Dienstag, 09.08.16, 1. Tag: Kvikkjokk - Hábres

Kaum am Start unserer Tour müssen wir bereits über den ersten Fluss: Ich schaue zu wie Bootsmann Björn, der die Wanderer übersetzt, langsam wieder zurückrudert. Das idyllische Bild wird jedoch direkt von den ersten "Mosquitos" zunichte gemacht.

So ziehe ich mit Hendrik, einem weiteren Wanderer, der sich mit dem Boot hat übersetzen lassen und nur drei Tage im Park verbringen will, unverzüglich los, um möglichst bald auf eine höhere Lage zu gelangen. 

Der Weg beginnt direkt mit einem steilen Anstieg. Hendrik, der mit seinem hellbraunen Karohemd und braun-roter Trekkinghose als Holzfäller in diese urwaldähnliche Landschaft passen würde, freut sich, dass dieses Jahr wenig Stechfliegen unterwegs sind. Meine Antwort besteht aus einem wenigsagenden Murmeln, während ich nach dem gefühlt 142. dieser unscheinbaren Angreifer schlage ...

Nach etwa einer Stunde unfreiwilliger Blutspende finden wir uns auf einer grünen Hochebene wieder. Die Mückenplage lässt zum Glück jetzt nach und der Ausblick ist bereits hier fantastisch: Wir blicken Richtung Süden auf ein riesiges Flussdelta hinab. Kurz vor dem Berg Vallespiken verabschieden wir uns  und ich bahne mir - mit einem Ausblick auf einen rauschenden Bach links tief unten - meinen Weg weiter entlang der Bergflanke. Die hellgrünen Gras- und die saftigen Moosflächen, auf denen Wassertropfen perlen, werden ab und an von einzelnen Steinbrocken unterbrochen.

Ausblick wieder mal überwältigend ... von Bergen eingerahmtes bewaldetes Tal

Der bequeme Weg wird gegen Nachmittag anspruchsvoller: Geschmolzene Gletscherzungen haben weniger bequeme Einkerbungen in den Bergen hinterlassen. Mein Dilemma besteht nun in der Wahl, diese hinab- und wieder aufzusteigen oder aber einen Umweg über die Mündung zu unternehmen. Das Wetter verschlechtert sich nun auch noch ganz so, als ob es sich dem Umstand dieser Misere anpasst ...

Am Horizont erscheint der erste Pass, den es zu überwinden gilt. Der zähe Weg dorthin führt über "Blockfelder", also kurze Abschnitte, die komplett mit großen Steinen übersät sind. Endlich angekommen ist der Ausblick wieder mal überwältigend - rechts unten liegt ein von einem Fluss durchzogenes und auf beiden Seiten von hohen Bergen eingerahmtes bewaldetes Tal. Das Bild erinnert an den Kinderfilm "In einem Land vor unserer Zeit".  

Ein Sonnenstrahl bahnt sich den Weg Zeltplatz am Bergsee

Auf der linken Seite bahnt sich ein einzelner Sonnenstrahl seinen Weg durch die Wolken, in etwa dorthin, wo ich meinen Lagerplatz plane. Diesem Ziel folgend gelange ich schließlich an einen Bergsee und schlage mein Zelt an einer windgeschützten Stelle auf.

Es ist kalt: In Abwesenheit meiner Handschuhe, die leider noch gut in meinem Van liegen (), wird mir schmerzlich bewusst, was "nördlich des Polarkreises" bedeuten kann. Erschöpft falle ich in einen tiefen Schlaf ...

Mittwoch, 10.08.16, 2. Tag: Hábres - Låptåvágge

Der Morgen erwartet mich nach einer windigen Nacht mit frischen 4°C bei Sonnenschein. Meine Finger gleichen Eiszapfen. So warte ich bis gegen 9:00 Uhr - das Thermometer zeigt nun erfreulicherweise 10°C mehr. Nach Tee und Haferbrei steige ich auf den Hábres, einen kleinen Hügel, und genieße das Panorama, das sich hier oben wieder mal eröffnet. Danach packe ich mein Zelt zusammen und wandere über Gras- und Heideflächen sowie ein paar Blockfelder bis zu einem 3 Meter breiten Bach, der mich von der anderen Seite trennt.

Nach einer kurzen Suche muss ich enttäuscht feststellen, dass ich wohl nicht trockenen Fußes auf die andere Seite kommen werde: Die engeren Passagen werden von Stromschnellen regiert, was einen Versuch zu riskant macht, und ich entscheide mich für eine breitere Stelle. Über meinen Rücken laufen mehrere Schauer, als ich das eiskalte Gletscherwasser des knöcheltiefen Baches betrete und es in meine Schuhe fließt ...

Rentier-Idylle ... Trennendes Bachbett Durch eiskaltes Wasser auf die andere Seite 

Auf der anderen Seite angekommen werde ich von meiner Karte bergab geleitet: Die Talsohle durchzieht ein Strom, der Buojdesjånkå, den es ebenfalls zu queren gilt. Das heutige Ziel liegt an einem höher gelegenen Gebirgssee. Der Weg dorthin führt mich an einem Berghang entlang und ist mit dichtem Birkenwald und fahlgrünem Gestrüpp überzogen, das einen den Boden nicht sehen lässt. Der Untergrund besteht zu großen Teilen aus nassem Moos, in dem ich bis zu den Knöcheln versinke - eine überaus anstrengende Erfahrung, die mir wie eine Ewigkeit vorkommt - und es ist immer noch erst der zweite Tag ... Der Kampf dauert rund zwei Stunden, bevor ich das Gestrüpp hinter mir lassen kann ...

Rechts von einer steilen Schlucht laufe ich nun auf leicht ansteigenden Grünflächen. Der Blick fällt zurück über das Tal: Eine winzige Rentierhütte am Fluss, Unmengen kleiner Wasserfälle, die zum Teil von Gletschern, vereinzelt aber auch aus dem nichts zu kommen scheinen - all das rechtfertigt den Aufwand! Es macht sich ein Gefühl der Erschöpfung breit, leider langsam auch noch mit einigen Schmerzen im rechten Hüftmuskel gemischt. Als ich den kleinen See am Laptavágge erreiche, bin ich dankbar, dass der Tag sein Ende gefunden hat. Gegen 22 Uhr tritt die Abenddämmerung ein, doch da bin ich bereits in meinem Schlafsack ...

Donnerstag, 11.08.16, 3. Tag: Låptåvágge - Lulep Njoatsosvárre

Auf das Zelt prasselnde Regentropfen wecken mich unsanft: Sie vertreiben jegliche Lust auf einen frühen Start. Gegen Mittag mache ich mich schließlich auf zum Goabrekjávrásj, einem von Steinblöcken umrahmten Gebirgssee. Das Wetter hat sich erfreulicherweise gebessert und lässt den eiskalten See vor mir glasklar ruhen.

Schritt für Schritt geht es nun weiter auf der Nordseite über einen Pass. Erneut eröffnet sich ein grandioser Ausblick über das riesige Tal auf der anderen Seite - diese Augenblicke sind unbezahlbar. Auf dem steilen Abwärtsstück lasse ich mich von einigen Rentieren leiten, die vor mir in Richtung Tal fliehen.

Wieder folgt ein Fluss, bevor es auf der anderen Seite Richtung Norden weitergeht. Links von mir befindet sich das Becken eines 20 Meter hohen Wasserfalles. Ich genieße es, der einzige Mensch zu sein, der dieses Naturschauspiel hier und jetzt betrachtet: Ein Gefühl von Freiheit und Unabhängigkeit übertrumpft für einige Atemzüge bei weitem das der Einsamkeit ...

Oben angekommen habe ich den See Lulep Njoatsosvárre vor mir, an dessen rechter Seite ich auf einem kleinen Trampelpfad entlanglaufe. Vor mir ballen sich wieder einige Wolken zusammen, hinter mir scheint noch die Sonne. Ich habe Gegenwind und die Wolkenfront wird stetig auf mich zugetrieben. Um einigermaßen trocken anzukommen, beschließe ich bereits gegen 17 Uhr, den Tag zu beenden und genieße bei Regenplätschern eine Portion Spaghetti mit Käse und Salz-Pfeffer-Mischung im Zelt ... 

Freitag, 12.08.16, 4. Tag: Lulep Njoatsosvárre - Álggavárre

Was für ein Morgen! Von Sonnenschein um 8 Uhr geweckt, hat es im Zelt bereits eine halbe Stunde später 15°C. Da jeden Tag mindestens ein Fluss zu überqueren ist, bleiben Socken und Schuhe ständig nass, weshalb es morgens immer Überwindung kostet, diese anzuziehen. Trotzdem starte ich gut gelaunt den prächtigen Tag, mein heutiges Ziel ist die Kapelle Alkavare, die im 18. und 19. Jahrhundert für Gottesdienste genutzt wurde.

