Mit dem  EXPLORER MAGAZIN "unterwegs":

  Italien 2002:

Kurzbesuch - Ehrenrunde am Monte Zoncolan


Nein, diesmal soll es in den Pfingstferien nicht mit dem Wohnwagen im Schlepptau Richtung Südtirol gehen. Meine Familie, das heißt meine zwei Kinder (6 und 9 Jahre alt) und meine Frau, haben sich dazu entschlossen, dass es diesmal ein Urlaub auf dem Bauernhof werden soll.

Die Auswahl fällt auf einen kleinen Bio-Bauernhof im Drautal an der Grenze von Ost-Tirol und Kärnten. Nicht so ganz von der Familien-Entscheidung überzeugt, informiere ich mich anhand von diversem Kartenmaterial, ob es denn in der näheren Umgebung abgeschiedene Winkel gibt, die man mittels 4x4 erkunden kann.

Siehe da, ca. eine Stunde Fahrt Richtung Süden und man ist auf der italienischen Seite - mitten in der Karnischen Region, dem in einem bekannten Offroad-Schmöker von Gerstl/Leeb schon ein Kapitel gewidmet wurde. Auf der österreichischen Seite gibt es aufgrund des intensiven Tourismus für nahezu jedes Sträßchen, das nicht einer gewissen Breite und Güte entspricht, Fahrverbote, die man tunlichst beachten sollte.

Mit dem Vorsatz, wenigstens einmal in dieser Urlaubswoche Hühnern, Schweinen und Kühen den Rücken zu kehren und abseits von gut ausgebauten Durchzugsstraßen neues Terrain zu erkunden, geht es dann am Sonntag nach Pfingsten los Richtung Drautal.

In der zweiten Wochenhälfte, als es endlich zu regnen aufhört und wir sehen können, dass es rundherum auch Berge mit Gipfeln gibt , kann ich meine Frau mit Hilfe des Denzel Alpenstraßenführers, einer detaillierten (und leider sündteuren ...) italienischen Wanderkarte und den Fotos aus dem Buch "Geländewagen Touren Band 1 Italiens Ostalpen" von Gerstl/Leeb (ISBN 3-7955-0248-9) davon überzeugen, dass es doch an der Zeit wäre, einen Ausflug in diese Region zu unternehmen.

Als Auswahl haben wir uns 3 verschiedene Ziele ausgesucht, die wir nach Lust und Laune ansteuern, oder links liegen lassen wollen: An erster Stelle steht die Straße über den Monte Zoncolan (Denzel Nr. 235), an Position zwei die Panoramica delle Vette (Denzel Nr. 237) und an dritter Stelle eine Runde am Lago di Sauris (frei nach Gerstl/Leeb: Tour 2, Kreuzfahrt in Karnien). An vierter, aber gesicherter Position steht jedoch bereits vor der Abfahrt ein Eisdielenbesuch im kleinen Städtchen Tolmezzo fest -  ein Tribut an den Familienfrieden ...


Als erstes müssen zwei Pässe (Gailberg- und Plöckenpass) überwunden werden. Zu meinem Erstaunen wird der Plöckenpass trotz deutlicher Verbotsschilder auf österreichischer Seite auch von großen Lkws und Wohnwagengespannen befahren, was ich aufgrund der sehr engen Serpentinenführung auf der italienischen Seite nicht nachvollziehen kann. In den teilweise getunnelten Kehren hat dann mit Müh und Not nur ein Fahrzeug Platz, was zu gefährlichen Begegnungen führen kann.

Am Ende des Plöckenpasses auf der italienischen Seite kommt ein begeisterter Kommentar von meinem Sohn: "Papa, da geht ja eine Straße durch den Fluss!" Die Abzweigung ist schnell gefunden und nach eingehendem Studium der Furt und der Einsicht, dass es bei diesem Wasserstand kein Risiko sein sollte, darf sich unser Monterey die Reifen nass machen . So eine Wasserdurchfahrt ist selbst bei geringer Wassertiefe spannend, obwohl es natürlich kein Vergleich ist zu einer Flussdurchquerung, bei der das Wasser bis zur Motorhaube reicht. Wenn man als einziges Fahrzeug und mit Familie unterwegs ist, gilt jedoch die Devise "no risk".

Kurz nach dieser kleinen "Badepause" erreichen wir den Ort Sutrio, von dem die Straße zum Skigebiet am Monte Zoncolan führt. Auf den ersten Kehren der sehr gut ausgebauten Bergstraße auf der Ostseite des Berges stellt sich wie immer die Frage, in wie weit auf die Angaben im Denzel noch Verlass ist. In den letzten Jahren mussten wir immer wieder mal feststellen, dass als frei befahrbar geschilderte Strecken mit Verbotsschildern und Schranken gesperrt waren ...

