|
Nach meinen letzten Touren in Deutschland muss ich nun langsam das Versprechen einlösen, dass ich gegeben hatte: Im Oktober die dritte Europareise mit dem LERRY zu starten. Die noch ausstehenden Wartungsarbeiten am LERRY sind erledigt und so geht es schließlich am 12. Oktober 2023 endlich los: Mit dabei sind im LERRY viele Spenden für Menschen und Tiere in Portugal. Da ich allein reise, ist noch ausreichend Gewicht für diese Dinge verfügbar. So fahren gut 30 kg an Spenden mit mir nach Portugal ...
![]() |
![]() |
Das erste Ziel für heute ist die Stadt Rahden im nördlichen
Nordrhein-Westfalen, die ersten 170 km der dritten Europareise sind
damit bewältigt. Die ganze Fahrt über begleitet mich leichter anhaltender
Regen. Ein paar weitere Orte in Deutschland möchte ich noch besuchen,
bevor ich am 1. November in Frankreich ankommen will. Diesen Termin
muss ich wegen einer besonderen Krankenversicherung für europäische
Reisen einhalten: Reisen bis drei Monate Dauer benötigen keine zusätzliche
Versicherung im europäischen Ausland. Aber mal ehrlich, was sind denn
drei Monate? Da ist der LERRY gerade warmgelaufen und dafür ist Europa
viel zu interessant!
![]()
Weiter geht die Fahrt durch die Städte Gifhorn, Neustadt
am Rübenberge, Hassenhausen, Mainz und Ingelheim.
Vor der Ausreise ins europäische Ausland besuche ich noch Bekannte und
Leser, um die Zeit bis Anfang November zu überbrücken. Dabei gibt es
allerdings immer öfter regnerisches Wetter. Ein Bild zeigt dies während
ich unterwegs bin nach Neustadt am Rübenberge. Regen setzt ein, die
Autobahn wird schnell richtig nass und meine Sorge bei diesem Wetter
sind eher die Autofahrer um mich herum: Da in Deutschland offenbar
die meisten Fahrer denken, ihre Mitmenschen wären zu langsam unterwegs,
wird meistens zu schnell gefahren, und das bei jedem Wetter. Einen Unfall
mit Stau nach deutschem Muster muss ich nun aber nicht noch miterleben
...
![]() |
![]() |
Es dauert tatsächlich auch nicht besonders lang, bis ich auf der Gegenfahrbahn den ersten Unfall zu sehen bekomme. Danach folgen noch zwei weitere Unfälle, alle auf der Gegenfahrbahn. Ich habe aber Glück und komme heute ohne Aufenthalt durch bis Neustadt ...
Am 26. Oktober erreiche ich dann als letzten deutschen Ort Ingelheim. Das nasse Wetter bleibt mir treu, inzwischen wird vom Atlantik sogar ein besonders großes Sturmtief gemeldet. Ich will deshalb erst etwas weiter im Osten Frankreichs ins europäische Ausland einreisen und dort bleiben.
Am 01. November starte ich schließlich mit dem LERRY nach Frankreich: Als heutiges Ziel habe ich mir einen kleinen Ort ausgesucht – Thiaucourt-Regniéville. Auf dem Weg dorthin durchquere ich aber zunächst das kleine Dorf Bouillonville. Ja stimmt, denke ich so bei mir, eine heiße Tasse guten Bouillon könnte ich mir bei dem meist feuchten und kalten Wetter wieder einmal gönnen.
In Thiaucourt-Regniéville soll ein Platz mit allen Versorgungsmöglichkeiten sein. Nach 260 km fahre ich allerdings fast am Ziel vorbei, man muss schon ganz genau hinsehen. Der Platz ist dann auch da, die Zufahrt ist ziemlich steil und unten wartet eine Wiese mit etwas Baumbewuchs auf den Besucher. Einen kleinen Wasserlauf gibt es auch, alles sieht sehr idyllisch aus. Zur Versorgung und vor allem Entsorgung finde ich hier aber nichts, dazu jedoch noch eine steile Zufahrt mit mehr als feuchter Wiese. Es sieht auch nicht so aus, als würde der LERRY hier ohne fremde Hilfe wieder heraus kommen. Alles zusammen lässt mich schnell entscheiden, doch weiter zu fahren ...
![]() |
![]() |
![]() |
Es geht also noch einmal 160 km weiter und nach heute insgesamt 420
km erreiche ich ein brauchbares Ziel: Zwischen den Gebieten der Champagne
im Osten und der Bourgogne im Westen entscheide ich mich für den kleinen
Ort Chaource. Dieser
liegt etwa 30 km südlich der Stadt Troyes, die Landstraßen
D443 und D444 kreuzen sich im Ort. Der Platz für den LERRY ist nicht
sehr groß und hat eine schmale Einfahrt, doch die Versorgung und Entsorgung
ist gesichert. Allerdings auch hier ohne Stromversorgung, wohl zum Eingewöhnen
für Spanien und Portugal ...
Heute ist der 21. Tag und ich habe bisher 1.330 km bei dieser Reise zurückgelegt. Das Wetter ist nun wechselhafter und nicht mehr so regnerisch. Eigentlich sind mir aber solche langen Tagesstrecken nicht angenehm: Ich will ja reisen, aber Reisen eben ohne Zeitdruck und mit entsprechenden Tagesetappen. Der kleine Ort macht mich neugierig: Ziemlich schnell finde ich heraus, dass die Leute hier immer wieder von einem besonderen Käse reden. Käse mag ich auch ganz gerne, und so werde ich neugierig. Der Tag morgen gehört meiner Neugier und dem Ort, ich werde hierbleiben.
![]() |
![]() |
![]() |
![]() |
![]() |
![]() |
![]() |
Ich mache mich früh auf den Weg: Zuerst einmal will ich wissen, wo ich denn nun genau bin. Schnell wird mir klar, dass ich für diese Geschichte einen Abstecher vom Mittelalter bis zum Zweiten Weltkrieg machen muss, doch der Reihe nach. Die kurzen Strecken laden zum Laufen ein und schnell bin ich in den schmalen Straßen dieses kleinen Dorfes unterwegs.
Hier, bei Chaource, entspringt der kleine Fluß Armance. Chaource hat etwa 1.100 Einwohner, ein kleines und schönes Dorf im Departément Aube und der Region Grand Est. Dabei ist Chaource der Hauptort von 33 kleinen Gemeinden mit insgesamt etwa 4.600 Einwohnern. Chaource bietet eine besondere und möglichst naturbelassene Umgebung zur Förderung der Entspannung und Erholung von Menschen und damit auch der Gäste. Die Gegend hier wird auch als das "Land der Gastronomen" bezeichnet. Einige Fachwerkhäuser sind letzte Zeitzeugen aus dem längst vergangenem Mittelalter ...
Bei meinen Nachforschungen zum Ort treffe ich auf eine sehr nette Französin, die bereit ist, mir meine Fragen zu beantworten. Natürlich spielt hier in Frankreich auch der Zweite Weltkrieg eine wichtige Rolle, so auch für Chaource.
![]() |
![]() |
Wir kennen den geringen Wissensstand von Mitmenschen, die aus Bequemlichkeit und Egoismus, also mit Vorsatz, jeder Art von tieferem Hintergrundwissen "aus dem Weg" gehen. Dazu zählen sicherlich auch Taten der Nazis im Zweiten Weltkrieg. Meine Informantin ist zunächst sehr zurückhaltend, mir als Deutschem die Sicht der Franzosen auf den damaligen Umgang der Deutschen mit Chaource zu erklären. Erst als ich sie ermutige, mir alles zu berichten und ihr meine kritische Haltung dazu klar mache, beginnt sie zu erzählen ...
Zwei Bilder aus dem Archiv INFOS HISTORIQUES DE CHAOURCE zeigen den Ortskern und die Kirche von Chaource. Nun stellte sich für mich natürlich die Frage, weshalb ein kleines französisches Dorf wie Chaource von den Nazis derart zerstört werden musste.
Damals gab es offenbar das Gerücht oder auch "die Information" für die deutschen Angreifer, dass sich eben genau in diesem Ort mehrere hochrangige Angehörige der französischen Armee treffen sollten. Das war im Juni 1940. In Nazi-Deutschland spielten Kriegskosten offiziell "keine Rolle" und so wurden zu diesem Zeitpunkt mehrere Stuka-Bomber (Sturzkampfbomber) zu diesem Ort geschickt. Mit dem Auftrag, eben dieses Treffen zu bombardieren, um die Armee-Angehörigen zu ermorden. Die Zielgenauigkeit war damals nicht so genau wie heute, viele Bomben wurden einfach über dem Ort abgeworfen ...
Ob das Ziel der Bombardierung dabei erreicht wurde, konnte ich nicht herausfinden. Vielen Bewohnern gelang noch die Flucht, doch der Ort wurde in Trümmer gelegt.
Heute ist alles wieder möglichst liebevoll aufgebaut: Wir sehen ein Bild der wieder im gotischen Baustil errichteten römisch-katholischen Kirche Saint-Jean-Baptiste. Die Spuren der sinnlosen Zerstörung sind noch deutlich zu erkennen, und zwar nicht durch Ruinen, sondern die neu gebauten Häuser. Insgesamt wurden aber sehr viele Bauwerke der Geschichte von Chaource vernichtet.
