(Bericht
von S. Zerlauth)
31.08.2004 -- Am 01. Mai 2004 war es soweit:
Die Europäische Gemeinschaft expandierte nach Osten. Wie man weiß,
machten wir uns auf, die neuen Nachbarn im Rahmen unserer Reise Baltikum
2004 zu besuchen. Und so kamen wir schließlich nach Litauen, wo
das
geografische Zentrum Europas liegt.
Im Laufe der Geschichte war das Zentrum Europas oft in Bewegung:
Abhängig von den Ansichten der Staatsoberhäupter, von der Ausdehnung
der Europäischen Gemeinschaft, von der Definition, was "Europa"
eigentlich darstellt oder auch abhängig von den unterschiedlichsten
philosophischen, politischen oder gesellschaftlichen Meinungen.
So ist es heutzutage möglich, verschiedensten "Zentren"
Europas einen Besuch abzustatten: Zum Beispiel dem ehemaligen Zentrum der Europäischen Gemeinschaft
in Belgien in Viroinval, oder einem historischen Zentrum in Deutschland bei
Neualbenreuth, von dem behauptet wird, Napoleon hätte hier einen Stein
zur Markierung aufstellen lassen. Dann dem neuen Zentrum der Europäischen
Gemeinschaft in Deutschland bei Kleinmaischeid oder dem ehemaligen
Zentrum Europas in der Ukraine im Ort Rachiv ...
Die Antwort auf die Frage "Wo liegt das Zentrum Europas" ist so
verwirrend, dass der Polnische Regisseur Stanislaw Mucha genügend
skurilen Stoff zu diesem Thema fand, um 2003 den amüsanten deutschen
Film "Die Mitte" zu drehen.
1989 haben französische Wissenschaftler des IGN (Französisches
Vermessungsamt) die Ausdehnung von Europa festgelegt: Im Norden die
Inseln von Spitzbergen, im Süden die Kanarischen Inseln, im Osten die
Gebirgszüge des Urals und im Westen die Inselgruppe der Azoren. Sie haben
Island und Madeira mit einbezogen, Nowaja Semlja im Norden Russlands
und Malta im Mittelmeer jedoch nicht. Würde man z.B. Malta noch mit
einbeziehen, wäre die Auswirkung minimal, das Zentrum würde sich um
nur rund 100 Meter verschieben.
Viele Vermesser akzeptierten diese Definition, und wie auch immer
man die Grenzen Europas verfeinert, das Zentrum liegt stets in
Litauen. Aber es verwundert kaum, dass es
auch Vermesser gibt, die
versuchen, das Zentrum nach Polen zu "verschieben": Es scheint eine
Frage der "richtigen" Grenzbestimmung Europas und eine Frage des
politischen Einflusses zu sein und keine Frage der
Vermessungsmathematik.
Aber trotz alledem hat 1992 das litauische Parlament ein
Schutzgebiet deklariert, das das geografische Zentrum Europas und
einige umliegende bedeutende historische Plätze beinhaltet.
Am 1. Mai 2004 wurde hier ein Monument
enthüllt, das der litauische
Bildhauer Gediminas Jokûbonis geschaffen hat: Es ist eine weiße
Granitsäule mit einer Krone aus goldenen Sternen und es soll die
Verbindung von Litauen zu Europa symbolisieren.
Das genaue Zentrum ist nahe der Säule auf einer Metallplatte
markiert, die sich auf einem dicken Felsen befindet, der 9 Tonnen
wiegt und in der Nähe gefunden wurde. Besucher haben auf dem Stein
litauische Lita-Münzen zurück gelassen: Wir legen eine Euromünze
dazu als Zeichen für das vereinte Europa - muss man mehr tun
für eine Euro-"Extratour"? 
Die Litauische Lita wurde im Januar 2002 an den Euro
gekoppelt:
Der Kurs wurde fixiert auf 3,45280 Litas = 1 EUR. Seit
dem 27.06.2004 nimmt die Lita am Wechselkursmechanismus II (WKM II) teil,
was Kursschwankungen auf ±15% begrenzt. Der Kurs erweist sich als
erstaunlich stabil.
