|
Noch unter dem Eindruck des
Schnellzuges aus Beasain bin ich mit dem LERRY Ende Juli 2025
weiter unterwegs nach Deutschland: Für die Durchquerung Frankreichs
nutzen wir die Landstraßen, sie bieten eine wunderbare Vielfalt
für das Auge. Es ist allerdings erheblich besser, wenn man die
starken Zeiten des Verkehrs irgendwie umgehen kann. Wie überall
haben die Menschen in den Ballungsgebieten keine Zeit mehr, um
sich auf den Verkehr zu konzentrieren. Die meisten Fahrer, auch
die Zweiradfahrer, sind mit den Gedanken schon am Ziel und nicht bei
ihrer Fahrt. Entsprechend wird gefahren ...
![]() |
![]() |
Auf den französischen Landstraßen fahre ich immer weiter in nordöstlicher Richtung. Wieder erreiche ich Hagetmau, den Ort, der unbedingt keinen elektrischen Strom an Wohnmobile verkaufen will. Weiter geht es nach Sereilhac: Eigentlich ein interessanter Ort, doch dieses Mal drängt die Zeit, also immer weiter Richtung Auxerre. Nachdem ich die Stadt hinter mir gelassen habe, suche ich schließlich einen schönen Stellplatz für LERRY und mich: Hier bin ich nun schon wieder sehr nahe an dem kleinen Ort Chaource - wie man sich vielleicht erinnert, handelt dort auch meine Geschichte Mittelalter Käse ...
![]() |
![]() |
![]() |
![]() |
Das Internet macht mich dieses Mal aber auf einen anderen kleinen Ort hier in der Nähe aufmerksam: Bellechaume. Der Tag geht langsam zu Ende, so fahre ich also neugierig zu meinem neuen Ziel heute. Vorher sind allerdings noch einige Kilometer durch ländliches Gebiet zu bewältigen. Mittlerweile gibt es fast keinerlei Verkehr mehr auf der Landstraße, nur noch die einsetzende Dämmerung und kurze Waldgebiete kommen jetzt auf mich zu. Sehr schön! Nun heißt es aber aufpassen: In der Dämmerung werden auch viele Tiere aktiv und ich möchte natürlich keines davon näher kennenlernen! So erreiche ich schließlich am Abend des 27. Juli Bellechaume, die Fahrt führt mitten durch ein kleines Motorradtreffen.
Von der Hauptstraße, der Rue du Professeur Ramon, muss ich kurz vor dem Ortsende mit dem LERRY nach links in die Rue Jean Moulin abbiegen: Dort erwartet mich ein Parkplatz, den die Gemeinde hier extra für Besucher mit Wohnmobilen eingerichtet hat. Der Platz ist für mich wie in vielen anderen kleinen Gemeinden auch hier wieder kostenlos. Das finde ich aber nicht unbedingt angemessen, da man sich hier um einen ordentlichen Platz bemüht und dafür auch eine kleine Gegenleistung vom Besucher bekommen sollte. In solchen zuvorkommenden Gemeinden versuche ich deshalb dann auch immer etwas Geld zu lassen, etwa durch einen Einkauf ...
![]() |
![]() |
![]() |
![]() |
![]() |
![]() |
Nach einer ruhigen Nacht mache ich mich am nächsten Morgen auf den Weg, den kleinen Ort zu entdecken. Bellechaume hat etwa 450 Einwohner und liegt in gut 200 Meter Höhe in der Region Bourgogne-Franche-Comtè. Im Jahr 2016 wurde der ehemalige Name der Region "Bourgogne" in den neuen Namen abgeändert. Bellechaume liegt auf einer Anhöhe, am höchsten Punkt befindet sich die Kirche. Der Ort hatte in der gallisch-römischen Zeit den Namen "Bella Calma", was "Schön Ruhig" bedeutet. Wegen seiner guten Lage nahe der Hauptstraße zwischen Auxerre und Sens war der Ort seit der Antike immer bewohnt. Die Halle, bei der gestern dieses kleine Motorradtreffen stattgefunden hatte, ist die Mehrzweckhalle des Ortes, die wohl auch gern von den Einwohnern benutzt wird. Nach links vom Parkplatz des LERRYmobils führt die Rue Jean Moulin direkt in den Ort, nach rechts zweigt die Rue Pasteur ab.
In Bellechaume gibt es nun also den besagten kleinen Motorradclub "Belchobilex", in dessen Treffen ich bei der Ankunft geraten war. Ich finde schnell heraus, dass es diesen Club gerade erst ein Jahr lang gibt. Seine gut 20 Mitglieder machen mit kleinen Motorrädern regelmäßige Ausfahrten. Bei meinem Aufenthalt konnte ich ein nettes Beisammensein von freundlichen Menschen beobachten.
