Mit dem EXPLORER MAGAZIN "unterwegs":

Wie kommt Feuer ins Zelt?

oder: Operation "Ersatz-Kothe" ...


(Kåta, schwedisch für Kothe. Das Wohn- und Schlafzelt der skandinavischen Urbevölkerung, der Sami. Entspricht in Form und Funktion weitgehend den wesentlich bekannteren Tipis der nordamerikanischen Indianer.)

Seit geraumer Zeit ließ mich ein Gedanke nicht mehr los: Ich hatte bei einem Kanutreffen Zelte gesehen, in denen man einen kleinen Holzofen betreiben konnte. Der Zelttyp, der mir am besten gefiel, war ein dem Tipi-ähnliches Zelt, das von einer schwedischen Firma hergestellt wurde. Der Preis für dieses Zelt, der mir auf Nachfrage genannt wurde, ließ mich erst schlucken und dann das Ganze schnell verdrängen: Gut 1200,- Euro waren nicht drin für ein Zelt!

Aber der Reihe nach, zuerst mal ein kleiner Rückblick ...

Für mich als Kanute und Wanderpaddler gehört ein Zelt schon immer zu meiner Ausrüstung. Das erste Zelt war eine einfache Dackelgarage, ähnlich den unmöglichen Bundeswehr Zweimannzelten. Danach folgten zwei Kuppelzelte in zunehmender Größe und verbesserter Qualität. Und dann, ja dann ging die Entwicklung wieder zurück ...

In den letzten Jahren benutzte ich nur noch eine Tipi-Tarp Plane, die man - wenn es das Wetter zuließ - sowohl als Tarp nutzen oder eben auch als kleines Tipi aufbauen konnte. Dabei ließen sich wahlweise eine Alu-Mittelstange oder eine vielleicht gefundene Holzstange, aber auch die zusammen gebundenen Paddel als Mittelstütze nutzen. 

Oder das Zelt wurde unter einem starken Ast aufgebaut und dort von außen aufgehängt. Die so fehlende Mittelstange erbrachte mehr nutzbaren Raum. Diese Plane wog nur gut 800 Gramm und hat mich bei Kanutouren wie Schweden 2003 schon durch einige frostige Nächte gerettet ...

Allerdings war dieses Ultraleichtmaterial trotz guter Verarbeitung nicht geeignet, auch einmal längere Zeit sehr schlechtes Wetter auszuhalten. Die Abspannmöglichkeiten waren zu beschränkt bei diesem "Tipi light". 

Und was für mich als altem Pyromanen sehr wichtig war, Feuer und daraus resultierende Funken vertrugen sich überhaupt nicht mit diesem Material. Fazit war, dass ein Lagerfeuer oder der Betrieb meines Outdoorofens "Luchsfeuer" nur in ausreichendem Abstand von dem Zelt möglich war. Von Feuer im Innern, abgesehen vielleicht von einer Brennpastenheizungsnotlösung () wie bei Schweden 2002, ganz zu schweigen ...

Aber genau da wollte ich nun hin: Nachdem ich nun diese schwedischen Zelte kannte, ließ mich der Gedanke daran nicht mehr los. Verdrängen heißt ja nicht auch vergessen und so kreisten meine Gedanken schließlich immer wieder um dieses Thema ...

Es ist wirklich eine völlig neue Dimension des Wohnens im Zelt, wenn dieses mit Feuer zum Heizen und Kochen genutzt werden kann. Heizen allein geht natürlich auch, z.B. mit einem Benzin-, Katalyt- oder einem Petroliumofen.

Das hat aber nicht annähernd die Atmosphäre eines knisternden Feuers. Sei es offen, wie es in den großen Tipis der nordamerikanischen Indianer oder den Kåtas und Jurten der nordischen und östlichen Steppen- und Tundrenvölker möglich ist. Oder in einem kleinen Ofen, der den Umgang mit dem Feuer etwas sicherer macht. Solche Öfen nutzten in verschiedenen Ausführungen auch schon die Trapper und Goldsucher in früherer Zeit.

Das beheizbare Zelt

Diejenigen, die es nur auf Campingplätze zieht oder die das Zelten eh grauslich finden, brauchen an dieser Stelle eigentlich nicht mehr weiter lesen und können sich anderen Dingen zuwenden. Wen es aber, so wie mich, immer wieder in die Natur zieht, dazu möglichst einsam, und der gleichzeitig aber nicht bereit ist, für die oft spezielle Ausrüstung immer weiter steigende Preise zu bezahlen, dem möchte ich nun eine ganz besondere Idee vorstellen: Meinen Ansatz, wie sich mit relativ einfachen Mitteln ein feuertaugliches Zelt realisieren lässt, ohne dabei die Haushaltskasse irreparabel zu schädigen und womöglich noch schwer am Haussegen zu sägen ...

