Die nördlichste Festlandhalbinsel Europas - Nordkinn. Und deren nordöstlicher Abschluss: Die Kommune Gamvik. Diese hat ca. 1.400 Einwohner, die die sich im wesentlichen auf drei Orte verteilen. Da ist zunächst einmal Mehamn, das Zentrum der Kommune mit ungefähr 900 Einwohnern, auf das wir an dieser Stelle nicht weiter eingehen wollen, sowie weiterhin Gamvik und Skjanes, wo angabegemäß 270 und 230 Menschen leben sollen (Quelle: Deutsche Ausgabe "Gemeinde Gamvik", Stand Juli 2000). Und wie die Quelle weiter zu berichten weiß: "Die Gemeinde kann abwechslungsreiche, subarktische Natur, fischreiche Seen und Flüsse und ein aktives Kulturleben aufweisen. Fischerei und Fischverarbeitung sind die Säulen des örtlichen Wirtschaftslebens, das Exporte in die ganze Welt tätigt. Mehamn hat einen eigenen Flugplatz mit Verbindungen mit ganz Norwegen. Die Schiffe der Hurtigrute laufen Mehamn zweimal täglich an."
Gamvik
Um die Umgegend zu erkunden eignet sich Gamvik als hervorragender Standort. Für Camper sei der wohl nördlichste Festlandcampingplatz der Welt, das "Camp 71° N" von Hildor Bech ("Mr. Hilly") empfohlen (siehe Tourenbericht: Die Reststrecke durch Norwegen).
Hildor bietet Bootsausflüge an zu der nahen Seehundkolonie, den alten Siedlungen der Nordküste (siehe unten) sowie bis zum Felsen Kinnarodden. Weiterhin kann man Hochseefischen, Boote und Angelausrüstung leihen und sich von ihm auf Wanderungen ("foot steps to the north") begleiten lassen - ein Führer, der sich nicht nur in englischer Sprache, sondern auch in Deutsch verständlich machen kann, und der hier wirklich jeden Stein kennt, weil er schon seit seiner Kindheit hier oben lebt.
In Gamvik selbst lohnt vor den weiteren Erkundungen der Umgebung ein Besuch im örtlichen Museum, wo man sich einen guten Überblick zur Umgebung und der Geschichte des Umlands verschaffen kann, bevor man zu den historischen Siedlungen aufbricht. Die Leiterin des Museums, Frau Suanhild Alver Kaasen (siehe hierzu auch die Nordlandseite von Thomas Bujack), bemüht sich, die Besucher individuell zu betreuen. So bekommen wir hier sogar einen deutschsprachigen Führer ...
Slettnes Natur- und Kulturdenkmalgebiet
Ausgestattet mit den erforderlichen Infos kann man starten: Empfehlenswert eine mehrstündige Rundwanderung an der Nordküste. Hierzu geht man zunächst wieder zum Leuchtturm Slettnes Fyr, dem nördlichsten Festlandleuchtturm der Welt.

Am nördlichen Parkplatz (N71°05.44748´ E028°11.30025´) beginnt der Rundwanderweg, der in unserer Karte gepunktet eingezeichnet ist. Obwohl es sich hier um ein Naturreservat handelt, finden sich an diesem Parkplatz wilde Camper, die "Mr. Hilly" verständlicherweise "innig" liebt und gegen die hier leider niemand vorgeht. So kann es einem passieren, dass liebenswerte Zeitgenossen wie "Doris & Hermann on Tour" mit ihrem Wohnwagen sogar direkt auf dem Beginn des Wanderwegs campen und man sich als Wanderer daran vorbei zwängen muss! Diese Camper sollten zahlen, meint Hildor (zu Recht, wie wir meinen!) - eine Goldgrube, die wohl hier nicht genutzt würde. Wer kann ihm verdenken, dass er nach seinen Erfahrungen mit Deutschen seit den Zeiten der Festung Gamvik (siehe hierzu unser Schwerpunktthema) meint, die Deutschen kämen jetzt anstatt mit Waffen mit Wohnmobilen ...

Der erste Weg führt vom Parkplatz Richtung Nordwesten und zum nördlichsten Punkt dieser Wanderung: Zur Daumannsvika (N71°05.61227´ E028°10.82197´), der "Bucht der toten Männer", deren Name aufgrund von ertrunkenen Seeleuten entstanden sein soll, die nach unzähligen Schiffsbrüchen hier an Land getrieben wurden ....
Wie jede der drei Buchten, die wir auf unserer Rundwanderung passieren, gibt es hier eine eigene Geschichte (Quellen: Inger Helen Unstad, "Das Ostmeer als nächster Nachbar", Slettnes Natur- und Kulturdenkmalgebiet, ISBN: 82-91552-39-8, erhältlich im Museum Gamvik).
Daumannsvika
"Von niedrigen Bergen umgrenzt mit Aussicht auf das Meer, fließt ein Bach über die Ebene. Ein Pfad, ein zusammengebrochener Brunnen und was wahrscheinlich eine Räucherei gewesen ist, erzählen ihre Geschichte. Die Steinzäune markieren eine Trennung zwischen Flut- und Ödland, auf dem Boden sieht man Spuren von Torfsodenabstechung. Die deutlichsten Spuren menschlicher Tätigkeit sind die Grundstücke zweier zusammengebauter Häuser. ... Aus dem letzten Krieg sehen wir die Reste einer Booterdhütte, auf den Grundstücken zweier Häuser gebaut. Eine Erdhütte mit einem umgekippten Boot als Dach, im Evakuierungsherbst 1944 von einer Familie mit drei Kindern benutzt, ragt aus dem Gelände."
Man kann mehrfach das Gelände absuchen, die Grundmauern der Hausreste sind noch erkennbar, die Stelle der Booterdhütte ist dagegen nur noch mit viel Fantasie auszumachen. Auf jeden Fall aber eine tolle landschaftliche Stelle, die Gedanken schweifen beim Blick auf das Meer unweigerlich zu den unzähligen angespülten toten Seeleuten, die Fantasie regt sich an diesem unheimlichen Ort, den man sich allzu gut während schwerer Herbst- und Winterstürme hier am Rande des Eismeers vorstellen kann ...
Weiter geht die Wanderung. Unser Blick schweift wieder hinaus aufs Meer, wo man auch von hier aus die Seehundkolonie erkennen kann. Idyllisch haben es die Tiere: 6 Stunden schwimmen sie bei Flut mit großem Vergnügen, wie man sich bei einer Bootsfahrt überzeugen kann, bei Ebbe verbringen sie dann weitere 6 Stunden auf ihrem Felsen an dieser Stelle ...
Unser nächstes Ziel, die nächste Bucht südwestlich: Die Hollendervika (N71°05.52730´ E028°10.38873´).
Hollendervika
"Mit
nordwestlicher Aussicht an einem natürlichen Hafen liegen die beiden
Hollenderviken (-Buchten). Der Tradition zufolge haben die beiden Buchten
ihren Namen von einem holländischen Schiff, das etwa 1860 hier mit
gefälltem Holz von Archangelsk Schiffbruch erlitt. Eine zweite Erklärung
ist, daß der Name aus der Zeit stammt, als holländische Walfänger
den Ort besuchten. In der ersten Bucht, in der wir ankommen, wurde im vorigen
Jahrhundert Fisch gekauft und aufgehängt. ... Ein neulich zusammengestürztes
Haus bezeugt, daß es gar nicht so lange her ist, das der Letzte den
Ort verließ." Und weiter:
"Ein umgekipptes Boot, als Kuhstall benutzt, nimmt unsere Aufmerksamkeit in Anspruch. Am 5. Juli 1942 wurde das englische Handelsschiff "Earlston", Teil eines Konvois auf der Fahrt nach Murmansk, von deutschen Bombenflugzeugen versenkt. Elf Tage später trieb ein Rettungsboot mit 26 erschöpften und verwahrlosten Seeleuten an Land in Hollendervika. Die Ansäßigen leisteten ihnen Hilfe, mehrere von ihnen waren aber verletzt, so daß es auf Dauer unmöglich war, sie zu verstecken. Die Schiffbrüchigen wurden den Deutschen überliefert. Nach einem kurzen Aufenthalt im ´Haus der Fischer´in Gamvik wurden sie weiter nach Deutschland geschickt."
Soweit unsere Quelle. Wieder können wir nicht ganz so einfach die auf der Karte enthaltenen Stellen von Kai, Wohnhäusern, Kuhställen und Geräteschuppen erkennen - wieder muss die Fantasie herhalten. Was dagegen deutlicher erkennbar ist, sind die vielen angeschwemmten Gegenstände in dieser Bucht, selbst eine Waschmaschine ist darunter ...
Gut zu erkennen dagegen die Reste des Bootes, das als Erdhütte von den gestrandeten Seeleuten verwendet wurde - es ist erstaunlich, wie viel davon noch übrig ist, wenn man bedenkt, welche Winter es hier zu überdauern gilt im arktischen Umfeld ...

