Montag, 15.08.16, 7. Tag: Dielmajávrásj - Jiegnajávvre

Die Wolken haben die Vorherrschaft über den Himmel gewonnen. Durch einen kleinen Spalt erkämpfen sich lediglich vereinzelte Sonnenstrahlen den Weg ins Tal und erhellen das dunkle Rapadalen an einem kleinen Fleck - ein fast mystischer Anblick!

Ein fast mystischer Anblick!Der Abstieg führt östlich des Berges angenehm über einen Rentierpfad bis er sich in einem Gestrüpp aus Birken, nassem Moos und kleinen unsichtbaren Rinnsalen verliert, durch die ich wieder nasse Füße bekomme. Es wachsen gelbe Blumen, deren Kelche sich nach oben Richtung Sonne strecken. Auch gibt es lilafarbene Pflanzen, die an mittelalterliche winzige Morgensterne erinnern, und kleine rote Blumen, die sich am Grund verstecken ...

Eine morsche Birke, auf die ich gerade trete, deutet mit einem deutlichen Knacksen an, dass ich auch hier vielleicht etwas vorsichtiger laufen sollte.

Der mittlerweile erreichte Fluss Sarvesjåhkå reicht mir bis an die Knie. Der Anstieg auf der anderen Seite wartet mit 700 Höhenmetern auf und ist somit bisher der höchste. In der Mitte ist ein reißender Bach zu erkennen, irgendwie an eine Messerschneide erinnernd. Ich bahne ich mir rechts davon den Weg über Heidekraut und Gräser. Dies ändert sich abrupt nach den ersten 300 Metern, als ich auf die andere Bachseite wechseln muss - diesmal sogar ohne nasse Füße. Der Boden ist von hier an mit Steinen übersät: Von grauen, schwarz-weiß gestreiften, mit bräunlichen und rötlichen Schichten, bis hin zu grünbefleckt. Rund, spitz, klein, groß, alle Formen sind vertreten.

Über eine Schneebrücke geht es bis zum höchsten Punkt hinauf. Der Abstieg auf der anderen Seite gestaltet sich einfacher, ich kann nun über Schnee laufen, der sich zwischen den beiden Berghängen abgelegt hat. Nach kurzer Zeit erreiche ich den See, an dem ich zelten möchte, finde allerdings keinen geeigneten Platz, da der Boden viel zu nass ist. Einige Meter weiter unten finde ich jedoch eine geeignete Stelle - direkt neben einem kleinen Bach, dessen sanftes Gemurmel mich später in den Schlaf wiegen wird ...

Dienstag, 16.08.16, 8. Tag: Tour Gådoktjåhkkå

Schuhe und Socken lasse ich heute bei Sonnenschein trocknen, bevor ich meine Tagestour auf den Gådoktjåhkkå starte. Davor liegen noch zwei kleinere Erhebungen, die es ebenfalls zu überwinden gilt.

Beginnend mit der schwierigen Überquerung eines großen Geröllfeldes verwandelt der heftige Sonnenschein das Klettern trotz des nur mitgenommenen leichten Gepäcks in ein anstrengendes Unterfangen. Die Umgebung gleicht einem Trümmerfeld aus Steinen. Als hätte vor Jahrtausenden jemand einen Millionen-Tonnen-Stein achtlos fallen gelassen, der dann in unzählbare Stücke zersprungen ist.

Trümmerfeld aus Steinen ... Verirrtes Rentier? 

Der erste Ausblick auf rund 1.500 Metern ist bereits grandios: Ein Rentier hat sich verirrt und bildet einen idealen Vordergrund vor dem südlichen Rapadalen - einem riesigen, von dunkelgrünen Waldflächen eingerahmten See, an dessen oberem Ende sich ein Gemenge von kleinen Flüssen, Seen und Inseln mit saftigen Grünflächen gebildet hat.

Weiter hinten geht der See in einen Fluss über, der das Wasser aus dem Tal herausträgt. In der Mitte steht ein verlorener Fels, der hier wie ein Wächter wirkt. Ich genieße den Ausblick, bevor ich weitere 150 Meter aufsteige. Auf 1.670 Metern wird auch der Zulauf sichtbar, der sich aus einem Fluss bildet, der sich teilweise in einem Irrgarten aus weiteren Bächen verliert - ein Panorama, wie ich es bisher noch nie zu Gesicht bekommen habe!