Die
Erinnerung an die Zeit der Reisen mit meinen beiden Motorrädern
durch Großbritannien, Deutschland und Frankreich kam sofort
wieder zurück. In diesem Club geht es allerdings nur um kleine
Maschinen mit einer maximalen Motorgröße bis 125 ccm. Der Club
wurde im Vorjahr von Didier Goudrot und Jean-Patrick
Paillerie ins Leben gerufen. Eine Altersbegrenzung der
Mitglieder gibt es wohl nicht, deshalb sind hier auch mehrere Generationen
mit ihren
gleichen Interessen vertreten. Wunderbar! Natürlich kommen im
Club auch gemeinsame Treffen ohne eine Ausfahrt zustande. Zum
Beispiel für Reparaturen, Planungen oder einfach nur für gemeinsame
Zeit. Die kleinen Motorräder sind alle fahrbare
Sammlerstücke, denn sie dürfen nur aus den Jahren vor 2000
stammen. Auf den gemeinsamen Fahrten treten dann oft irgendwelche
Probleme auf, bedingt durch das Alter der Maschinen. Deshalb ist
auch immer ein
Begleitfahrzeug mit dabei ...
![]()
![]() |
![]() |
Ich sehe mir den Ort noch
näher an: Wenn man wie ich gern neugierig ist, geht man am besten
zur Touristeninformation oder, noch besser, ins Rathaus.
Touristeninformationsstellen gehen hauptsächlich auf Touristen
ein, also eher Besucher, die schnell Wichtiges erfahren oder sehen
wollen. Ich habe aber Zeit und mich interessiert eher alles andere.
Eher das, was der "normale" Tourist verpasst, also mehr die Menschen hier,
interessante Einblicke in ihre Lebensweise und entsprechende
Kontakte. Da bin ich in einem Rathaus meistens besser beraten.
Ganz besonders aber in diesem Rathaus! Die verschiedenen Sprachen
sind natürlich immer ein kleines Hindernis. Niemand kann alles
lernen oder wissen. Ich bin hier Gast, doch wo ein Wille ist,
ist auch ein Weg ...

![]() |
![]() |
![]() |
![]() |
![]() |
![]() |
Tatsächlich erwartet mich
innerhalb des Gebäudes eine sehr nette Frau: Ihr Französisch ist so
perfekt wie mein Deutsch und Englisch.
Also los geht es mit dem
Übersetzen! Nachdem ich mich ein wenig vorgestellt habe, geht es
schnell unkompliziert weiter. Gleich darauf bekomme ich die
Erlaubnis, mir im Saal des Rathauses die alten Bilder von
Bellechaume anzusehen. Nebenbei wird gesprochen, übersetzt und
gelernt. Ich soll mir auf jeden Fall noch die Kirche des Ortes
ansehen, außerdem erfahre ich etwas sehr Wichtiges über die hiesige
Hauptstraße. Kurz bevor ich mich verabschiede, bekomme
ich noch einen wunderbaren Service: Eine große Anzahl Ausdrucke und
Kopien werden mir mit auf den Weg gegeben, alles natürlich in
französischer Sprache. Aber das werde ich schon schaffen! Es ist kurz
vor Mittag, der Tag ist noch jung. Jetzt also erst einmal zur
Kirche.
Wie leicht zu erkennen ist, steht die Kirche von Bellechaume tatsächlich ganz oben auf dem Hügel des Ortes. Sie ist eine Renaissancekirche und der Heiligen Dreifaltigkeit geweiht, fertiggestellt wurde sie im Jahr 1567. Ihre bunten Glasfenster kamen erst im 19. Jahrhundert dazu. Natürlich funktioniert die Uhr des Kirchturms einwandfrei. Ganz Bellechaume erweckt den Eindruck, als wäre hier die Verbindung zwischen wertvollen alten Gebäuden und moderner Entwicklung gelungen, ohne den originalen Charakter des Ortes zu zerstören.
Kirchen, die der Heiligen Dreifaltigkeit geweiht sind, gibt es auf der ganzen Welt verteilt, selbst auf Haiti. Eine Liste dieser Kirchen kann im Internet eingesehen werden. Trotzdem hat diese hier in Bellechaume etwas Besonderes, und zwar etwas ganz Besonderes! Im Internet ist sie als Kirche der Heiligen Dreifaltigkeit aufgeführt, in der Liste der weltweiten Kirchen dieser Art allerdings NICHT!
![]() |
![]() |
![]() |
Viele der Häuser sind sehr schön
anzusehen: Sie haben noch Details, die man in den modernen
Betonbauten der Städte vergeblich sucht. Wie zum Beispiel die
Hausnummer 13 mit einer Sitzbank gleich neben dem Briefkasten: Im Sonnenschein auf die Post warten!
![]()
Noch ein wenig weiter durch die Straßen von Bellechaume: Auch entlang der Hauptstraße mit dem Namen Rue du Professeur Ramon. Wer Bellechaume besucht, kommt an diesem Mann nicht vorbei. Ich kann ohne zu übertreiben sagen, dass dieser Mann in seinem Leben und auch jetzt noch Millionen Menschen das Leben rettet und gerettet hat!
Gaston Ramon wurde hier in Bellechaume am 30. September
1886 geboren. Als Sohn eines Bäckers hat er allerdings einen
ganz anderen Berufsweg eingeschlagen: Seine Interessen galten mehr der Medizin. Bekannt wurde er zuerst als französischer
Veterinärmediziner. Während seines Studiums in der französischen
Stadt Sens lernte er durch den Direktor seiner Schule den
französischen Mediziner Pierre Paul Emile Roux kennen. Dessen
Fachgebiete waren Naturwissenschaften, die Bakteriologie und
Mikrobiologie.
Herr Roux holte Gaston Ramon direkt an das Institut Pasteur in Garches bei Paris. Zunächst als seinen Laborassistent. Dort fand er heraus, dass im Magen-Darm-Trakt verschiedene mikrobielle Gemeinschaften vorkommen. Solche Gemeinschaften sind in diesem Bereich eines Körpers sehr wichtig für Immunität, Verdauung, Arzneimittelstoffwechsel, Darmgesundheit. Daraus resultiert auch ein wichtiger Schutz vor Krankheitserregern. Zuerst wurden Tiere zu Testzwecken verwendet.
Bereits im Ersten Weltkrieg fand Professor Ramon einen Weg, um Impfstoffe haltbar und sicherer zu machen. Nach dem Ersten Weltkrieg, im Jahre 1920, bekam er die Leitung eines eigenen Labors am Institut Pasteur in Garches. Dort entwickelte er die ersten Impfstoffe gegen Diphterie und Tetanus. Ab 1923 wurden die ersten Impfungen an Menschen vorgenommen. Aus den gefundenen Impfstoffen entwickelte Professor Ramon dann auch weitere kombinierte Impfstoffe. Diese Stoffe und auch die Weiterentwicklungen davon haben bis heute angabegemäß Millionen Menschen vor dem Tode bewahrt ...
Die Wissenschaft Immunologie, die sich mit dem Immunsystem
des Menschen befasst, steckte am Anfang des 20.
Jahrhunderts noch in den Anfängen. Hier also war jener Professor Ramon tätig,
seine Forschungen waren unermüdlich und erfolgreich. Zwischen
den Jahren 1922 – 1926 veröffentlichte er mehrere
Hundert wissenschaftliche Erkenntnisse.
Die Kombination dieser Veröffentlichungen hat die Wissenschaft erheblich voran gebracht. In der Zeit des Ersten Weltkriegs wurde im Institut Pasteur unter der Leitung von Professor Ramon das Tetanus-Serum produziert. Zusammen mit anderen Impfstoffen wurden bis zu 20.000 Ampullen täglich an die kämpfende französische Armee geliefert. Durch die Verwendung dieses Serums sank die Häufigkeit der Tetanuserkrankungen von 8 pro Tausend auf unter 0,2 pro Tausend Verwundeten.
Im Jahre 1923 schließlich entdeckte Professor Ramon auch das Toxoid: Bei diesem handelt es sich um einen Giftstoff von Krankheitserregern, der seine schädliche Eigenschaft durch Antikörper im Körper verloren hat und doch noch eine Abwehrreaktion des Körpers auslöst.
Durch chemische Behandlung werden die gefährlichen Eigenschaften des Krankheitserregers neutralisiert und gleichzeitig bleibt die Abwehr des Körpers bei Verabreichung erhalten. Etwa wie bei einer Vorsorgeimpfung für Grippe, die mit neutralisierten Grippeerregern durchgeführt wird. Oder etwa nach dem Biss einer giftigen Schlange, auch hier erfolgt die Behandlung mit dem neutralisierten Schlangengift-Serum dieses Tieres. Die Toxoid-Impfstoffe lösen also die Bildung von Antikörpern zur Bekämpfung von Vergiftungen oder Infektionen aus.
Die von Professor Ramon 1922 entdeckten Toxoide gegen Diphterie und Tetanus wurden ab 1930 in der französischen Armee endgültig eingeführt. Zu dieser Zeit lag die Erkrankungsrate bei 45.000 Fällen pro Jahr, heute liegt sie bei durchschnittlich 1,5 Fällen pro Jahr. Von Frankreich aus wurden die Toxoide ab den 1920er Jahren dann weltweit verbreitet und die Erkrankungen gingen durch die Vorsorgeimpfungen fast komplett zurück.
Professor Ramon war
ohne zu übertreiben einer der bedeutendsten Wissenschaftler für die
gesamte Menschheit. Sein ganzes Leben war von Neugier nach immer
mehr Wissen im Bereich seines Spezialgebiets erfüllt. Eine besondere
Fähigkeit, die heutzutage nicht unbedingt mehr so selbstverständlich zu sein
scheint. Bis an sein Lebensende war er unermüdlich an weiteren
Erkenntnissen und Verbesserungen interessiert. Eine Besonderheit
umgibt diesen weltbekannten Wissenschaftler. Wer ihn nun nach dieser
kurzen Geschichte einmal besuchen möchte, kann
sich nämlich bei ihm gedanklich in sein Lebenswerk vertiefen: Er ist
hier in Bellechaume auf dem städtischen Friedhof begraben ...
![]()
© 2026 Jürgen Sattler, Bilder zu Gaston Ramon: JP Chippaux, Rathaus Bellechaume
Anm. der Red.: Weitere Beiträge von Jürgen Sattler finden sich in unserer Autorenübersicht!
Frankreich
2025





