Meine französische Informantin ist sehr um mich bemüht und bringt mich so auf die Spur einer Besonderheit dieses Ortes: Einen Käse. Zur besseren Einprägung ist der Name des Käses nämlich auch der Name des Herkunftsortes Chaource.
![]() |
![]() |
Ich begebe mich neugierig auf Spurensuche: Alles begann im 12. Jahrhundert in einer "Abtei von Pontigny", was ein Hinweis ist, dass auch in der Religion schon sehr früh Käse gemacht wurde.
Die Abteikirche von Pontigny: Von Chaource aus gesehen befindet sie sich etwa 40 km in südwestlicher Richtung und etwa 15 km nördlich von Chablis, direkt im Herzen der Bourgogne. Sie ist eines der Urklöster des Zisterzienserordens, gebaut in der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts auf einer Sandbank des französischen Flusses Serein. Die Gebäudefläche ist größer als 4.000 Quadratmeter, das gesamte Bauwerk hat eine Länge von 180 Metern. Sie ist das größte noch intakte Bauwerk dieses Ordens in Frankreich.
Eigentlich sieht die Abtei aus wie eine Kirche mit angebautem riesigen Wohntrakt. Der Orden gab dieses Bauwerk aber schließlich auf, im Dezember 2020 wurde es für ein Hotelprojekt verkauft. Doch genau hier hatten Mönche im 12. Jahrhundert die Idee mit dem Käse. Ihr Wissen gaben sie weiter an Bauern und die Landbevölkerung, in Chaource wurde das Wissen der Mönche dann schließlich auch umgesetzt.
Etwas weiter südlich der Kirche Saint-Jean-Baptiste finde ich den
ersten Hinweis auf die Produktion dieses Käses. Doch die alte Produktionsstätte
ist längst geschlossen. Ich muss weiter nach Süden gehen, um die neue
und moderne Produktionsstätte zu erreichen, die Fromagerie. Dazu muss
ich am Rathaus von Chaource vorbei, das im Bild unten zu sehen ist.
Um keine Verwechslung entstehen zu lassen: Ein Gebäude für die Herstellung
von Käse sieht natürlich anders aus ...
![]()

![]() |
![]() |
Kurz darauf habe ich mein Ziel erreicht, hier ensteht der bekannte
Käse von Chaource. Gleich mit dabei ist ein Shop, der alles mögliche
rund um den Käse anbietet, denn der soll nun natürlich nicht unbedingt
allein gegessen werden. Es gibt viele Möglichkeiten an Speisen, die
dazu passen oder auch damit zubereitet werden können. Dann muss ich
allerdings genau aufpassen: Die Zubereitung des Käses wird mir erklärt,
natürlich auf Französisch ...
![]()
Der Chaource ist ein aus Kuhmilch gewonnener Weichkäse, der direkt aus bäuerlicher Herstellung stammt. Dies bedeutet, dass die Kühe eine enorme Weite an Feldern haben müssen, damit der natürliche Weg der Käse-Entstehung garantiert werden kann. Diese großen Flächen finden sich hier im Raum von Chaource.
Für
den Käse wird die direkte Milch verwendet, was ihm einen Fettgehalt
von 50% gibt. Er wird nur ganz leicht gesalzen, dadurch kann er für
fast alle Speisen verwendet werden. Also auch für Süßspeisen. Nach einer
Reifezeit von zwei Wochen ist ein erstes junges Stadium erreicht, um
ihn zu verzehren. Ein mittelalter Käse hat aber etwa eine Reifezeit
von einem Monat hinter sich, reift er noch weiter, bekommt er einen
herzhaften Geschmack.
Natürlich muss eines der Käsestücke mit in den LERRY: Nach Angabe der Hersteller soll man ihn eine halbe Stunde vor dem Essen aus seiner Verpackung holen, damit er Raumtemperatur annehmen kann. Also alles ganz einfach. Danach esse ich den Käse auf die bekannte alte französische Art: Mit einem Baguette. Wieder etwas gelernt und erfahren!
Am folgenden Tag, den 3. November, mache ich mich mit dem LERRY wieder
auf den Weg: Weiter nach Südfrankreich
und nicht zu weit nach Westen, denn dort zieht ein schwerer Sturm vom
Atlantik über Frankreich ...

© 2024 Jürgen Sattler
Anm. der Red.: Weitere Beiträge von Jürgen Sattler finden sich in unserer Autorenübersicht!
Frankreich
2023


















