Die Zeit der Stürme geht weiter

Auf meinem Weg zurück zu meinen Bekannten in Vieira de Leiria komme ich an weiteren Opfern des Orkans vorbei. Im Bild unten kann man eine Stromleitung hängen sehen, etwa zwei Meter über der Straße. Anwohner helfen mir bereitwillig, mit dem LERRY darunter durch zu kommen. Ein Womo liegt hier auf der Seite, außerhalb (!) des Geländes, wo es eigentlich hingehört. Es stand auf einer Anhöhe, die wie ein Spoiler wirkte, als der Wind kam.

Ein anderes Bild unten mit einer Montage zeigt einen einst gesunden Baum, den ich sehr mochte: Das war ein ziemlich alter Eukalyptusbaum, ein riesiges Exemplar. Die Montage zeigt mich, ich sitze dort unten an dem gewaltigen Stamm (roter Kreis), der Orkan hat den Baum nun umgelegt. Da kaum Wurzeln zu sehen sind, könnte er von dem Orkanwirbel abgedreht worden sein, bevor er umfiel ...

Durchfahrt unter Stromleitung möglich? ... Mobilheim auf dem Kopf liegend ..? Dieses Womo hatte weniger Glück ...
Einstiger Sitzplatz: Alter Eukalyptusbaum Aktuelle Warnung ... Vorerst weiter im Schutz des Hauses ...

Die Zeit der Stürme dauert zunächst an: Immer wieder gibt es Sturmwarnungen mit sehr hohen Wellen. Der LERRY bleibt deshalb vorerst weiter im Schutz des Hauses. Inzwischen ist der Februar gekommen und damit wieder enorm viel Regen. Portugal geht nun auf eine Hochwasserkatastrophe zu. Die Orkanschäden an den Häusern sind noch nicht wieder repariert, viel Regenwasser kann fast ungehindert in die beschädigten Gebäude eindringen und die Zerstörung noch vergrößern.

Es herrscht nach wie vor totaler Stromausfall: Es gibt keinen elektrischen Strom mehr für alle Geräte, Ladestationen, Lampen und Außenbeleuchtung. Wenn die Nacht kommt, verschwindet draußen alles in tiefer Dunkelheit. Auch der LERRY steht in der totalen Finsternis der Nacht. In den Städten ist das nicht anders, es funktionieren keine Straßenlaternen, keine Verkehrsregelung oder Geldautomaten, alles ist einfach ausgeschaltet.

Das Wetter ist fast immer bedeckt. So gibt es in den Häusern und im LERRY nur noch ein Leben im Schein der Kerzen. Ich habe ein kleines Solarpaneel auf dem Dach, damit lässt sich während des Tages ein wenig Energie gewinnen. Wir nutzen diese wenige Energie, um die Handys der Nachbarn etwas aufzuladen. Die brauchen sie, um Fotos ihrer Schäden für die Versicherungen machen zu können.

Durch die völlige Dunkelheit der Nacht machen sich natürlich auch unerwünschte Personen auf den Weg: Deshalb gibt es sehr viele Fahrzeuge der Behörden, die zur Kontrolle der Straßen nachts unterwegs sind. Mir wird geraten, die Womo-Türen zusätzlich von innen zu sichern, ansonsten könnten nächtliche "Besucher" das unbeleuchtete Fahrzeug mit mir darin für ein lohnendes Objekt halten ...

Inzwischen ist der 7. Februar gekommen, der heftige Regen hält unvermindert an. Die ersten Straßen werden überflutet und gesperrt. In den größeren Gemeinden wird durch die Verteilung von riesigen Generatoren für einen Teil der Ortschaften Strom erzeugt. In den Dörfern ist man davon noch weit entfernt. Ein Generator wurde sogar in der Nacht gestohlen, bevor er angeschlossen werden konnte: So ein Gerät hat die Größe eines kleinen Lastwagens und wiegt einige Tonnen!

Ein erster kleiner Waschsalon kann nun durch den Notstrom öffnen: Der Andrang ist groß, ich helfe einer Bekannten, einen großen Berg Wäsche zu waschen. Wir benutzen mehrere Waschmaschinen gleichzeitig. Plötzlich stürzen Teile der Raumdecke von oben herunter: Ich habe wieder Glück und werde nur an der Schulter leicht gestreift. Nicht, dass ich Langeweile hätte ...

Sicherung gegen ungebetene nächtliche Besucher? Mehr als Kerzenschein geht nicht ... Reicht die Sicherung auch bei Tag?
Noch hält sie ... ... aber dann kommt sie runter, die Decke vom Waschsalon!
Ein Stück der Autobahn A1 weggespült ... Portugal ertrinkt im Regen ... Wann läuft das Wasser ab ..?

Portugal ertrinkt im Regen: Im Norden, in Coimbra, wird ein Stück der Autobahn A1 weggespült. Der heftige Regen ist im gesamten Portugal unterwegs. Hier in der Nähe werden nun Dörfer überspült, die etwa in einer Senke liegen. Das Wasser läuft natürlich auch nicht ab, es kommt vor, dass es in die Häuser eindringt. Die Menschen müssen im Wasser leben, denn es erscheint auch niemand zum Abpumpen. Die Einsatzkräfte sind im ganzen Land unterwegs und völlig überlastet ...

Inzwischen kommen auch Hilfslieferungen von anderen Ländern, Firmen und Spendern. In Vieira de Leiria, wo ich noch immer bei den Bekannten aushelfe, gibt es nun den ersten Strom durch einen Generator. Aber nicht für die ganze Straße und nur zeitweise, nachts wird abgeschaltet.

Ich habe am LERRY inzwischen Schäden durch Steinschlag entdeckt. Es ist sehr gut, dass die Karosserie des Fahrzeugs aus Aluminium besteht. Mit einer solchen aus Kunststoff wären jetzt vier große Löcher im Aufbau des Autos! Bei meinen Fahrten zur Unterstützung habe ich außerdem den linken Vorderreifen beschädigt, weshalb vorne nun zwei neue Reifen nötig sind.

Die Stromversorgung tagsüber bringt mich auf den Gedanken, mit dem LERRY der Bahn des Orkans Kristin vom 28. Januar zu folgen. Bis weit ins Land und bis nach Spanien soll es Zerstörungen geben. Ich erneuere also die beiden Vorderreifen und fahre los: Inzwischen ist der 23. Februar angebrochen ...


© 2026 Jürgen Sattler