Nach ca. 800 Höhenmetern erreichen wir die riesigen Parkplätze des Skigebietes. Von Verbots- oder Hinweisschildern keine Spur. Kein Wunder, denn auf den Hängen rund um die Skipisten gibt es jede Menge Ferienhäuschen. Dank unserer Wanderkarte können wir jedoch leicht ausmachen, welches Sträßchen Richtung Gipfel weiter führt. Etliche Kurven später, auf einer nun wesentlich schmaleren und steileren Straße, kommen wir dann nach weiteren 300 Höhenmetern auf der Scheitelhöhe an. Ein grandioses Panorama breitet sich aus, obwohl wir uns nicht einmal auf den südlich gelegenen Gipfel begeben. Die Luft ist sehr klar und wir können nördlich von uns auch die serpentinenreiche Panoramica delle Vette erkennen. Mit uns sind ein paar Ausflügler mit Pkw und Motorrädern hinauf gekommen, die aber alle nach einer Besichtigungs- oder Wanderrunde den gleichen Weg auf der Ostseite wieder nach unten wählen.

Der Blick bergab Richtung Westen gibt uns allerdings Rätsel auf. Nicht, dass uns die zahlreichen Hinweistafeln auf eine nicht gesicherte Strecke abschrecken würden, aber das nur spärlich geteerte Sträßchen verschwindet irgendwo links hinter dem Berg und weiter unten ist nur ein Weg zu einer Alm zu erkennen. 

Neugierig wie es weitergeht machen wir uns auf den Weg nach unten. Nach zwei Kehren ist uns dann klar, warum wir den weiteren Verlauf der Straße nicht sehen konnten: Es geht geradeaus durch den Berg! Die Einfahrt zum ersten, laut Denzel 120 m langen Tunnel sieht aus wie der Eingang zu einem Bergwerk und direkt davor zweigt nach rechts unten das kleine Almsträßchen ab, das bereits von oben zu sehen war. 

Der Tunnel ist laut Hinweistafeln 2,50 m breit und im Scheitel 2,80 m hoch. Innen gibt es keine Beleuchtung, sondern nur reichlich Wasser aufs Dach und die Straße ist nur grob geschottert und gelöchert. Ich dachte bisher, dass man - um so einen Tunnel unter die Räder zu bekommen - bis nach Frankreich zum Grand Parpaillon fahren muss und bin dementsprechend begeistert. Sogar die Familie sieht das Ganze inzwischen als richtig interessant und unterhaltsam an ... 

Kaum aus dem ersten Tunnel heraus, geht es in den Zweiten (50 m lang) hinein. Vor dem dritten Tunnel dann eine kleine Überraschung in Form einer teilweise verschütteten Einfahrt: An den Reifenspuren sehen wir, dass vor uns bereits Fahrzeuge durchgefahren sind und mit etwas Einweisung von meiner Frau wird auch dieser 100 m lange Tunnel gemeistert.

Nun geht es wieder gemütlich auf schmaler, ungesicherter, aber asphaltierter Strecke bergab. Plötzlich erscheint rechter Hand ein kleiner Abzweig mit einer Hinweistafel zur Malga Pozof. Nach einem kurzen Blick in unsere Karte ist klar: Das ist die vom Gipfel gesehene Alm, deren Straße wieder oben bei den Tunnels herauskommt. Ohne lange eine Familiensitzung einzuberufen, beschließe ich eigenmächtig eine "Ehrenrunde" zu drehen und die Tunnels über diesen Weg erneut anzufahren.

Der Weg zur Alm ist deutlich abenteuerlicher, nur teilweise mit löcherigem Teer belegt und glücklicherweise sind um diese Jahreszeit noch keine Kühe oben, so dass wir keinen Gegenverkehr zu befürchten haben. Kurz vor der Alm endet dann der spärliche Teerbelag und es geht mit Allradantrieb weiter. Hinter der nächsten Kurve erwartet uns dann wieder eine Überraschung in Form eines Felssturzes, der nur eine kleine Gasse freilässt. 

Den talseitig liegenden Felsbrocken will ich allerdings nicht unbedingt den Berg hinunter rollen, denn ein paar Höhenmeter unter uns entdecke ich einen Fiat Panda 4x4. Diese Autos sind hier bestimmt sehr beliebt und ich möchte nicht riskieren, dass ein Schaden am Auto oder gar am Fahrer passiert.

