Schweiz 2025
"AARE YOU SERIOUS?!"
Abenteurer Thomas Bauer schwimmt die Aare entlang durch die Schweiz
Für einen Abenteurer ist kaum
ein Reiseland so unsexy wie die Schweiz. Man punktet nicht, wenn
man erzählt, dass die nächste Tour nach Bern geht. Gilt unser
Nachbarland doch als nicht allzu aufregend – bewohnt von glücklichen
Menschen mit dicken Konten, die in ihren Tälern sitzen und dort
Dinge erfinden, um die sie die ganze Welt beneidet: Uhren und
Taschenmesser, Schokolade und Kräuterbonbons ...
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Doch die Aare, den längsten innerhalb der Schweiz verlaufenden Fluss, über 200 Kilometer entlang zu schwimmen, ist durchaus herausfordernd. Das merke ich gleich am ersten Reisetag: Das Wasser ist wie ein Faustschlag, als ich in den Oberaarsee springe. Der liegt auf 2.300 Metern, direkt beim Aaregletscher. Die Wassertemperatur beträgt 4°C. Nach knapp 10 Minuten verlasse ich den See bibbernd. Umgeben von schroffen Bergspitzen schießt die Aare von hier an talwärts. Sie ermöglicht den Bau spektakulärer Wasserkraftwerke und schafft bei Meiringen eine der beeindruckendsten Schluchten Europas. Erst danach kommt sie im Brienzersee und im Thunersee vorerst zur Ruhe.
Diese beiden
Seen der Länge nach zu durchschwimmen, jeweils 20 Kilometer weit,
gehört zu den schwierigsten Unterfangen meiner Tour: Mein
Ganzkörper-Neoprenanzug hilft zwar gegen das 17°C kalte
Wasser, saugt sich aber voll und bremst meine Bewegungen. Vor
allem die Armzüge werden zur Belastungsprobe. Außerdem ziehe ich
einen knallroten Seesack mit meinen Wertsachen und
Wechselklamotten hinter mir her.
Für die Etappe vom Aareeingang ins benachbarte Brienz benötige
ich eine geschlagene Stunde – ich bin folglich mit gerade einmal
drei Stundenkilometern unterwegs! Für einen ehemaligen
Leistungsschwimmer ist das schwer zu ertragen ...
Zwischen Thun und Bern dann das genaue Gegenteil: Ein Hochwasser sorgt dafür, dass die Aare mit bis zu 14 Stundenkilometern fließt; sie hat Äste und ganze Baumstümpfe im Schlepptau. Ihre Kraft lässt sich mit der Bewegungsenergie zweier fahrender Güterzüge vergleichen. Wenn der Fluss auf ein Hindernis trifft, stoßen die Wassermassen mit einer Kraft von 1.000 Kilogramm darauf. Nachdem ich mehrere Rettungsschwimmer konsultiert habe, beschließe ich, für diesen Abschnitt das Kanu zu nehmen. Eine gute Entscheidung: Die Aare faucht um mich herum, wirft mir Wolken aus Gischt entgegen, in die ich lustvoll hineinrausche – und das nach meinem Schneckentempo in den beiden Seen! Es kommt mir vor, als habe ich von einem Tretroller auf ein Motorrad gewechselt.
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Jährlich ertrinken in Europa über 30.000 Menschen. Die Weltgesundheitsorganisation WHO schätzt die Zahl wesentlich höher, da manche Urlaubsorte mit Blick auf ihr Image Ertrinkungsopfer verschweigen. Die meisten Todesfälle passieren beim Schwimmen in Seen und Flüssen. Kinder und Männer sind besonders häufig betroffen. Selbst gute Schwimmer unterschätzen oftmals die Gefahren – vor allem Strömungen und Strudel, Hindernisse unter Wasser und den "Kälteschock": Nach dem Sonnenbad ins kalte Wasser zu springen, belastet den Körper, begünstigt Krämpfe und Herzinfarkte.
In Deutschland sorgen
die über 75.000 Mitglieder der Wasserwacht für Sicherheit am
Wasser. Sie bringen Kindern und Jugendlichen das
(Rettungs-)Schwimmen bei, weisen auf Baderegeln hin, retten und
bergen verunglückte Wassersportler und helfen bei
Naturereignissen wie Hochwasser. In der Ortsgruppe Tutzing wurde ich
zum Rettungsschwimmer und anschließend zum "Wasserretter"
ausgebildet und erwarb Fähigkeiten, die mir auf der Aare
entscheidend helfen.
