19.Tag: Dienstag, 02.09.97, 06:00 Uhr UTC

Ein letztes frühes Frühstück auf isländischem Boden, der Gang zur Toilette scheitert (nicht nur der Tschechenbus, auch alle anderen Abreisenden haben sich alle Mühe gegeben, nicht nur sämtliches Toilettenpapier aufzubrauchen, sondern auch jeden Wunsch im Keim zu ersticken, diese Örtlichkeit noch mal zu benutzen ...).

Idyllisch liegt Seyðisfjördur heute morgen in der Sonne, der Ort scheint sich irgendwie zu freuen, dass in Kürze alle Touristen (zumindest die mit eigenem Fahrzeug) von der Insel verschwunden sein werden. Die Norröna, in aller Stille am Morgen zu ihrer letzten Fahrt in dieser Saison eingelaufen, wirkt wie das größte Gebäude im Ort - merkwürdig ragt ihre Kommandobrücke neben der Kirche empor ...

Das letzte Schiff im Ort ... ... wird geentert von Rückkehrern ...

Um 11:00 Uhr UTC soll die Abfahrt der Fähre sein, schon recht früh werden wir an Bord gelassen, nachdem wir uns in der Abfertigungsstraße von Seyðisfjördur eingereiht haben. Wie muß das wohl für Anlieger sein, wenn sich hier während der Saison wöchentlich die An- und Abfahrenden mit laufendem Motor stauen?

Die Einweisung auf die Fähre ist fast schon Gewohnheit, die Packungsdichte ist jedoch wie nie zuvor, schließlich wollen nun noch ALLE hier zurückgebliebenen nach Hause reisen, egal ob sie aus Tórshavn oder aus München sind. Neben dem rechten Außenspiegel bleibt diesmal noch 1 cm Platz bis zur Stahlwand, nach vorne 5 cm, links wird der Spiegel angeklappt. Dreck am Fahrzeug dient als Schutz gegen überkletternde Familien, die trotz trotz der wieder bestehenden Regelung "1 Fahrzeug, 1 Fahrer" das Deck der Fähre entern ...

Eine kaputte Zugmaschine erweist sich als Problem für die letzte Fähre: Nach diversen Basteleien, an denen scheinbar ein Großteil der technischen Besatzung der Norröna beteiligt ist, und abenteuerlichen Manövern, Container mit zwei Gabelstaplern anstelle von Tiefladern an Bord zu hieven, ist das Schiff nach mehrstündiger Verspätung zum Ablegen bereit.

Wir legen schließlich mit 2,5 Std Verspätung ca. gegen 14:00 Uhr in Seyðisfjördur ab, wobei die Verabschiedung der letzten Fähre durch zwei isländische Polizeiautos mit Blaulicht und Sirene mehr als nur Rührung aufkommen läßt: Viel viel lieber als hier würde man von zu Hause so verabschiedet werden, dann aber in die Gegenrichtung und für viel länger ..!

... nach ausdauerndem Improvisieren ... ... Verabschiedung der letzten Fähre ...

Bei der Ausfahrt der Norröna fällt der Blick auf ein verlassenes Gehöft an der nördlichen Fjordseite, hätten wir das ohne Nebel am Vortag gesehen, wären wir mit Sicherheit hierhin gefahren, um unsere letzte Nacht auf isländischem Boden zu verbringen! Lange stehen wir noch an Deck, während wir den Fjord von Seyðisfjördur herausfahren, der kalte Wind stört nicht mehr, während Island nun endgültig hinter uns verschwindet ...

Bald hat uns der Bordalltag auf der Norröna wieder. Kaum sind wir draußen auf dem offenen Meer, erfasst uns ein heftiger Seegang, der gegen Abend noch an Heftigkeit zunimmt. Bereits an der Bar wird klar, dass einiges auf uns zukommt. Schwer fällt das Einschlafen in der neuen Kabine, während das Schiff von harten Schlägen arg gebeutelt wird.

Gedanken an Seekrankheit und andere Horrorstories werden wach, während das Bett seinen Weg (auf und ab) durch die Nacht macht ...

20.Tag: Mittwoch, 03.09.97, 05:00 Uhr MEZ

Heute soll uns ein gesamter Tag auf See erwarten, lediglich unterbrochen von einem kurzen Aufenthalt in Tórshavn nach unserer Rückkehr auf die Faröer. Wir stehen schon früh auf, aber der Aufenthalt scheint das Bordrestaurant nicht zu einem früheren (planmäßigen) Frühstück zu inspirieren.

