Deutschland   Tod in Ihrem(?) Netz!

Tierschutzschiff "pacifico" aus Weener über Todesfallen aus Plastik ...


In der letzten Ausgabe hatten wir über den Werftaufenthalt der "pacifico" berichtet, der nach etlichen Exkursionen von Kapitän Jürgen Sattler und seiner Crew nun fällig war. Ebenfalls erwähnt hatten wir dabei bereits, dass das Schiff aus Weener auch oft in anderer Rolle unterwegs ist und im Laufe der Zeit aus der pacifico ein "Tierschutzschiff" wurde. Wer die pacifico einmal im Web besuchen möchte, gibt bei google einfach nur ein Wort ein: "tierschutzschiff" ...

In den letzten beiden Jahren hat die Crew der pacifico auch Erfahrungen auf den Nordseeinseln Baltrum und Helgoland zu den für Tiere lebensgefährlichen Resten von Plastiknetzen aller Art gesammelt.

Nach Baltrum konnten sie ihren Segler seinerzeit nicht mitnehmen, da das Boot einen zu großen Tiefgang für den kleinen Hafen hat. Auch der Weg dahin hat meistens keine ausreichende Wassertiefe. Mit bei solchen Exkursionen ist immer die Bordhündin Loona. Mehr zu den Erkenntnissen vor Ort nun im Bericht von Jürgen Sattler ...


Wir hatten uns damals in erster Linie den Oststrand der Insel vorgenommen: Dort sind weniger Leute anzutreffen, weil man erst hinlaufen muss. Der westliche Teil der Insel wird sicher regelmäßig gesäubert. So hatte der östliche Strandteil zur Nordsee für uns eher den Status der Unberührtheit.

Das Problem ist auf der Insel wohlbekannt. Auf den anderen dem Watt vorgelagerten Inseln sieht es nicht besser aus. Immer mal wieder finden sich, etwas höher auf dem Strand, Sammelbehälter für angeschwemmten Plastikmüll. Loona ist da natürlich neugierig: Wir nehmen uns bei dem Besuch mit ihr einen der Behälter vor, damit sie den Inhalt kennenlernen kann. Dann machen wir uns auf die Suche ...

Gefährliches Strandgut ... Es gibt viele von diesen Netzen ...
Loona wird trainiert ... Überraschungen beim Ziehen ... Farbiges gesucht ...

Man muss einfach auf bunte Teile im Sand des Strandes achten und - daran ziehen.

Unser weiterer Weg am Strand zeigt uns, dass es sehr viele von diesen Netzen gibt: Überall sind sie im Sand versteckt. Man könnte pausenlos sammeln. Wir trainieren Loona darauf, auf die bunten Teile zu achten und langsam versteht sie, dass Farbiges gesucht wird. Das ließe sich bestimmt auch noch besser lernen ...

Oftmals sind die Netze komplett im Sand verborgen, von der Tide eingespült. Man findet nur ein kleines buntes Stück, das im Sand natürlich fremd wirkt. Beim Ziehen daran kann man schon so manche Überraschung erleben, welche Menge an altem Netz dann zum Vorschein kommt. In den meisten Fällen handelt es sich hier um Reste ehemaliger Fischernetze. Irgendwann wurden sie beim Fischen durch Reißen zerstört oder ganz einfach zu alt. Die Entsorgung erfolgte auf See. Die heute gefundenen Netze wurden angespült, wir haben keine verendeten Tiere darin gefunden.

Viele alte Netze und Netzreste kommen aber erst gar nicht bis zum Strand. Sie versinken im Meer und bleiben auf dem Meeresboden liegen. Und dort tun sie das, wofür sie einmal hergestellt wurden: Sie fangen Fische. Immer und immer wieder. Nur, niemand wird die gefangenen Fische jemals abholen. Die Tiere ersticken in den Netzen völlig sinnlos, immer und immer wieder  ..!

Wenn man nun bedenkt, wie lange sich so ein Plastiknetz im Meer halten kann - und wie vielen Tieren jeder Art, die sich darin verfangen, es im Laufe der Zeit den Tod bingen wird ...

Auch die Reste im Sand sind höchst gefährlich! Vögel jeder Art bedienen sich der Netzreste beim Bau ihrer Nester. Besonders die feinen Netzteile werden gerne an Stelle von Pflanzenteilen, wie es eigentlich sein sollte, verwendet. Die Tiere können sich in den Maschen verfangen oder gar aufhängen. Die Netzmaschen lassen sie nie mehr frei. Wie so etwas vor sich geht, haben wir dann auf der Insel Helgoland selbst erleben können ...

Das Tierschutzschiff vor Ort ... Auf zu den Vogelbrutstellen!