Mit ein paar Schrammen an der Flanke meines linken Hinterreifens kommen wir gerade noch durch, rückwärts möchte ich diese Stelle allerdings nicht mehr passieren müssen ...

Hundert Meter weiter sieht es dann so aus, als wäre der Weg zu Ende. Irritiert durch die Abzweigung oben neben den Tunnels fahren wir weiter und entdecken, dass der Weg auf der anderen Seite einer Wildbachverbauung weitergeht. Wir erkennen das letzte Stück der "Straße", die an dieser Stelle wohl mehr als 20% Steigung aufweist und nur stark geschottert ist. Bevor wir das trockene Bachbett, das auf der gegenüberliegenden Seite zur Abwechslung mit einem Erdrutsch aufwartet, überqueren, entschließen wir uns die weitere Strecke zur Sicherheit zuerst zu Fuß zu erkunden (diese wahrhaft göttliche Eingebung hätten wir natürlich schon am ersten Hindernis haben können ...).

Im weiteren Verlauf sind noch zwei Felsstürze zu passieren und bei näherer Betrachtung fällt auf, dass sich im oberen Teil des Weges die talseitige, ursprünglich aus Baumstämmen gefertigte Befestigung den Abhang hinunter verabschiedet hat. Nach dem Ausmessen der benötigten Spurbreite beschließe ich den restlichen Weg auch noch zu fahren. Meine Frau bleibt bei den Abrutschungen stehen, um mich einzuweisen, da ich an den Engstellen nicht stehen bleiben möchte.

Mittlerweile habe ich auf der gut zwanzigprozentigen Steigung auch die Untersetzung eingelegt und wir passieren die letzte Wegstrecke unbeschadet, wenn auch mit einem gewissen Kribbeln im Bauch. Hätte ich die Aussicht von oben genauer betrachtet, wo die abgerutschte Straße bereits zu erkennen ist, dann wäre mit einem kleinen Fernglas bereits der äußerst schlechte Zustand dieses Streckenabschnitts erkennbar gewesen.

Oben am Tunnel angekommen brauche ich dann erst mal einen Schluck Wasser, denn die letzte Stunde war mit den Felsräumaktionen und den "zu Fuß Erkundungen" doch ziemlich anstrengend. Dann geht es also noch einmal durch die 3 Tunnels aus dem 1. Weltkrieg und anschließend wieder 1.000 Höhenmeter auf der endlos langen, ehemaligen Militärstraße ins Tal nach Liariis.

Nach einer Brotzeit beschließen wir, dass uns die noch zu bewältigende Kurverei über Plöcken- und Gailbergpass genügt und wir gleich zu Punkt 4, unserem Eisdielenbesuch in Tolmezzo übergehen.

So blieb an diesem Tag die "Ehrenrunde am Monte Zoncolan" das einzige Abenteuer, das uns allen aber sicher noch lange im Gedächtnis bleiben wird.

Dass wir zwei Tage später direkt vor der Haustüre in Kärnten noch die Erlaubnis bekommen würden, eine grandiose, 1.100 Höhenmeter überwindende Forststraße auf den Hochstadel zu fahren, das konnte an diesem Tag natürlich noch keiner wissen - aber das ist eine andere Geschichte ... 


© 2002 Text / Bilder Matthias Bernhard

   

Nachtrag: Weitere Beiträge von Matthias Bernhard finden sich unter 

und über einen


Anm. der Red.: Bereits Johann Wolfgang von Goethe wusste es, als er den Reisebericht "Italienische Reise" über seinen Aufenthalt im Lande schrieb, der im September des Jahres 1786 begann. Tausende von Landsleuten wissen es ebenfalls, selbst wenn sie nur für einen Kurzbesuch an den Gardasee aufbrechen: Ganz gleich ob man mit dem Zelt oder dem Offroader wie unser Autor unterwegs ist, kann eine Reise nach Italien eine wunderbare Abwechslung im Alltag sein. Weitere Informationen hier.

Auch das Explorer Team nutzt die Nähe zu den südlichen Nachbarn immer wieder gern zu entsprechenden Besuchen vor Ort wie z.B. bei einer "Drei-Seen-Tour" in den Herbst, aber auch andere unserer Autoren zieht es immer wieder hierhin, so z.B. in die Berge von Piemont und Ligurien oder auch zu anderen Reisezielen.

Wer sich für diese Region Europas interessiert, dem seien unsere Berichte hierzu empfohlen!


Mitteilung an das Explorer Team