"American Star" - Reisen und Schätze ...Erinnerungen an bessere und bittersüße Zeiten
|
![]() |
Vorbemerkung
Von all den Abenteurern, die nach dem Auflaufen der unglückseligen AMERICAN
STAR noch an Bord gegangen sind, hat Steve Tacey vermutlich die längste und interessanteste
Beziehung zu diesem Schiff. Während der siebziger Jahre genoss er mehrere Reisen auf dem Schiff, als
es noch die AUSTRALIS war. Seit 1994 ist er mehrfach von seiner Heimat in
England aus zu den Kanarischen Inseln gepilgert und schaffte es dabei, das Wrack
mehr als einmal zu besteigen. Mitgenommen hat er dabei eine große Zahl
von Gegenständen und etliche ungewöhnliche Erinnerungen.
Aber das ist nicht alles: Er hat nicht nur eine umfangreiche Sammlung zusammen getragen, er hat außerdem einige einzigartige Kunstwerke geschaffen; oft hat er dabei mit Bill Lee zusammen gearbeitet, dem "inoffiziellen Historiker" der AMERICA. Auch die folgende Geschichte entstand aus ihrer Zusammenarbeit ...
Das erste Mal an Bord
Das erste Mal, als ich den Fuß auf einen Passagierdampfer setzte, war in der Tat erstaunlich: Die Gelegenheit war das große Abenteuer meiner Familie - wir verließen England im Jahr 1974, um einen Arbeitsaufenthalt mit dem Besuch der beiden Schwestern meiner Mutter und ihrer Eltern in Neuseeland zu verbinden - eine Reise um mehr als die halbe Welt. Ich war zu dieser Zeit zwölf Jahre alt.
Diese
denkwürdige Reise begann mit einer Busfahrt - meine Eltern, meine jüngere Schwester
und ich verließen auf diese Weise das einzige Zuhause, das ich bisher gekannt
hatte; es war eine Fahrt von Lincolnshire nach Southampton. Nachdem wir eine Nacht in einem Hotel
zugebracht hatten, setzten wir unsere Reise
mit dem Taxi zum mittlerweile abgerissenen Hafenterminal an den Docks von Southampton
fort.
Und dann ... lag SIE dort!
Was immer auch für gemischte Gefühle ich zuvor gehabt hatte aufgrund meiner mir nun drohenden "Entwurzelung", sie wurden schnell zerstreut, als ich erstmals das Schiff erspähte, auf dem mein Vater unsere Passage gebucht hatte. Sicher, wir kannten schon ihren Namen - AUSTRALIS - und wir hatten bereits vorher bunte Broschüren studiert, aber nichts, was wir lasen, hatte mich auf etwas vorbereitet, das ich nur als "Liebe-auf-den ersten-Blick" Erfahrung beschreiben kann.
AUSTRALIS war nicht mehr länger ein abstrakter und wesenloser Begriff für
mich. Sie (das korrekte Pronomen für ein Schiff, wie mein Vater, ein ehemaliger Seemann
der britischen Marine, mir sorgfältig beigebracht hatte), sie also wurde sofort MEIN Schiff. Für
immer ...
Sie war gewaltig; ein fantastischer Anblick mit ihrer Rumpfbeplankung, die von Millionen
starker Nieten zusammengehalten schien. Ich war voller Aufregung.
Nachdem wir uns in der Nähe ihres Hecks für ein Foto aufgestellt hatten, das mein Vater von uns aufnahm, machten wir uns auf den Weg die Gangway hinauf. Plötzlich waren wir innerhalb des Schiffes und in einer anderen Welt: Eine Welt, die - wie ich bald lernen sollte - von erfahrenen amerikanischen Handwerkern vor mehr als drei Jahrzehnten geschaffen worden war.
