Zerstörung pur
Strom, Internet, Wasser, Fernsehen - alles ist weg, nichts geht mehr. Auch kein Geldautomat und keine Kassen. Die Supermärkte sind beschädigt und geschlossen. Es gibt hier nur noch ein kleines batteriebetriebenes Radio, über das wir Neuigkeiten erfahren können. Wir hören, dass der Orkan Kristin zuletzt eine Windgeschwindigkeit von gemessenen 208 km/h (!) gehabt hat. Er ist quer durch Portugal nach Spanien gezogen und hat überall enorme Schäden verursacht. Wir sehen die geflogenen Balken bei Tageslicht, viele Schornsteine haben Dächer zerstört. Es gibt hier kein einziges Dach ohne Schaden. Ein Bild weiter unten zeigt die Steine, die vom Orkan herumgeweht wurden ...
![]() |
![]() |
![]() |
![]() |
![]() |
![]() |
![]() |
![]() |
Oben ist auch der Stellplatz zu sehen, den der LERRY vor dem Orkan hatte: Dort liegen jetzt Bäume und große Dachteile. Auch eines der Häuser hier in der Straße ist zu sehen, der gesamte hintere Anbau lag genau in der Zugbahn des Orkans, alles ist zerstört. Die anderen Häuser der Straße sehen ähnlich aus. Die stabilsten Hoftore, auch die schweren mit Hydraulik, flogen wie Papier aus ihren Halterungen auf die Straße. Viele Autos hatten nicht so viel Glück wie meines: Sie bekamen die Steine ab. Eingeschlagene Scheiben und tiefe große Dellen im Fahrzeug sind das Ergebnis.
Versorgungsleitungen führen hier über Strommasten: Viele der Masten liegen flach auf der Erde, die Kabel sind gerissen. Es wird Monate dauern, bis alles wieder so funktioniert wie vor dem Orkan. Da ich Bekannte in Praia da Vieira habe, will ich versuchen, unter den hängenden Kabeln und zwischen den umgestürzten Bäumen dorthin zu kommen und zu helfen. Die Straßen sind voller Dachziegel, Steine und von allem, was sonst noch so geflogen ist. Da muss ich jetzt sehr aufpassen.
In den frühen Morgenstunden nach der Orkannacht finde ich einen Stellplatz auf dem großen Parkplatz am Atlantik, am nördlichen Ende von Praia da Vieira. Dieser Platz wird normalerweise von den Wohnmobilen der Portugiesen sehr gerne benutzt, heute ist hier niemand. Nur ein großer Wohnanhänger hat es nicht geschafft, sich in Sicherheit zu bringen: Der Orkan hat ihn von seinem alten Platz weggeweht und platt gedrückt, wie auf dem Bild zu erkennen ist. Weitere Teile des Wohnanhängers finden sich in einer Entfernung von gut 300 Metern entfernt von seinem Standplatz. Hier in diesem Ort ist der Orkanwirbel angekommen, ich befürchte nichts Gutes ...
Der Parkplatz, auf dem ich den LERRY jetzt abgestellt habe, liegt direkt am Strand von Praia da Vieira. Mein erster Blick gilt dem Atlantik, das Meer ist noch immer aufgewühlt. Dann gehe ich weiter ins Dorf, vom Norden zur Uferpromenade, alles ist still. Es ist inzwischen fast 10 Uhr und niemand ist zu sehen. Schon auf den ersten Blick ist die große Zerstörung zu erkennen ...
![]() |
![]() |
![]() |
![]() |
![]() |
![]() |
Die Gebäude wirken verlassen. Alles ist mit einer großen Menge Sand bedeckt. Der "klebt" sogar an den Hauswänden, teilweise bis unter dem Dach. Die beiden im Bild oben zu sehenden runden Gebilde auf der versandeten Straße sind die hier üblichen Behälter für Müll, jeder für eine bestimmte Sorte. Ein sehr gutes System, man kann überall ausreichend Müll entsorgen und trennen. Es sieht so aus, als hätte der Orkan den Strand an Land geblasen. Weitere Bilder zeigen die Hauptstraße der Uferpromenade, sie ist teilweise mit 10 cm Sand auf dem Asphalt bedeckt.