Nahe dem Felsen ist ein Haus aus Holz, in dem sich die Verwaltung
des Zentrums Europas befindet. Wir treten ein und werden herzlich
von einem "Beamten" auf Englisch begrüßt. Er bietet uns Souvenirs
an. Viel hat er nicht: Baseballkappen von bester Qualität und ein
Zertifikat, das den Besuch des Zentrums Europas bestätigt.
Das Zertifikat ist in verschiedenen Sprachen erhältlich und es gibt
Rabatt, wenn man zum Beispiel für eine ganze Familie ein Zertifikat
nimmt. Aber die Zertifikate sind nicht teuer: Für umgerechnet 1,50 EUR
kann man es erhalten und es ist sein Geld wert, denn die Zeremonie ist
sehr würdevoll und außerdem sieht das Zertifikat auch noch recht nett
aus.
Wir beschließen, dass jeder sein eigenes Zertifikat bekommen
soll:
Der Beamte kann es kaum glauben und bietet erneut ein Zertifikat mit
unser aller Namen an zum Sonderpreis. Befürchtet er, uns könnte die
ganze Sache vielleicht ruinieren? Aber dann greift der Beamte zu einer Liste,
ordnet dem ersten eine eindeutige Nummer zu und trägt dessen Namen,
Adresse und das Tagesdatum ein. Daraufhin geht er zu einem
verschlossenen Schrank, entnimmt ein Zertifikat und füllt es
sorgfältig und bedächtig in schöner Handschrift aus (eindeutige
Nummer, Name und Datum). Dann steht der Beamte auf und übergibt dem
ersten von uns ein Siegel, das man selbst auf das Zertifikat drücken
muss. Während des Vorgangs des Siegelns nimmt der Beamte Haltung an.
Jeder Schritt der Zeremonie ist bedächtig und ernsthaft und sogar
etwas pathetisch.
Die Zeremonie wiederholt sich in allen Schritten für den nächsten.
Zum Abschluss erstellt der Beamte eine Rechnung auf einem wirklich
aufwändigen Rechnungsformular des litauischen Finanzministeriums, das
auch wieder eine eindeutige Nummer hat. Es versteht sich von selbst,
dass sowohl der Beamte als auch wir diese Rechnung unterschreiben
müssen. Wir bekommen einen Durchschlag ausgehändigt.
Nach dem der offizielle Teil beendet ist, gibt uns der Beamte
Prospekte über Vilnius and Kaunas. Er warnt uns vor Taschendieben in
den Städten und er rät dringend davon ab, nachts allein durch Kaunas
zu laufen.
Als wir ihm eine kleines Trinkgeld für die Kaffeekasse geben
wollen, lehnt er dies strikt ab: Er ist ein aufrechter,
unbestechlicher Beamter!
Betrachtet man den Aufwand, mit dem der Besuch am Zentrum Europas
zertifiziert wird, kommt man zu dem Schluss, dass Litauens Bürokratie
auf Höhe des Standards der Europäischen Gemeinschaft handelt.
Die Zurückweisung des Trinkgelds ist jedoch keineswegs europäischer
Gemeinschafts-Standard, aber es ist eine sympathische Geste. Jedoch
geben wir uns keineswegs der Illusion hin, die anderen Beamten der
Europäischen Gemeinschaft in Brüssel würden sich diesen netten Beamten
zum Vorbild nehmen ...
 
Wir haben den Besuch am Zentrum Europas sehr genossen und wir
beenden diesen Bericht mit der Einladung aus der Fußzeile des
Zertifikats:
Jeder, der gerne reist, muss das geografische Zentrum
Europas wenigstens einmal besuchen. Anmerkung: Dieser
Beitrag wurde beim DCP (Degree Confluence
Project) als "Special
visit" aufgenommen.
Nachtrag, Oktober ´05: Neues Beitrittsland ab 2007 Litauen
soll ab 2007 in die Europäische Währungsgemeinschaft aufgenommen
werden, mehr dazu in unserem Beitrag Die
"Anderen" und die "Neuen"!
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