich hier, 2 SS-Männer sorgten für zusätzliche innere "Sicherheit".

Überwiegend war die Stellung beschäftigt mit dem regelmäßigen Trainingsschießen, da die Schiffe viel zu weit draußen operierten für die Geschütze von Gamvik - wieder einmal ein typisches Beispiel militärischer "Effizienz", auf das wir noch wiederholt stoßen werden.

Ein Unfall im Ort ist noch heute in Erinnerung: Kinder fanden eine Kiste mit Handgranaten - Tote gab es bei der Detonation.  Die Deutschen nahmen beim Abzug 1944 alle schweren Geschütze mit, die Bunker wurden gesprengt wie üblich beim Abzug in diesen Tagen. Zurückgelassen wurde ein vermintes Gelände, 1945-1946 mussten diese Minen wieder von deutschen Soldaten entfernt werden, die zu diesem Zweck genau an diese Stelle zurück gebracht wurden ...

Hildor Bech war zu dieser Zeit ca. 11 Jahre alt, er arbeitete für die Deutschen in der Stellung, um ein wenig Geld zu verdienen, so z.B. mit der Wäsche für die Offiziere der Stellung.

     

Ein deutscher Radfahrer schreckt uns hoch aus den Betrachtungen: Er, der offensichtlich mit Rad und Anhänger hierhin geradelt ist, sinniert über die Sinnlosigkeit alles früheren deutschen Tuns an dieser Stelle und denkt nach über die "Drehgestelle" der "Flak", die man hier oben sehen könne. 

Wir verzichten darauf, dem Mann zu erklären, dass es sich hier nicht um eine Flak, eine Flugabwehrstellung, sondern um Geschütze mit Zielrichtung See handelte - sowohl zum Angriff auf die Konvois einerseits als auch zur Verteidigung gegen eine alliierte Invasion andererseits - doch das hätte eine intensivere Auseinandersetzung mit deutscher Geschichte bedeutet. 

So radelt er wieder davon samt seinem Anhänger mit Wimpel darauf - wohin er wohl von hier aus fahren mag?

    

Wir verlassen diese Stätte "glorreichen" Tuns, des Übungsschießens in die Barentssee. Einig sind wir mit Hildor, der meint, die Deutschen könnten ihr "Bauwerk" eigentlich ruhig wieder mitnehmen ...

(Anm. der Redaktion: Zu unseren Ausführungen bezüglich der Geschützstellungen von Gamvik erhielten wir eine Lesermail, die wir am Ende dieses Beitrags aufgenommen haben.)

Lasarettmoen

Von unserem Camp in Skoganvarre aus kommt man zu den nächsten Zeugnissen deutscher Hinterlassenschaften: Diesmal handelt es sich um die Überreste des wichtigsten Feldlazaretts im nördlichen Norwegen.

Unser Besuch erfolgt abends gegen 22:30 Uhr zu Fuß vom Camp aus und wir landen inmitten unzähliger Wächter - den Mücken! Lasarettmoen (N69°49.8874´ E025°08.3206´) ist ein weiteres Zeugnis unheilvollen Tuns. Was weiß die Info-Tafel über damalige Geschehen:

"Hier befinden sich die Überreste eines Lazaretts und die Grundmauern eines der größten, während des Zweiten Weltkriegs errichteten Feldkrankenhäuser. Das Krankenhaus wurde unweit des Porsangerfjordes erbaut, wo die deutschen Hafenanlagen lagen, und in Banak, wo der größte Kriegsflugplatz Nord-Europas lag. Zusammen mit anderen Feldlazaretten sollte dieses Lazarettlager Teile des Frontabschnittes der Deutschen in der Sowjetunion, die Truppen in Finnmark und in Nord-Finnland versorgen.

Heute treffen Sie in etwa noch die Überreste an, die die Deutschen hinterlassen haben, nachdem sie alles Brennbare abgebrannt und vor dem Rückzug 1944 Teile der Anlage in die Luft gesprengt hatten. Büsche, Bäume und Pflanzen decken heute Ruß, Asche und Kohle. Rost hat an allen metallischen Resten gezehrt. Dennoch vermag ein Besuch dieser Gegend einen Eindruck zu vermitteln, wie alles einmal aussah ..."

Recht hat sie die Tafel, Leid und das Elend scheinen noch heute am späten Abend inmitten dieser Büsche irgend wie spürbar zu sein - schaudernd führt unser Weg trotz der noch hohen Temperatur durch die engen Wege zwischen den Resten - Feldbetten, Waschschüsseln, sanitäre Anlagen ragen aus dem Unterholz ...

Die "Wächter des verlorenen Elends" stürzen sich auf alles, was sich bewegt - im Sturmschritt bewegen wir uns durch das Gebüsch, jeder Versuch, zu fotografieren, wird von ihnen geahndet, die sich zu Hunderten in dichten Schwärmen auf allem nieder lassen, was sich nicht schnell genug bewegt: Wahrhaft würdige Verteidiger dieser Hinterlassenschaften ...

Sturmbock-Stellung

Während Schweden aufgrund seiner erklärten Neutralität, aber insbesondere wegen seiner Bedeutung für die Erzversorgung des Deutschen Reichs (siehe hierzu Schwerpunkt Kiruna), vergleichsweise unbehelligt blieb, hat demgegenüber Finnland mit seiner wechselvollen Beziehung zur deutschen Geschichte etliche deutsche Hinterlassenschaften.

In die Nähe einer weiteren kommen wir, als wir den schmalen nordwestlichen Ausläufer Finnlands zwischen Norwegen im Norden und Schweden im Süden (den so genannten "Finnischen Arm") durchfahren auf unserem Weg durch gleich drei skandinavische Länder.

Hier in der Gemeinde Enontekiö, ca. 20 km nördlich vom Dorf Kaaresuvanto liegt die aus dem Lappland-Krieg stammende, restaurierte "Sturmbock-Stellung". Wir zitieren das Info-Blatt der Gemeinde:

"Die Sturmbock-Stellung ist ursprünglich von den Deutschen gebaut und Teil einer größeren Gesamtheit zum Schutz der Eismeerhäfen. Der größte Teil der Stellung ist in den Fels getrieben. Die Stellung selbst war zu keinem Zeitpunkt umkämpft."

Wieder einmal haben wir es also mit einem Relikt zu tun, das im Blick der Geschichte eigentlich um seiner selbst errichtet wurde. Wie das genau war, weiß das Info-Blatt ebenfalls: "Nachdem die deutsche 20. Gebirgsjägerarmee im Jahr 1944 einen neuen Kampfauftrag erhalten hatte, nämlich das Gebiet um Petsamo zu halten und die restliche Front quer durch Lappland nach Süden zu ziehen, wurde hinter der Front mit der Befestigung von zwei ausgedehnten Verteidigungsstellungen begonnen. In Richtung Eismeerstraße wurde in Höhe von Tankavara der Bau der ´Ivalo-Schutzstellung´ und in Enontekiö, der engsten Stelle des ´Finnischen Arms´, einer Stellung mit dem Decknamen ´Sturmbock-Stellung´ in Angriff genommen."

Die Arbeiten begannen allerdings erst im August 1944 mit deutschen Baupionieren und Kriegsgefangenen, wobei möglicherweise bis zu 3000 Mann eingesetzt waren. Zwar besetzte noch eine deutsche Gebirgsjägerdivision im Oktober 1944 die Stellung, allerdings verließen die Deutschen bereits Anfang Januar 1945 wieder kampflos diese gut befestigten Stellungen - zum Glück, wie man heute wohl sicher feststellen kann ...