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Kurz vor Bern geht es endlich zur
Sache: Die Aare schiebt mich mit 12 Stundenkilometern, der
dreifachen Geschwindigkeit eines Fußgängers, an den aufragenden
Gebäuden der Innenstadt vorbei – was mir so gut gefällt, dass ich
spontan aussteige, durch das Stadtzentrum zurückgehe und die
Strecke gleich nochmals zurücklege, ehe ich weiterschwimme zum
Wohlensee. Einfach herrlich!
Gleich nach dem Wasserkraftwerk
Mühleberg steige ich erneut in den Fluss und gelange über
Aarberg zum Bielersee. Hier habe ich erstmals das Gefühl, nicht mehr
in den Bergen zu sein: Die Landschaft streckt sich aus und kommt
zur Ruhe. Die milde Luft begünstigt Streuobstwiesen. Eine Sache
bleibt hingegen gleich: Auch hier steht alle paar Meter ein
neuer Hinweis, was alles nicht erlaubt ist. Über Verbotsschilder in
der Schweiz könnte ich eine eigene Reportage schreiben;
wahrscheinlich lernt jedes eidgenössische Baby zuallererst die
Wörter "verboten", "richterliche Anordnung" und "privat".
Wo die Aare den Bielersee verlässt, entscheide ich mich für
einen kleinen Umweg: Zur Freude der Freizeitkapitäne und zum
Ärger einiger Angler wähle ich den Kanal, der mich durchs
Stadtzentrum trägt und mich hernach wieder in die Aare entlässt.
Das sich anschließende Solothurn entpuppt sich als angenehme
Überraschung.
Für einen Schwimmer können Städte schwierig sein
mit ihrem Schiffsverkehr und den befestigten Ufern, die die
Wellen zurückschicken. Doch der Kantonhauptort besticht mit
langgezogenen Hausfassaden, einer schmucken Innenstadt – und
nach vier Brücken bin ich auch schon hindurchgeschwommen.
Kurz darauf nimmt die Aare wieder Fahrt auf. Der Blick eines
Schwimmers ändert sich: Ständig suche ich das Ufer nach
möglichen Ausstiegsstellen ab. Ich schwimme nahe der Flussmitte,
wo es weniger Untiefen und tiefhängende Äste gibt, und versuche,
Strömungsänderungen frühzeitig auszumachen, um darauf reagieren
zu können, ehe mich der Fluss in eine Gefahr hineinschiebt. Wenn ich
nach einer Schwimmeinheit von zweieinhalb Stunden an Land gehe,
torkele ich; außerdem entwickele ich einen bemerkenswerten
Heißhunger. Zum Glück bietet die Schweiz mit ihrer
Schokoladenauswahl und ihrer Ovomaltine in dieser Hinsicht
einige nicht von der Hand zu weisende Vorteile. Nachts schaukeln
mich Wellen, die Aare fließt durch meine Träume.
Von hier an geht es flugs nach Aarburg, das zwischen Aarberg und
Aarau liegt – im Aargau. Ohne den Fluss wäre die Schweiz nicht nur
ein völlig anderes Land, sie wäre auch die Hälfte ihrer
Ortsbezeichnungen los. Ich lerne endgültig, dem Fluss zu vertrauen.
Flussschwimmen bedeutet in erster Linie, die Nerven zu behalten. Ich
erinnere mich an eine nicht enden wollende Linksschleife vor dem
Storchendorf Altreu, an der das Ufer mehrere Meter mit Schilf
bewachsen ist, sodass ich nicht anlanden konnte. Zweieinhalb Stunden
war ich bereits im Wasser – ununterbrochen schwimmend, da die
Strömung beinahe zum Erliegen gekommen war. Statt einen Endspurt
einzulegen, drehte ich mich auf den Rücken und ruhte mich eine
Viertelstunde aus, ehe ich die restliche Strecke in Angriff nahm ...
