Landgang mit Hindernissen ...

Die Zeit an Bord vergeht schnell und Mitternacht naht: Während der Trubel auf der Fähre noch ungebrochen ist, machen wir uns für unseren Aufbruch bereit. Das ist nicht weiter schwierig, da wir nur mit sehr leichtem Gepäck an Bord gegangen sind, schließlich wartet gleich wieder der Explorer auf uns zur Weiterfahrt auf der Insel.

Der Zugang zum Autodeck ist bereits geöffnet, als wir im Schiffsbauch ankommen: Auffällig die gähnende Leere auf dem Autodeck, auch von den Fahrern der beiden Fahrzeuge vor uns ist weit und breit noch nichts zu sehen. Langsam beginnt die Vorbeitung zur Explorer Ausfahrt: Das Navi wird eingestellt aufs nächste Ziel - auch wenn Uddens Camping in Skag/Eckerö nur rund 40 km von Mariehamn entfernt ist, wird ein Navi sicherlich hilfreich sein bei der Fahrt über die nächtliche Insel bis zu ihrer abgelegenen Nordspitze.

Man steigt wieder aus, die Fähre legt an, die Bugklappe öffnet sich, nach wie vor ist kein Mensch außer uns zu sehen - bis auf einen hochgewachsenen, älteren Herrn in weißem Hemd, der nach seinem Auftreten offenbar leitende Funktion unter Deck hat und zu uns kommt: Ob wir hier etwa raus wollen, fragt er uns ungläubig, während draußen ein Schlepper aufwändig mit mehreren Anläufen versucht, einen großen Container an Bord zu hieven.

Klar wollen wir hier raus, aber warum fragt der Mann? Das schnell aufkommende sehr ungute Gefühl bestätigt sich umgehend, als er klar macht, dass wir hier nicht rauskönnen, denn schließlich stünden da ja zwei Fahrzeuge vor uns. Und außerdem - er wirft einen Blick in das Explorer Cockpit - da würde ja auch ein Schild mit der Aufschrift HEL, also Helsinki hängen!

In diesem Moment heißt es erst einmal ganz ruhig bleiben, auch wenn es schwerfällt: Sind wir etwa jetzt verantwortlich für das offenbar vollständige Versagen der Gesellschaft beim Check-In? Hätten wir etwa wissen müssen, dass in einem Schiff nach Helsinki, neben dem direkt die Einweisung in eine Fähre nach Tallinn erfolgt, auf keinen Fall das Schild HEL für uns richtig war? Und unsere Position ganz vorne in der Warteschlange einer ganz bestimmten und zugewiesenen Einfahrspur wohl nur ein Zufall ..??

Nur zwei Fahrzeuge vor uns - trotzdem kein Entkommen ... Die POMMERN ist schon so nah ...

Bedauernd mustert uns der "Unterdeck-Offizier" und verneint diese Fragen nachdenklich - eigentlich könnte man das nicht von uns erwarten. Er verabschiedet sich kurz um zu klären, welche Möglichkeiten vielleicht doch noch bestünden, das Schiff zu verlassen.

Wir können kurz über die Bugklappe hinausgehen, man kann einen Blick auf den nächtlich beleuchteten und so nahen und doch unerreichbaren Kai werfen - auch der ebenfalls beleuchtete alte Segler POMMERN, das Wahrzeichen des Hafens von Mariehamn, scheint zum Greifen nah, aber ... zwei irgendwie grienende Åland-Arbeiter stehen auch am Kai, die wohl alles mitbekommen zu haben scheinen. Ein weiteres, offenbar noch nicht ganz so souveränes weibliches Besatzungsmitglied der SYMPHONY, das etliche vergebliche Anfahrversuche des Schleppers mit seinem Container zu dirigieren versucht, verliert fast die Nerven, als wir uns nun langsam aufzuregen beginnen: Wir müssten sofort den Ladebereich verlassen und zurück von der Bugklappe ins Schiff, herrscht sie uns an.

Der Container ist mittlerweile mühsam an Bord gehievt, irgendwelche Fahrzeuge oder Passagiere, die das Schiff verlassen oder wie wir verlassen wollen, sind dagegen nicht zu erkennen - hier, in der Inselhauptstadt Mariehamn,  geht also heute Nacht niemand von Bord, und das soll keinem aufgefallen sein ..??

