Eine
geschichtsträchtige Tour durch Norditalien hatten wir bereits bei Italien
2001 (1) absolviert: Mit der Enduro ging es durch´s Piemont und dabei
haben wir jede Menge alte Militärpisten und Festungen in den Westalpen kennen
gelernt.
Und unser Reisebericht Italien 2001 (2) führte uns dann unter anderem in das Gebiet des Veneto rund um den Gardasee.
Dieses Gebiet, wenn auch im benachbarten Trentino, steht nun auch im folgenden Bericht im Mittelpunkt. Nicht nur für Weintrinker ist dies eine interessante Region, sondern auch für jeden historisch Interessierten: Denn eine Tour mit ebenfalls besonders geschichtsträchtigen Stationen kann man auf den ca. 70 km vom norditalienischen Rovereto über Rifugio Lancia in Richtung des Monte Pasubio hinter sich bringen - und genau das tat unser Autor Marcus Dautzenberg während seiner Italien-Tour 2001 östlich vom Gardasee - sicher ein echter Leckerbissen für die Mountainbiker unter unseren Lesern!
Die Strada delle Galerie im Trentino führt in die Vergangenheit des Gebirgskrieges
Gerade jenen, die zum Mountainbiken am Gardasee weilen, bietet sich die reizvolle Möglichkeit, den Monte Pasubio mit seiner beeindruckenden Kulisse und den unzähligen Relikten des grausamen Gebirgskrieges unter die Stollen zu nehmen.
Einer der am zähesten umkämpften historischen Kriegsschauplätze des Ersten Weltkriegs erschließt sich bei dieser Runde vorbei an unzähligen Stollen, Kavernen und verfallenen Unterständen, die deutlich an den Leidensweg der österreichischen Kaiserjäger und italienischen Alpini erinnern. Mehr als 13.000 Gefallene waren in diesem Frontabschnitt zu beklagen ...


Eine Tour zum Nachdenken ...
Die Mountainbike-Tour zum Monte Pasubio und durch die 52 Tunnel der "Strada delle Galerie" mag eine der interessantesten "Dynamite-Trails" in den Alpen sein. Das Bergmassiv des Pasubio wird von Pfaden und Wegen zerschnitten, die bis 1917 von den Alpini vor allem zur Versorgung der dort stationierten Truppen angelegt wurden.
Geprägt durch Wegtrassen, die in senkrechte, tief abfallende Felswände gesprengt wurden sowie unzählige, enge und abenteuerliche Tunnel und Kavernen, wird diese Tour zu einem außergewöhnlichen Bikeerlebnis. Die "Strada delle Galerie" wurde unter einem enormen Einsatz von Mensch und Material in nur elf Monaten (teilweise wird sogar von sechs Monaten gesprochen) fertig gestellt. Die 52 Tunnel addieren sich zu einer Länge von 2.280 m, was für die damalige Zeit, vor allem in Anbetracht der Umstände (Feindbeschuss und Witterungsverhältnisse), eine meisterhafte Leistung darstellt.
Startpunkt
Ausgangspunkt der Bikerunde ist der "Passo Pian delle
Fugazze" (1.162 m). Hier kann man problemlos in der Nähe einer Bar parken - dort
gibt es dann auch nach der Tour den verdienten Cappuccino.
Im ersten Teil der Tour gilt es, einer groben Schotterpiste, der "Strada degli Eroi" (Wegweiser "Rif. Papa, Val di Fieno") folgend, Höhenmeter zu machen, um dann, nach Überschreiten des Gebirgskamms und der Passhöhe, im zweiten Teil die atemberaubende Abfahrt (bzw. den Abstieg) durch die 52 Tunnel der "Strada delle Galerie" zu genießen. Die Auffahrt ist zwischendurch ziemlich grob geschottert und zieht sich zum Schluss etwas in die Länge. Doch dafür ist die Belohnung um so größer ...