Zum weiteren Verständnis zunächst einmal einige Fakten und Voraussetzungen, die den Umgang mit Feuer in einem Zelt betreffen. Wer sich mit diesem Thema schon einmal beschäftigt hat, wird sehr schnell herausfinden, dass es in der heutigen Zeit nicht mehr viele Zelte gibt, die diese Voraussetzungen erfüllen. Alle aber bestehen aus einem Material, das bei kurzzeitigem Kontakt mit Flammen und Funken nicht sofort brennt, schmilzt oder sonst wie Schaden nimmt.

In der Regel handelt es sich um ein Gewebe aus Baumwolle: Die Qualität und somit Verschleißfestigkeit erkennt man an der Angabe g/m2. Für gute Zelte werden zwischen 270 und 350 g/m2 Gewebe verarbeitet, das Gewicht des Zeltes hängt somit entscheidend von der verwendeten Stoffqualität ab.

Dieses "reine" Material findet man z.B. bei den unter Pfadfindern verbreiteten Kohten und Jurten. Diese sind aber selbst in der kleinsten Ausführung noch zu groß und zu schwer, um sinnvoll als 1-2 Personen Zelt zu dienen. Auch der Preis ist mit etwa 400,- Euro für die kleinste Variante kein Sonderangebot. Außerdem werden diese Zelte ihrer Bauform und Konstruktion entsprechend mit außen stehenden, langen Stangen aufgebaut. Nicht unbedingt der Traum vom schnellem Auf- und Abbau während einer Kanutour, von den Stangen, die man ja kaum mitnehmen kann, ganz abgesehen ...

Bei den traditionellen, noch bzw. heute wieder käuflichen Zelten sind das indianische Tipi und eine "Wild West" Trapperzeltvariante z.B. vom "Süd-West"-Versand erhältlich. Letzteres ähnelt im Aussehen stark dem in Fachkreisen wohl noch bekannteren "Campfire Tent", das von dem als Canadier- "Paddelpapst" und Wildnisexperten bekannten Kanadier Bill Mason konzipiert wurde.

Auch diese Zelte sind aus Baumwollgewebe, mit üblicherweise 300-330g/m2 gefertigt und kosten ab 300,- Euro aufwärts. Aber sowohl die Tipis, als auch die Western-Zelte benötigen Außenstangen, die wohl kaum im Kanu mitgeführt werden. Anders als vielleicht in Amerika oder Kanada ist es in Europa und besonders in Skandinavien unmöglich, sich diese Stangen jedes Mal vor Ort zu  beschaffen, d.h. in den Wald zu ziehen und sich das passende Holz zu schlagen ...

Die letzte und modernste Variante, die mir bekannt ist, sind die von der schwedischen Firma "Moskoselkåtan" angebotenen Zelte, die den traditionellen Kåtas der Urbevölkerung der Sami nachempfunden sind. Diese bekommt man sowohl aus Baumwoll-Polyester Mischgewebe als auch aus Tactel-Polyester. 

Ersteres besitzt auch die Resistenz gegen leichte Flammeneinwirkung, letzteres ist extrem leicht und wasserdicht, verträgt aber keinerlei Funken. Diese Zelte sind grundsätzlich so groß bemessen, dass es möglich ist, in der Baumwoll-Variante ganz traditionell ein kontrolliertes, kleines offenes Feuer zu unterhalten. Vorzugsweise benutzt man dazu eine kleine Feuerschale, wie sie von "Moskoselkåtan" angeboten wird, oder einen offenen "Hobo-Ofen" wie z.B. meinen "Luchsfeuer-Ofen".

Diese Zelte sind, wie auch die Tipis der Indianer, je nach Ausführung mit verstellbaren Lüftungsklappen und einer verschließbaren Rauchabzugsöffnung versehen. Einige Modelle besitzen sogar eine zusätzliche Durchführung für ein Ofenrohr. Alle sind sehr gut verarbeitet und mit den durchdachten Detaillösungen sehr gut geeignet, auch dem schlechtesten Wetter zu trotzen. In den größeren Varianten dieser Zelte kann man geradezu wohnen, nicht nur schlafen. Auch Zelten im Winter ist kein Problem damit. 

