Mit dem  EXPLORER MAGAZIN "unterwegs":

  Schweden 2002:

Frostige Nächte am Stora Gla ...


Ein "Crash"-Kurs in Statik ...

Ein Jahr kann manchmal so schnell vorbei sein!  Es war schon Anfang September 2002 und in 14 Tagen sollte es endlich wieder nach Schweden gehen. Zwar schon zum zweiten Mal in diesem Jahr, aber die Paddeltouren sind für mich erst im Herbst richtig schön.

Thomas, mein Paddelpartner vom Oktober letzten Jahres auf dem schwarzen Fluss, war in diesem Jahr leider ausgefallen, und der extrem trockene Jahrhundertsommer in Schweden hatte auch meine Pläne für die Fahrt auf dem Nittälven, einem schönen, stark mäandrierenden Fluss, sozusagen eingetrocknet.

Was also tun? Auch wenn die Seen ebenso viel Wasser verloren hatten, paddelbar waren sie natürlich immer noch. Ein schöner See war schnell auserkoren: Der "Stora Gla" - größter See im Naturreservat "Glaskogen" in West-Värmland nahe der norwegischen Grenze. Jetzt fehlte nur noch der passende Paddelpartner und alles wäre perfekt. In einem Kanadierforum erklärte ich, was ich plante, wann und wohin es gehen sollte, und dann hieß es warten ... 

Allzu viel Hoffnung hatte ich nicht, der Termin war ja wirklich sehr kurzfristig angesetzt. Und doch - schon am nächsten Tag kontaktierte mich Egon, begeisterter Kanadierfahrer und bereit, das "Risiko" einer Tour mit einem bis dahin Unbekannten auf sich zu nehmen. 

Aber die Welt kann ja so klein sein! Als wir miteinander telefonierten um alles zu besprechen, stellte sich heraus, dass Egon und Thomas sich kannten und auch schon eine Tour zusammen gepaddelt hatten. Ja, gibt es denn nur drei Kanadierverrückte in Deutschland? Es wurde ja immer besser, und die Chance, dass auch wir miteinander klar kommen würden, stieg!

Wir klärten die wichtigsten Details, und wie im letzten Oktober erwartete ich nun, selber schon seit ein paar Tagen in Schweden, Egon sozusagen auf gepackten oder besser gestopften Tonnen sitzend zur Tour. Wir hatten beschlossen, seinen großen 5,25 m Kanadier zu benutzen. Die größere Zulademöglichkeit sollte alles etwas einfacher machen - ja ja, wer es glaubt ..!

Wir verstanden uns auf Anhieb gut, und am Morgen nach seiner Ankunft sortierten wir unsere Ausrüstung. Meine Güte, was hatten wir eigentlich vor? Schon wieder schien es so, als würde alles gerade so mit Mühe ins Boot passen. Nun gut, wir würden sehen. Wettermäßig schien uns mehr Glück beschieden als im letzten Jahr: Der tolle Sommer ging einfach in einen genauso schönen Herbst über. 

Wir starteten bei strahlendem Sonnenschein, und der Wetterbericht versprach für die nächsten Tage unverändert schönes Wetter. Gut 200 km mussten wir noch fahren, dann hatten wir unser Ziel erreicht. Da ich die Gegebenheiten im "Glaskogen" kannte, fanden wir diesmal ohne Probleme unseren Startplatz. Die Benutzung der idyllisch gelegenen Kanurastplätze im Reservat kostet 25 SEK, also nicht ganz 3 EUR pro Tag und Nase. Dafür findet man schöne Windschutzhütten, wie ich sie vom Svartälven kannte, Brennholz und Müllentsorgemöglichkeiten und sogar einige kleine Übernachtungshütten mit "richtigen" Betten. Wir bezahlten unseren Beitrag und begannen schnell mit dem Aus- und Abladen des Gepäcks und des Bootes.

Und genau wie im letzten Oktober mit Thomas stand ich nun auch wieder mit Egon kopfschüttelnd vor dem Ausrüstungshaufen und fürchtete, dass dieser Berg auf gar keinen Fall in den Kanadier hinein passen würde ... 

Doch siehe da, es ging dennoch! Um endlich an den See zu kommen, musste noch ein sehr holperiger und von Wurzeln überzogener, etwa 400 m langer, abfallender Weg durch den Wald bewältigt werden. Wir wuchteten den nun wirklich schweren Kanadier auf den großen Bootswagen, den Egon mitgebracht hatte, und los ging es. 

