Nach Glendalough und Abschied ...

Der freundliche Fahrer verkauft uns günstige Fahrscheine und schon rasen wir inmitten einer bunten Touri-Schar an Bord derart über die enge Straße hinter Roundwood, dass man Zweige und Blätter auf der linken Busseite nicht nur sieht, sondern auch sicher ist, sie lautstark daran klatschen zu hören im Angesicht des Gegenverkehrs. Die private Buslinie ab Dublin hat tatsächlich auch noch weitere Haltestellen auf der folgenden Fahrt: Irgendwelche Schilder, die auf solche Orte verweisen, erwartet man wohl nur als typischer Deutscher - hier ist eben Insiderwissen gefragt!

Der zweite Bus hat´s gebracht! Wer möchte hier kein Barbeque veranstalten? Am Eingang der "Monastic City"
Rundwanderweg mit Musik ... Leider keine Drohnen erlaubt ...
Am unteren See ... Beeindruckende Baumskulpturen ...

Wir kommen an der Einfahrt nach Glendalough an und damit zum Wicklow Mountains Nationalpark: Dass das Areal "touristenverseucht" ist, kann man am heutigen Sonntag, den 28. August 2016, nicht übersehen: Eine Vielzahl von Leuten drängt sich um haltende Busse und genau so viele strömen dem Eingang des Besucherzentrums entgegen.

Mittelpunkt hier ist natürlich die frühchristliche Klosterstadt "Monastic City", die einst im 6. Jahrhundert vom Mönch St. Kevin gegründet wurde und heute eine der meistbesuchtesten Klosteranlagen Irlands ist. Zur Geschichte rund um Glendalough und den Heiligen Kevin soll an dieser Stelle nicht viel gesagt werden, da zahlreiche andere Quellen dafür sinnvoller erscheinen. Den Besucher erwarten hier die Überreste verstreuter Klosteranlagen und nicht nur am St. Kevin´s Day scheinen sich hier die Besucher dicht zu drängen.

Natürlich zieht es uns zunächst zum auffälligsten Monument des Tals am unteren der beiden hier vorhandenen Seen: den über 30 m hohen "Round Tower", der als Schutzturm zur Wikingerzeit errichtet wurde. Er hat 6 Stockwerke und einen Eingang, der aus nachvollziehbaren Sicherheitsgründen fast 4 Meter über dem Erdboden liegt.

Nicht weit vom Rundturm entfernt kommt man zu "Kevin´s Kitchen", einer Kapelle aus dem 11. Jahrhundert, die ebenfalls über einen Turm verfügt. Die ganze Anlage erinnert natürlich sofort an unseren Modellkeller-Beitrag über Fantastische Ruinen in Irland: Diese oder ähnliche Kartonmodelle der 70er Jahre sind heutzutage offenbar in Irland nicht mehr erhältlich. Irgendwie scheint da doch das "wahre" Gefühl für touristische Attraktionen zu fehlen, wenn man etwa einen Vergleich zieht z.B. zu französischen Schlössern an der Loire (Bericht folgt), zu denen jede Menge von Modellen erhältlich sind ...

Wer nun aber im Angesicht des historischen Rundturms glaubt, vor dem noch vollkommen unveränderten Bauwerk des 11. Jahrhunderts zu stehen, wird beim Rundgang möglicherweise enttäuscht: Wir stoßen auf ein Foto, das die Restaurierung des Turms im Jahr 1876 zeigt, bei dem u.a. das konisch geformte Dach erneuert wurde - kein Wunder, dass so viele Touristen staunend vor dem "so gut erhaltenen Turm" stehen!

Rundturm-Renovierung im Jahr 1876 ... Modellkeller: Glendalough gibt´s da schon lange ... Touri-Flut an Kevin´s Kitchen ...
So einsam wünscht man sich Glendalough ... ... und auch Kevin´s Kitchen ... Beeindruckende Friedhöfe ...
St. Kevin´s Cross Fantastische Umgebung ... ... und Relikte ...
Verteilte Kostersiedlungen ... ... in angemessener Umgebung ... Die Kathedrale von Glendalough

Auch die anderen noch zu besichtigenden Ruinen sind bemerkenswert: So finden wir uns wieder inmitten der Überreste einer alten Kathedrale, der einst größten Kirche von Glendalough, die dort beginnend mit dem 10. Jahrhundert errichtet und bis ins 13. Jahrhundert ausgebaut wurde. Unweit dieser Reste befindet sich das ebenfalls berühmte Keltenkreuz "St. Kevin´s Cross", auch ein typisches irisches Hochkreuz, dem allerdings im Laufe der Jahrhunderte alle Verzierungen durch Ornamente und bildliche Darstellungen aufgrund der Erosion abhanden gekommen sind.

Wir verlassen schließlich die Klosteranlage wieder und spazieren noch ein wenig durch die wundervolle Umgebung des Nationalparks, der als "No Drone Zone" gekennzeichnet ist: Vorbei an einem der beiden Seen, an fidelnden Mädels auf dem Weg und an beeindruckenden Bäumen. Bevor wir uns zur erfragten Rückfahrzeit des Busses wieder zur Haltestelle begeben, können wir noch auf ein Bier oder zwei das Besucherzentrum und auch das alte Eingangstor der Klosteranlage besichtigen - ein trotz des Besucherandrangs insgesamt sehr lohnender Tagesausflug mit Einblick in bis dahin noch nicht besuchte Attraktionen der Insel ...

Am nächsten Morgen verlassen wir Roundwood und machen uns endgültig auf den Rückweg Richtung Süden. Da am Nachmittag des Folgetags unsere Fähre die Insel wieder von Rosslare aus Richtung Frankreich verlassen wird, wollen wir die letzte Nacht in Irland nicht allzu weit entfernt davon verbringen. Das ins Auge gefasste Camp "The Trading Post" in Ballaghkeen, Enniscorthy, wird nach einer Platzrunde dort schnell verworfen - Nomen est omen und der Platz ähnelt tatsächlich eher einem ehemaligen Handelsposten.

Schnell fällt die Entscheidung, dann eben durchzufahren bis Wexford, wo das Camp Ferrybank direkt am Stadtrand sehr geeignet erscheint. Eine rund 110 km lange Strecke liegt hinter uns, als wir schließlich in Wexford ankommen, einer Stadt mit rund 0.000 Einwohnern. Von hier aus werden wir es morgen nur noch um die 20 km bis zur Fähre haben.

Ein letztes Mal: Blick in alte Karten ... Verkehrsberuhigtes Wohngebiet? Blick auf Wexford ...
Schöner Stellplatz an der See ... ... mit passendem Ausblick ... ... und Startmöglichkeit für Drachen ...

Warum man den Ferrybank Caravan & Camping Park unter einer Internetadresse findet, in der "wexfordswimmingpool" vorkommt, wird bei unserer Ankunft schnell klar: Das Schwimmbad der Stadt gehört zum Gelände des Camping Parks und folgerichtig müssen wir zur Rezeption des Platzes an die Kasse des Hallenbades. Neben der Schranke zum Platz gibt es ein kleines Wärterhäuschen, das am Nachmittag nicht besetzt ist, aber am heutigen Abend in Betrieb sein wird, wie wir erst später feststellen werden.

Der Platz ist nicht sehr stark belegt und so können wir einen gut gelegenen Stellplatz nahe am Ufer der Bucht von Wexford beziehen, der einen schönen Blick auf die Bucht mit ihren Fischerbooten und die nahe Stadt erlaubt. In Anbetracht des wieder mal recht ordentlichen Winds hier an der See sollen heute endlich auch einmal mitgebrachte Drachen gestartet werden: Zur Freude von Campern und Kindern, die so etwas hier wohl nicht alle Tage zu sehen bekommen, starten wir eine Nachfolgerin unserer 30 m Schlange und noch einen größeren Delta mit zwei Windturbinen.

Kurz vor Einbruch der Dunkelheit machen wir uns auf den kurzen Fußweg hinüber zur Stadt: Wir nähern uns einer der längsten Brücken Irlands, die den Ortsteil Ferrybank mit der Stadt verbindet, als wir bereits auf zwei auffällig mit Warnwesten bekleidete Personen stoßen, die uns eingehend mustern. Auf der anderen Seite der Brücke dann erneut derart ausstaffierte Personen mit einem Fahrzeug, das die Aufschrift "Marine Safety Patrol Unit" trägt. Ein kurzes Interview mit den Brückenwächtern schafft Klarheit, was sie hier tun. In unserem schon erwähnten Bericht zur Euro-Tour hatten wir auch dazu bereits etwas geschrieben:

 " ... ist die Republik Irland eigentlich ein gespaltenes Land. Deutlich sichtbar hier bei einer Rundreise ist der Unterschied zwischen Arm und Reich: So gibt es zwar selbst in Westport vereinzelt Bettelei, doch das Publikum z.B. in der Hafenstadt Wexford, wo man auf dem Weg zur Fähre in Rosslare Halt machen kann, ist dagegen deutlich anders. Erschütternd hier zu sehen, dass abends und nachts tatsächlich regelmäßig Leute patrouillieren, die Selbstmörder von einem Sprung von der dortigen Brücke abhalten sollen."

Patrouille auf der Selbstmörderbrücke ... Sicherheitsmannschaft am Abend ... Auskunft wird erteilt ... Auch ein Safety-Car ...
Wieder mal im Pub ... Heinrich Bölls "Säuferkoje" ..? Bitte keine Ablehnung bei Kreditwunsch riskieren! Gesungen wird trotzdem überall ...
Gezeitenproblem: Kein Tiefwasserhafen in Wexford Nur noch Fischerboote liegen hier heute ...

Unter dem Eindruck dieser Information über Selbstmörder auf der Brücke erreichen wir die abendliche Stadt: In der Tat ist hier das Publikum deutlich anders, wir treffen auf etliche Bettler und z.T. nicht besonders vertrauenerweckende Gestalten, die sich in den dunklen Straßen der ehemaligen Hafenstadt herumdrücken, wo heutzutage nur noch Fischer- und Privatboote festmachen, seitdem der Tiefwasser-Hafen Rosslare für die Großschiffahrt zuständig ist.

Wir sind froh, als wir schließlich in einem größeren Pub sitzen, um bei dem einen oder anderen Smithwick´s oder anderen Getränken unseren nachdenklichen Abschied von Irland zu begehen. Vorbei an etlichen Fischerbooten am Kai geht es am späten Abend zurück über die Brücke Richtung Ferrybank. Die Rückkehr zeigt, dass hier tatsächlich andere Verhältnisse herrschen als im Westen der Republik: Im Wärterhäuschen am Eingang des Campingplatzes, vor dem sich einige dunkle Gestalten versammelt haben, sitzt ein Wachmann, der genau prüft, wer den Platz betritt. Wir scheinen tatsächlich am Ende unserer Irlandreise und auch mancher Illusionen aus alten Zeiten angekommen zu sein ...

Am nächsten Morgen ist es so weit: An diesem Dienstag, den 30. August 2016, wird uns die Oscar Wilde um 15:30 Uhr wieder zurückbringen Richtung  Frankreich. Wir lassen uns sehr viel Zeit mit dem Aufbruch, denn die 20 km zum Hafen von Rosslare wollen nicht zu schnell zurückgelegt werden, um keine übermäßigen Wartezeiten vor dem Einschiffen zu riskieren.

Als wir nach kurzer Fahrt schließlich doch ziemlich früh am Hafen stehen, baut sich zügig eine Warteschlange auf: Direkt neben uns steht ein viel beachteter Oldtimer, mit dem ein alter Ire mitsamt Enkel eine Europa-Rundreise machen möchte - genaue Ziele liegen noch nicht fest. Stolz zeigte er uns und anderen Interessenten alle Details seines Fahrzeugs und selbstverständlich ist es insbesondere der Motor, den sich alle genau anschauen wollen. Mögen die beiden eine erfolgreiche Europa-Tour vor sich haben!

Auffälliger Explorer-Nachbar ... Dieser Mann erklärt gern seinen Oldtimer ...
Es geht zurück: Fähren-Einfahrt ... Wieder an Bord der Oscar Wilde ... Abschied: Viel Sentimentales bei irischen Folksongs ...

Mit uns und anderen Passagieren warten auch viele Polen in ihren Kleinbussen auf die Rückfahrt zum Festland. Auch in Irland sind sie wie auf der britischen Insel wohl dringend benötigte Arbeitskräfte und erinnern hier und heute an aktuelle politische Themen Europas wie EU-Entsenderichtlinie, Arbeitnehmerfreizügigkeit und vieles mehr ...

Wir beziehen unsere Kabine und pünktlich verlässt die Oscar Wilde Rosslare: Nur noch verschwommen durch die Gischt ist die Kaimauer beim Auslaufen zu sehen, als wir unser "Ablege-Bier" auf das Wohl Irlands trinken. Das Bier wird heute Abend nicht das einzige bleiben, führt uns der Weg zu später Stunde doch zum Bar-Deck, wo zwei Musiker noch lange irische Folksongs vortragen. Und dass dieser "Singing Pub" an Bord noch die ganze gespeicherte Sentimentalität in Sachen Irland wieder hervorspülen wird, versteht sich fast schon von selbst ...

Morgen werden wir dann also wieder zurück sein in Cherbourg, von wo aus wir allerdings nicht direkt nach München zurückkehren wollen. Zu nahe an unserer Strecke liegen die Schlachtfelder des Ersten Weltkriegs, um daran achtlos vorbei zu fahren. So werden wir auf der Rückfahrt auch nach Verdun reisen, um dort etwas tiefer in das einstige grausame Geschehen einzudringen. Wir sind gespannt, was uns an der ehemaligen "Front" bei dieser Reise noch erwarten wird ..!

Fortsetzung folgt!


© 2017 J. de Haas