Die Diskussion wird nun lautstärker und auch der "Leitende" kann nicht gerade beruhigend auf uns einwirken, als er mitteilt, es täte ihm leid, aber wir müssten nun doch mit nach Helsinki fahren, ein Verlassen des Schiffes wäre unmöglich. Außerdem: Wie solle man um diese Zeit, um Mitternacht, die Fahrer der beiden Fahrzeuge vor uns ausfindig machen und hierher schaffen? Auch das mittlerweile in höchster Wut vorgetragene "Argument" zieht nicht, auf einer Fähre in Island würde man derartige Fälle schnell mit einem Gabelstapler irgendwie regeln, die wären halt fähig, die Isländer!

Diese "Argumentation" ändert zwar nicht seine Entscheidung, scheint ihn aber irgendwie beleidigt zu haben, denn schon bald verschwindet er, während sich die Bugklappe tatsächlich wieder zu schließen beginnt und er uns rät: An unserer Stelle würde er die Gesellschaft verklagen. Mit ungläubigem Staunen vernehmen wir diesen Rat noch ein zweites Mal, während er uns außerdem nahelegt, nun zur Rezeption zu gehen, wo man alles klären würde ...

SYMPHONY-Promenade, lange nach Mitternacht: Nun gehört das Schiff uns! Diese Bar dürfen wir hemmungslos leeren ...

Immer noch kann man nicht wirklich fassen, dass sich die Klappe da vorn nach kaum 15minütigem Aufenthalt in Mariehamn nun wirklich geschlossen hat und die Schiffsmotoren wieder losdröhnen - es geht nun zwingend Richtung HELSINKI und wir können nicht wie üblich irgend etwas zu Klärung der Situation unternehmen! Echte Wut kocht nun hoch beim Verlassen des Schotts zum Autodeck, ein Rettungsring löst sich unter dem Tritt des irgendwie ungehaltenen nächtlichen Passagiers, der nicht einmal bemerkt, dass direkt über ihm Überwachungskameras installiert sind ...

Bedauern erwartet uns an der inzwischen nächtlich vereinsamten Rezeption: Sowas hätte es noch nie gegeben! Wir bekommen eine Kabine zum Ausgleich und Gutscheine für das Frühstücksbuffet sowie die Rückfahrt von Helsinki nach Mariehamn - außerdem, so teilt man uns fürsorglich mit, sollten wir auf Kosten der Gesellschaft ruhig die Minibar in der Kabine leeren - alles inklusiv nun!

Zeit für ein nächtliches Bier in dem am frühen Morgen nun deutlich geleerten Pub nehmen wir uns noch, bevor wir uns auf die erste Nacht an Bord der SYMPHONY einstellen, denn in der großzügig angekündigten Minibar sind außer zwei kleinen Döschen Carlsberg, Cola und Sprite nur noch Plastikbecher zu finden ...

Kreuzfahrt nach Helsinki ...

Kurz vor 10:00 Uhr am nächsten Morgen erreichen wir schließlich Helsinki: Die Frühstückgutscheine haben wir schon früh eingelöst und am neuen Zielort erwartet uns nun eine Zeitumstellung von einer Stunde. Gedanken machen wir uns noch über den Inhalt unserer jetzt "Nicht-mehr-Kühlbox" im Explorer, hoffentlich überstehen alle Vorräte den ungeplanten Ausflug. Zwar ist alles auf Haltbarkeit ausgelegt, aber nun wird es doch noch eine ganze Weile dauern, bis wir endlich auf den Ålands ankommen.

Da die Fähre erst um 17:00 Uhr wieder in Helsinki ablegen wird, haben wir genug Zeit für einen ausführlichen Stadtbummel. Und danach wird uns erneut eine sehr lange bzw. sehr kurze Nacht erwarten: Diesmal wird die SYMPHONY erst um 4:00 Uhr morgens im Hafen der Ålands ankommen - aber bis dahin wollen wir uns so gut wie möglich mit der bestehenden Situation abfinden. Dazu gehört nun auch ein Kauf von neuer Unterwäsche in Helsinki, denn wir haben nicht die geringste Lust, das Fahrzeug auszuladen, um wieder an unsere Sachen zu kommen, die im Moment unzugänglich sind.

Die Bugklappe öffnet sich, wir rollen von Bord, einige Mannschaftangehörige winken uns zu, die das nächtliche Drama mitbekommen haben. Draußen umrunden wir erst einmal das Abfertigungsgelände, bis wir einen geeigneten, etwas abgelegeneren Parkplatz für den Explorer gefunden haben.