Was für ein Morgen! Gut gelaunt den prächtigen Tag ... 

Rentiere sehe ich zunächst keine, dafür aber auf der anderen Seite des nicht sehr breiten Tals ein Zelt - es gibt außer mir also doch weitere Menschen hier!

Das schwedische Wetter ändert sich schlagartig, und so treffe ich im inzwischen kalten Grau des frühen Nachmittages ein älteres schwedisches Pärchen: Nach einem kurzen Plausch mit dem sportlichen Ehepaar zwingt uns schließlich die Kälte, das Gespräch zu beenden und weiter zu laufen ...

Die nächste Flussüberquerung versuche ich zunächst barfuß, was sich allerdings kurz darauf als großer Fehler herausstellt: Nach den ersten spitzen Steinen auf dem Grund ziehe ich die Schuhe wieder an. Ich bin glücklich, unterwegs einen Wanderstock gefunden zu haben, da es ohne dessen Hilfe wohl ungleich schwieriger sein würde ...

Die letzten Meter geht es noch bergauf, bevor der westliche Teil vom See Lulep in Sicht kommt. Weiter links wird der Zulauf aus einem Delta sichtbar - zu allen Seiten aufs Neue von Bergen umgeben. Ich verwerfe den Plan bis zur Kapelle zu laufen, setze den Rucksack ab und suche entkräftet eine geeignete Lagerstätte. Kurze Zeit später habe ich einen annehmbaren Ort für mein Zelt gefunden und kehre zu meinem Rucksack zurück. Den habe ich zur Sicherheit vor (imaginären) Proviantdieben unterhalb eines kleinen Hangs abgestellt, weshalb ich die nächsten 45 Minuten damit verbringe, ihn zu suchen. Da auf dieser Höhe alles gleich ausschaut, bin ich glücklich, als ich endlich etwas Blaues an einem Stein gelehnt sehe ...

Während meine Gedanken noch darum kreisen, was alles hätte passieren können, wenn ich den Rucksack hier nicht gefunden hätte, immerhin drei Tagesmärsche von der Zivilisation entfernt, baue ich das Zelt auf und genieße zugleich die Aussicht auf den weit unten liegenden See ...

Samstag, 13.08.16, 5. Tag: Álggavárre - Niejdariehpvágge - Saresvágge

Der Regen sowie das Anziehen der nassen Socken und Schuhe ist mittlerweile zum Standard geworden. Ich nutze die 20-minütige Pause des schlechten Wetters, um das Zelt zusammenzupacken und mache mich schließlich wieder auf. Die topographische Karte verstehe ich mehr und mehr und kann mich so auf die kommenden dicht bewachsenen Gebiete vorbereiten. Momentan habe ich es mit hüft- bis oberkörperhohem fahlgrünen Gestrüpp und dessen harten Wurzeln zu tun, durch das ich mich langsam voran kämpfe, immer mit der Hand am Wanderstab voraus und einem Fuß nach dem anderen.

Der Weg führt entlang des Berges mit Ausblick auf den ruhigen See, im dem sich das Panorama spiegelt. Eine Stunde später erreiche ich den Eingang in das Niejdariehpvágge, eine scheinbar etwas schwierige aber lohnenswerte Abkürzung zum Saresvágge.

Einige Kilometer nach Beginn des steilen Aufstiegs wechsle ich über eine Schneebrücke die Seite des schmalen Talübergangs, der Wind und Regen glücklicherweise etwas abhalten kann. Aufgrund einer kleinen Unachtsamkeit rutsche ich aus und lande auf meinem Hinterteil. Da sich mein Blick auf zwei Bergspitzen richtet, die durch einen fußballfeldgroßen Gletscher getrennt werden, bleibe ich noch einen Augenblick sitzen und genieße den Ausblick. Währenddessen bahnt sich ein naher Bach trotz seiner geringen Größe geräuschvoll den Weg Richtung Tal. Ich forme meinen Mund zu einem Grinsen, was ich kurz darauf aufgrund meiner trockenen Lippen ziemlich bereue ...

Der Blick fällt auf zwei Bergspitzen ... Lager bei Rentierhütte

Bevor ich über die durch den Regen rutschig gewordenen Steine in schildkrötenartigem Tempo den höchsten Punkt erreiche, bemerke ich auf meiner linken Seite etwa zwei Meter über mir einige entlang ziehende Nebelschwaden - vorbei an dem mit Schneefäden überzogenen Berg, der dahinter in die Höhe ragt. Im Zusammenspiel mit den skelettweißen Gletschern auf dem Berg an meiner rechten Seite entsteht dadurch eine fast schon gespenstische Atmosphäre ...

Bergab geht es dann wesentlich einfacher: Auf den Schneeflächen sind nun erstmals Fußspuren vorhanden, was zum einen leichteren Tritt ermöglicht und zugleich die Sicherheit gibt, dass der Schnee auch tatsächlich hält.

Durch abwechslungsreiches GeländeIn Sichtweite einer Rentierhütte schlage ich mein Lager auf - gemütlich auf trockenem und ebenem Grund. Trotz der nicht allzu hohen Temperatur von 8°C ist es angenehm, was mich dazu bewegt, nach 5 Tagen erstmals Haare und Oberkörper im vorbeifließenden Bächlein zu waschen. Begleitet von seinem angenehmen Rauschen schlafe ich einige Zeit später ein ...

Sonntag, 14.08.16, 6. Tag: Saresvágge - Dielmajávrásj

Zum Auftakt geht es heute eine Stunde bei angenehmem Wetter über einen sehr abwechslungsreichen Weg: Zwei Schritte am Flussbett, dann drei am Ufer, einer durchs hüfthohe Gestrüpp, zwei schnelle über sumpfiges Gelände, dann wieder am Fluss Sarvesjåhkå entlang.

Diesen furte ich und suche die Aufstiegsmöglichkeit auf einen alleinstehenden Gipfel, von dem aus ich mir einen guten Blick auf das bekannte Tal des Rapadalen erhoffe.

Der erste Teil des Aufstiegs verläuft unkompliziert über Steine wieder mal entlang eines kleinen Bachs. Danach wird es anstrengend, die Neigung hat nun etwa 60-70 Grad. Gesäumt ist der Bergrücken von dem fahlgrünen Gestrüpp, für das ich an dieser Stelle jedoch dankbar bin. Ich setze den nächsten Schritt, greife nach einer der Wurzeln dieser Pflanzen und ziehe mich weiter, bis ich wieder einen mehr oder weniger festen Stand habe.

Ich hole einen kurzen Moment Atem und blicke zurück - meine Hände umschließen die Wurzel, an der gerade mein halbes Körpergewicht hängt, noch etwas fester, und ich schaue etwa 100 Meter herab: Unten verschwimmen die hellgrünen Töne und enden in dem Gletscherbach, dessen Rauschen selbst in dieser Höhe noch zu hören ist.

So geht es Zentimeter für Zentimeter weiter, bis die etwa 250 Höhenmeter überwunden sind und der extrem anstrengende Anstieg endlich etwas abflacht. Schweißgebadet komme ich oben an!

Zwei Kilometer und weitere 50 Höhenmeter später erscheint ein Gletschersee im Blickfeld: Auf der rechten Seite gibt es einige flache Stellen, die ideal für ein Zelt wären, wenn sich nicht kurz dahinter ein Steilhang befände.

Der Ausblick ist hingegen grandios - vier an Zuckerhüte erinnernde Gipfel des Bielloriehppe-Massivs. Ich erkunde das Plateau und habe eine halbe Stunde später einen weiteren erstklassigen Ausblick auf den Nordteil des Rapadalens, ein Tal in dem die riesigen Elche leben.

Ein Fluss mit Inseln ... An Zuckerhüte erinnernde Gipfel Neugieriger Bewohner ... 
Der Ausblick ist grandios ... Hier kann man bleiben!

Das beeindruckende Gebiet ist eingefasst von Bergen mit schneebedeckten Gipfeln, die hunderte Meter über dem Tal thronen. Es beginnt mit einem großen Delta und Inseln, die sich dort gebildet haben.

Zu beiden Seiten gesäumt von dichter Bewaldung und vereinzelten Grünflächen schlängelt sich der Fluss durch das Tal. Die Szenerie zieht sich nach rechts weiter, bis das Ganze hinter dem Berg verschwindet. Der versperrt die Sicht auf alles Weitere, was an eine Geschichte mit offenem Ende erinnert.

Da es auch auf dieser Seite einen kleinen See und akzeptable Zeltplätze gibt, ziehe ich kurzerhand noch einmal um. Den Abschluss dieses glorreichen Tages bildet ein kurzes Bad im Gletschersee ...


© 2017 Jan Kozlowski, TrekkingSpiritProject