   

1. Nachtrag, Mai ´02: Peinlichkeiten, zum Ersten ...

Zu unseren Betrachtungen zu den Geschützen von Gamvik (und natürlich auch zum Radfahrer mit seinem Wimpel!) erhielten wir die folgende Mail von Prof. Joachim Schmid. Er - ebenfalls Touren-Sportradler, wie er uns später noch ergänzend mitteilte - ärgerte sich offenbar über die als unangebracht empfundene Attacke auf einen Sportsfreund und bezog deshalb ausführlich Stellung zu den vermeintlichen Seezielgeschützen:

Tja, wer in so hochnäsigem Ton seine vermeintliche Überlegenheit Kund tut, sollte tunlichst wirklich richtig informiert sein. Denn der Text ist in mehrfacher Hinsicht Unsinn:

1. Die Bilder zeigen eindeutig eine Straßenlafette und Drehscheiben deutscher 8,8 cm Flak. 

2. Auch sind die gezeigten Geschützstellungen mit ihren oben offenen, runden Gruben ganz typisch für Flak-Stellungen. Seezielgeschütze waren hingegen zum Meer gerichtet hinter Brustwehren oder in oben geschlossenen Bunkern aufgestellt und schossen durch relativ schmale Öffnungen. 

3. Reine Seezielartillerie wäre in Nord-Norwegen relativ witzlos gewesen, denn diese Gegend ist viel zu unbedeutend für Landeoperationen von See her (ein Angriff über Land aus Richtung Murmansk wäre viel einfacher gewesen), und die alliierten Murmansk-Konvois fuhren natürlich weit ab von der Küste in sicherer Entfernung. Warum hätten die sich beschießen lassen sollen? 

4. Flugabwehrgeschütze machten jedoch sehr wohl Sinn, denn Luftangriffe gegen die im Raum Gamvik stationierten Schiffe und Flugzeuge erfolgten in der Tat von Flugzeugträgern und Stützpunkten in der Sowjetunion und Schottland aus. 

5. Als Nebenaufgabe hatten diese Fla-Geschütze durchaus auch die Abwehr von Landungsversuchen, vor allem aber von Angriffen über Land. Aber es bleibt Flak, und wenn sich Ihr Autor auf den Kopf stellt. 

Wie wäre es mit einer Korrektur dieser Peinlichkeiten?
Mit freundlichen Grüßen
Joachim Schmid

Lieber Prof. Joachim Schmid, auf den Kopf stellt sich der Autor nicht im Geringsten, ganz im Gegenteil: Wir haben nichts gegen abweichende Meinungen! 

Aber aus den Ausführungen im bereits von uns zitierten Werk "Seemacht" von Potter / Nimitz / Rohwer wird sehr wohl deutlich, dass man bereits nach britischen Raids im Dezember 1941, bei denen Schiffsverbände mit Landungsschiffen von See her in norwegische Fjorde eindrangen, durchaus weitere alliierte Landungen von See her in Betracht zog.

Was zusätzlich ggf. nicht vollständig bekannt war: Auf britischer Seite zeigte sich bereits 1942 beim Angriff gegen die Tirpitz, dass die auf den Flugzeugträgern vorhandenen Flugzeuge in ihrer technischen Leistungsfähigkeit und ihrem Ausbildungsstand den Erfordernissen nicht genügten und dringend modernisiert werden mussten. Auch auf sowjetischer Seite war die Luftwaffe in Abwehrkämpfen gebunden und besaß nur wenige für den Angriff gegen Schiffsziele (und eine Festung wie Gamvik) geeignete Flugzeuge.

Insofern werden Artillerie-Stellungen (auch nach den Erzählungen von "Mr. Hilly") wie die von Gamvik durchaus als Seezielartillerie geplant worden sein. Ob diese Funktion ursprünglich nur als "Nebenaufgabe" eingestuft gewesen sein mag, ist wohl tatsächlich nur durch Originalquellen zu Gamvik zu klären. Derartige wurden aber auch von unserem Leser nicht benannt. Für entsprechende Hinweise wären wir allerdings dankbar und es wäre uns dann nicht im geringsten peinlich, diese auch zu zitieren  ...