Eigentlich hätte uns das enorme Gewicht ja misstrauisch machen sollen, aber der See rief und wir kamen - aber nicht sehr weit! Kaum 50 m hatten wir zurück gelegt und holperten gerade über eine Wurzel, da gab es  plötzlich einen peitschenden Knall, und mit schauerlich knarzendem Geräusch neigte sich unser Lastkahn bedrohlich zur Seite. 

Egon konnte das Boot gerade eben noch halten, als es noch einmal knallte - und dann sackte die ganze Bagage in sich zusammen. Da standen wir nun, viel näher waren wir dem See ja nicht gekommen. Wir kramten den ziemlich zerdrückten Bootswagen unter dem Kanadier hervor, schauten uns an und mussten erst einmal lauthals lachen.

Wir hätten es ja wirklich besser wissen müssen, aber was soll´s, wir nahmen es mit Humor und so wurde das Boot wieder entladen und alle Teile einzeln hinunter an den See getragen. Zuletzt der Kanadier, und wir kamen trotz der Temperatur von etwa 15 Grad noch ordentlich ans Schwitzen ... 

Nach einer knappen Stunde Rödelei war es geschafft und wir schwammen in der Bucht, an welcher der Startplatz liegt. Jeder rückte und drückte noch etwas an der Ladung herum und suchte sich seine optimale Stellung und dann konnte es endlich losgehen!

Wie man an den Ablagerungssäumen an den Steinen am Ufer sehen konnte, fehlte auch diesem großen See enorm viel Wasser. Fast einen Meter lag der Wasserspiegel niedriger als bei normalem Wasserstand. Das hatte eine Auswirkung, die wir uns in dieser Ausprägung nicht hatten vorstellen können. Meine Karte stimmte vorne und hinten nicht mehr - wo früher eventuell mal knapp eine Felskuppe aus dem Wasser ragte, waren nun komplette Felsriegel aufgetaucht.

Inseln hatten plötzlich wieder Landverbindung oder waren zu größeren  Inseln zusammengewachsen, und wir hatten einiges an Umwegen zu paddeln, bis wir unsere erste geplante Übernachtungsstelle endlich fanden. Die Uferlinie hatte sich vervielfacht, aber da der See kein Stausee ist, sah das eigentlich gar nicht mal so schlecht aus.

Leider hatte der niedrige Wasserstand noch eine unangenehme Auswirkung für uns: Es gab keine vernünftige Anlegestelle mehr, und so mussten wir unsere Ladung äußerst unbequem löschen. Der Lagerplatz entschädigte aber für die Steinekraxelei mehr als genug. Inzwischen war es schon 17.00 Uhr geworden und langsam wurde es frisch. Obwohl die Sonne schon den ganzen Tag schien, würde es nun schnell kalt werden, und es sah nach einer sternenklaren Nacht aus. Wir richteten uns in dem Windschutz häuslich ein und bald schon loderte ein schönes, wärmendes Lagerfeuer ... 

An Holz mussten wir zum Glück nicht sparen, neben dem Windschutz lagerte genug, um hier zu Überwintern. Auch bei dieser Tour wurde wieder auf dem Outdoor-Ofen gekocht, und den Brennstoff dazu lieferte ein großer Holzstapel. Aber es lagen auch genug kleine Ästchen und Zapfen herum, mit denen es genau so gut funktioniert hätte. 

Als wir zufrieden und gesättigt im Windschutz saßen, sahen wir plötzlich am Horizont ein helles Licht auftauchen: Erst sah es aus, als bewege sich ein Scheinwerfer über eine Kuppe, und dann wurde es zum schönsten Mondaufgang den wir je gesehen hatten. Nachdem wir fasziniert auf den anfangs zitronengelben, sehr schnell aufsteigenden Vollmond schauten und das tolle Panorama bewunderten, das sich vor uns ausbreitete - der See lag glitzernd in fast seiner vollen Breite vor uns - bemerkte ich plötzlich, dass auch der Holzstapel neben uns verdächtig glitzerte. Die Temperatur war unter 0° C gefallen! Wir heizten das Feuer noch einmal richtig an, um einen ordentlichen Haufen Glut zu erzeugen und verkrümelten uns in die Schlafsäcke ...

Die Tour geht weiter: Von Sonne, kalten Nächten und dem Outdoor-Ofen ...


© 2002 Bernd van Ooy