Ich will hier nun keinesfalls diese Zelte in irgendeiner Weise schlecht machen, ganz im Gegenteil: Wer bereit ist, tief in die Tasche zu greifen, ist bestens damit bedient. Der Wermutstropfen an diesen qualitativ hochwertigen Zelten ist aber leider der Preis. Gut 1.200,- Euro muss man für die kleinste Ausführung hinblättern, das "Jagt Tapp 5" mit einem Durchmesser von 3,80 m und einer Höhe von 2,20 m. Und dieses Zelt hat noch nicht serienmäßig die Ofenrohrdurchführung, die aber zusätzlich bestellt werden kann. Vermutlich wohl mit entsprechendem Aufpreis ...

Diese Größe ist meiner Meinung nach ausreichend für eine längere Tour mit maximal zwei Personen, um nicht in Platznot zu kommen. Als Solopaddler besitzt man damit schon einen kleinen Tanzsaal, na ja, fast jedenfalls.

Ich nahm nun diese Maße als Grundlage und machte mich auf die Suche nach einem Zelt, das auch aus Baumwollgewebe besteht, ungefähr den Wunschabmessungen entspricht und sich mit nicht zu großen Umbauten (bei einem Stoffgebilde sagt man wohl besser Umarbeitungen) in ein Zelt verwandeln lässt, in dem man einen der unter Kanuten bekannten kleinen Zeltöfen sicher betreiben kann. 

Ein preislich sehr interessantes Zelt fand ich nach dem Studium vieler Kataloge und nach ausgiebiger Internetsuche bei der Firma Tortuga: Das Zelt ist recht neu auf dem Markt und heißt "Cheops".             

In der Form ist es eine leicht asymmetrische Pyramide mit einem Kantenmaß von 3,20 m x 2,70 m, was einer Bodenfläche von knapp 8,7 m2 entspricht und somit ein wenig mehr Fläche bietet als das kleine "Moskosel Zelt Nr. 5", das hier zum Vergleich herangezogen wird. Die Höhe beträgt 2,05 m, womit im Bereich der Aufstellstange eine sichere Stehhöhe erreicht wird (Basketballer mal ausgenommen ).

Das Zelt besteht aus Baumwoll-Segeltuch mit 280 g/m2 und hat ausreichende Abspannmöglichkeiten an den Ecken und den Flächen. Angeboten wird es in der "Jugendfreizeit und Pfadfinder Ecke". Es passt so gar nicht in die Welt der modernen High Tech-Zelte aus ultraleichten und extrem wasserdichten Stoffen. Ich fand nach kurzem Suchen einen Händler, der dieses Zelt zu einem Preis von 169,- Euro lieferte, ohne weitere Zusatzkosten wie Fracht und Verpackung. Mit zum Lieferumfang gehört ein Packsack aus dem Zeltmaterial (kann also auch zur Notreparatur herhalten), die benötigten Abspannleinen und Häringe, ebenfalls verpackt in einem Säckchen aus dem selben Zeltstoff. Als Zubehör kann man noch eine passende wasserundurchlässige Bodendecke erwerben, die ich aber kaum für nötig halte. Es reicht eine wasserdichte Unterlage bzw. Plane am Schlafplatz. Wie so oft bei preisgünstigen Zelten, konnte man die Häringe, die nichts als dünne Drahtstäbchen mit Haken waren, gleich wegwerfen. Die taugen höchstens für den Aufbau auf einer weichen Wiese bei windstillem Wetter ...

Ich besorgte mir also gleich die passende Anzahl entsprechend stabiler Dreikantprofil-Stahlhäringe, mit denen ich bei den meisten Böden die besten Erfahrungen gemacht habe. Sie kosten nicht die Welt: Mit knapp 4,- Euro für 5 Stück ist man dabei. Benötigt werden allerdings 30 Stück, wenn man alle Abspannmöglichkeiten nutzen will. Gewichtsfetischisten können natürlich auch aus einer großen Auswahl diverser Leichtgewichthäringe aus Titan oder Duraluminium wählen. Der Preis dafür nähert sich aber bedenklich dem Kaufpreis des Zeltes ...

Nun erwarb ich noch eine teleskopierbare, dreiteilige Aluminium-Zeltstange in der benötigten Länge und tauschte diese gegen die mitgelieferte Stahlstange aus. Das brachte gut 600 g Gewichtsersparnis und schlug mit 12,- Euro zusätzlich zu Buche. Bis jetzt kostete das Zelt also 207,- Euro. Realistisch gesehen wurde das Gesamtpaket leider doch nicht leichter: Die stabileren Häringe brachten das Gewicht wieder auf knappe 9 kg. Zum Vergleich: Das "Jagt Tap 5" wiegt ca. 7,9 kg ...


© 2004 Bernd van Ooy (Lodjur), Bild oben: orust-kajak