Die mehrstündige Verspätung wurde bei dem starken Sturm, der z.Z. herrscht, nicht aufgeholt, so dass aus unserer für 6:00 Uhr Bordzeit (= MEZ = UTC + 1, erneut wurden die Uhren umgestellt) geplanten Ankunft in Tórshavn natürlich nichts wird. Auch das von uns geplante Wiedersehen mit Risin und Kellingin bei der Einfahrt in die Inselgruppe fällt (wegen überraschender(?) Dunkelheit um diese Tageszeit) ins Wasser.

... wieder zurück an Bord ...Nicht nur dass in diesen Tagen die Alkoholvorräte an Bord nur selten verkauft werden (vermutlich aus gutem Grund), auch fühlt sich die Essensausgabe nicht an die Bordplanungen gebunden. Weder die Rezeption noch anderes Personal kann zuverlässige Auskunft über den Frühstücksbeginn erteilen. Aber was soll´s ...?

Während wir auf das Frühstück warten, gehen etliche Passagiere nochmal für einen Kurzausflug in Tórshavn an Land. Die Entlademanöver der Norröna sind erneut haarsträubend. Wieder können für den Containertransport nur mehrere Gabelstapler verwendet werden, wenngleich die Mannschaft hier bereits besser darauf vorbereitet zu sein scheint und auch die eingesetzten Geräte zuverlässiger wirken. Frühstück soll es nach neusten Bordgerüchten nun nach dem Ablegen geben, was auch fast der Fall ist ...

Nachdem wir die Faröer nun endgültig verlassen haben, packt uns draußen im Nordatlantik nun erst recht das Unwetter. Der Sturm wird immer stärker, Seekrankheit greift an Bord sichtbar um sich. Gegen Nachmittag wird es immer schlimmer, die Norröna verlangsamt stark, eine zusätzliche mehrstündige Verspätung droht uns.

Für diesen Abend haben wir ein Luxusessen im Bordrestaurant geplant, das durch den Sturm und den Seegang wahrhaft bemerkenswert wird. Die (wie wir seit unserem Brückenbesuch auf der Hinfahrt wissen) auf jeder Seite 4m langen Stabilisatoren sind wirkungsvoll, so dass sich das Schiff nur noch um die Querachse bewegt (nicken würden wir das in der Fliegerei nennen, aber Kippen ist noch ein zu schwacher Ausdruck...). Um die Längsachse rollt es jedenfalls nicht merkbar. Es sei uns verziehen, dass wir von diesen Stunden keine authentischen Fotos haben!

Beim Betreten des Restaurants kommen uns etliche Passagiere im Eiltempo mit Taschentuch vorm Mund entgegen, inzwischen herrscht so starker Seegang, dass das Restaurant in Bugnähe wie im Fahrstuhl auf- und abfährt und die Brecher über den Schiffsbug und die Frontscheiben gischten. Ein wahrhaft irres Gefühl von echtem Erlebniswert! Wer das nicht aushält, bekommt an diesem Abend sein Essen erstattet und darf sich auf seine Kabine (??) zurückziehen. Angst um das Fahrzeug macht sich breit, wo war es doch noch gleich geparkt und wie viele Zentimeter trennen es von den Nachbarn? Ist es möglich, daß sich bei derart harten Schlägen die Fahrzeuge nicht bewegen? Wir sehen "Seehund" im Restaurant, er hält sich tapfer, beim Gang zum Buffet muss man sich mittlerweile festhalten. Wohl dem, der nun ein Bier nach dem anderen bestellen kann, trotz der Bierpreise an Bord! Seehund scherzt mit Galgenhumor: "Der letzte Schlag war dein Fahrzeug!"

Wir haben im Laufe des Abends das Gefühl, unseren Aufkleber "... I have also been over the North Atlantic on carferry NORRÖNA!" jetzt echt verdient zu haben, während weitere harte, dröhnende Schläge durchs Schiff gehen ...

Trotz des Sturms sammeln sich einige Unverdrossene rund um ca. 5 wackelnde Projektoren zu einem guten Diavortrag von Thorsten Henn (die versprochene Internet-Adresse hat er uns niemals geschickt). Er will nach Island ziehen, betreibt dort bereits ein Fotostudio und sieht aufgrund seiner Erfahrung mit Programmierung von Dia-Multimedia derzeit keine Konkurrenz in Island für sich. Die Smyril Line sponsert ihn mit freier Überfahrt. Was er uns vorführt, ist die Generalprobe für Shows in Österreich und Deutschland.

Wie bereits erwähnt, gab es heute keinen Alkoholverkauf im Duty Free Shop der Norröna - macht dies die Angst vor trunkenen Einheimischen? Dennoch wird an diesem Abend an der Bar mit viel Bier gegen die Seekrankheit angekämpft, während der Barhocker seinem Weg auf und ab folgt (auch ohne Alkohol ...).

Nach Mitternacht erscheint ein riesiges (Schwarz-Weiß)-Polarlicht am gesamten nördlichen Himmel hinter dem Schiff. Die Leuchterscheinung sieht aus wie ein Regenbogen mit ständig wechselnden Verwaschungen. Unsere Beobachtungen erstrecken sich noch bis ca. 2:30 Uhr am Morgen, dann geht es durchgefroren in die Kabine. Nur noch ein Bogen ist mittlerweile von dem fantastischen Schauspiel übrig ...

Während in der Nacht unverändert harte Schläge durchs Schiff gehen, wandern die Gedanken wieder einige Decks tiefer, wie mag es unten aussehen ...? 

21.Tag: Donnerstag, 04.09.97, 07:00 Uhr MEZ

Noch den ganzen Tag werden wir heute auf See verbringen, ca. 4 Stunden Verspätung werden angekündigt, bedingt durch die Verzögerung bei der Abfahrt und die Fahrtverlangsamung wegen Sturm.

Alkoholverkauf ist nur noch an diesem Tag ab 9:00 Uhr möglich, immerhin kann die traditionelle Flasche vom Brennivin (auch "Schwarzer Tod" genannt) noch eingekauft werden.

Der Sturm hält noch an, die Brücke ist bereits seit dem Vortag gesperrt und darf von Passagieren nicht mehr betreten werden, lediglich die Seiten des Schiffs sind noch begehbar. Bei einem kurzen Weg an Deck passiert es mir dann. Eine schwere Metalltür wird vom Sturm zugedrückt und zieht mir beim Betreten des Schiffs erst mal den Schuh aus. Beim Nachfassen geraten zwei Finger zwischen Rahmen und Tür, die zugeschlagen wird: Die Metallkante verletzt zwei Fingerkuppen derart, dass ich sofort an der Rezeption mit entsprechendem Verbandsmaterial und Desinfektionsmittel versorgt werden muss ...

Der Manager bemerkt dazu, dass wir eigentlich bisher keinen richtigen Sturm hatten, dieser aber jetzt kommen soll (allerdings hinter dem Schiff im Norden) und wir nochmal Glück gehabt hätten. Die Finger würden mir noch einige Wochen Erinnerung an die Norröna verschaffen. Gemütsmensch!

Wetterkarte vom 5.9.97 ...

Die Ankunft in Esbjerg erfolgt nach 23:00 Uhr. Am Fahrzeug wird kein Schaden sichtbar, wir sind froh, dass der Stellplatz diesmal im hinteren Drittel des Schiffs lag. Kein Zoll behindert unsere Abfahrt und wir machen uns sofort auf den Weg in den Süden zur dänisch-deutschen Grenze, die wir ebenfalls in dieser Nacht problemlos passieren.

Erneut wollen wir das Südsee-Camp und diesmal seinen Bedarfs-Übernachtungsplatz ansteuern (kostenlos für 12 Stunden am Tag, der sicher bei unserer Ankunft gegen 4:30 Uhr schon als begonnen erklärt werden kann).

Wir stellen auf der Fahrt fest, dass kein Verkauf von Bier an deutschen Raststätten zwischen 24:00 und 7:00 Uhr erlaubt ist (!), so dass wir nur etwas am Automaten des Camps erhalten können: Fast wie Island, nur ist da die Landschaft reizvoller!

Wir trösten uns mit Dosenbier und einem Morgensnack, bevor wir auf deutschem Boden wieder in den Schlafsack steigen. An die übliche, ätzende Rückfahrt an diesem 5.9.97 und die Ankunft am Abend nach der ach so geliebten Durchquerung nahezu der gesamten Republik mag man nun wirklich nicht denken ...


© Text/Bilder 1997 J. de Haas