   

2. Nachtrag, Juni ´02: Peinlichkeiten, zum Zweiten ...

Da wir den Hinweisen unserer Leser immer gern nachgehen, aber von dem vermeintlichen Kenner der strategischen Verhältnisse am Eismeer keine sonstigen Informationen mehr erhielten, haben wir auch in diesem Fall weiter recherchiert. Hierbei ergaben sich bis jetzt folgende Feststellungen:

Bei der als Allzweckgeschütz eingesetzten 8,8 cm Flak waren im mobilen Einsatz Straßenlafetten üblich sowie sogenannte Pivot-Lafetten bei ortsfesten Stellungen. Keine dieser genannten Lafetten verfügte über irgendwelche "Drehscheiben" oder gar kreisförmige Schienen, wie sie auf den von uns in Gamvik aufgenommenen Fotos erkennbar sind.

Die von Prof. Joachim Schmid angabegemäß "eindeutig" erkannten Straßenlafetten wurden auch als "Kreuzlafetten" bezeichnet und sind in den nebenstehenden Abbildungen zu sehen (Quelle: "Die 8,8 Flak im Erdkampf-Einsatz" v. J. Piekalkiewicz, zur Vergrößerung Bilder anklicken). 

Und die hatten eben keinerlei Drehscheiben, denn im mobilen Einsatz waren vielmehr die kreuzförmig angeordneten "Schwenkholme" durch "Erdpfähle" zu arretieren (siehe hierzu auch unseren Modellkeller: Wie Gamvik nicht war (2)).

Doch es geht noch weiter: 

In mittlerweile auch im Internet verfügbaren Quellen wie z.B. "Norway during WW2" und anderen damit übereinstimmenden Quellen, die wir noch weiter prüfen, wird ausgeführt, dass in Gamvik von Januar 1942 bis Oktober 1944 insgesamt 6 x 14,5 cm K405(f) Geschütze aus dem Bereich Küstenartillerie eingesetzt wurden. Der Zusatz (f) weist darauf hin, dass es sich um französische Beutewaffen handelte. Diese hatten eine Schussweite von ca. 19 km und können wirklich nicht als Flak bezeichnet werden - solche Geschütze erschienen für Gamvik sicherlich sinnvoller als eine 8,8 cm-Flak, die lediglich eine Schussweite von ca. 8-10 km hatte.

Aufgrund dieser Sachverhalte stellte sich uns nun die Frage, wieso der Leser angabegemäß "eindeutig" Straßenlafetten identifizieren und in unserem Text "in mehrfacher Hinsicht Unsinn" erkennen konnte. Wir informierten Prof. Joachim Schmid deshalb über unsere Feststellungen und fragten nach seinen diesbezüglichen Kenntnissen und Erfahrungen.

   

3. Nachtrag, Oktober ´02: Beendigung aller Peinlichkeiten

Prof. Schmid meldete sich nun noch einmal zu dem gesamten Thema, wie er in der Zwischenzeit bereits angekündigt hatte:

Sehr geehrter Herr de Haas,

da ich meine Zeit primär dafür aufwende, um meinem aus Steuergeldern finanzierten Gehalt eine adäquate Gegenleistung gegenüber zu stellen (entgegen anders lautenden Gerüchten stolziert unsereiner auch in der vorlesungsfreien Zeit nicht gemütlich herum, und für Tourenfahrten zum Polarkreis blieb mir bisher auch keine Muße), kann ich leider erst jetzt wieder auf Ihre freundlichen Nachfrage antworten.

