Eine kleine Weinreise ...

Mittags steht der Kleinbus am Camp, um uns zur kleinen Weinreise abzuholen: Wir haben die kürzeste Anreise, denn alle anderen der Gruppe kommen aus den USA, aus Australien und aus Neuseeland, wie wir im Bus schon sehr bald herausfinden.

Unser Fahrer ist ein echtes Urgestein der Provence: Er wurde in Saint-Rémy-de-Provence geboren und hat schon viel von der Welt gesehen. Er arbeitete unter anderem auf amerikanischen Kreuzfahrtschiffen und lebt mittlerweile in Brasilien. Als Saisonarbeiter kehrt er jedes Jahr nach Frankreich zurück, um Touristen seine geliebte Provence zu zeigen. Polyglott unterhält er seine Gäste auf Französisch, Spanisch, Portugiesisch, Italienisch und Englisch ...

Er meint zwar, dass mittlerweile Chinesisch auch hilfreich wäre, denn im Mai zur Lavendelblüte flögen Unmengen an Chinesen ein, die sich zu den Lavendelfeldern fahren lassen, um dort stundenlang den Anblick, den Duft und die Ruhe zu genießen. Ansonsten hat er keine sehr gute Meinung zu den Chinesen, denn sie verstünden nichts von französischer Lebensqualität ...

Besuch bei Ogier ... Ähnlichkeiten erwünscht ...
Die Reste des Schlosses ... ... mit schönem Weitblick ...

In seinem Heimatort hätte sich ein Chinese niedergelassen und der betreibe nun einen Laden, der 7x24 Stunden geöffnet ist. Wie könne dieser Mensch so arbeiten? Er stört und verdirbt die französische Lebensqualität gründlich, die unter anderem daraus besteht, dass man Mittags eine ordentliche Sieste (Pause) macht. Es gäbe bereits eine Eingabe beim Bürgermeister, der dem Chinesen untersagen soll, sein Geschäft so lange geöffnet so haben. Man könne doch nicht mit Leuten zusammen leben, deren Leben nur aus Arbeit besteht!

Eigentlich wollte unser Fahrer schon wieder zurück sein in Brasilien und der dort noch besseren brasilianischen Lebensqualität, aber aufgrund des guten Wetters ist er noch hier geblieben und führt uns nun auf dieser kleinen Weinreise - so kann man dankbar sein über den Lauf der Dinge und die Gedanken zur "wahren" Lebensqualität!

Als erstes lernen wir, wie man hier Auto fährt: Mit Temperament und der ewigen Hoffnung, der Bremsweg möge auf wundersame Weise doch kürzer sein als der Abstand zum Vordermann. So rasen wir also nach Châteauneuf-du-Pape, einer weltberühmten Lage dieser weltberühmten Weinregion. Der Weinanbau hier wurde während der Regentschaft der avignoneser Päpste, die ansonsten den Wein aus dem Burgund bevorzugten, sehr gefördert. Papst Johannes XXII machte den Wein als "Papstwein" bekannt und veranlasste auch den Bau des "Château neuf" (neues Schloss), von dem nur noch Reste des Gemäuers übrig geblieben sind. Auch von dieser Ruine aus hat man freie Sicht auf den Mont Ventoux, den berühmten Hausberg Avignons, auf den sich im Sommer täglich über tausend Radfahrer hoch quälen sollen - ganz auf den Spuren der nicht minder berühmten Tour de France. Serpentinen gibt es da auch noch, eigentlich sollten wir uns das nicht entgehen lassen (). Aber leider ist nun Nachsaison und kaum noch ein Radfahrer will da hoch und wir auch irgendwie nicht wirklich ...

Nach der Besichtigung der Ruine kehren wir ein bei Ogier in Châteuneuf-du-Pape: Das Kellereigebäude erinnert wohl nicht nur rein zufällig an die Schlossruine, die dem Ort den Namen gab. Bei Ogier selbst wird kein Wein mehr gekeltert, die Fässer und Gärtanks dienen der Demonstration.

Im Vorhof sind die verschiedenen Terroirs der Gegend angelegt, so dass man erkennen kann, wie unterschiedlich die Böden in der kleinen Region sein können, vom groben Kies (Galets) bis hin zu fein sandiger Erde. Wir bekommen noch einmal eine Einführung in die Rebsorten (im wesentlichen Grenache, Syrah, Mourvèdre, Carignan und Cinsault) und in die Wechselwirkung Terroir <-> Geschmack. Nach dem informativen Teil kommt dann aber endlich der erfreuliche Teil mit der Verkostung, bei der auch der eher unbekannte weiße Châteauneuf-du-Pape ausgeschenkt wird ...

Das Weingut Ogier arbeitet mit Winzern der Region zusammen und aus diesem Grund kann man auch Weine wie den Côte du Rhône oder den Côtes du Ventoux probieren und kaufen. Außer beim Châteauneuf-du-Pape, für den ab ca. 25 Euro aufwärts verlangt werden, kann man sich hier für bereits unter 10 Euro mit sehr ordentlichem Wein eindecken.

Ein ganz spezieller Süßwein ... 
Spruch für's Leben ... Kathedrale des Weins ...

Im Anschluss geht es weiter nach Baumes-de-Venises, wo seit 1956 unter anderem ein weltberühmter süßer roséfarbener Muskatwein hergestellt wird. Wurde dieser Wein früher gerne zum Dessert genossen, so ist er heute eher ein beliebter Apéritif.

Die Führung startet in einer großen Empfangshalle, die kirchenartig gestaltet ist und wo man mit einem Motto des Arztes vom Papst Clemens V. empfangen wird:

Der Missbrauch von Alkohol und die Abstinenz vom Wein gelten beides als schädlich für die Gesundheit

Das ahnten wir irgendwie schon immer ... Der Weg führt nun weiter über mit Glas abgedeckte Steinbecken, in denen früher der Wein gekeltert wurde. Heute sind die dekorativ ausgeleuchtet und dienen der Präsentation alter Weinflaschen. Im Keller hat man den "Kirchengedanken" weiter umgesetzt, so erinnert der Raum mit seinen Fässern an eine Krypta.

In dem großen Degustationsraum dürfen wir uns durch die Süßweine durchprobieren, die Gruppe wird schon bald immer lockerer und schließlich werden wir weiter nach Gigondas gefahren, wo hervorragende Rotwein-Cuvées produziert werden.

mmh, lecker Grenache ... Malerisches Dorf ...
... moderne Kunst geschickt integriert ... ... auch hier: auf zur Degustation ...

Es ist Erntezeit und ein Wagen voll mit Grenache steht zum Abtransport bereit. Der Winzer lässt uns die äußerst süßen Trauben probieren. Ein Spaziergang durch den kleinen Ort ist unbedingt angeraten: Malerisch kuschelt sich das Dorf an den Berg mit den Anhöhen der Dentelles de Montmirail, die wie eine kleine Zahnreihe aus Felsen aussehen.

Keine moderne Architektur stört das Ensemble aus den alten Häusern, die dort ausgestellten Kunstwerke fügen sich problemlos ein.

Es hätte so viel gegeben, dennoch unsere Beute reicht zunächst ...In einem kleinen Laden, nur wenige Schritte vom bekannten Restaurant L'Oustalet entfernt, werden uns gute Cuvées ausgeschenkt: Leider ist der Rucksack so klein, dass nur noch eine einzige Flasche reinpasst ...

Eigentlich sind wir schon längst über der Zeit, aber unser Fahrer und Führer achtet nicht auf die Zeit, während er mit uns über den Wein und die Provence diskutiert. So ist es schon fast dunkel, als wir schließlich wieder nach Avignon zurückkehren, wo wir vor dem Campingplatz aus dem Bus aussteigen und uns herzlich von der Gruppe verabschieden - internationale Freunde des französischen Weins haben sich heute bei einem wirklich empfehlenswerten Trip kennen und schätzen gelernt. 

Ein schöner Ausflug, um ein wenig über den Wein des Rhônetals zu erfahren und dank unseres Fahrers auch noch vieles über die französische Lebensqualität, die nach seinen Schilderungen wohl nur noch von der brasilianischen übertroffen zu werden scheint ...

Am Abend wartet unsere Wetterstation auf  mit schlechten Nachrichten, der Mistral wird sich wohl erholen - nicht schon wieder! Da fliehen wir besser mitsamt unserer flüssigen "Beute" weiter nach Süden: ans Meer ...


© 2011 Text/Bilder Sixta Zerlauth