 Den letzten Gipfel nehme ich kurz danach ebenfalls in Angriff: Es geht zunächst ein Stückchen bergab, bevor es dann wieder bis auf 1.885 Meter ansteigt. Die letzten 100 Höhenmeter sind von Schneefeldern überzogen, die ich erst vorsichtig, nach einer kurzen Zeit dann aber doch ziemlich entspannt betrete. Insgesamt vergehen auf diese Weise rund drei Stunden.

Ich nutze die Chance, bei den hohen Gletschern meinen Wasservorrat aufzufüllen. Wieder zurück und am Zelt angekommen, spaziere ich noch eine Stunde im Sonnenschein, um den Tag gebührend zu verabschieden ...

Mittwoch, 17.08.16, 9. Tag: Jiegnajávvre - Jieggejåhkå

Heute erwartet mich das letzte längere Stück, das noch im im Sarek liegt. Ich treffe drei tschechische Wanderer und gebe mein Wissen gern weiter, das sich in den letzten 8 Tage angesammelt hat. Nachdem ich hier das erste Mal eine echte Brücke überqueren kann, deren Sinn ich bei einem prüfenden Blick auf den turbulenten Fluss darunter durchaus erkenne, geht es Richtung Vájggántjåhkkå. Das Moor direkt vor mir umgehe ich und bahne mir den Weg durch Gestrüpp und knöcheltiefes Wasser. Millionen Insekten, die den Tag auch genießen wollen, begrüßen den Sonnenschein. So zum Beispiel kleine schwarze Tierchen, mit einem feen-ähnlichen Körper ...

Von diesem Zeitpunkt an wird es fast zu einfach: Der Boden besteht aus einem Mix von kleinen Steinen und Gräsern und es ist halbwegs eben. Rentiere sind ebenfalls wieder zu sehen. Als ich an einem Bach ankomme, der verglichen mit Karte und Kompass offenbar in die falsche Richtung fließt, muss ich feststellen, dass ich wohl doch von der Route abgekommen und zwei Kilometer zu weit gelaufen bin.

 Schulterzuckend marschiere ich wieder zurück und finde an einem kleinen Gebirgssee samt Bach ein wunderschönes Zeltplätzchen. Nach dem schweißtreibenden Tag nehme ich ein kurzes erfrischendes Bad im See. Derweil ziehen am Himmel ein paar Schleierwolken auf, die wie drei Reiter ausschauen, welche die Sonne jagen … ich hoffe inständig, die Sonne kann sich gegen diese durchsetzen!

Donnerstag, 18.08.16, 10. Tag: Tour Bagevárásj, Barddegiehtje

Ich wache um 5:30 Uhr auf - die Sonne scheint bereits auf das Zelt. Ich öffne den Eingang einen Spalt breit, blicke in das grelle Licht und den erneut wolkenlosen Himmel, habe aber noch keine Lust, aufzustehen.

Um 7 Uhr wache ich erneut auf und dieses Mal ist es etwas dunkler. Ich schiele hinaus: Keine Sonne, der Himmel ist komplett bewölkt. Kopfschüttelnd über das Hin und Her des schwedischen Wetters lasse ich mich leicht frustriert wieder zurück auf die Isomatte sinken ...

Ausblick als BelohnungEine Stunde später beginne ich mit der Tageswanderung: Auch hier verkalkuliere ich mich leicht, was mich heute jedoch nicht stört, da ich genug Zeit habe. Der Bagevárásj ist ein ist ein rund 30 Meter hoher Felsvorsprung, der den Wanderer mit einen 180° Ausblick auf das südliche Rapadalen belohnt.

Links sehe ich den Zufluss und ein Delta, das gerade vor mir in den Fluss übergeht. Der schlängelt sich von der einen Seite des riesigen Tals zur anderen und wieder zurück. Einige kleinere Seen und Grünflächen liegen dazwischen. Weiter rechts endet der Wasserlauf in einem größeren See. Trotz des grauen Tages bin ich so begeistert von diesem Aussichtspunkt, dass ich eine halbe Stunde hier verbringe, bevor mich die frische Luft wieder zurücktreibt.

Am Zelt angekommen, mache ich eine zweistündige Pause, bevor ich mich wieder in die andere Richtung aufmache. Ich erkunde kleinere Gipfel, schaue mir die Route an, die ich plane morgen zu laufen, und gehe sogar bis zum Barddegiehtje, einem weiteren Felsvorsprung mit genialer Aussicht. Alle Tagesziele sind erreicht und so kehre ich zufrieden gegen 17:30 Uhr zu meinem Zelt zurück ...