Strada degli Eroi
Die "Straße der Helden" war ursprünglich eine Nachschubpiste der Alpini. Sie erklimmt den Südhang des Pasubio in endlosen Serpentinen (ca. 700 Höhenmeter), vorbei an der "Malga Val di Fieno", und endet abrupt an der "Galeria Generale d’Havet" auf 1.857 m.
Hier ändert sich die Kulisse schlagartig: Die "Galeria" ist ein grob in den Fels gehauener Tunnel, welcher den Felskamm zwischen Val di Fieno und dem zerklüfteten Val Canale durchschneidet. Eine erste Schranke erinnert daran, dass hier eine Region beginnt, in der Mountainbiker nicht erwünscht sind. Trotzdem heißt es: Weiter!
Sofern die Sicht nicht von tief hängenden Wolken verstellt ist, kann man in die tiefen Schluchten des Val Canale hinab blicken. Oder die in schroffe Felsabstürze getriebene Straße in Richtung "Porta del Pasubio" und "Rifugio Generale Achille Papa" auf 1.928 m bestaunen: Schließlich bleibt der Blick an den gegenüber liegenden Felswänden hängen, die von den 52 Tunnels der "Strada delle Galerie" durchlöchert sind. Jedoch habe ich bisher fast immer das Pasubio-Massiv wolkenverhangen erlebt.
Das Wetter am Gardasee bietet keinen
Anhaltspunkt dafür, was einen auf der anderen Seite des Etschtals erwartet. Fliegende Wolkenfetzen vor dieser zerklüfteten Bergkulisse haben jedoch auch
ihren Reiz ...
Strada delle Galerie
Nach ausgiebiger Rast im "Refugio Generale Achille Papa" (falls dieses überhaupt geöffnet hat, was außerhalb der Hochsaison oft nur an Wochenenden der Fall ist) muss man sich für die nun folgende Abfahrt entscheiden: Entweder man nimmt den offiziellen Weg durch die "Porta del Pasubio" über eine Schotterpiste hinab zur "Bocchetta di Campiglia", oder man ignoriert das Fahrverbot (was auch für Mountainbiker gilt) und wählt die atemberaubende Route durch die 52 Tunnels der "Strada delle Galerie".
Vergleichbar mit dem Stilfser Joch, das für Rennradfahrer zu
den Highlights in den Alpen zählt, sollte jeder Mountainbiker einmal in seinem
Leben diese Straße der 52 Tunnels unter seine Stollen genommen haben - danach
belächelt man den Tremalzo nur noch müde ... ![]()
Zunächst muss man die Schranke überwinden (aber der geübte Lago-Biker ist das von der Pregasina-Straße her ja eh gewohnt). Aber dann geht es endlich los:
Als Abfahrt kann diese Route nicht unbedingt bezeichnet werden, denn je nach Witterungsverhältnissen und Risikobereitschaft legt man einen mehr oder weniger großen Teil dieser Strecke zu Fuß zurück. Einer der Gründe hierfür ist die umwerfende Kulisse und die Aussicht. Wer sich hier nur auf einen Ausschnitt von fünf Metern vor seinem Vorderrad konzentriert, verpasst die Highlights dieses Teilstücks.
Hinzu kommt, dass ein großer Teil des Wegs recht ausgesetzt ist. Einige der Tunnels sind sehr niedrig: Auf dem Bike sitzend läuft man ständig Gefahr, mit dem Kopf an der Decke anzustoßen - hier besteht zwingend Helmpflicht. Im Grunde genommen ist das Bike-Verbot daher nicht so unsinnig, aber was soll´s!
Weiteres unverzichtbares Utensil ist die Stirnlampe; zusätzliche Beleuchtung am Velo ist auch nicht von Schaden, da einige Tunnels so lang sind, dass deren Beginn und Ende außer Sicht sind. Sie schrauben sich wie ein Gewinde durch das Felsmassiv. Hier kann man erfahren und erleben, was wirkliche Dunkelheit bedeutet: Das undurchdringbare Schwarz wird vom steten Tropfen des Wassers von der Felsdecke noch verstärkt ...
Wir
mussten allerdings bei einer der Touren feststellen, dass
Stirnlampen auch so ihre Tücken haben, vor allem wenn es sich um preiswerte
handelt: Denn nach kurzer Zeit gab die erste ihren Geist auf, während bei der
zweiten die Batterien schon von Haus aus nicht besonders leistungsstark waren. Allerdings
haben wir dort auch einen Wanderer gesehen, der ganz ohne Licht unterwegs war - hat
auch so seinen Reiz!
An der "Bocchetta di Campiglia" findet die unvergessliche Tunnelabfahrt dann ihr Ende. Hier bietet sich die Gelegenheit, erst einmal zu verschnaufen und das soeben erlebte Revue passieren zu lassen, ehe der letzte Streckenabschnitt in Angriff genommen wird.
Ein Tipp für Unersättliche:
An der "Bocchetta di Campiglia" den Schotterweg links bergauf Richtung "Porta di Pasubio" einschlagen (das wäre die alternative Abfahrt gewesen). Das Ganze kann dann von vorne beginnen.
Von der "Bocchetta di Campiglia" rollte es sich dann auf
einem schönen Forstweg leicht zum Passo Xomo. Ab hier geht eine asphaltierte
Straße hinunter zur "Ponte Verde", dem Ende der Abfahrt. Nach dem äußerst
schwierigen Trail ist dies Erholung pur. ![]()
Letzte Auffahrt
Wer sich bereits am Ende der Tour wähnt, erlebt eine böse Überraschung: Ab "Ponte Verde" sind noch etwa 250 Höhenmeter auf der Straße bis zum Ausgangspunkt am "Pian delle Fugazze" zu bewältigen. Der anschließende Cappuccino ist wohl verdient ...
INFO Sentiero della Pace
Der Pasubio ist nicht nur für sich genommen ein lohnendes Tourenziel: Er ist nämlich auch Teil des sog. Friedenspfades - des "Sentiero della Pace". Der Wanderweg, beginnend am Tonale-Pass, folgt der früheren Frontlinie des Gebirgskrieges vom Ortler-Cevedale-Massiv bis zur Marmolada und orientiert sich in erster Linie an den alten Kriegspfaden. Auf diese Weise werden alle Abschnitte der Front im Trentino miteinander verbunden. 28 bis 30 Tage muss der Wanderer, dem Symbol der Friedenstaube folgend, für diese Tour einplanen ...
Alternative Routen lassen sich in der Region um den Pasubio ohne Probleme zusammen stellen, wenn man den Friedensweg in die Tourenplanung einbezieht.
Anreise:
Aus Richtung Gardasee:
Ab Torbole Richtung "Rovereto, Nago" nach Rovereto fahren. Dort immer der Beschilderung Richtung "Vicenca" quer durch den Ort folgen. Man mündet nach Rovereto ein im Vallarsa-Tal und folgt diesem auf der linken Talseite, vorbei an den Orten Valmorbia, Anghèbeni und Parrocchia bis zum Passo Pian delle Fugazze auf 1.163 m. Kurz danach rechts auf dem Schotterparkplatz parken. Eine Stunde für die Fahrt sollte man schon einplanen.
Die Tour beginnt auf der gegenüber liegenden Straßenseite: Hier mündet der Schotterweg "Strada degli Eroi".
Aus Richtung Bozen:
Auf der A22 kommend aus Richtung Bozen Abfahrt "Rovereto Süd" und dann wie oben beschrieben in Rovereto Richtung "Vicenca" halten.
© 2002 Marcus Dautzenberg
1. Nachtrag, August ´08: Fahrlässige Empfehlungen ..?
Uns erreichte eine Mail von Ulrich Brunner, die wir unseren Lesern nicht vorenthalten wollen:
Hallo,
habe gerade Euren Bericht und Eure Bemerkungen zum Pasubio gelesen. Ich denke, Ihr solltet Euren
Text überarbeiten, um nicht noch weitere Biker in den Tod zu schicken. Die Strecke ist aus gutem Grund für Biker gesperrt. Erst 2006 ist ein deutscher Biker dort tödlich verunglückt.
Ich finde Eure Empfehlungen mehr als fahrlässig ...
