Nordfjord

Tschüß Horst! Nach der Überdosis Tourismus in Flåm beschließen wir, die Horst-Lichter-Tour endgültig zu verlassen und etwas abseits weiter zu fahren. Mit Landkarte und Campingführer entdecken wir den Campingplatz Steinvik bei Måløy am Nordfjord.

Unsere Route führt nun erneut durch den Laerdalstunnel und danach mit der Fähre in Richtung Kaupanger. Wir streifen den Jostedals Nationalpark und sind schwer beeindruckt, als wir plötzlich am Fuße des schon stark geschwächten Gletschers Bøyabreen stehen: Mit offenen Mündern bestaunen wir - zusammen mit tschechischen, deutschen und polnischen Reisegruppen - die gewaltige Natur, die sich einer Konservierung mittels Fotoapparat erfolgreich entzieht. Das menschliche Auge kann die Dimensionen "live" viel besser erfassen ...

Nach der Fahrt durch den Fjaerlandstunnel queren wir hinter Sandane einen Ausläufer des Nordfjords mit der Fähre und fahren dann immer am Fjord entlang in Richtung Meer ...

Im 25 km langen Laerdalstunnel: Fotostopp in einer der drei "Blauen Grotten" Steinvik Camping: Grandioser Blick auf den Nordfjord
Stellplatz mit eigenem Holzdeck ... Zwei stattliche Pollacks von der Mole aus gefangen ...

Am Steinvik Camping werden wir sehr freundlich von der alten Chefin in brüchigem Deutsch begrüßt. Unser Stellplatz hat ein großes Holzdeck und einen phantastischen Ausblick auf den Nordfjord. Wir sind in unserem Norwegen "angekommen". Hier bleiben wir ein paar Tage!

Keine Touristenmassen und ein spärlich belegter Campingplatz mitten in einer fantastischen Landschaft bei nordischen 15°C mit Wind, das passt eher zu unseren Erwartungen. An der kleinen Mole direkt unter unserem Stellplatz werfe ich später noch meine Angel aus: Zwei stattliche Pollacks werden eingeholt und der Speiseplan für die kommenden Tage steht. Petri Heil!

Måløy, Vågsøy und Vestkapp

Die nächsten Tage erkunden wir die Umgebung und genießen die Ruhe: Es gibt hier viel zu sehen und wir erkunden die Insel Vagsoy, auf der der Hauptort Maloy liegt. Bei frischem Wind besuchen wir das Leuchtturmwärter-Häuschen Kråkenes Fyr: Dort kann man sich sogar ein Zimmer mieten! Unbedingt ansehen muss man sich auch den "Kannesteinen", einen pittoresk ausgewaschenem Strandfelsen, der in allen Prospekten zu finden ist.

Auf der gegenüber liegenden Seite der Bucht wandern wir zum Leuchtturm Hendanes Fyr. Bei viel Wind, aber phänomenaler Sicht sind wir ganz allein hier und lassen die besondere Stimmung auf uns wirken. Auf dem Rückweg freuen wir uns über kostenlose Parkplätze in Maloy. Ab 16 Uhr muss man keine "Avgift" mehr bezahlen. Als alle Geschäfte die Türen vor unserer Nase zusperren, wissen wir auch, warum wir kostenlos parken: Um 16 Uhr ist Ladenschluss! Abends wird selbst gefangener Fisch gegessen und von unserem Holzdeck aus beobachten wir die Schiffe auf dem Nordfjord ...

Krakenes Fyr: Einmieten im Leuchtturm-Häuschen nichts für schmalen Geldbeutel ... Den einmaligen Kannesteinen muss man gesehen haben! Hendanes Fyr: Offiziell gesperrter Weg zum Leuchtturm ...
Maloy: Geschäftiges Küstenstädtchen ohne nennenswerten Tourismus "Schiffe gucken" vom eigenen Holzdeck aus ...
Vestkapp Fernsicht: Schmale, steile, einspurige Straße führt hoch über die Küste Am Vestkapp: Wer muss da noch zum Nordkap? Bucht bei Ervik: Wrackreste aus WK II ... Seemannsfriedhof Ervik am Strand ...

Schweizer Camper erzählen uns vom "Vestkapp", das auf unserer Karte nicht verzeichnet ist. Wir recherchieren im Internet und beschließen die Halbinsel Stadlandet mit dem Vestkapp zu erkunden. Nach einer guten Stunde Fahrt stehen wir am Vestkapp und staunen bei milden 14°C und Sonnenschein über den gebotenen Rundblick. Dann fahren wir noch in die Bucht nach Ervik, wo im Zweiten Weltkrieg ein norwegisches Schiff von britischen Fliegern versenkt wurde. Ein Stück vom Rumpf liegt tatsächlich noch an Land.

In der Bucht machen wir bei herrlichem Sonnenschein einen schönen Strandspaziergang und entdecken dabei sogar ein Gelege mit zwei Eiern vom Austernfischer. Wir können uns hier kaum losreißen, wissen wir doch, dass wir morgen die Fjorde verlassen und ins Landesinnere nach Randsverk am Jotunheimen Nationalpark fahren werden. Zudem ist das Ende der Schönwetterperiode erreicht ...

Jotunheimen

14. Juni: Wir verlassen den nördlichsten Punkt unserer Reise und fahren ostwärts, immer der Straße 15 entlang. Bei Innvik streifen wir zum letzten Mal den Innvikfjord, bevor wir bei Wind und Regen über das wilde Fjell zwischen dem Reinheimen und Breheimen Nationalpark überqueren. Unsere Route führt direkt über Lom. Hier steht die wohl bekannteste Stabkirche Norwegens und entsprechend voll ist es überall.

Unser Wohnwagengespann wird auf dem Parkplatz kurzerhand zum Reisebus umgetauft und wir spazieren in einer kurzen Regenpause einmal um die wirklich sehenswerte Kirche. Die vielen Touristen treiben uns jedoch schnell wieder weiter und wir rangieren gegen 16 Uhr unseren Eriba an ein Holzdeck auf dem Randsverk Camping, wo wir von einem perfekt Deutsch sprechenden Dänen an der Rezeption begrüßt werden.

Die Stabkirche Lom zieht viele Touristen an ... Glitterheim Hochlandpiste: Nach dem Abendessen auf die 23 Kilometer lange Piste ... Eine Stimmung wie in Island bei entsprechendem Wetter ...
Heidal Almpiste: Sind Schafe hier die einzigen Lebewesen ..? ;-)) Immer wieder kleine Siedlungen, die oft nur als Feriendomizil genutzt werden ... Ferienhütten historisch rustikal ... ... aber auch Ferienanlagen mit allem Komfort ...

Nur wenige hundert Meter vom Platz entfernt führt eine Piste mitten in den Jotunheimen Nationalpark mit den höchsten Gipfeln Norwegens. Nachdem wir gehört haben, dass bei diesem schlechten Wetter auch die Rentiere in die Täler herunter wandern, wollen wir unbedingt noch nach dem Abendessen los. Auf der Mautstraße und bei bedrohlicher Wolkenkulisse fahren wir für 40 Kronen bergan: Waagrechter Regen, Sturm und die gigantische Naturkulisse geben uns das Gefühl, in Island auf einer Hochlandstraße zu fahren. Immer wieder springe ich aus dem Auto, um die Stimmung mit dem Fotoapparat einzufangen.

Wie zu erwarten sind wir hier mutterseelenallein und auch der Tierwelt scheint das Wetter viel zu schlecht zu sein: Wir sehen kein einziges Lebewesen und unsere Fahrt endet nach 23 Pistenkilometern vor einer Schranke. Ab hier geht es nur noch zu Fuß oder mit dem Fahrrad die letzten 5 Kilometer weiter zur Glitterheim Turisthytte. Es ist schon nach 21 Uhr, als wir erschöpft und schwer beeindruckt zurückfahren ...

Am nächsten Vormittag starten wir nach Heidal, um von dort über Schotterstraßen die Umgebung zu erkunden. Nach einem kleinen Einkauf im Supermarkt suchen wir den Einstieg zu den weitläufigen Almflächen südwestlich des Ortes. Die Wanderkarte vom Campingplatz leistet hierbei gute Dienste: Schnell sind die richtigen Wege gefunden und nachdem wir 50 Kronen an einer improvisierten Mautstation deponiert haben, fahren wir auf Schotter steil bergauf. Wir erkunden viele Nebenwege und staunen über grasbedeckte Blockhäuser an malerischen Seen und Almen. Alles garniert mit einer guten Fernsicht. Auf einer Runde durch eines der zahlreichen Hüttendörfer finden wir sogar einen verwegenen Abstecher mit abenteuerlicher Bachdurchfahrt.

Nach einer norwegischen Brotzeit mit Lachssemmeln und Lättöl fahren wir noch einige Abstecher über die Hochebene und landen schließlich beim Rückweg im wahrsten Sinne des Wortes "im Wald": Ein Fahrweg aus der Wanderkarte entpuppt sich als dermaßen schmal und zugewachsen, dass wir freiwillig bei der ersten Gelegenheit wenden und zum Campingplatz zurückfahren.

Am Samstag ist "Marked" in Randsverk! Einige Trödler, ein Drechsler, Strickwaren und Hausbäckerei und sogar Schmied und Fischer haben ihre Stände aufgebaut. Auch viele Einheimische besuchen den vom Campingbesitzer organisierten Markttag. Wir erstehen "Graved och röket Örret" also gesalzene und geräucherte Lachsforelle - köstlich ..!

Rudihoe Gipfel: Eineinhalb Stunden Wanderung werden mit toller Aussicht belohnt ...Das Wetter zeigt sich heute gnädig und so machen wir einen Wanderausflug auf die Rudihöe, den Hausberg von Heidal. Wir sind wieder die Einzigen auf dem Weg über rund 300 Höhenmeter auf einen Fjellbuckel von 1.150 Metern Höhe. Wir kommen schnell ins Schwitzen und die Fliegen und Mücken finden uns zum "anbeißen".

Nach ca. 1,5 Stunden stehen wir auf den Gipfel der Rudihöe und haben bei wechselnder Bewölkung eine fabelhafte Fernsicht: Die Berge des Jotunheimen Nationalparks stehen schneebedeckt im Westen und wir machen Brotzeit mit Blick auf die gletschergeschliffenen Berge des Rondane-Nationalpark im Osten. Leider bekommen wir außer den vielen Fliegen, dem einsamen Klingeln einer Schafsglocke und ein paar aufgeschreckten Kukucksvögeln keine Tiere zu Gesicht. Ein paar Rentiere hätten es schon sein dürfen ..!

Auf dem Rückweg fahren wir noch zur Kirche von Heidal: Diese ist zwar neueren Datums, aber sehr schön gestaltet und in vielen Führern erwähnt. Leider können wir nur einen kurzen Blick ins Innere werfen, eine Musikveranstaltung mit Gesang und voll besetzten Kirchenbänken hindert uns am Sightseeing.

Morgen werden wir Richtung Süden bis kurz vor die schwedische Grenze fahren: Drei Wochen Norwegen neigen sich stark ihrem Ende entgegen ...

Über Halden nach Schweden

Unsere Route führt über Heidal talauswärts in das Gudbransdal, wo die für Norwegen wichtige E6 von Oslo nach Trondheim führt. Die E6 ist weitgehend wie eine Autobahn angelegt und in den Tunnels gibt es hinterhältige Blitzanlagen, die am Tunneleingang und am Tunnelausgang ein Foto machen und dann nachrechnen, ob man zwischendrin zu schnell gefahren ist. In München wäre so etwas in den Tunnels am Mittleren Ring eine regelrechte Gelddruckmaschine! Zudem steht alle paar Kilometer eine automatische Mautanlage und die angezeigten Beträge addieren sich so schnell, dass man besser gar nicht mitrechnen sollte.

Halden Camping: Platz mitten in der historischen Burganlage ... Halden Festival: Das "Wacken" Norwegens ... ;-)) Halden Hafen: Von der Festung aus guter Blick hinunter ...
Höganäs Strandidylle: In Schweden am Strand kommt IKEA-Feeling auf! ;-)) Das letzte Foto dieser Reise: Fähre nach Helsingoer ...

Wäre das Wetter nicht so schlecht, hätten wir auch noch landschaftlich einiges mehr mitbekommen. Wir kommen zügig voran und gegen 17 Uhr erreichen wir den direkt in der Festung Fredriksten gelegenen Campingplatz in Halden an der schwedischen Grenze. Wir haben Glück, dass wir nicht drei Tage später ankommen, denn dann wäre hier Norwegens größtes Rockfestival, für das die Aufbauarbeiten bereits in vollem Gange sind. Wer hätte das gedacht, dass es in Norwegen ein kleines "Wacken" gibt? Nach dem Abendessen machen wir bei windigem, aber trockenem Wetter noch eine ausgiebige Erkundungstour durch die große Festungsanlage.

Am 18. Juni rollen wir um kurz nach 10 Uhr den Festungsberg hinunter durch die historische Altstadt von Halden und fahren über die 1946 erbaute und unter Denkmalschutz stehende Svinesundbrücke nach Schweden. Hier beginnt die Autobahn, die wir bis Ängelholm nicht mehr verlassen. Gegen 16:30 kommen wir in Höganäs am Camping Örestrand an: Wir gönnen uns noch einen Tag "IKEA-Land-Feeling" in Höganäs, bevor wir am 20. Juni über Helsingör, Kopenhagen und Fehmarn schließlich wieder in den "deutschen Autobahnwahnsinn" eintauchen ...


© 2020 Matthias Bernhard


Anm. der Red.: Weitere Beiträge von Matthias finden sich in unserer Autorenübersicht!