Freitag, 19.08.16, 11. Tag: Jieggejåhkå - Kvikkjokk

Ich wache auf, mache das Zelt wieder einen Spalt auf und sehe - NICHTS. Nichts ist vielleicht etwas übertrieben, jedoch hat sich die Sichtweite auf etwa 30 Meter reduziert, was bedeutet, dass ich meine Orientierungspunkte nicht einmal ansatzweise zu Gesicht bekommen werde. Unter normalen Umständen würde ich den heutigen Tag im Zelt verbringen, die Gefahr sich zu verlaufen wäre zu hoch. Da ich aber nur Richtung Süden muss, bis ich den Kungsleden kreuze, einen größeren, gut belaufenen Weg, traue ich mir schließlich doch den Start zu.

Den Kompass habe ich ständig in der Hand: Nach 20 Minuten wird mein Orientierungssinn auf die Probe gestellt, da ich plötzlich laut Kompass Richtung Norden laufe. Ich peile wieder 180° an und folge der neuen Richtung.

Der Nebel ist weiterhin so dicht, dass ich nicht einmal den Hauch einer Ahnung habe, wo ich mich gerade befinde. Ich nehme kurz die Augen vom Kompass und drehe meinen Kopf nach rechts.

Ich erstarre zu Stein und halte die Luft an, als langsam neun verschwommene Geweihe aus dem dichten Nebel auftauchen, angeführt von einem skelettweißen. Als nach wenigen Sekunden der Rest der Tiere sichtbar wird, fange ich wieder an zu atmen: Es handelt sich natürlich nur um neugierige Rentiere - das vorderste ist komplett weiß - die kurz nach der Begegnung in die entgegengesetzte Richtung davon rennen ...  

Aufmarsch der Gespenster ..? Herbstlich buntes Gestrüpp 

Ich schüttle den Schock ab und gehe weiter Richtung Süden ins Ungewisse. Kurze Zeit später sehe ich überglücklich, wie die Sonne ein paar Strahlen auf den Boden schickt und den See Gállákjávvre preisgibt, einen meiner Orientierungspunkte ...

Eine Stunde später passiere ich einen weiteren markanten Punkt, einen großen Felsen, den ich auf der rechten Seite umgehe. Nach diesem geht es nur noch bergab, zuerst über ein herbstlich buntes Gestrüpp.

 Das ist allerdings leichter gesagt als getan: Der Regen setzt ein und ich muss mich durch urwaldartige Verhältnisse kämpfen. Eine halbe Stunde durch dichtes Unterholz und über nasse Steine und ich sehe einen deutlichen Pfad, der meinen Weg hier kreuzt. Die rote Markierung an einem Baum bestätigt, dass dies der Königsweg ist.

Am Nachmittag kreuzen mehr Leute meinen Pfad, als die 10 Tage davor zusammengezählt. Ich treffe auf Sascha, einen Deutschen mit kurzer Hose, Turnschuhen und einem Tagesrucksack. Soweit meine Vermutung, jedoch war auch er bereits 11 Tage im Sarek unterwegs - ultralight, sein Rucksack wog beim Start lediglich 13 Kilo. Gegen 17 Uhr kommen wir bei der Fjällstation in Kvikkjokk an, wo "Leo", mein gelber Postbus, inklusive Schokolade und einem Schluck Rotwein auf mich wartet ...

Zurück bei "Leo" ...


Und mein Fazit: Der Sarek bietet ideale Voraussetzungen für abenteuerlustige Wanderer, die abseits von jeglicher Zivilisation die Natur genießen wollen. Wer sich eine spannende Tour zusammenstellt und ein wenig Glück mit den äußeren Bedingungen hat, darf sich auf ein unvergessliches Erlebnis freuen.

Vorsicht ist vor allem bei den Flussüberquerungen geboten: Mehr als einer Handvoll Wanderer sind diese Hürden bereits zum Verhängnis geworden! 


© 2017 Jan Kozlowski, TrekkingSpiritProject


Anm. der Red: Weitere Berichte von Autor Jan Kozlowski in unserem Magazin führen uns nach Schottland sowie nach Frankreich, Italien und in die Schweiz: