Glasbläserei in Marinha Grande
Im Jahr 1769 bekam die Fabrik ihre zweite Chance: Der britische Unternehmer William Stephens, in Portugal bekannt als Guilherme Stephens, erweckte die Fabrik zu neuem Leben. Unterstützt wurde er tatkräftig vom Marquis von Pombal, Sebastião José de Carvalho e Melo, dem damaligen Premierminister, mit Erlaubnis von König Johann V. Die staatliche Unterstützung bestand damals aus zinslosen Krediten, guten Grundbesitzregelungen und kostenlosem Zugriff auf das Holz der Wälder der Umgebung. So entstand aus der alten Fabrik die neue "Königliche Glasfabrik von Marinha Grande".
Die beiden Männer waren kluge Köpfe, denn auch das Volk sollte etwas von dieser Fabrik haben, und zwar nicht nur Arbeitsplätze. Der Bau der neuen Fabrik wurde eine komplexe Industrieanlage, wie man an den Bildern gut erkennen kann. Mit zur Fabrik gehörten auch mehrere soziale Einrichtungen, die sich auf dem Gelände der Fabrik befanden. Das waren zum Beispiel Schulen, Gärten und auch ein Theater. Auch durch diese Aufwertung der Fabrik wurde Marinha Grande letztlich zum Zentrum der portugiesischen Glasherstellung.
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Die von Guilherme Stephens neu belebte Fabrik brachte noch eine besondere Änderung mit sich: Die schon erwähnte Technik von mundgeblasenem Glas. Diese brachte Marinha Grande schließlich den Namen "Hauptstadt des Glases" ein. Seit der Neueröffnung der Fabrik im Jahre 1769 wird hier hochwertiges geblasenes Glas und eine daraus entstandene entsprechende Glaskunst hergestellt. Generationen von Handwerkern und Künstlern sind an dieser Entwicklung beteiligt. Die moderne Glasbläserei umfasst heutzutage Kristallwaren bis hin zu speziellen Glaswaren für die Industrie. Diese Glaswaren werden inzwischen in modernen Fabriken hergestellt, ebenfalls hier in Marinha Grande.
Das heutige Glasmuseum befindet im ehemaligen Herrenhaus von Guilherme Stephens aus dem Jahr 1770. Mir ist der Zutritt zum Herrenhaus leider verwehrt, da es noch zu viele Schäden durch den erwähnten Januar-Orkan gibt, und der liegt mittlerweile bereits 3 Monate zurück. Nach dem Tode von Guilherme Stephens führte sein Bruder João Diogo Stephens die Fabrik weiter. Dieser verfügte später, dass die Fabrik nach seinem Tode an den Staat Portugal und damit an das portugiesische Volk fallen sollte, was dann auch so geschah. Die Entstehung des Glasmuseums dauerte fünf Jahre, 1998 konnte es eröffnet werden. Im Museum finden sich Kunstwerke aus 200 Jahren Glaskunst.
Das eiserne Tor, das den Zugang zum Gelände der Fabrik ermöglicht, wirkt etwas klein im Vergleich zu den Ausmaßen der gesamten Fabrik. In dieser gab es auch noch etwas, das man heute in der Geschichte von Marinha Grande findet: Die "Glasmachersuppe", die Sopa do Vidreiro.
Diese Suppe war das übliche Mittagessen der Arbeiter. Bei dem jährlichen Fest der Suppen in Marinha Grande wird diese Suppe noch immer wieder angeboten. Sie besteht noch heute aus gekochten Kartoffeln, Knoblauch, Olivenöl, einem verlorenen Ei und natürlich in kleine Stücke gebrochenem Brot. Etwas Kabeljau ist auch dabei. Alles zusammen wird mit dem Kochwasser des Kabeljaus übergossen, und zwar mit so viel, dass noch etwas als Suppe im Teller nach dem Einweichen des Brotes übrig bleibt.
Jetzt ist es aber endgültig Zeit für mich,
mir einmal die Produkte des Glasblasens näher anzuschauen: Da ich an die Kunstwerke im Museum nicht herankomme,
finde ich hier gleich das PoeiraGlass estudio do Vidro, ein
Glasstudio. Also, einmal richtig tief Luft holen, denn auch im
Glasstudio soll geblasen werden!
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Das Museum ist geschlossen und auch Glasblasen ist hier erst einmal nicht geplant. Die Öfen sind kalt, aber das, was ich hier nun sehe, sind die Öfen, mit denen interessierten Besuchern die Technik des Glasblasens vorgeführt wird. Ich sehe Werkzeuge und direkt vor mir einen Teil der Materialien, die zur Herstellung verwendet werden. Zur Produktion der klaren Glasflüssigkeit benötigt man Quarzsand, mit einem Anteil von 60% ist er der Hauptbestandteil der Materialien. Dazu kommen Kalkstein, Soda und Tonerde. Bei einer Temperatur von 1.200 °C entsteht daraus die klare Flüssigkeit Glas ...
Der Beruf des Glasbläsers ist übrigens z.B. in Deutschland ein anerkannter Beruf mit einer 3-jährigen Ausbildung. In der Glasbläserei gibt es verschiedene Fachrichtungen, die der angehende Bläser einschlagen kann: Zum Beispiel der eher industrielle Glasapparatebau, dann die Herstellung von Kunstwerken aller Art aus Glas (Christbaumkugeln, Christbaumschmuck, künstliche Augen, Figuren) oder eben eine Auswahl der verschiedensten Dinge für einen Haushalt.
Früher wurde das Blasen von Glas mit Hilfe einer Öllampe durchgeführt. Man hatte Glasstäbe, die mit einer Öllampe erhitzt wurden. Die Öllampe wurde durch einen Blasebalg unterstützt. Mit dem geschmolzenen Glas der Stäbe wurden zum Beispiel Figuren oder Glasperlen hergestellt. Inzwischen wurde die Öllampe durch einen Gasbrenner mit Gebläse ersetzt. Die ursprüngliche Bezeichnung dieser Art des Blasens hat sich aber bis heute erhalten: Das "Glasblasen vor der Lampe".
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Heutzutage werden Geräte verwendet, die mit Sauerstoff und Druckluft arbeiten. Sauerstoff ist in der Verbrennung erheblich besser als gewöhnliche Außenluft mit einem Gehalt von nur 21% Sauerstoff. Dadurch können Temperaturen bis 2.500 °C erreicht werden. Das eröffnet dem Glasbläser sehr viel größere Möglichkeiten als die Temperaturen einer früheren Öllampe. Hier in der Glasgalerie PoeiraGlass estudio do Vidro sind aber dann doch noch viele Stücke aus der alten Kunst der Glasbläserei zu sehen.
Der heutige Glasbläser kann über die Zufuhr von Sauerstoff und Druckluft die Arbeitstemperatur beliebig ändern. Mit den verschiedenen Glassorten ergeben sich fast unbegrenzte Möglichkeiten zur Bearbeitung des Glases. Die hier sichtbaren Exponate wurden beim Blasen mit Farbgebung und verschiedenen chemischen Reaktionen in unterschiedlichen Temperaturbereichen als kleine einmalige Kunstwerke erzeugt. Auch die Oberflächen der Produkte können auf diese Weise beeinflusst werden.
Ich finde zwei Gebrauchsgegenstände: Oben eine geblasene Karaffe aus Glas mit Griff und Verzierungen aus rotem Glas. Rote Glasstäbe sind mit einem mundgeblasenen Hohlkörper verbunden. Die Schale aus Glas zeigt im Inneren mehrere verschiedene Farbeinschlüsse. Die Figur einer Qualle im Wasser ist mit ihren Armen sofort zu erkennen. Mit eingeschlossen sind Luftblasen, um die Vorstellung von Wasser zu unterstreichen. Auch ein kleiner Schwan aus Glas ist ein besonderes Einzelstück: In seinem Körper finden sich weiße Farbeinschlüsse, die sehr gut sein in der Realität weißes Gefieder erahnen lassen.