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Sich gegen einen Fluss zu
stellen, ist umso sinnloser, je kraftvoller er ist: Besser, man
lässt sich lustvoll mitreißen und nimmt in Kauf, dass er es ist, der
entscheidet, wo und wie schnell es vorangeht. Es kam vor, dass
ich unterwegs die Augen schloss – vom Wasser aus sieht man
ohnehin nicht sonderlich viel – und mich stattdessen auf die
Geräusche konzentrierte: auf das Zischen von Ästen, auf die das
Wasser trifft, die Flügelschläge eines Schwans, das Sirren von
Angelschnüren, wenn sie ausgeworfen werden, und das Rattern
eines Schiffsmotors hinter einer Biegung.
In Wangen sitze
ich abends mit Blick auf die alte Brücke in einem Biergarten direkt
am Ufer, sehe, wie die Aare mit dem Mondlicht spielt und merke,
dass ich Gefahr laufe, mich in sie zu verlieben. Ihr Wasser, das
nie stillsteht, trägt letztlich ein Versprechen mit sich: dass
auch ich jederzeit woandershin kann.
Auf jeder Reise gibt es
ihn: den Moment, der gewissermaßen alles in sich trägt, und den
zu erleben man Regengüsse, Insektenstiche und das Umgehen von
Wehranlagen auf sich nimmt. In meinem Fall ist es soweit, als ich
mich an meinem letzten Reisetag nochmals in voller Montur in den
Fluss begebe und die Schweiz hinter ihrem letzten Bauwerk (mit
dem originellen Namen "Aarebrücke") verlasse. Was ich dabei
nicht bedacht habe, ist erstens, dass ich dadurch am Zoll vorbei
schwimmend in die EU einreise – das fällt mir erst unter besagter
"Aarebrücke" ein – und dass sich die bereits für sich genommen
recht zügigen Strömungen der Aare und des Rheins an dieser
Stelle vereinigen.
Ich schaffe es gerade so, das deutsche
Festland zu erreichen. Ein warnender Abschiedsgruß zum Schluss
also. Manches Mal hatte ich mich unterwegs zum Schwimmen
überwinden müssen – vor allem frühmorgens, wenn es regnete oder
neblig war. Letztendlich aber habe ich alle Herausforderungen
schwimmend gemeistert und die Schweiz vom Aaregletscher bis zum
Rhein neu und intensiv kennengelernt: Sie ist fordernder, aber auch
vielseitiger, als ich dachte ...
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Info-Box
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Anreise: vom Bodensee per Auto in drei, per Zug
in sechs Stunden zum Grimselpass, von dort über die alle halbe
Stunde geöffnete "Panoramastraße Oberaar" per Auto in einer
Viertelstunde oder zu Fuß in anderthalb Stunden zum Oberaarsee - Beste Reisezeit: Mai bis Oktober
- Wasserwacht: Zu den häufigsten Gefahren gehören Unterströmungen und Strudel (insbesondere nach Hindernissen wie Brückenpfeilern), Kehrwasser, Untiefen sowie Steine kurz unterhalb und Äste kurz oberhalb der Wasseroberfläche. Entscheidend ist, wachsam und vorausschauend zu schwimmen und die eigenen Fähigkeiten realistisch einzuschätzen. Eine Ausbildung bei der Wasserwacht hilft! Spenden an die Wasserwacht Bayern und ein großes Dankeschön für die Ausstattung an die Wasserwacht Oberbayern!
- Warum das Ganze: Man erlebt eine große Verbundenheit mit der Natur mitten in Europa und sieht dem Fluss beim Größerwerden zu. Die Vielseitigkeit der Schweiz lernt man auf eine ganz eigene Weise kennen und schätzen. Die Aareschlucht bei Meiringen ist ein Highlight, durch Bern und Solothurn zu schwimmen unvergesslich.
- Weitere Informationen: Abenteurer Thomas Bauer hat 14 Bücher über seinen Touren veröffentlicht. Im September 2025 erscheint "Abenteuer Europa" im MANA-Verlag, Berlin. Zuletzt erschienen: "Neugier auf die Welt. In 80 Rätseln um die Erde", Periplaneta Verlag, Berlin.
© 2025 Thomas Bauer
Anm. der Red.: Weitere Beiträge von Thomas Bauer finden sich in unserer Autorenübersicht!









