Zeitzonen 

Ein kleiner Einblick in die zeitliche Ordnung der Welt ...


Wenn man schon nicht mehr reisen kann, dann kümmert man sich vielleicht um allerlei Fragen, denen man auf Reisen zwar begegnet, für die man aber bisher nie wirklich Zeit und Muße hatte, sie auch zu klären ...

Ein Fragenkomplex ist der ganze Bereich der Zeitzonen: Wie fing eigentlich alles an und warum erscheint ein auf den ersten Blick so einfaches Konzept mittlerweile so kompliziert?

Stonehenge: Gigantische Anlage zur Messung des Sonnenlaufs ...Gehen wir zunächst ganz weit zurück in die Geschichte. Einst kümmerte sich der Mensch nur um seine Ortszeit - die "wahre" Ortszeit (WOZ), denn alles bezog sich nur auf den Sonnenstand: Mittag war, wenn die Sonne den höchsten Punkt - Zenit - erreicht hatte und mittels Sonnenuhren wurde die Zeit abgelesen. (Mit der wahren Ortszeit haben wir uns ja schon einmal beschäftigt, und zwar bei unserem Projekt "Navigieren wie im 18. Jahrhundert".)

Dann wurde mit viel Aufwand und Geschick anhand von Sonnen-, Sternen- und Planetenkonstellationen die Zeit strukturiert, beginnend beim Tagesablauf bis hin zu unglaublich genauen Jahreskalendern. Aber alle Betrachtung bezog sich nur auf eine Region, da Reisen damals nur einem kleinen Teil der Bevölkerung möglich war - überwiegend zum Zweck des Handels. Die Reisegeschwindigkeit war auch noch recht gering, so störte die Orientierung an der wahren Ortszeit wenig.

Mit Zunahme der Mobilität und Vernetzung wurde der Faktor Zeit immer bedeutender.

Im 17. Jhdt. nahmen die Postkutschen ihren Betrieb auf und die Menschen konnten sich nun von A nach B transportieren lassen, was sicher sehr hart war und mit Reisefreuden wenig zu tun hatte. Aber es wurde klar, dass man nun irgendeine Art Fahrplan benötigte, der wenigstens die Abreisezeiten an den Hauptstationen festlegte und eine ungefähre Reisedauer mit Ankunftszeit. Viele Stunden Wartezeit gehörten damals zum Reisealltag.

Das Ganze war aber überaus kompliziert, denn es gab noch nirgendwo so etwas wie eine Standardzeit. Immerhin hat Neuseeland als eines der ersten Länder die Notwendigkeit und Vorteile einer landesweit einheitlichen Zeit erkannt und bereits im Jahr 1868 eine Standardzeit festgelegt sowie diese mit 11,5 Stunden Abweichung vom Nullmeridian in Greenwich berechnet.

Als dann (insbesondere in den Vereinigten Staaten) das Eisenbahnnetz immer weiter ausgebaut wurde und die Telegrafie immer weiter an Bedeutung gewann, wurde es klar: Man braucht ein einheitliches Zeit-System, damit Fahrpläne beherrschbar werden. Zu dieser Zeit  hatte der Schotte Sir Sandford Fleming, der nach Kanada auswanderte, eine brillante Idee: Er legte die Zeit vom Greenwich Nullmeridian als Standardzeit fest und teilte die Erde in 24 Zeitzonen à 15 Längengraden ein mit je einer Stunde Versatz. Als Zeit der Zeitzone wurde die  mittlere Sonnenzeit des mittleren Meridians festgelegt.

1883 übernahmen die amerikanischen Bahngesellschaften die Idee und gestalteten die Fahrpläne neu.

1884 wurde diese Idee in Washington auf der Meridian-Konferenz vorgestellt. Vertreter von 25 Ländern - darunter auch Deutschland - nahmen an der Konferenz teil. Auf dieser Konferenz wurde zum einen der Wirrwarr der verschiedenen Nullmeridiane beseitigt, indem man sich auf denjenigen Meridian einigte, der durch das Fadenkreuz des Meridianfernrohrs in Greenwich lief. Darauf basierend legte man die Datumsgrenze, die Zeitzonen und die Standardzeit fest. Die Grundlagen für die Ordnung der Welt waren geschaffen. Durch Festlegung des Nullmeridians in Greenwich konnte man die Datumsgrenze exakt gegenüber in ein sehr dünn besiedeltes Gebiet legen.

Doch die Umsetzung in den Ländern dauerte so ihre Zeit.

Z.B. hatte in Mitteleuropa jedes Land seine eigene Zeit meist festgelegt anhand der Lage der Hauptstadt. So gab es Berliner Zeit, Münchner Zeit, Berner Zeit, Prager Zeit, Budapester Zeit, Karlsruher Zeit, Stuttgarter Zeit, Lemberger Zeit usw. Die Zeiten wichen oft nur im Minutenbereich voneinander ab.

Der Genfer Inselturm hatte 3 Uhren, eine für die Pariser Zeit, eine für die eigene Ortszeit und eine für die Berner Zeit. War es in Genf Mittag, zeigte der Turm folgende Zeiten an:

1890: Mittag in Genf ...

Am Bodensee war der Kulminationspunkt der Verwirrung: So galt im Jahr 1890 in Lindau die Münchner Zeit und in Bregenz die Prager Zeit mit einer Zeitdifferenz von 11 Minuten. Wer damals den gesamten Bodensee umrundete, musste die Uhr sechs Mal verstellen.

General Moltke forderte im deutschen Reichstag 1891 die Einführung einer Einheitszeit, damit eine schnelle Mobilmachung des Militärs im Reich überhaupt möglich werden konnte.

Kurz darauf wurde im Jahr 1893 dann mit dem "Zeitgesetz" im Deutschen Reich die Verwendung der Mitteleuropäische Zeit (MEZ) festgelegt. Die Umstellung war nicht einfach durch das Umstellen aller Uhren im Reich erledigt - nein, die Bevölkerung bestimmte nach wie vor den wahren Mittag und rechnete mit Tabellen die Zeit in MEZ um ...

1894 zog die Schweiz nach und am Genfer Inselturm wurden zwei Uhren abgebaut.

Aber ganz so einfach, wie Sir Fleming sich das vorstellte, konnte man dessen Konzept weltweit nicht umsetzen: So orientierten sich die Zeitzonen zunächst an den Landesgrenzen, außerdem an Wirtschafträumen und schließlich auch an politischen Entscheidungen, die sich nicht immer sofort erschließen ...

Die Zeitzonen der Welt ... (CC BY-SA 3.0)

Fragt jemand, wie viele Zeitzonen es derzeit gibt, kann man dies nicht so einfach beantworten. Schaut man sich die Bezeichnungen an, so wird man für Zonen mit gleicher Differenz zur UTC (Universal Time Coordinate - vormals Greenwich Time) häufig verschiedene Namen finden. Beispielhaft dafür sind die MESZ (Mitteleuropäische Sommerzeit mit UTC+2), die OEZ (Osteuropäische Zeit mit UTC+2) und die CAT (Central Africa Time mit UTC+2). Die Zeitzonenbezeichnungen werden weltweit nicht reglementiert.

Die Differenzen zur UTC sind auch nicht mehr auf ganze Stunden beschränkt, es gibt Differenzen mit Halbstunden und Viertelstunden - warum das so ist, lässt sich nicht immer nachvollziehen und jede dieser Zeitzonen hat ihre eigene Geschichte.

Betrachtet man bei der Zählung lediglich die Differenz zur UTC, gibt es aktuell (Jahr 2021) insgesamt 37 verschiedene Bereiche. Sie reichen von UTC+14 bis UTC-12.

Bei UTC+14 schreckt man aber hoch: Moment mal, was bedeutet das für die Datumsgrenze? Das kann doch mit einer einzigen Datumsgrenze gar nicht funktionieren!? Und tatsächlich, so einfach ist das mit der Datumsgrenze tatsächlich nicht.

Richten wir unser Augenmerk auf Kiribati: Der Inselstaat erstreckt sich über 5.000 km von Ost nach West und die Datumsgrenze verlief mitten durch das Staatsgebiet. Kiribati hatte drei Zeitzonen mit UTC+12, UTC-11 und UTC-10.

 Komplizierte Datumsgrenze
Bild: NOAA Ocean Exploration National Oceanic and Atmospheric Administration U.S. Department of Commerce

Im Jahr 1994 beschloss Kiribati, dass ab 1995 alle Inseln des Staates dasselbe Datum haben sollen bei unveränderter Uhrzeit. So entstanden die Zeitzonen UTC+13 und UTC+14. Aber was folgt daraus?

Nehmen wir an, wir sitzen am 30.04.2021 um 10:05 Uhr in London (UTC - wir vernachlässigen die Sommerzeit). Auch wenn die Pubs nach dem Corona Lockdown wieder geöffnet sind, ist es noch zu früh für einen Pubbesuch. In der Zeitzone UTC-12 haben wir dann den 29.04.2021 22:05 Uhr, was niemanden stört, da in dieser Zeitzone nur unbewohnte Inseln liegen. In der Zeitzone UTC+14 auf den Line Islands haben wir dann den 01.05.2021 00:05 Uhr, Zeit, die Strandpartie zu beenden. Fazit: Es gibt jeden Tag zwei Stunden, in denen auf der Erde drei verschiedene Daten gültig sind. Gut, dass diese Südseeregion wenig bevölkert ist - kaum vorzustellen, was es bedeuten würde, Hotels oder Flüge zu buchen!

Manche vermuten, dass Kiribati den Datumsgrenzen-Coup landete, damit dann 5 Jahre später das neue Millennium in Kiribati beginnen konnte auf dem unbewohnten Caroline Atoll, das nun in Millennium Island umbenannt wurde ...

... auch am Südpol komplexe Zeitzonenregeln ... Am 30.12.2011 wechselte übrigens Samoa die Datumsgrenze und das nicht zum ersten Mal. 1884 auf der Meridiankonferenz ordnete man Samoa der westlichen Erdhälfte zu. 1892 bestimmten die Amerikaner als Eroberer, dass Samoa zur östlichen Erdhälfte gehört und realisierten dies, indem man den 04. Juli (Unabhängigkeitstag) gleich zweimal feierte. 2011 wechselte Samoa wieder auf die östliche Hälfte und ließ den 30.12.2011 ausfallen (was haben da eigentlich die Geburtstagskinder gemacht ..? ).

Aber nicht nur der Hickhack um die Datumsgrenze macht das Zeitzonenprinzip kompliziert, sondern auch die Tatsache, dass man sich von dem Prinzip verabschiedete, dass jeder Ort auf der Erde immer in derselben Zeitzone verbleibt.

Ende des 19. Jhdts. begann man zu überlegen, ob es nicht vorteilhaft wäre, jahreszeitenabhängig die Zeit zu verschieben. Der Grundstein für die Idee der Sommerzeit war gelegt. Die Umsetzung schreckte jedoch anfangs ab - man dachte über die Auswirkungen auf die Fahrpläne nach, insbesondere bei grenzüberschreitenden Bahnverbindungen.

Doch militärischer Druck machte später die Einführung der Sommerzeit möglich. Da mit dem Ersten Weltkrieg der grenzübergreifende Bahnverkehr keine Rolle mehr spielte, aber das Sparen von Energie große Bedeutung hatte, führten Deutschland und Österreich 1916 die Sommerzeit ein und die Kriegsgegner zogen sofort nach. Auch im Zweiten Weltkrieg schien die Sommerzeit Vorteile zu bringen.

1947 wurde in Deutschland sogar die Hochsommerzeit MEHSZ erfunden und eingeführt mit einer Verschiebung von zwei Stunden: MEZ+2. Das hat man aber nur ein einziges Mal gemacht ...

Bis 1981 tobte in Europa ein Sommerzeitchaos. Jedes Land führte zu unterschiedlichen Zeiten und aus unterschiedlichen Gründen Sommerzeit ein und hob die Regeln wieder auf. Teilweise währte die Sommerzeit nicht nur einen Sommer lang, sondern gleich durchgehend mehrere Jahre.

Seit 1981 gelten in Europa einheitliche Regelungen. Zur Zeit ist aber mancherorts der Wunsch erkennbar, die Sommerzeit wieder abzuschaffen ...

Selbstverständlich hat man auch außerhalb Europas Sommerzeitregeln festgelegt, was zu kuriosen Effekten führt.

Seit unserer Reise nach Neuseeland hören wir immer wieder gern per Internet-Stream neuseeländische Radiosendungen. Dabei fällt auf, dass die Abweichung der Uhrzeit mal 12 Stunden, mal 13 Stunden und sogar 14 Stunden betragen kann. Die Ursache dafür liegt in den unterschiedlichen Daten für den Beginn und das Ende der jeweiligen Sommerzeiten.

Auch für die ISS wurde eine Zeit festgelegt ....Schauen wir uns als Beispiel die Uhrzeiten im Jahr 2021 an:

Neuseeland hat die Standardzeit NZST  mit UTC+12.
Am 27.09.2020 wurde auf Sommerzeit NZDT umgestellt mit UTC+13.
Am 04.04.2021 wurde wieder auf Standardzeit NZST umgestellt mit UTC+12.

München hat die Standardzeit MEZ mit UTC+1.
Am 28.03.2021 wurde auf Sommerzeit MESZ umgestellt mit UTC+2.

Am 01.03.2021 09:00 Uhr in München entspricht 21:00 Uhr in Neuseeland - Differenz 12 Stunden (MEZ → NZDT).
Am 01.04.2021 09:00 Uhr in München entspricht 22:00 Uhr in Neuseeland - Differenz 13 Stunden (MESZ → NZDT).
Am 01.05.2021 09:00 Uhr in München entspricht 23:00 Uhr in Neuseeland - Differenz 14 Stunden (MESZ → NZST).

Blicken wir nun noch zu den Polgebieten der Erde: Dort laufen alle Meridiane zusammen, an jedem Pol haben wir pro Jahr nur einen einzigen Tag. Welche Zeit gilt dort ..? An den Südpolstationen gelten die Zeiten der Betreiberländer, außer bei der amerikanischen Amundsen-Scott-Station. Dort gilt die Neuseeländische Zeit, das macht es leichter, z.B. den Flugverkehr von und nach Christchurch zu organisieren.

Am Nordpol ist keine Uhrzeit festgelegt, viele Expeditionen benutzen dort UTC.

Und was ist im All? Wozu gehört die ISS? Auch auf der ISS gilt UTC.

Was würde Sir Sandford Fleming wohl dazu sagen, wenn er sich anschauen müsste, was sich aus seinem genialen einfachen Konzept entwickelt hat? Er würde uns sicher kopfschüttelnd und ungläubig anschauen ...

Nun, bei der Besiedlung des Mars können wir - basierend auf dessen 25 Stunden Tag - ja alles besser machen und alle Sonderregeln auf der Erde zurücklassen. Übrigens das Team im "Rover Perseverance"-Projekt bei der NASA lebt schon im Marstag-Rhythmus - aber in welcher Zeitzone ..?


© 2021 Sixta Zerlauth