Da wir als Redaktion nicht den Text des Autors Marcus Dautzenberg "überarbeiten" können, sondern eine Gefahreneinschätzung unseren Lesern selbst überlassen müssen, baten wir Ulrich Brunner um weitere Informationen zu dem Thema, um diese hier zu veröffentlichen. Seine Antwort:
Hallo,
danke für Ihre Anmerkungen. Ich möchte nur weitere Biker vor Schaden bewahren.
Fakt ist, dass am 26.09.2006 ein deutscher Mountainbiker am Pasubio am Tunnel 52 tödlich verunglückt ist. Sein Rad lag noch auf dem Weg, und er stürzte 150 m in den Tod. Einen Link zu dieser Tragödie sende ich Ihnen unten anbei.
Die Strecke ist scheinbar aus gutem Grund für MTB gesperrt. Und ich bin der Meinung, man sollte mit einem kernigen Bericht nicht Leser dazu motivieren, das Verbot zu missachten. Ich bin auf Ihren Bericht per Google bei der Recherche für unseren diesjährigen Transalp gestoßen. Und es könnte ja sein, dass auch andere so auf Ihre Homepage gelangen.
Mit freundlichen Grüßen und allzeit gute Fahrt!
Uli Brunner
Deutscher Biker stürzt 150 Meter in die Tiefe bei der Befahrung der
Strada delle 52 Gallerie (gesperrt für Biker).
Ciclista muore dopo un volo di 150 metri (Quelle: http://www.ilgiornaledivicenza.it/)
2. Nachtrag, Juli ´10: Mehr zur "Strada delle Galerie"
Eine weitere Mail zum obigen Thema erreichte uns von Judith H., die ihre Eindrücke aus der Wandererperspektive wiedergibt, die wir unseren Lesern nicht vorenthalten wollen:
Hallo,
ich bin die Strada delle Galerie gegangen. Dabei wurde erzählt, dass das eine
berühmte Strecke für Mountainbiker ist, aber dass es wohl öfter vorgekommen sei,
dass Biker ungebremst in den Abgrund gefahren sind. Deswegen haben wir uns die
Öffnungen sehr genau angeguckt.
Die Tunnel der Strada haben viele „Lichtlöcher“, die immer von oben kommend geradeaus in den Abgrund führen und nicht gesichert sind. Der eigentliche Tunnel biegt wenige Meter vorher rechtwinklig ab, dies ist aber im Dunkeln schlecht zu sehen, auch mit Stirnlampe, da man ja eher geradeaus leuchtet, und da das Lichtloch zusätzlich blendet. Diese Lichtlöcher kommen in vielen Tunneln vor. Jemand, der die Strecke noch nicht kennt, wird geradezu eingeladen, jeweils geradeaus zu fahren.
Der Untergrund der Tunnel ist nicht nur uneben, sondern hat auch manchmal
größere Stufen, bis ca. doppelte Treppenstufenhöhe - ob das für Biker ein
Problem ist, weiß ich nicht. Was die Höhe angeht - ich schätze, mit bis zu 1,65
cm kann man durchgehen, ohne sich den Kopf zu stoßen, schon ab 1,70 cm ist ein
Helm auch für Wanderer sinnvoll, weil die Decke der Tunnel teilweise sehr
scharfkantig ist.
Zu den Lichtlöchern - ich hatte den Eindruck, dass die Tunnel (nicht die
spiralförmigen) von oben kommend gesprengt wurden, und zwar einfach geradeaus,
bis man eine Öffnung in der Felswand hat - dann wurde wenige Meter davor ein
Abzweig geschaffen in die neue Zielrichtung. Dieser Abzweig fing manchmal auch
mit einer Stufe nach unten an, das kann aber auch nur bei scharfen Kurven
innerhalb des Tunnels so gewesen sein, nicht notwendigerweise am Lichtloch. Hier
ist meine Erinnerung unscharf.
Ich hoffe, ich konnte Ihnen weiterhelfen - wenn auch nur aus Wandererperspektive.
Viele Grüße
Judith