Bevor
wir mehr über das Schiff und seine umfangreiche Geschichte erfahren konnten, mussten wir
aber zunächst einmal die uns zugewiesene Unterkunft ausfindig machen. Es war eine
Vierbett-Kabine auf dem C-Deck, Nr. 1240 auf der Backbordseite, so weit achtern gelegen
wie eben noch möglich auf diesem Deck.
Außer dass sie irgendwie ziemlich weit weg war vom übrigen Schiff, lag sie auch noch in der Nähe der Schiffsschrauben. Im Bild links ist sie hinter uns, allerdings noch ein Deck tiefer als man dort sehen kann! Ursprünglich handelte es sich um einen Teil der Mannschaftsquartiere, und unsere beengte Kabine war während eines größeren Umbaus entstanden, der im Jahr 1964 erfolgte, als die Passagierkapazität der AUSTRALIS verdoppelt wurde.
Als wir in unsere Kabine einzogen, hörten wir bereits das tiefe Dröhnen der Schiffsmaschinen und bemerkten eine sanfte Bewegung, als wir in den Englischen Kanal Richtung Süden ablegten. Gegen 10 Uhr am darauf folgenden Morgen nahmen wir an einer vorgeschriebenen Übung an den Rettungsbooten teil, wo wir in die Notfallverfahren eingewiesen wurden. Am nächsten Tag, nachdem jeder etwas mehr Zeit gehabt hatte, sich an Bord zurechtzufinden, nahmen wir an einer Willkommens Cocktail Party beim Kapitän teil. Diese traditionelle Veranstaltung fand in der Main Lounge auf dem Promenadendeck statt; ein schöner und erstaunlich weitläufiger Bereich, der sich mit der Lobby eines jeden Grand Hotels messen konnte.
Einige Tage später lief die AUSTRALIS einen Hafen auf den Kanarischen Inseln
an. Noch wusste ich nichts davon, dass ich Jahre später auf genau diesen Inseln
unter ganz anderen Umständen wieder mit MEINEM Schiff zusammen kommen würde.
Mit der Zeit wurden uns die Gegebenheiten auf dem Schiff vertrauter und mehr und
mehr entdeckten wir die zahlreich vorhandenen Einrichtungen an Bord, zu denen
auch ein Kino, eine Krankenstation, Innen- und Außen-Schwimmbecken und eine
große Auswahl an Sportanlagen gehörte. Wir erfuhren auch mehr über die Geschichte des Schiffes und
staunten darüber, dass seine großartige Ausstattung aus der Zeit vor dem Zweiten
Weltkrieg die Kriegsjahre und die wechselnden Eigner praktisch intakt
überstanden hatte.
Jedoch
waren für einen jungen Burschen im Alter von zwölf Jahren solche Feinheiten nicht
annähernd so aufregend wie die Gelegenheit, die Brücke des Schiffes zu besuchen und
sich dort mit den anderen Familienmitgliedern zu zeigen.
Wir verließen England am 16. September 1974 mit der Reisenummer 46 (in südlicher
Richtung) und kamen in Auckland, Neuseeland, am 18. Oktober an. Für die meisten
Menschen, die nach Neuseeland reisten,
stellte dies das Ende einer langen, erfreulichen und denkwürdigen Ozeanreise auf dem Schiff
dar, das sie in ihre schöne neuen Welt gebracht hatte.
Wie sich aber herausstellte, war das Leben in Neuseeland doch nicht das, was den Erwartungen meiner Mutter und meines Vaters entsprach. Möglicherweise waren meine Eltern mit Herz und Verstand einfach in England geblieben, jedenfalls entschieden sie sich dazu, ihren Arbeitsaufenthalt abzukürzen und begannen mit den Vorbereitungen, um nach England zurückzukehren. Wir verließen Auckland im Januar 1976 und waren glücklich darüber, noch einmal eine Passage an Bord der AUSTRALIS zu bekommen. Die Aussicht, nach England auf dem gleichen Schiff zurückkehren zu können, erfüllte mich mit Freude ...
Zurück nach Hause
Dieses Mal hatten wir die Reisenummer 52 (in nördlicher Richtung), wir
verließen Auckland am 27. Januar 1976 und kamen in Southampton am 24. Februar an. Unsere
4-Bettkabine hatte die Nummer 1007 auf dem B-Deck; eine Innenkabine, die etwas größer, weiter
vorn und ein Deck höher lag als diejenige auf unserer Hinreise.
Das Datum unserer Abfahrt fiel mit dem 10. Geburtstag meiner Schwester zusammen: Ein Kuchen und eine Geburtstagskarte erwarteten sie beim Abendessen und verschafften so der Reise einen gastlichen Auftakt. Anders als bei unserer ersten Reise mit der AUSTRALIS befuhren wir diesmal den Panamakanal. Anlässlich unserer Kanaldurchfahrt wurde ein Buffet auf dem Promenadendeck aufgebaut. Es war zweifellos eine faszinierendes und denkwürdiges Erlebnis.
Wir legten dann noch einen kurzen Halt in San Juan, Puerto Rico, ein, wo - wie ich Jahre später erfahren sollte - die AUSTRALIS (noch unter ihrem ursprünglichen Namen AMERICA) ihren allerersten karibischen Hafenaufenthalt im August 1940 gehabt hatte. Tage später legten wir wieder an dem Dock an, von dem wir ungefähr 18 Monate vorher aufgebrochen waren. Ein kalter, aber sonniger Wintertag begrüßte uns, als wir schließlich an Land gingen und wieder englischen Boden betraten, und wir nahezu überwältigt waren von den vertrauten Eindrücken und Geräuschen, die wir so sehr vermisst hatten.
Wir waren wirklich wieder zu Hause ...
Schon
bald war unser Aufenthalt an Bord der AUSTRALIS nur noch eine angenehme
Erinnerung; ganz wesentlich aufrecht erhalten durch verblassende Fotografien und einige Erinnerungsstücke. Weniger als zwei Jahre, nachdem wir in
Southampton von Bord gegangen waren, brach sie von dort aus zu ihrer letzten Reise nach
Sydney auf und wurde dann schließlich bei Timaru in Neuseeland im November 1977
stillgelegt.
Unter zwei verschiedenen Namen wurde sie dann noch einmal kurz aber erfolglos
wieder in Dienst gestellt. Ihr vorderer (Dummy-)Schornstein wurde wenig
feinfühlig an seiner Unterseite abmontiert. Dann schließlich, im Jahr 1978, wurde sie
in einem abgelegenen griechischen Hafen vor Anker gelegt, wo sie verlassen und
weitgehend vergessen auch blieb. Mehr als ein Jahrzehnt lang blieb ihre Zukunft
fraglich.
Parallel dazu und im Kontrast zu diesen traurigen Ereignissen verlief mein Leben in dieser Zeit dagegen deutlich besser. Während der beiden folgenden Jahrzehnte schloss ich meine Ausbildung ab, begann eine Laufbahn im öffentlichen Dienst, begegnete meiner späteren Frau Ann, heiratete sie schließlich und wir bekamen unsere Tochter Sarah. Ich pflegte in all den Jahren auch ein Hobby, die Holzbearbeitung, was noch eine große Rolle bei den folgenden Wiedersehen mit dem Schiff meiner Jugend spielen sollte. Während dieser Entwicklungen in meinem Leben und dem gleichzeitigen unglücklichen Verlauf des Schicksals und der Zukunftsaussichten MEINES Schiffes hatte ich sie niemals vergessen. Von Zeit zu Zeit las ich Nachrichten über ihre Situation in britischen Seezeitschriften ...