Erneut wunderschöne Landschaft auch um diese Buchten herum, die allein auch schon ohne geschichtlichen Hintergrund zu einer Wanderung reizen würden ... Weiter folgen wir dem hier gut markierten Rundweg Richtung Südwesten, Steinvag (N71°05.14042´ E028°09.36713´) ist unser nächstes Ziel ...

Steinvag
"In Steinvag sind die Felder weitgedehnt und das Gelände neigt sich leicht zum Meer. Viele Sagen sind mit dem Ort verbunden. ... Seit 1600 ist die kleine Bucht hauptsächlich von Norwegern bewohnt, aber eine Reihe samischer Gräber berichten von einer seesamischen Vergangenheit. ... Hier hatte man ein Beispiel, daß eine kleine samische Ortschaft, und zwar Steinvag, ganz norwegisiert worden war ...
Mehrere
Ansässige und die vielen anreisenden Fischer bereiteten die Grundlage
für den Handel. ... Um 1920 wurden diese Häuser abgerissen und
die letzten Ansässigen zogen fort. Heute berichten die Grundstücke
der Russenbuden die Geschichte. Auf dem Felsen gibt es drei Vertäuensbolzen
aus Eisen, ursprünglich montiert, um die großen Russenschiffe
zu bedienen. ..
Pomorer wurden sie genannt, die Russen, die nach Westen fuhren, um Handel mit den Norwegern zu betreiben. Der Russenhandel, der um 1720 an der Finnmarkküste anfing, trug zu stabilen wirtschaftlichen Verhältnissen bei, und führte zu einem erhöhten Bevölkerungszuwachs bis etwa 1900.
Steinvag war eine der sechs Ortschaften, wo den Fremden erlaubt war, landbasierten Fischfang zu betreiben. Die Pomorer machten in erster Linie Tauschhandel mit gefälltem Holz aus den großen Sägewerken in Archangelsk ... Die Russen versorgten die Küstenbewohner mit wichtigen Waren wie Mehl, Getreide und Graupen. Der Pomorhandel, wie dieser Handel genannt worden ist, nahm von etwa 1800 bis zur russischen Revolution 1917 in Umfang zu."
Soweit unsere Quelle. Kein Zweifel, nicht nur landschaftlich schönes, sondern auch geschichtlich interessantes Gelände, auf dem wir uns hier bewegen. Vom Boot aus konnten wir die Vertäuungseinrichtungen gut sehen, von denen in der Beschreibung die Rede ist. An den verschiedenen Hütten in der Umgebung kann man erkennen, dass es sich hier heute um ein Naherholungsgebiet für die Bewohner der Kommune handelt ...
Gegenüber von Steinvag ist er nun sehr gut zu sehen: Der legendäre
Felsen, der die Umrisse des berühmten norwegischen Arktisforschers
Roald Amundsen trägt - in der Tat scheint der Alte da hinten ruhend
im Wasser zu liegen, die Vorderseite seines Gesichtes ragt in beeindruckender
Weise aus der See ...
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Skjanes
Nach Mehamn und Gamvik ist Skjanes heute noch das dritte und letzte "Zentrum" menschlicher Besiedlung. Bei Hopseidet fährt man auf einer wunderschönen Küstenstraße nach Osten bis zum Ende - man ist mitten im Ort.
In diesem selbst findet sich nur ein kleiner Supermarkt, ansonsten nichts, was an Tourismus denken lässt - den hat man hier trotz wunderschönem Wasserfall am Ortseingang wohl (zum Glück!) vergessen. Ganz im Gegensatz zu Slettnes und der ungenutzten touristischen "Goldmine" ist hier schlichtweg gar nichts mehr!
Offiziell campen kann man hier nicht, aber auf dem Weg findet sich ein Abzweig zu einer Art Steinbruch, den man benutzen könnte oder aber man fährt direkt bis vor den Ort. Hier oben am Grillplatz des Ortes (N70°48.10152´ E028°04.66693´), mit weitem Blick über den vorgelagerten Fjord, kann man sein Fahrzeug aufstellen, sofern man die kleine Piste (am besten mit 4x4-Antrieb) bewältigen kann und dort nicht gerade auftaucht, wenn mal ein Grillfest stattfinden sollte ...
Ansonsten ist man hier oben allein, kann die Natur genießen und
den Ausblick, der einen Blick auf die ständig ändernde Wettersituation
draußen über dem Meer freigibt ...
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© Text/Bilder 2000 J. de Haas (Quelle zu Slettnes: Inger Helen Unstad, "Das Ostmeer als nächster Nachbar")