Zwischenzeitlich bin ich durchaus nicht untätig gewesen. Leider ist es mir nicht gelungen, irgend welche Literatur über die laut den von Ihnen genannten Quellen in Gamvik eingesetzten Geschütze K405(f) aufzutreiben. Ich hatte dies bezüglich meine Hoffnungen auf ein neu erschienenes englisches Werk gesetzt, das mir empfohlen worden war, aber erst kürzlich zu ging, aber auch dort war zu meiner Enttäuschung nichts zu finden. Insoweit kann ich nichts dazu beitragen, ob es sich bei den von Ihnen abgebildeten Relikten um Teile solcher Geschütze handelt. Dass es sich jedenfalls nicht um Lafetten von 8,8-Flak handelt, bin ich gerne zuzugeben bereit. Welcher Teufel mich in diesem Zusammenhang seinerzeit geritten hat, kann ich nicht mehr nach vollziehen. Dass schwere Heeresflak üblicherweise Kreuzlafetten hatte, ist auch mir durchaus bekannt, selbst wenn sie zur gegenteiligen Ansicht neigen sollten. Anscheinend hatte ich da Abbildungen von Stellungen der 12,8 cm Flak 40 im Hinterkopf, die aber - da will ich mich herausreden - auch nicht die von Ihnen gezeigten Lafetten hatte.

Überraschend für mich war an der ganzen Sache die Erkenntnis, dass Seezielgeschütze flakmäßig aufgestellt worden sind, für Rundumfeuer und ohne jeden erkennbaren Schutz gegen Beschuss von See her. Und so kann man immer wieder etwas dazu lernen. Wie ich soeben sehen konnte, haben sie ja das Ergebnis Ihrer Nachforschungen bereits auf Ihren Internet-Seiten veröffentlicht. ...

Weiterhin viel Spaß bei Ihren Forschungsreisen
Joachim Schmid

Sehr geehrter Herr Prof. Schmid,

vielen Dank für Ihre ausführliche Antwort und Ihre Bemühungen, die offenen Fragen rund um die Stellung Gamvik weiter zu klären. 

Wenn Sie nichts dagegen haben, stellen wir auch noch diese Mail dazu, womit die "Peinlichkeiten" wohl als abgeschlossen anzusehen sein sollten.  

Davon unabhängig werden auch wir uns weiter bemühen, Klarheit in die Fragen rund um Gamvik zu bringen.

Darüber hinaus befassen wir uns mit dem Thema auch in der Rubrik "Modellkeller". Da sich mittlerweile zwei Modelle gefunden haben, die genau Ihre ursprünglichen Ausführungen zu derartigen Geschützstellungen belegen, bringen wir diese im Zusammenhang mit "Gamvik": Zum einen eine 8,8 cm Flakstellung, die ähnlich aussieht wie die von Gamvik und daneben eine typische Küstenartilleriefestung, die ebenfalls so aussieht, wie Sie diese ursprünglich beschrieben haben - insgesamt also eine interessante Fortsetzung! 

Sollten Sie irgendwann noch weitere Informationen zu diesem Thema erhalten, würden wir uns über eine weitere Mail von Ihnen freuen!


4. Nachtrag, November ´02: Neue Erkenntnisse ... 

Eine weitere Mail von Prof. Schmid brachte neue Erkenntnisse: Durch seine Kontakte zu Chris Wilson, einem englischen Experten und Betreiber der Webseite British Wargames förderte er neue Hinweise auf die ominösen "Drehscheiben" zu Tage, die wir in Gamvik vorgefunden hatten - und gleichzeitig die Auflösung unserer Fragen.

Auf der Seite über deutsche Küstenbefestigungen im Zweiten Weltkrieg (German, World War 2 coastal defences) findet sich eine plausible Erklärung dafür, was es mit diesen Lafetten auf sich hat: Durch die große Anzahl an Beutewaffen, die sich während des Kriegs angesammelt hatten und die von den Deutschen weiter verwendet wurden (auch bei der K405(f) handelte es sich um eine solche, siehe oben), stand man vor dem Problem, unterschiedlichste Lafetten für den Betrieb der erbeuteten Geschütze zu benötigen. So kam man in der dem Militär eigenen Logik auf die Idee, einige wenige standardisierte Plattformen zu bauen, auf denen man dann die unterschiedlichsten Geschütze befestigen konnte, indem man deren Räder hierauf verankerte. 

Chris Wilson zeigt auf seiner Webseite einige solcher Geschütze und deren Plattformen - bei zweien davon, dem 15,5 cm K418(f)- und dem 14,5 cm K420(f)-Geschütz, das im Wesentlichen dem von Gamvik entspricht, erkennt man exakt die gleichen Drehscheiben, wie in Gamvik fotografiert. Verständlich wird so auch, wieso hier insgesamt durchaus der Eindruck einer Flakstellung entstehen konnte.

Vielen Dank nochmals an Prof. Schmid für seine weiteren Nachforschungen und an Chris Wilson, der uns die beiden nachfolgenden Bilder dieser Geschütze zur Verfügung stellte - wir freuen uns natürlich auch, dass Chris Wilson unser Bild der Gamvik-Überreste auf seiner Seite verwenden konnte! 


5. Nachtrag, Juni ´03: Bestätigung

Während seiner Reise nach Gamvik hatte unser Autor Karsten Franke Gelegenheit, die obigen Geschützbilder Mr. Hilly zu zeigen. Dieser bestätigte uns, dass die Kanonen von Gamvik den Bildern entsprachen. Mehr dazu in unserem Beitrag Skandinavien 2003: "Online" mit Zelt, Handy, Laptop ...


6. Nachtrag, Januar ´04: Das Deutsche Atlantikwall-Archiv schaltet sich ein

Nun hat unsere Diskussion sogar ausgelöst, dass sich das Deutsche Atlantikwall-Archiv in Köln mit dem Thama "Gamvik" befasste: Wie uns Harry Lippmann mitteilt, der Leiter des Zentrums, war unser Beitrag Anlass dafür, die Stellung ebenfalls im Archiv zu dokumentieren, was mittlerweile erfolgt ist. Bei Besuchen im Jahr 2001 sowie im Juni 2003 wurde die Bilddokumentation fertiggestellt. Zu Gamvik einige Auszüge der Mail von Harry Lippmann:

Hallo Herr de Haas,
anbei die versprochenen Infos über Gamvik:

Die 14,5cm Kanone K 405 (f) [Deutsche Bezeichnung]

Parallel zu den deutschen Marinegeschützen entwickelten die Franzosen im I. Weltkrieg ein Marinegeschütz mit einem 145mm Rohr, welches auf einer Feldlafette (nicht 'Straßenlafette'!) installiert und somit fahrbar gemacht wurde. Die frz. Bezeichnung lautete Canon de 145 L mle 16 St. Ch. [Firma St. Chamond].

Nach dem I. Weltkrieg wurden einige Rohre an Rumänien verkauft, in die Hände der deutschen Wehrmacht gerieten 1940/41 etwa 215 Stück, die zumeist in der Küstenverteidigung eingesetzt wurden.

Die 14,5cm K 405 (f) wurde sowohl in offenen Feldstellungen, in betonierten offenen Stellung als auch in Heeresregelbauten des Typs R 679 eingesetzt. Letztere wurden auf ein Pivot fest installiert und sollten mit einem Seitenpanzer versehen werden, der allerdings nicht überall angeliefert wurde.

Beutegeschütze

Allgemein kann man sagen, daß der Einsatz von frz. Beutegeschützen sehr verbreitet war, da diese Waffen in großen Stückzahlen zu Anfang des Krieges zur Verfügung standen. Technisch gesehen war die frz. und auch russische Artillerietechnik teilweise mit hervorragenden Geschützmustern ausgestattet. Man sollte also nicht allzusehr darauf hinabsehen.

Nichtsdestotrotz war der Einbau von Beutegeschützen immer nur als Notbehelf zu sehen. Vor allem beim Einsatz gegen Schiffsziele sind Feldgeschütze, die eigentlich mehr für indirektes Schießen ausgestattet sind, vollkommen unzulänglich. ...

Gamvik und andere Heeresküstenbatterien

Heeresküstenbatterien wie die von Gamvik sollten in erster Linie nicht zur Konvoibekämpfung dienen - dafür waren letztere nun wirklich zu weit entfernt - sondern sollten das Küstenvorfeld mit seinen denkbaren Landeabschnitten decken und die Landungsstreitkräfte vernichten.

Bei der Vorliebe der Waffengattung Artillerie sind überall zunächst offene Stellungen gebaut wurden, um einen 360° Rundumeinsatz gewährleisten zu können. Verschartet wurden die Batterien des Atlantikwalls erst nach einem Befehl Hitlers, welcher den vollständigen Schutz von Waffen gegen Luftangriffe (der immer übermächtiger werdenden all. Luftstreitkräfte) forderte.

Demnach wurde in erster Linie die frz., die niederländische und später dann die dänische Küste 'verschartet'. Übrigens, eine Scharte für beispielsweise eine K 405 ist fast scheunentorgroß! Die in der mail von Prof. Schmid angedeuteten 'Schlitze' gab es nur bei MG-, Beobachtungs- und KwK-Bunkern.

Die Verschartung der Batterien in Norwegen wurde erst mit dem Bauprogramm 1944/45 in Angriff genommen - zu einer Zeit, da das Material vorne und hinten längst nicht mehr reichte - und wenn doch, dann gab es zumindest kaum Transportmöglichkeiten zu den oft entlegenen Batterien.

Diese logistischen Schwierigkeiten brachten es mit sich, das Batterien wie die von Gamvik im Jahr 1944/45 nahezu ihren Zustand von 1941 aufweisen.

Die Batterie Gamvik war also für einen bestimmten Sektor zuständig, den sie zu schützen hatte, um feindliche Anlandungen zu verhindern. Gleichzeitig deckte man Gamviks kleinen Hafen.

Die Geschütze waren dafür in den schon erwähnten offenen Bettungen behelfsmäßig mit einem standardisierten Behelfssockel schwenkbar gemacht worden. Diese Befestigung findet man allerorten am Atlantikwall - nie jedoch so gut erhalten wie an Norwegens Küsten. Sie bestand aus einem festen Unterteil, welches wiederum auf einem meist betonierten Sockel fest verschraubt und in der Höhenlage ausgerichtet war. Hierauf wurde dann der eigentliche Drehteller installiert und das unveränderte Geschütz samt seiner Radlafette darauf festgespannt. Dies haben Sie in ihren Nachträgen völlig richtig dargestellt.

Die Geschützbedienung konnte sich bei nicht erwiderbarem Beschuß (Tiefflieger, Bomber) in nahe angebaute sogenannte HWB-Unterstände (aus Heinrich-Wellblech Formteilen erstellt, bzw. mit solchen oben abgedeckt) flüchten. Die Schlafunterkünfte werden sich aber wohl in/bei Gamvik befunden haben, da wir keine Hohlgangsysteme, die in Norwegen übliche Unterkunftsform, finden konnten.

Zur Zielpeilung existierten Kleinststände, in denen Scherenfernrohre eingesetzt wurden. ...

Wir bedanken uns bei Harry Lippmann und können das Thema nun wohl als endgültig abgeschlossen betrachten. Wer an noch weiteren Infos interessiert ist, kann diese ab sofort auch auf den Seiten des Atlantikwall-Archivs bekommen, wo seit Januar 2004 eine eigene Seite für Gamvik eingefügt wurde.

Ach ja, noch etwas: Harry Lippmann hatte auch noch einige Anmerkungen zu einem unserer Modelle, das wir extra zu diesem Thema gebaut hatten (siehe oben). Dazu mehr im Nachtrag von Wie Gamvik nicht war ... (1)!


© Text/Bilder 2000-2004 J. de Haas. 8,8 cm Flak aus: "Die 8,8 Flak im Erdkampf-Einsatz" v. J. Piekalkiewicz, 
Bilder Nachtrag 4: British Wargames, Bild R 679 Normandie, Nachtrag 6: Deutsches Atlantikwall-Archiv/Köln.
Bild "Scharnhorst" aus Heinrich Bredemeier, "Schlachtschiff Scharnhorst", Herford 1962.