Am Tag nach unserer Ankunft machen wir uns auf zu den Vogelbrutstellen: Die Vogelart, die hier sehr oft angetroffen wird, ist der Basstölpel. Jungvögel sind überall zu sehen. Die jüngsten Vögel haben einen Flaum, der eher an Baumwolle erinnert als an ein Vogelkleid. Ist das "Baumwollalter" vorbei, wird der Flaum abgeworfen. Die Eltern helfen dabei. Nun hat der Jungvogel ein graues Federkleid. Wieder nach einiger Zeit wandelt sich dieses in das weiße Federkleid der erwachsenen Tiere.

Sehr auffällig ist die Verschmutzung der Nester durch Netzteile aus Plastik: Es gibt kein Nest, das nicht irgend einen Netzrest hat. Die Vögel fischen diese auf See von Menschen weggeworfenen Reste zum Nestbau und bauen sich damit eine Todesfalle ins Nest. Wir sehen nur Netzreste. Keinen anderen Müll. Der Mensch läßt grüßen ...

Graue Jungvögel ... Netzreste in mehreren Etagen ... Einbau von Todesfallen im Nest ...

Netzreste in fast allen Nestern: Im mittleren Bild oben sieht man auf der rechten Seite ein Elternpaar mit einem Nachwuchs auf einem schmalen Felsvorsprung - das Nest dieser Familie. Eine Etage höher ein Nest mit schwarzen, roten und blauen Netzresten. Auch weiter oben buntes Plastil im Nest.

Hier werden wir schließlich unfreiwillig Zeugen zweier Tragödien bei den Vögeln: Mitten in der Felswand befindet sich ein Nest auf einem sehr schmalen Felsvorsprung. Dort sitzen zwei erwachsene weiße Tiere. Wie alle anderen ihrer Art haben sie Reste von Plastiknetzen im Nest verbaut. In diesem Rest, der am Felsen klebt, hängt ihr einziger Nachwuchs.

Mit einem Bein im Netz verfangen, hängt der fast ausgewachsene Vogel kopfüber in die Tiefe. Ein Befreien ist unmöglich, das Elternpaar kann nicht helfen. Noch schlägt der junge Basstölpel mit den Flügeln. Man kann dadurch genau erkennen, das er kopfüber nach unten hängt. Doch seine Kräfte werden langsam nachlassen.

Er wird nicht freikommen und so lange mit den Flügeln schlagen, bis er völlig ermattet ist und dann langsam verdurstet und verhungert, wenn ihm sein Körper nicht vorher den Dienst versagt. Auf jeden Fall wird es ein qualvolles und langsames Sterben sein. Das Tier wird nach seinem Tod auch nicht im Abgrund verschwinden. Der Körper wird in dieser Stellung verwesen und zerfallen. Eines Tages wird ein Sturm die Reste des Körper wegreißen. Eines aber wird an seiner Stelle bleiben und auf den nächsten Vogel warten - der Rest des tödlichen Netzes! Wir haben vom Todeskampf ein kurzes Video erstellt, das bei YouTube zu sehen ist. Der Name des Videos lautet treffend: "Helgoland dying" ...

Kopfüber in den Tod: "Helgoland dying" ... Wenige Meter entfernt: Noch ein Jungvogel im Todeskampf ...

Nur wenige Meter weiter wartet die zweite Tragödie. Vorbeikommende Besucher erfreuen sich mit leisen Worten an den Vogelfamilien. Doch knapp zwei Meter vor ihnen befindet sich ebenfalls ein Elternpaar, das um seinen Nachwuchs kämpft.

Auch ihr Nachwuchs hat gerade das Stadium des grauen Vogels erreicht. Doch ganz plötzlich legt sich das Tier neben das Nest zu Boden und will nicht mehr aufstehen. Mit den Schnäbeln versuchen die Eltern, den Jungvogel zum Aufstehen zu bringen. Doch dieser kann nur noch kurz den Kopf heben, dann sinkt er zu Boden und bewegt sich auch nicht mehr. Die Eltern wissen sofort, was das bedeutet und geben ihre Versuche auf. Die Leute herum bekommen nichts davon mit. Voller Vogelverzückung und beim überall zu sehenden Nachwuchs fällt ihnen der Tod direkt vor ihren Augen nicht auf. Erst, als wir einige "Fotografen" darauf aufmerksam machen, folgt betretenes Schweigen. Die Todesursache dieses Jungtieres konnten wir nicht erkennen, eine Verletzung war nicht zu sehen. Es legte sich in wenigen Minuten einfach hin und verstarb ...

Die Vogelfelsen von Helgoland zeigen an mehreren Stellen in Netzresten verendete Vögel: Niemand entfernt sie oder den Netzmüll. So geht das Sterben in den Netzresten jedes Jahr weiter ...


© 2017 Jürgen Sattler


Anm. der Red.: Weitere Beiträge von Autor Jürgen Sattler in unserem Magazin: