51 Prozent

Meine Frau Renate ist höhenängstlich und für so ein Unternehmen nicht zu gewinnen. Also frage ich per e-mail bei Erich in Nürnberg an, ob er Lust hätte, wieder mit mir in meinem Bremach zu verreisen. Am selben Tag noch kommt die Zusage: Die gemeinsame Westalpentour im Oktober letzten Jahres muss ihm wohl auch gefallen haben!

Nach einigen Tagen Funkstille bekomme ich eine Mail von ihm, er hätte da ein kleines Problem. Seine Frau Grazyna sei nicht besonders begeistert darüber, dass er sie für 2-3 Wochen allein in Nürnberg zurücklassen wolle. Wie lösen wir das Problem!?

Dinette mit geteiltem Sitzpolster ... und umgebaut!Nun ja, im Jahr 2015 bin ich schon einmal zwei Wochen lang zu dritt in meinem Bremach gereist, sogar mit Hund als vierter "Person". Mit dem Fahren tagsüber und dem Schlafen nachts funktionierte das damals prima. Nur das Handling zwischen diesen Zeiten bedurfte einer gewissen Organisation: Aufstehen und Morgentoilette musste nach festem Plan erfolgen, nur eine Person konnte sich waschen und anziehen und musste dann für den nächsten Aufsteher Platz machen und dafür ins Freie gehen ...

Das könnten wir ja noch einmal versuchen. Es ist ohne Zweifel eine deutliche Einschränkung im Komfort, aber wenn Grazyna dies bewusst in Kauf nehmen würde, könnte sie gerne mitfahren. Ich müsste dazu ein Sitzpolster der Dinette noch teilen, das heißt den Bezug öffnen, das Polster in zwei Teile schneiden, beide Teile wieder beziehen und auf der Unterlage befestigen. Eine Arbeit, die man nicht unnötig machen möchte. Aber mitfahren könnte sie!

Wieder höre ich tagelang nichts, weiß also nicht, ob ich mit der Polsterarbeit beginnen soll. Ich muss wohl selbst anrufen, soviel ist klar: Ich brauche Gewissheit! Am Telefon habe ich Grazyna dann am Apparat und kann sie direkt fragen, ohne Interpretation durch Erich. Ihre Antwort: Ja, sie kommt mit, zu "51 Prozent"!

Da haben wir es wieder. Frauen sind einfach anders. Ich kenne keinen einzigen Mann, der so antworten würde. Die Geschichte macht die Runde in unserem Haus und unsere Nachbarin Christine schmunzelt und meint: Ja, das könnte auch von mir stammen. Klar. Frau!

Nach einer gewissen Zeit des Amüsierens über diese Zusage muss ich aber entscheiden: Polster trennen oder nicht? Wenige Tage vor der Abreise rufe ich noch einmal an und Erich ist am Apparat: Klar kommt sie mit, sagt er eindeutig. Diese Sprache verstehe ich. Ein Mann, ein Wort!

Anreise

Andi und Sonja sind mit von der Partie, sie wären auch in Russland dabei gewesen. Impftermine und Fährbuchung verschieben die Abreise auf den Dienstag nach Pfingsten. Da können wir früh um 8 :00 Uhr noch einen PCR-Test machen lassen und haben dann 72 Stunden Zeit bis zur Einreise in Griechenland. Leider müssen wir bis Bari nach Süditalien runter, ab Ancona sind die Plätze für Camping an Bord bereits ausgebucht.

Beim Einchecken gibt es noch einmal richtig Stress: Wir haben beide, also Andi und ich, die Anmeldeprozedur mit dem Passenger Lokator Formular PLF falsch verstanden. Man muss sich nicht nur online in Griechenland anmelden, sondern diese Anmeldung auch vorlegen. Hätte ich sie doch zu Hause noch ausgedruckt! Zum Glück finde ich das Formular aber auf meinem Tablet, Computersynchronisation sei Dank. Auch Andi kann sein Problem lösen - alles mit dem Smartphone, aber der ist auch digitaler eingestellt als ich!

Endlich dürfen wir auf das Schiff und erhalten für unsere Fahrzeuge zwei Plätze hintereinander sowie direkt an der Reling mit Blick auf das Meer.

Camping an Bord interpretieren wir so, dass wir auch Campingstühle aufstellen und ein gemeinsames Abendessen neben dem vorbeirauschenden Meer genießen können. Mit ausreichend Bier und später auch Wein im Blut hört man von den Maschinengeräuschen des Schiffes nichts mehr, erst die Lautsprecheransage um halb vier Uhr früh weckt uns und mahnt zum Fertigmachen. So ist Camping an Bord super ..!

Abendessen an der Reling ...  ... und Willkommensfrühstück an der Hafenmole

Beim Verlassen des Hafens ist für jeden Reisenden ein weiterer Abstrich zum Corona-Schnelltest vorgeschrieben. Aber die Grenzbeamten zeigen einen sympathischen Arbeitseifer: Die ersten in der langen Schlange vor dem Testzentrum werden noch abgestrichen, aber schnell verlieren die Reisenden die Geduld zum Warten, und viele fahren einfach ohne Abstrich durch die Schranke: No problem, welcome to Greece!

Roland und seine Tochter Marie warten schon auf uns - um 05:30 Uhr in der Früh: Sie haben in einer Nebenstraße in Hafennähe genächtigt und nun fahren wir zu einem ersten gemeinsamen Frühstück an die Mole ...

Wir sind uns einig: Keine Zeit verlieren und den kürzesten Weg nach Butrint nehmen, unserem ersten und dem archäologisch wertvollsten Ziel in ganz Albanien. Los geht’s!

Ungeplanter Umweg nach Butrint

Und schon sind wir kurz darauf in der Falle: Corona ist halt noch nicht vorbei und der kleine Grenzübergang, über den die Strecke von Igoumenitsa nach Butrint nur 50 km beträgt, ist leider geschlossen. Der weiter nördlich gelegene Grenzübergang bei Ktismata sei aber geöffnet, versichern uns die Grenzer. Wir haben keine Wahl und fahren auch noch die 100 km kurvige Strecke durch griechische Berge und Wälder, schön anzusehen zwar aber langsam und nervig, da wir ja nach Butrint wollen.

Durch diesen weiter nördlich gelegenen Grenzübertritt verändert sich aber meine für die erste Reisewoche schon festgelegte Reihenfolge der Ziele: Wir kommen zuerst in die Stadt Gjirokastra, wo wir tanken, SIM-Karten kaufen und eine Wanderung um den Festungshügel unternehmen. Die alten, steinbedeckten Häuser sind interessant und gehören deshalb zum Weltkulturerbe. Uns reizt Gjirokastra aber kaum, Baustelle an Baustelle erschweren den Zugang und verderben den Blick auf die Altstadt.

Die Stadt rüstet für zukünftige Touristenströme. Aber eines haben die Wirte auf den Hauptstrecken der Besuchermassen schon voraus: Tripadvisor ist das Schlüsselwort, das sie immer wieder erwähnen. Soll heißen, sie werden auf der Homepage von Tripadvisor lobend erwähnt. Wofür sie ja auch bezahlt haben ...

Wenig beeindruckend: Blick auf die alten Häuser von Gjirokastra ...  Erster Übernachtungsplatz ...

Wir suchen den ersten Übernachtungsplatz in Albanien: Einen Campingplatz gibt es in der Stadt nicht, also testen wir zum ersten Mal auf dieser Reise die App park4night. Sie führt uns an einen Parkplatz wenige Kilometer nördlich der Stadt, der an einem See und Erholungspark liegt. Und durch flexible Interpretation der in der App angegebenen Koordinaten fahren wir noch über eine Brücke und finden danach einen kleinen Platz vor einem Denkmal. Eine wenig befahrene Straße direkt daneben stört nicht, auch die Besatzung eines vorbeifahrenden Polizeifahrzeugs winkt uns nur freundlich zu, und so verbringen wir einen netten Abend und eine ruhige Nacht dort ...

Überrascht sind wir von dem offenen Müllcontainer nahe am Platz: Im Laufe der Reise wird uns aber klar werden, dass Albanien sein früheres Müllproblem recht gut anpackt, indem es, über das ganze Land verteilt, sehr viele Container aufgestellt hat und diese auch häufig genug leert. Entgegen anderslautenden Vorurteilen ist es nämlich nicht Teil der südeuropäischen Mentalität, alles was man nicht mehr braucht, in die Landschaft zu werfen. Die Albaner lieben ihr Land auch und wollen es offenbar sauber halten.

Nach einem gemütlichen Frühstück brechen wir nun endlich nach Butrint auf und passieren dabei eine berühmte Karstquelle namens Syri i Kalter, zu Deutsch: Blaues Auge. Sehr ähnlich dem Blautopf in der Nähe von Ulm kommen hier pro Sekunde mehr als 6.000 Liter sauberstes Trinkwasser aus der Tiefe und laden zu einem erfrischenden Bad ein. Die ganzjährig 12,5°C Wassertemperatur erschrecken einen nur im ersten Moment. Einer zögerlichen jungen Amerikanerin helfen wir dabei, indem wir sie an der Hand nehmen, bis drei zählend gemeinsam eintauchen und den Schock ertragen wollen ...

  Im albanischen Blautopf darf man baden ...  Saranda vom Burgberg aus gesehen ...

Schön erfrischt geht die Reise gut gelaunt weiter, vorbei an Saranda, der Stadt mit den meisten Bausünden, und kurz noch auf den Festungshügel mit der schönen Aussicht über Bucht und Stadt. Dann aber folgen ohne weitere Verzögerung die 17 km nach Butrint, wo wir gegen 14:00 Uhr ankommen. Es ist heiß, fast zu heiß für eine Stadtbesichtigung und dann erfahren wir auch noch, dass bereits um 16:00 Uhr die Kassen der berühmten Ruinenstadt schließen.

Das passt Grazyna überhaupt nicht: Sie möchte die Besichtigung auf morgen früh verschieben und ist richtig sauer, als sie sich nicht durchsetzen kann. "Da fahren wir Stunden über Stunden hierher und sollen dann in nur zwei Stunden und bei Affenhitze über den Platz rennen und dafür auch noch 9 Euro bezahlen!" Obwohl das einleuchtet, kann sie uns damit nicht überzeugen, uns reichen diese zwei Stunden einfach. Die Stimmung wird aber wieder besser, spätestens als bekannt wird, dass nur die Kassen um 16:00 Uhr schließen, die Besucher aber bis 19:00 Uhr bleiben dürfen. Und auch die Hitze ist überhaupt kein Problem: Wir kennen keine archäologische Ausgrabungsstätte, die derart schön schattig angelegt ist, so wie ein Erholungspark fast. Wir sind alle komplett begeistert!

Reste einer frühchristlichen Basilika Frühchristliche Taufkapelle mit Mosaikboden Ruinen eines antiken Tempels Griechisches Theater für 2.000 Zuschauer 
  Den Nymphen geweihtes Brunnenhaus ...  ... und vermutlich die Nymphe ..? ;-))

Butrints Gründung liegt im Dunkeln, muss aber etwa im siebten vorchristlichen Jahrhundert erfolgt sein, der Sage nach von Trojanern auf der Flucht. Um die Zeitenwende wurde es römische Kolonie, war aber immer nur eine Kleinstadt in sicherer und verkehrstechnisch günstiger Lage. So überdauerte es das Mittelalter unter den Venezianern und hatte eine strategische Bedeutung bis ins osmanische Reich, als Ali Pascha den Eingang zur Bucht mit einem Festigungsturm sicherte. Also keine geopolitisch bedeutende, aber doch sehr interessante Vorgeschichte.

Nach unserem erholsamen Rundgang durch den archäologischen Park fahren wir einen Nachtplatz an, den ich aus dem Reisebericht eines Landyfahrers entnommen habe: Über eine kurze, aber noch machbare Geländestrecke kommt man an einen Sandstrand mit freiem Blick auf die gegenüber liegende Insel Korfu. Hört sich gut an. Aber leider ist die Zufahrt inzwischen von einer Schranke verschlossen. Wir müssen umplanen und verwerfen auch Erichs Vorschlag, doch einfach hier oben auf dem Kamm und mit schönem Blick auf das Meer, aber neben einem Haufen Bauschutt zu übernachten ...

Strand- und Vogelkunde

Andi fragt wieder seine Glaskugel, nein Glasscheibe: Die App park4night enttäuscht uns auch heute nicht, sondern führt uns ca. 5 km weiter zum schönsten Nachtplatz der ganzen Reise. Es ist ein kleiner Campingplatz neben dem Ort Ksamil, der noch nicht geöffnet ist, aber schon 4-5 Wohnmobile angelockt hat. Keiner von denen traut sich die steile tiefsandige Rampe zum Strand hinunter, eine der leichtesten Aufgaben für unsere Geländewagen! Dort unten stehen wir hervorragend und genießen den Abend. Grazyna und Erich verschwinden irgendwo, baden, relaxen und erkunden die Bucht ...

Schönster Stellplatz der Reise ..?  Gemeinsames Weißwurschtfrühstück ...
Blick aus dem Schlafzimmerfenster ...  Blick auf die Bucht ... Kurze Wege: Morgens sofort am Strand ... 

Sonja nutzt die Gelegenheit und nimmt einen Gruß aus Bayern aus der Tiefkühltruhe: Weißwürste und Brezn. Zum fachgerechten Aufbacken der Brezn kommt auch endlich wieder mein Klappbackofen zum Einsatz: Es ist schon ein kleiner Aufwand, den Coleman aufzubauen, mit drei Pizzasteinen zu bestücken und zwei Spaxschrauben zur zusätzlichen Stabilisierung einzudrehen. Der Wind macht es auch dem Gaskocher schwer, genug Energie in den Backofenwürfel zu pumpen, aber irgendwann zeigt das Thermometer dann doch über 200°C an und die Brezn kommen hinein. Der Aufbackvorgang geht dann schnell und das Ergebnis überzeugt komplett: Ein bayrischer Abend am albanischen Strand. Dazu kommen zwei österreichische Frauen von den Vans oben am Platz und zwei israelische Wanderer aus der "Schönen Wüste" Negev, die noch bis Schweden gehen wollen. Ein internationaler Abend also!

So schön der Platz auch aussieht, man kann in dieser Form auf dem Strand nur deshalb stehen, weil noch kein Badebetrieb ist und kaum Leute da sind. Und weil wir hier in Albanien sind und nicht in Kroatien, Italien, Griechenland etc. Um niemanden zu stören, verlassen wir den Platz nach dem Frühstück gleich wieder. Wir fahren die paar Kilometer zurück nach Butrint und werden mit einem der Bootsbesitzer handelseinig, der uns zum Ali Pascha Turm bringt. In einem Naturführer habe ich gelesen, von diesem Turm habe man die beste Möglichkeit, die reichhaltige Vogelwelt des international bedeutenden Feuchtgebietes bei Butrint zu beobachten. Das mag ja für die Vogelzugzeiten gelten, aber nicht für die aktuelle Jahreszeit: Nur wenige Graureiher und wie überall ein paar Möwen in der Luft sind aufzuspüren ...

  Vogelkundler-Hinfahrt ...  Gut ausgerüstet und hochmotiviert!
  Trotzdem erfolglos: Keine Vögel da ...  HAALLOO!! Bitte abholen!
Klosterkirche Mesopotam  Alte Fresken ... Ikonostase 

Unser Kapitän macht unterdessen mit seinem Motorboot einige Runden und versucht Fische für uns zu fangen, ist aber so erfolglos wie wir. Mit Rufen und Winken müssen wir ihn benachrichtigen und zur Rückfahrt auffordern. Trotz fehlender materieller Ausbeute war das doch ein netter Ausflug.

Von unserer Route zurück nach Gjirokastra sind es nur wenige Kilometer Abstecher bis zu einem alten Kloster bei Mesopotam mit einer im gesamten byzantinischen Einflussgebiet einmaligen Bauform: An einer einzigen dicken Zentralsäule stützen sich der Bau und die Seitensäulen. Die alten Fresken sind verblasst und lückenhaft, die Ikonen wohl jüngeren Datums. Das Gebäude ist aber gut erhalten bzw. teilweise restauriert und lohnt den kurzen Abstecher allemal ...


© 2021 Sepp Reithmeier,  Fotos: Sonja Ertl, Erich Junker, Marie Schömer