In der Glasgalerie finden sich wirklich kleine Glaskunstwerke: Sie zeigen die Möglichkeiten des Glasbläsers, sein Können auch an kleinsten Kunstwerken zu zeigen. Da wäre z.B. ein kleiner Fisch: Deutlich ist die Fischart zu erkennen, ein sogenannter Clownfisch. Natürlich gibt es einen Grund, warum ich hier ausgerechnet auf diesen Fisch treffe: Vor 23 Jahren spielte ein solcher Clownfisch den Hauptdarsteller im Film "Findet Nemo!". Unvergessen! Die kleinen Seesterne unten, die beiden kleinen Katzen und die kleinen Herzen: In ihnen sind weitere Details zu entdecken. Man kann diese kleinen Kostbarkeiten durchaus auch direkt vor das Auge nehmen, um noch interessante Einzelheiten zu erkennen ... (Quelle: Webseite Glasmuseum Marinha Grande).
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Da mir der Zutritt zum Glasmuseum nicht möglich ist, habe ich ein
paar Kunstwerke des Museums im Internet finden können. Hier ist
zu sehen, was mit der Glaskunst alles verwirklicht werden kann.
Verschiedene Glassorten dienen als Grundlage. Von innen gefärbtes
Glas oder Gravuren und Bilder mit feinsten Details: Eine
kunstvoll gearbeitete Etagere. Sie ist so sauber gearbeitet, dass
man ihr die handgemachte Anfertigung auf den ersten Blick nicht
ansieht. Eine Vase aus klarem Glas: Von innen weiß und von außen
bemalt. Bei den handgefertigten Glasflaschen sind mir einige
besonders aufgefallen: So z.B. die Dame in Glas. Leider habe ich nichts
darüber erfahren können. Was wird in sie wohl eingefüllt ..?
Oder ein Fisch
auf dem Kopf als Flasche aus klarem Glas mit feinen Details.
Wunderbar!
Und man sollte sich die beiden
Weingläser anschauen: Ich weiß, dass es schon immer
wunderbare und kunstvolle Weingläser gegeben hat. Für mich ist es
deshalb völlig unverständlich, weshalb heutzutage solche
unpersönlichen Weingläser wie im linken Bild unten verwendet werden.
Zur durchaus langweiligen Erscheinung des Glases kommen noch zwei
Dinge dazu, die zu einem guten Wein eigentlich nicht passen: Das
Glas wird wohl hochwertig sein, doch alles erscheint zu dünn und
zu riesig. Außer dem Material finde ich nichts Besonderes oder gar
Edles an diesem Glas. Es wirkt in einer (kleinen) Hand eher wie
eine Blumenvase mit Stiel. Es soll sogar "Vorgaben" dazu
geben, wie ein solches Glas zu halten ist! Ich glaube es nicht ..!
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Im Gegensatz zu diesem das handgefertigte Weinglas aus der Glasfabrik Marinha Grande: Die Farbgebung lässt alle Wünsche zu, um eine "Persönlichkeit" des Glases zu erzeugen. Die leichte Tönung im oberen Teil ist vergleichbar mit einem "Lichtschutzfaktor" für den Wein darin. Man sollte genau hinschauen: Selbst der obere Rand des Glases ist kunstvoll gefertigt. Wie sich das wohl an den Lippen anfühlt? Das edle Behältnis für einen edlen Tropfen! (Anm. der Red.: Wesentlich für den Einfluss des Weingeschmacks ist u.a. nach Erfahrungen bei Weinreisen sowie Auskunft der Sommelière Gerhild Burkard, dass Weingläser nicht über einen (dickeren) "Rollrand" verfügen sollten).
Soweit ein kleiner Einblick in die auf jeden Fall interessante Technik der traditionellen
Glsbläserei. In anderen europäischen
Ländern gibt es sicher ebenfalls Meisterwerke dieser Technik, etwa in
Italien, Deutschland oder auch Frankreich. Für Marinha
Grande hier in Portugal war es etwas ganz Besonderes in seiner
Geschichte.
Für den LERRY und mich geht es nun bald wieder gen
Norden: Dann bläst bei uns nur noch der Fahrtwind ...
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© 2026 Jürgen Sattler
Anm. der Red.: Weitere Beiträge von Jürgen Sattler finden sich in unserer Autorenübersicht!