Besuch in Griechenland
Aber das reichte mir nicht: Ich sehnte mich danach, das Schiff noch einmal zu sehen. So brachen Ann und ich schließlich im Jahr 1984 nach Griechenland auf, um es wiederzusehen. Nach unserer Ankunft organisierte ich eine Fahrt mit einem griechischen Fischer, der uns in seinem Boot herausfahren sollte, um das Schiff zu sehen. Da jedoch der Ankerplatz des Schiffes direkt gegenüber der Marinebasis von Salamis lag, erhielten wir keine Erlaubnis, näher heran zu fahren, geschweige denn an Bord zu gehen.
Die griechischen Behörden fanden es kaum glaubwürdig, dass ein britisches Ehepaar die ganze Reise gemacht haben sollte, nur um sich ein altes Schiff anzusehen, und so erhielten wir nicht einmal die Genehmigung, irgendwelche Fotos zu machen, da man uns letztlich verdächtigte, Spione zu sein!
Als ich
schließlich den Marineattaché an der britischen Botschaft bat, in unserem Namen zu intervenieren, erklärte er, dass die Griechen
sehr empfindlich wären, was das Fotografieren in diesem Bereich anbelangte und
dass es sogar einige Fälle gegeben hätte, wo man Schiffsenthusiasten wie uns
wegen angeblicher Spionage eingesperrt hätte. Da nun Vorsicht die Mutter der
Porzellankiste ist, entschied ich mich dazu, es mit einem Blick aus der
Entfernung auf das still liegende Schiff bewenden zu lassen ...
Nach diesem wenig befriedigendem Erlebnis war ich schließlich im Jahr 1992 äußerst erfreut, als ich eine Ankündigung las, dass das Schiff nun wieder eine neue Laufbahn einschlagen und nach einer Generalüberholung zu einem Hotelschiff in Thailand werden sollte. Willkommene Neuigkeiten in der Tat, noch angereichert durch Ankündigungen, dass die künstlerische Innenausstattung im Wesentlichen beibehalten werden sollte.
Gegen Ende des Jahres 1993 erfuhr ich, dass das Schiff begutachtet und als einwandfrei befunden worden war und darauf vorbereitet wurde, in einem langen Schlepp von Griechenland nach Thailand überführt zu werden. Sie war auch wieder umbenannt worden - dieses Mal in AMERICAN STAR - ein Name voller Hoffnung und Versprechungen. So dachte ich damals jedenfalls ...
Der endgültige Ruheplatz ...
Wie man weiß, geriet Anfang 1994 das neuerlich umbenannte Schiff auf seinem Weg
zu einer neuen Karriere in Thailand in einen heftigen Sturm. Es riss sich von
seinem Schlepptau los am 18. Januar 1994, und ihre Laufbahn endete, als sie
schließlich auf einem abgelegenen, felsigen Ufer der Kanarischen Inseln auflief
und später auseinanderbrach ...

Der letzte Ruheplatz der AMERICAN STAR liegt an der Westküste der Insel Fuerteventura
auf den Kanarischen Inseln, bei N 28,35° W 014,18°, dicht an einem Strand namens
Playa de Garcey.
Fuerteventura ist eine der vielleicht weniger bekannten Kanarischen Inseln, aber ist dennoch leicht zugänglich. Es ist ein
beliebtes Touristenziel für diejenigen, die einen entspannten Urlaub in
friedlicher Umgebung verbringen wollen. Zusammen mit einem sogar im Winter milden Klima
bietet die kleine Insel noch vergleichsweise ursprüngliche Verhältnisse.
Auf der Basis dieser Informationen schrieb ich im Juni 1994 die Direccion General de la Marine Mercante in Las Palmas an. Sehr freundlich gab man uns die genaue Position des Schiffes an und bestätigte, dass man es mit einem Fahrzeug erreichen konnte, um dort Fotos zu machen; jedoch jedes Besteigen des Wracks war verboten. Wir entschlossen uns, einen Urlaub auf der Insel zu buchen, in der Hoffnung, MEIN Schiff dort noch ein letztes Mal zu sehen ...
© 2008 Steve Tacey; Deutsche Übersetzung: Explorer Magazin