Das erste Lokal, das ich erreiche, ist das "Ancora": Das war ein gemütliches Lokal, am Sonntagmorgen traf sich hier die portugiesische Bevölkerung zum Plausch, ganze Familien waren da. Ich habe das einmal miterlebt, Portugal pur, herrlich. Jetzt hat das Lokal extreme Schäden am südlichen Ende und zur Seeseite sieht das genauso aus. Ich schätze die Zerstörung auf gut 70%. Der Sand des Strandes hat alles zugedeckt. Auf der anderen Straßenseite sieht es nicht besser aus: Hier liegt der Sand bis in den Gebäuden. Die Scheiben sind eingedrückt und die Flächen liegen voller Bruchstücke von den Dächern, den Fenstern und allem, was davor gestanden hat. Viele Glasscherben, zerbrochene Dachziegel, Holzbalken und Möbelteile ...
![]() |
![]() |
![]() |
![]() |
![]() |
![]() |
![]() |
![]() |
Von Müllbehältern wurden vom Orkan auch die Deckel abgerissen: Sie flogen dann in der völligen Dunkelheit des Orkans herum, wie große Wurfscheiben. Eigentlich hatte die Bevölkerung noch großes Glück: Wäre der Orkan tagsüber gekommen, wären sehr viele Menschen auf den Straßen unterwegs gewesen. Alle Verkehrsschilder, die ohne jeden Windschutz standen, liegen platt auf der Straße, also nicht nur schräg oder verdreht. Sie liegen sauber im 90° Winkel auf der Straße, das muss in Sekunden passiert sein. Die Wucht des Orkans wirkte wie ein präzises Werkzeug.
Auch das Restaurant "O Leme" (Das Steuer) hat sehr große Schäden. Alle Scheiben sind weg, die Inneneinrichtung durch den eintretenden Orkanwind zerstört. Die Außenanlagen mit dem Mobiliar und den schweren Sonnenschirmen sind weggeblasen. Sie liegen überall verteilt am Strand und bis auf die Straße. Vor dem Restaurant liegt sogar einer der großen Deckel der Müllbehälter der anderen Straßenseite. Er muss entgegen die vorherrschende Windrichtung geflogen sein, als der Orkanwirbel hier vorbeikam.
Ich bin nun unterwegs in den Ort, weg vom Strand. Es gibt kein Haus ohne Schaden! Die weiteren Bilder zeigen die Menge der in der Dunkelheit des Orkans herumgeflogenen Teile. Die Straßen sind übersät davon. Es müssen viele zehntausend Teile gewesen sein. Wer in einen solchen Wind hinein kommt, wird zweifellos zu Tode gesteinigt ..!
Ein kurzer Blick in den alten Ortskern von Praia da Vieira: Der stammt noch aus einer Zeit, als es den Tourismus, die Appartementhäuser und die Wohnhäuser noch nicht gab. Die Häuser sind eher klein, trotzdem hat der Orkan hier genauso gewütet. Die schmalen Straßen sind voller Teile, die in der Nacht geflogen sind. Dazu gehört auch der Deckel eines Müllbehälters, der zusammen mit anderen Teilen in einen kleinen Weg geblasen wurde. Die höher liegende Hauptstraße ist noch voller Müll. Straßen wurden nur schnell ein wenig geräumt, damit Autos zur Hilfe und Versorgung einigermaßen sicher fahren können. Sehr viele der Versorgungsleitungen des Ortes sind zerstört, es funktioniert nichts mehr.
Inzwischen habe ich erfahren, dass es in vielen kleinen Städten und Dörfern in einer Umgebung bis mindestens Leiria genauso aussieht. Die kleinen Gemeinden werden wohl am längsten warten müssen, bis alles wieder so funktioniert, wie es vor dem Orkan einmal war. Ich habe mir auch kurz den Strand angesehen: Kilometerweit sind gut 1,50 Meter Höhe des Sandes am Strand weg, einfach verschwunden. Der größte Anteil ist ins Meer gespült worden, der Rest liegt an Land im Ort verteilt ...
© 2026 Jürgen Sattler





















