Ungarn 2005: Im Nationalpark Tihany

Die Halbinsel Tihany ist einer dieser Nationalparks. Da wir unsere Unterkunft mitten in gleichnamiger Ortschaft hatten, konnte an einigen Tagen auf die Fahrzeugbenutzung verzichtet werden. Die Halbinsel verfügt über ein ausgezeichnetes Wanderwegnetz, das alle interessanten Punkte einbindet. Von diesen gibt es hier viele.

Außerdem liegen in direktem Anschluss an den Hügelzug von Tihany zwei weitere kleine Seen - der sogenannte Äußere See und der Innere See. Beide Seen sind vulkanischen Ursprungs. Der Äußere See ist sehr seicht und mittlerweile stark verlandet, doch von reicher Fauna und Flora. Von einem niedrigen Höhenzug getrennt bildet er ein dem normalen Besucher nicht zugängliches Sumpfgebiet, in dem Grau-, Seiden- und Purpurreiher, Störche und viele Enten- und Gänsearten ansässig sind. Sogar Seeotter sind vereinzelt zu finden: Er steht seit 1976 unter der Aufsicht der Naturschutzbehörde. In diesem Gewässer sind neben zahlreichen Libellenarten auch viele Sumpfschildkröten zu finden. Das Naturschutzgebiet von Tihany wurde bereits 1952 als das erste in Ungarn gegründet.

Idylle mit Ziehbrunnen ... ...  am Äußeren See ...

Der Innere See ist kreisrund und von nur wenigen Hektar Größe. Er liegt direkt unterhalb des Dorfes Tihany, hat eine Wassertiefe von 26 m und hat sich in der abgesunkenen Kaldera eines Vulkans gebildet. Die Reste des Vulkans sind noch heute als Anhöhen rund um die Halbinsel zu sehen. Dabei entstanden vor drei Millionen Jahre durch postvulkanische Aktivitäten einige Geysirkegel wie z.B. der Spitzberg. Es müssen wohl Geysire von gigantischer Größe gewesen sein, die hier am Werk waren: Die Ablagerungen, die das heiße Wasser aus der Tiefe förderte mit kalk- und kieselsäurehaltigem Schlamm, ist deutlich härter als das Umgebungsgestein und blieb im nachfolgenden Erosionsprozess als Einzelberg stehen. Insgesamt 50 Reste von den einst 100 - 150 Geysiren sind noch heute im Gebiet von Tihany zu sehen. Leider ist der Hotspot in der Erdgeschichte weiter gewandert und heute ist das Gebiet um den Balaton geologisch ruhig ...

Der Innere See ist - genauso wie der Balaton selbst - ein Paradies für Angler. In Ungarn genügt es, einen Jahresangelschein zu lösen und dann die entsprechenden Angelkarten für die jeweiligen Gewässer. Eine umfangreiche Ausbildung mit Prüfung, wie in Deutschland, ist hier nicht notwendig. Angeln scheint in Ungarn Nationalsport zu sein, denn der gesamte mit Wegen erschlossene Uferbereich ist von Anglern belegt. Die Seen sind reich an Karpfen, Aal, Zander und Welse. So gibt es auch in nahezu jedem Restaurant ein umfangreiches Angebot an Fisch.

Die Angler müssen sich den Uferbereich mit einem anderen Fischjäger teilen - den Nattern. Es wimmelt an manchen Stellen nur so von Würfel- und Ringelnattern. Die Schlangen schwimmen nicht nur ausgezeichnet, sondern sie tauchen im flachen Wasser und jagen so in den Schwärmen von Jungfischen. Am Ufer erhöhen sie dann wieder ihre Körpertemperatur für den nächsten Beutezug. Dabei liegen sie allein oder als Knäuel von drei, vier oder mehr Tieren. Da Nattern ungiftig sind, erscheinen diese Uferabschnitte empfindlichen Gemütern ein wenig gruselig, doch gänzlich ungefährlich ...

Smaragdeidechsen ... Schlangenbrut ..? Schwimmerin auf der Jagd ...

