Schiffsüberführungen:

Auf der Ems von Papenburg bis an die Nordsee ...


Vorbemerkung der Red.: Autor Jürgen Sattler, den wir bereits von der Jungfernfahrt des Seglers pacifico kennen, hat durch seine Nähe zur Ems und zu der im Jahr 1795 gegründeten Meyer-Werft in Papenburg, die bislang in Deutschland den Bau von Kreuzfahrtschiffen dominiert, bereits viele Schiffsüberführungen aus der Werft in die Nordsee erlebt, über die er hier berichtet.

Auch wir haben die Meyer-Werft bereits ein wenig kennengelernt: Bei unserer AIDA-Tour im Jahr 2013 hatten wir an Bord der AIDAmar einige Bilder fotografiert, die wesentliche Phasen aus der Entstehungsgeschichte des Kreuzfahrtriesen zeigen, darunter auch das Verlassen der Meyer-Werft im Jahr 2012 und die Überführung auf der Ems ... 

Aus der Entstehungsgeschichte der AIDAmar ... Die AIDAmar auf der Ems ...

Im Folgenden nun noch einige mehr Kreuzfahrer, die während der letzten Jahre auf dieser Route die Nordsee erreichten ...


Große Ereignisse mit langen Schatten ...

Die Schiffe der Meyer-Werft in Papenburg, offiziell der "Meyer Werft GmbH & Co. KG", werden alle in Hallen (zusammen-)gebaut. Dazu hat die Werft zwei davon: Die kleinere Halle dient für Neubauten um die 250 m Länge. Die größere Halle kann auch ein Riesenschiff aufnehmen und bereits Sektionen des nachfolgenden Riesenschiffes.

Für eine Überführung der Schiffe muss die Ems aufgestaut werden, derzeit etwa einen Tag vor der Überführung. Während der Überführung ist jeglicher Schiffs- und Bootsverkehr verboten.

Problematisch ist das Aufstauen wegen umwelt- und tierschutzrechtlicher Bedenken, da beim Aufstauen auch Landbereiche mit überflutet werden müssen. Das richtet sich nach der zu überführenden Schiffsgröße und dem damit verbundenen Tiefgang der Schiffe.

In der Brutzeit besteht die Gefahr, dass Jungvögel im Uferbereich ertrinken. In letzter Zeit wird mehr darauf geachtet - also werden Überführungen in Zeiträumen möglichst vor der Brut oder nach der Brut angesetzt. Das nimmt den Umweltschützern bei den Überführungen etwas den "Wind aus den Segeln". Trotzdem ist das Ende der Belastbarkeit des Flusses errreicht: Auch wegen der bereits vorher beginnenden Baggerarbeiten entsprechend der Schiffsgröße ...


AIDAstella ... Celebrity Silhouette Quantum of the Seas
Disney Fantasy Norwegian Breakaway Celebrity Reflection Disney Dream

Schiffsüberführungen ...

Reihe oben, von links:
AIDAstella, 09. Februar 2013
Celebrity Silhouette, 30. Juni 2011
Quantum of the Seas, 22. September 2014
Reihe unten, von links:
Disney Fantasy, Papenburg 17. Januar 2012
Norwegian Breakaway, 13. März 2013
Celebrity Reflection, 15. September 2012
Disney Dream, 15. November 2010

Grundsätzlich sind Baggerarbeiten auf der Ems ganzjährig erforderlich, um die Seehäfen der Seeschifffahrtsstraße Ems erreichen zu können. Dafür ist aber eine geringere Tiefe nötig, als für die Überführungen gebraucht wird. Ein völliges Beenden der Baggerarbeiten würde das Aus für fast alle Seehäfen der Ems bedeuten. Da die Region hier sehr schön, aber dennoch ländlich ist, hängen an dieser Werft allerdings sehr viele Arbeitsplätze der Menschen hier.

Das Aufstauen und Baggern für die Meyer-Schiffe ist deshalb zu einem Dauerstreit geworden.

Trotz aller schlechten Rahmenbedingungen ist eine Schiffsüberführung immer ein Ereignis. Manchmal finden sie allerdings unpassend nachts oder an einem Wochentag statt, was den Besucherstrom reduziert. Die Schiffsgrößen bewegen sich meistens zwischen etwa 250 m (AIDA-Schiffe) und 320-350 m Länge (amerikanische Kreuzfahrtschiffe). Das bisher größte Schiff hatte eine Länge von 348 m. Dann ist jeder Tropfen Wasser in der Ems zum Fahren der Schiffe wichtig ...

Wahrscheinlich dürfen dann nicht einmal mehr die Hunde der Besucher Wasser aus der Ems trinken: Bis das Schiff am Hund vorbei ist, versteht sich ...

Im Heimathafen Weener ...Weener, unser Hafen und Liegeplatz der pacifico, ist ganz auf solche Ereignisse vorbereitet und ausgerüstet: Es gibt viele Stellplätze für Wohnmobile und man kann den Deich sowie das Deichvorland bis zum Ufer betreten und den Schiffen sehr nahe kommen. Für das leibliche Wohl wird in kleinem Rahmen, aber ausreichend gesorgt.

Die Schiffe fahren rückwärts die Ems hinab, um bei Problemen schnell auf den Schiffskörper einwirken zu können. Außerdem wird bei Rückwärtsfahrt durch die Schraube Wasser unter den Kiel gepumpt, was den Tiefgang bei Bedarf verringern kann. Sie müssen dabei Brücken bei Weener und Leer passieren, bei sehr stürmischem Wetter wird kein Schiff überführt. Eigentlich ein schönes Ereignis, wenn da nicht auch die Schattenseiten wären. Für einen gemeinsamen Mittelweg kann man sich fast nicht entscheiden, da die Werft das bauen muss, was der Kunde wünscht und natürlich auch ihren Profit benötigt, um zu überleben in diesen Zeiten.

Die nächsten Überführungen von großen Schiffen sind für Herbst 2015 (Norwegian Escape) und Frühjahr 2016 geplant ...


Nachtrag, April ´16: Ovation of the Seas - Ein neuer Kreuzfahrtriese aus der Meyer Werft

Aus der Ankündigung der Werft:

"Die Ovation of the Seas wird voraussichtlich am 11. März 2016 den Papenburger Werfthafen verlassen und die Emsüberführung Richtung Nordsee antreten. Die Ankunft in Eemshaven (NL) ist für den Samstagabend geplant. Vor der Ankunft in Eemshaven wir das Schiff einen Krängungstest absolvieren. Nach einer kurzen Liegezeit in Eemshaven wird die Ovation of the Seas für mehrere Tage am Columbuskaje in Bremerhaven festmachen, bevor die technische und nautische Probefahrt auf der Nordsee beginnt.

Die Passage der Ovation of the Seas über die Ems wird mit Unterstützung des Emssperrwerkes erfolgen. Die Dauer der Passage wird möglichst kurz gehalten. ... Für die Überführung gilt folgender vorläufiger Zeitplan, der sich entsprechend der Wetterbedingungen kurzfristig verschieben kann: Freitag, 11. März 2016,

ca. 14:00 Uhr Passieren der Dockschleuse (Papenburg)
ca. 18:45 Uhr Passieren der Friesen-Brücke (Weener)
ca. 21:00 Uhr Passieren der Jann-Berghaus-Brücke (Leer)

Die Überführung des Schiffes wird erneut vom Team der Lotsenbrüderschaft Emden durchgeführt. Die Emslotsen haben auch in den Vorjahren die Schiffe der MEYER WERFT überführt. Das gesamte Überführungsteam trainierte dieses Manöver am computergesteuerten Simulator in Wageningen (Niederlande), um so noch besser vorbereitet zu sein.

Auch die Ovation of the Seas wird die Emsfahrt in Richtung Nordsee rückwärts zurücklegen. Diese Art der Überführung hat sich aufgrund der besseren Manövrierfähigkeit bewährt. Die Überführung bewältigt das Schiff mit Unterstützung zweier Schlepper.

Das mit 168.666 BRZ vermessene Kreuzfahrtschiff gehört zu den größten bisher in Deutschland gebauten Kreuzfahrtschiffen und ist das dritte Schiff dieser Baureihe. Nach der Endausrüstung in Bremerhaven, wird die Ovation of the Seas Anfang April 2016 an die Reederei abgeliefert. ... "


Und natürlich war unser Beobachter Jürgen Sattler wieder vor Ort:

06:50 Uhr, leicht neblig, 2°C: Wir unternehmen zunächst noch eine Küstentour, denn das heute erwartete Kreuzfahrtschiff, die Ovation Of The Seas, wird erst am frühen Abend hier vorbeikommen. Wir sind jedoch bereits lange zurück, als das Schiff dann endlich (verspätet) kommt:  Gut vier Stunden hat es von der Werft bis zu unserem Hafen in Weener gebraucht. Längst ist es dunkel geworden ...

Besucheransammlung bereits am Morgen ... Es wird Abend: Wann kommt das Schiff ..?

Das Schiff ist - wie z.B. auch das bereits oben erwähnte Schwesterschiff Quantum of the Seas - wieder fast 350 m lang und entsprechend gewaltig für unseren Fluss: Deshalb muss es mit äußerster Behutsamkeit die im Vergleich dazu doch recht schmale Ems abwärts fahren. Wie immer rückwärts. Am Bug und Heck ist wieder jeweils ein Schlepper im Einsatz für den Fall, dass das Schiff schnell gestoppt oder etwas gedreht werden muss.

Nachtpassage: Die `Ovation of the Seas´ ist endlich da ...Die Schiffsscheinwerfer beleuchten pausenlos die Wasseroberfläche rund um die Ovation: Dort gibt es immer wieder Dinge, die ins Wasser gebaut wurden und nicht beleuchtet sind. Ist die Wasserfläche allerdings frei, werden die Scheinwerfer auch schon einmal auf die langen Reihen der Zuschauer in der Dunkelheit gerichtet. Dann wird dort fleißig gewunken.

An Land werden zwischendurch verschiedene Stärkungen angeboten: Etwa eine Bratwurst oder auch Bratkartoffeln. Leider aber nur Kaltgetränke. Der Abend ist so frisch, das sicher ein Becher Glühwein für das lange Warten genau richtig gewesen wäre. Aber insgesamt haben wir Glück bei unserer Beobachtung: Das Wetter bleibt immerhin trocken ...


© 2015-2016 Jürgen Sattler, Bilder AIDAmar oben: Explorer Magazin