Zunächst heißt es wieder mal zum Schalter der Silja Line zu gehen: Nicht nur die nötigen Papiere für die Rückfahrt mit der SYMPHONY brauchen wir, sondern es sind auch Umbuchungen erforderlich für die Folgefähre ab Mariehamn, da wir unseren Aufenthalt auf den Ålands wegen dieser "Kreuzfahrt" nicht verkürzen wollen. Die Dame am Schalter der Silja Line zeigt viel Verständnis für unsere Situation, hat offenbar bereits alle erforderlichen Daten vorliegen und bemüht sich sehr um beste Unterstützung ...

... von Helsinki nach Tallinn wollen wir nun nicht auch noch ... Am Abfertigungsschalter zu sehen: SYMPHONY in groß und in klein ...
In den Markthallen von Helsinki ... ... und das Angebot außerhalb ... Unterwegs auf dem Markt ... Am Enso-Gutzeit Haus: Staunt der kleine (Große) etwa über uns ..?

Der anschließende Stadtbummel führt uns zunächst in das nahe Hafengelände und zum dortigen Markt mitsamt seiner Markthalle - wie immer bei unseren Touren ein gern angesteuerter Ort!

Im Helsinker Hafentrubel vergeht die Zeit schnell, auch der mittägliche Lunch mit Fisch und wie immer bestens trinkbarem Lapin Kulta erfüllt alle Erwartungen.

Am Nachmittag machen wir uns auf den Rückweg zum Parkplatz: Der sonnige Stellplatz vom Explorer legt nahe, noch einmal die Batterie der Kabine nachzuladen und die Kühlbox anzuwerfen: Erstaunte Fußgänger betrachten unsere neben dem Fahrzeug aufgebaute mobile Solarzelle, während es uns im Trubel rund um das nahe Hafengelände nicht langweilig wird. Auch ein paar Deutsche mit Wohnsitz in Finnland sprechen uns an und zeigen sich belustigt über unsere unfreiwillige Kreuzfahrt, die uns nach längerer Zeit und früheren Fahrten nach Norden wieder mal nach Helsinki verschlagen hat ...

Solarstrom tanken vor der Weiterfahrt ... Parkplatz-Nachbar am Straßenrand: Der braucht mindestens so viel Stellfläche wie wir ...

Die Zeit vergeht und es ist so weit, dass wir wieder die kurze Strecke zum Check-In und zur SYMPHONY zurücklegen können. Diesmal achten wir natürlich ganz besonders auf das Schild, das vorn im Fahrzeug hängen soll: In der Tat ist es nun nur noch ein großes Å, aber das sollte wohl nun auf der Rückfahrt genügen!

Wieder mal stehen wir ganz vorne in der Einfahrspur, diesmal sind wir allerdings fast die letzten, die an Bord gewunken werden, während zu hoch wirkende Fahrzeuge akribisch mit Holzlatten nachgemessen werden. Wir staunen nicht schlecht, als wir schließlich auf das Heck der RoRo-Fähre zurollen ...

Geschafft: Endlich das richtige Schild im Cockpit! Langes Warten: Die Ersten werden die Letzten sein ...

Wer zu hoch erscheint, wird nachgemessen! Einweisertanz und `Stockholm-Syndrom´ ...

Der uns bestens bekannte "Leitende" empfängt uns auf der Bugklappe stehend mit einem "Einweisertanz", bei dem er sich mehrfach um seine eigene Achse dreht. Irgend etwas hatte er allerdings auch mit seinem "Tanz" bezweckt, wie wir unmittelbar danach von ihm erfahren: Wir sollen drehen und rückwärts an Bord fahren - offenbar wird die SYMPHONY mit dem Heck voraus in Mariehamn anlegen und wir sollen als erste dann von Bord rollen ... 

Nach dem Verlassen des Fahrzeugs kommt es noch zu einem freundlichen Gespräch mit einigen Mannschaftsangehörigen, bis der "Leitende" alle wieder zur Arbeit ruft: Es wird gejoked, ob uns wohl die Kreuzfahrt gefällt und sie freuen sich als Antwort zu hören, dass so eine Irrfahrt mit der SYMPHONY sowieso viel angenehmer wäre, als sich auf irgendwelchen Inseln herumzuschlagen. Allgemeines Gelächter, so etwa muss das funktionieren beim "Stockholm Syndrom", wie man weiß - aber ob das irgendwer irgendwo ganz oben etwa ernst genommen haben sollte ..?


© 2015 J. de Haas