Da die gesamte Halbinsel von - zumindest in Abschnitten - sumpfigen Ufern umgeben ist, gibt es zu bestimmten Zeiten eine ausgeprägte Mückenplage. Zwar sind die Moskitos nicht so aggressiv wie im Norden Europas und haben auch nicht so lange Piekseinrichtungen, jedoch reicht allein ihre Anzahl, um den Wanderer in einigen Wegabschnitten deutlich im Schritt zu beschleunigen. Dabei bietet das Wegenetz einige Überraschungen, wie zum Beispiel die fast überall anwesenden, bis zu 30 cm langen und leuchtend gefärbten Smaragdeidechsen, die sogar als geschickte Kletterer in Büschen nach Insekten jagen.

Naturparadies am Balaton

An den Wiesen und Wegen, die als Schafsweide genutzt werden, ist häufig eine Art des Pillendrehers zu sehen, der sich aus den Hinterlassenschaften der Schafe mit seinen Hinterbeinen kunstvoll seine Brutstätte fertigt. Witzig, wenn sich die kleinen Käfer um eine halbfertige Pille streiten. Dass hier noch niemand auf die Idee kam, Wetten auf den Sieger abzuschließen ..!

Im Mai explodiert die Pflanzenwelt am Balaton förmlich: Vor allem Orchideen fallen dem Wanderer in verschiedenen Arten, Farben und Größen ins Auge. Unscheinbare braune Erdorchideen, die sich gänzlich ohne Chlorophyll in Symbiose nur von den Pilzen an ihren Wurzeln ernähren und etwas größer sind als ein Euro-Stück, sind das eine Extrem der Breite der Orchideenwelt. Die über 60 cm hohen, in Lila- und Rottönen leuchtenden Knabenkrautarten sind das andere Extrem. Nur der Orchideenexperte kann die Vielzahl an Arten und Mischformen hier bestimmen ... 

Explodierende Pflanzenwelt: Wiesenblüher ... Pestwurz ... ... und Knabenkraut ...

Orchideen sind auch in den dichten Wäldern rund um den Balaton zahlreich vertreten. Eine weitere, sehr auffällige und schöne Pflanze ist der in Deutschland recht seltene Diptam, der einzige Vertreter der Rautengewächse in Mitteleuropa, verwandt mit den Citrus-Arten. Er besitzt einen starken, zimtartigen Duft, der bei windstillem, sonnig-warmem Wetter eine Duftwolke um die Pflanze bildet. Angeblich kann man diese ätherischen Öle mit einer Flamme entzünden, ohne dass dies der Pflanze schaden würde. Wir haben es nicht ausprobiert, sondern genossen den Anblick der vielen herrlich rot und rosa blühenden Pflanzen.

Den Schutz dieser Naturschätze nimmt mittlerweile nicht nur die Randgruppe der Öko-Freaks ernst: In allen Wäldern und am Balaton selbst ist erstaunlich wenig weggeworfener Müll zu finden und die in vielen Ländern üblichen Wildbauten sind auch außerhalb der Naturschutzgebiete eher eine Seltenheit. Die Ungarn scheinen irgendwie begriffen zu haben, dass Natur ein nicht zu ersetzender und meist unterschätzter Faktor in einer Volkswirtschaft ist. Es existiert eine ökologische und alternative Bewegung, deren Anhänger in den Dörfern des Bakony-Gebirges für sich Häuser renovieren und einen eigenen Lebensstil pflegen. Im "eurotopia", dem Verzeichnis von Gemeinschaften und Ökodörfern in Europa, finden sich immerhin vier ungarische Eintragungen. In einem Land, in dem ansonsten um das wirtschaftliche Überleben und um den Erwerb vermeintlich lebensnotwendiger Konsum- und Luxusgüter gekämpft wird, ist dies ein bemerkenswerter Ansatz. Nebenbei wird - nach aller Erfahrung - in diesen Gemeinschaften auch die ländliche, historische Bausubstanz penibel erhalten.

Unerwartete Bauwerke ...

Nicht nur Bauwerke aus längst vergangenen Zeiten stehen für die Geschichte Ungarns: Wie in den meisten Ländern des ehemaligen Ostblocks entstanden rund um den Balaton zahlreiche Bauwerke, die in technisch kühner Ausführung von der Zuversicht und dem Zukunftsglauben der sozialistisch geprägten Gesellschaft der 50er, 60er oder 70er Jahre des vergangenen Jahrhunderts zeugen. An beiden kleinen Häfen für die Ausflugsboote und Fähren auf der Halbinsel Tihany stehen stark geschwungene Betonbauwerke, die Kioske beheimaten und - bei Regen - den auf die nächste Fähre Wartenden  Unterschlupf bieten. Diese Bauwerke werden noch heute genauso genutzt, wie sie einst von ihren Gestaltern geplant worden sind - für das Leben der Einheimischen. Denn wiederum sind es meist Ungarn, die sich hier treffen, gemeinsam essen, sich unterhalten und flanieren, um Unterhaltung, Ruhe und Entspannung zu finden.

Ein Bauwerk, dass in Ungarn wohl niemand erwartet hätte, ist die 1993 eingeweihte 30 m hohe Stupa, die in dichten, alten Wäldern auf einem Berg nahe der Ortschaft Zalaszántó steht. Zalaszántó befindet sich ca. 10 km südwestlich von Sümeg. An der Stupa ist eine vergoldete Buddha-Statue zu sehen, die aus Korea stammt und Siddharta Gautama zeigt. Die Stupa symbolisiert Buddhas Geist, aber auch Buddhas Weisheit, Mitgefühl und Liebe zu allen Menschen. Auf Initiative des buddhistischen Mönches Bop Jon aus Korea sowie des Präsidenten der buddhistischen Friedens-Stupa-Stiftung in Ungarn entstand dieses Monument. Bop Jon kam die Idee zur Stupa 1989 aus einem Gefühl der Freude heraus, das er durch die friedliche Wende empfand, mit der Ungarn seinen Weg von einem autoritären Staat in eine Demokratie ging. Tibetische buddhistische Mönche arbeiteten mit beim Bau der größten Stupa Europas ...

Überraschung im Wald: Die größte Stupa Europas ... ... und ihr Altar mit Buddhastatue ...

Die Stupa ist Symbol für den Frieden, das Glück und die Erleuchtung: Seine Heiligkeit, der 14. Dalai Lama, Tenzin Gyatso, hat diese Stupa am 17. Juni 1993 persönlich eingeweiht. Der Besuch einer Stupa beinhaltet die Umrundung des Bauwerks auf jeder seiner drei Ebenen und ein anschließendes Opfer am Altar unterhalb der Statue. Hierzu liegen Räucherstäbchen bereit, von denen sich der Besucher zu diesem Zweck eines nehmen darf. Am Fuße des Bergs befindet sich ein kleines, buddhistisches Zentrum, in dem ein ungarischer Mönch lebt, der Besuchern in seiner Heimatsprache und einem sehr rudimentären Englisch die Geschichte der Stupa und den spirituellen Hintergrund des Bauwerks näher bringt.

Natur, Kultur und freundliche Menschen ...

Diese Beispiele - in nur wenigen Reisetagen erkundet - zeigen, wie vielschichtig und unterschiedlich Ungarn als Reiseland sein kann. Dabei birgt es noch viele andere Schätze, wie die Puszta, den Theiss-See, die großen Waldgebirge an der Grenze zur Slowakei. Ungarn hat noch viel Natur und Kultur zu bieten. Und dies zu einem geradezu einmaligen Preis-Leistungsverhältnis. Dabei unterstützt der Reisende, falls er ein wenig über sein Tun nachdenkt, gerade die Strukturen, die ein Überleben und einen beginnenden Wohlstand einer breiteren Masse ermöglichen. Ein Überleben derer, die nicht zu den auserwählten Angestellten einer der großen, westeuropäischen Firmen gehören, die mittlerweile die einheimische Wirtschaft fast gänzlich ausgehebelt haben. 

Ganz unabhängig hiervon hatte man stets das Gefühl, überall willkommen zu sein - egal, ob man nun gerade etwas gekauft hatte oder zu einer Kommunikation sprachlich fähig war. Sie sind einfach ein freundliches Volk, die Ungarn, und selbst die Polizeikontrollen, die ganz unmittelbar - scheinbar nach dem bayerischen Vorbild der Schleierfahndung - auf der Landstraße auftauchen, sind von einer, wenn auch ganz bestimmten Höflichkeit und Freundlichkeit geprägt. Ganz abgesehen davon, dass dort die hübschesten Polizistinnen im Einsatz sind, die ich je sah ...


© 2005 Text/Bilder Jens Plackner


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