Die Reise beginnt: Auf den Spuren der Goldgräber

Dienstag, 05. November: Langsam aber sicher haben wir uns damit abgefunden, dass es mit einem Besuch der wunderbaren Coromandel Halbinsel im Nordosten nun nichts mehr wird bei dieser Reise - nicht nur ein Ruhetag ist verloren, sondern auch erholsame Standspaziergänge fallen weg zu Beginn dieser doch recht strapaziös begonnenen Tour. Wie groß der touristische "Verlust" tatsächlich ist, wird dem Verfasser dieser Zeilen erst dann richtig bewusst, als er viele Wochen später vor dem heimischen Fernseher einen eindrucksvollen Bericht über diese Gegend sieht - gut, dass bis dahin die anfängliche Wut mittlerweile verraucht ist ...

Deshalb nun also weiter auf dem eigentlich geplanten Kurs Richtung Südosten, das Roadbook erscheint fast schon etwas tröstlich: Bevor wir unser erstes Camp heute aufsuchen, das eigentlich nur knapp 60 km entfernt ist, wollen wir uns einen Umweg erlauben, der zusätzliche 8 Kilometer weit zur Karangahake Gorge Schlucht führt und einen Rückblick auf die Zeit der Goldgräber in dieser Gegend ermöglicht. Der Weg nennt sich auch noch "Windows-Walk", was uns heute aber nicht an die in letzter Zeit manchmal etwas unangenehmen Erlebnisse im Zusammenhang mit "Windows 10"  erinnern soll ...

Als Navi für unseren Aufenthalt haben wir unseren guten alten Zumo550 mitgenommen, ausgestattet mit einer Garmin-Neuseelandkarte, die sich bis auf einige wenige Schwachstellen unterwegs als recht brauchbar erweist. Erstes Ziel des heutigen Tages wird der Karangahake Gorge Car Park, etwas eng und umständlich anzufahren direkt an der Hauptstraße: Da der Hiace nicht gerade unter die Rubrik "Kleinwagen" fällt, ist die erforderliche Rangiererei doch mit etlichem Gekurbel verbunden. Wir nehmen unsere Taschenlampen mit, denn wir wollen auf alle Fälle den alten historischen Minen- und Bahntunnel besuchen, durch den einst die Loren der Minen fuhren.

Der Park ist mit Toiletten und Picknickplätzen gut ausgestattet, so dass man auf diesem Gelände sicher auch länger verweilen könnte, wenn man an diesem Tag nichts weiter vor hätte. Zwar kann man sich hier auch auf einen mehr als 4 Stunden langen Geschichtslehrpfad begeben, aber in Anbetracht der weiteren Tagesplanung erscheint der kürzere und weniger als 3 km lange Rundkurs sinnvoller, der als "Rail Tunnel Loop" ausgeschildert ist.

Die Karangahake Gorge Schlucht blickt auf eine lange Geschichte des Goldschürfens zurück: Überall liegen Überreste alter Bahngleise, Dampfkessel und vereinzelte Loren rosten vor sich hin. Um 1875 wurde Gold in Karangahake George abgebaut, die drei Hauptminen hier produzierten rund 60% der gesamten Goldproduktion von Neuseeland. Noch heute wird in der nur 12 km entfernten Stadt Waihi Gold abgebaut. Im Jahr 1920 überwogen aber schließlich die Kosten der Goldschürfung die Gewinne, so dass die Minen in Karangahake geschlossen und abgerissen wurden ...

Durch Minen- und Bahntunnel Alte Stationen ...
Erste Reiseetappe ... Überreste früherer Zeiten ... Historisches Gelände
Über diese Hängebrücke muss sie kommen ... Reste alter Gerätschaften ... ... und rostende Loren Indiana Jones Szenarien ... mit Bahngleisen ...
... und Gleisresten Sicherheitstunnel ..? Glückwunsch: Medaille wartet! Tief unten: Die zweite Hängebrücke ...

Über eine beeindruckende erste von zwei Hängebrücken gelangen wir auf das Gelände: Infoschilder sind zahlreich aufgestellt, sie bieten Erläuterungen zu einer "Woodstock Battery" oder auch einer "Talisman Battery", die sich hier einst befanden. Nach einem Anstieg entlang alter Bahngleise gelangt man auf die schmale ehemalige Bahntrasse, auf der man direkt am Berghang entlang bis zu der Tunnelanlage vorgehen kann. Dieser Tunnel ist etwas länger als ein Kilometer und man stapft manchmal im Licht seiner Lampen vorbei an diversen Relikten jener Zeit, an Gleisresten und an Abzweigungen, die in andere dunkle Tunnelabschnitte führen ...

Nachdem man den Tunnel verlassen hat, bietet sich dem Besucher ein fantastischer Ausblick auf die umgebende Natur: Tief unten der Fluss, darüber eine weitere Hängebrücke, über die der Weg zurück führt und alles eingebettet in eine atemberaubende Landschaft. Was auf den ersten Blick an Palmen erinnert, sind riesige Farne: Man fühlt sich wie mitten im Jurassic Park und überlegt fast schon, wo vielleicht ein kleiner süßer Dinosaurier lauern könnte ...

Auf einer kleinen Aussichtsplattform wird dem Besucher dafür gratuliert, dass er den "Karangahake Windows Walk Post" erreicht hat und mitgeteilt, dass er sich seine "Kiwi Guardians Medaille" verdient hat. Sollte sich ein Leser diese auch beschaffen wollen, ohne auf die andere Seite des Planeten zu reisen und durch diese Tunnel zu stapfen, verraten wir ihm hiermit ein Geheimnis, das die Tafel enthält: Man kann sich auf kiwiguardians.co.nz begeben und mit einem Code, den wir natürlich nicht enthüllen, seine Medaille beantragen. Also bitte ehrlich bleiben ..!

Wir kommen zurück auf den Parkplatz. Etwas eingeparkt von einem ähnlich langen Fahrzeug daneben und mit kaum Platz nach hinten wird es wieder ein heftiges Gekurbel, aber schließlich ist das Fahrzeug frei und wir können uns auf den Rückweg machen: Zum heutigen, nicht weit von der Hauptstraße entfernten Tagesziel ...

Stromlose Idylle ...

Die Kilometer davor entlang der Hauptstraße zeigen erneut, worauf wir uns in den nächsten Tagen und Wochen einlassen müssen: Das Verkehrsgeschehen einschließlich seiner Lastwagen und gleichzeitig daneben die oft traumhafte Kulisse, durch die unser Weg nun häufig führt. Ein völlig neues und ungewohntes Phänomen verblüfft nicht nur den Fahrer: Wenn man als "normal" dahin fahrender Tourist bei immerhin rund 80 km/h und der Reise durch schöne Landschaften bereits das Gefühl hat, viel zu schnell für diese Umgebung zu sein, erblickt man plötzlich im Rückspiegel fast am Horizont einen gewaltigen LKW.

Wenn dieser dann in kürzester Zeit immer größer wird, weiß man, dass der da hinten entweder fest auf dem Gaspedal steht oder aber - noch wahrscheinlicher - seinen Tempomat auf (sehr) gut 100 km/h eingestellt hat - immerhin wurde ja nicht nur vom Transportgewerbe der erst kurze Zeit zurückliegende Versuch der Regierungschefin abgeschmettert, die 100 km/h-Regeln im Lande zu überprüfen und ggf. auch an verschiedenen Stellen das Tempo abzusenken. So etwas mag dem hier entlang "zuckelnden" Touri zwar irgendwie verständlich erscheinen, wenn er sich mit hiesigen Straßenverhältnissen und den in vielen Kurven per Schild empfohlenen Richtgeschwindigkeiten vertraut gemacht hat, aber er muss schnell einsehen, dass so etwas hier offenbar keine Chance hatte ...

Schon seit Minuten hat man in so einer Situation bereits Ausschau gehalten nach einer Ausweichstelle, an der man blitzschnell nach links die Fahrbahn räumen kann. Sekunden später brettert dann ein beeindruckender LKW, oft mit ebenso beeindruckendem Anhänger an langer Kupplung, in einer genau so beeindruckenden Art und Weise an den Verscheuchten vorbei: Falls es wieder mal ein Holztransporter ist, freut man sich nach Abklingen der Druckwelle und Staubwolke sehr, dass da bei der Vorbei"fahrt" kein Stamm verloren ging ... Immerhin, erfahrene Reisefreunde winken da nur ab und meinen: Fahr erst mal durch Australien ...

Nicht weit vom Windows Walk zum Dickey Flat ... Platz da! Holztransporter: 100 km/h-Vorfahrt eingebaut ...
NZ-Nitratproblem: Hunderte Rinder an jeder Ecke ... Noch grüner als in Irland ... Empfohlene spezifische Kurvengeschwindigkeiten überall ... Überall: Landschaft zum Anhalten - wenn man denn könnte ...

Schon bald erreichen wir unser heutiges Tagesziel: Zur Dickey Flat Campsite müssen wir nur etwa 8 km wieder zurückfahren, um das letzte Stück dabei auf einer recht schmalen und einsamen "Sackgasse" zurückzulegen.

Die Campsite ist ein DOC-Camp im Wald am Ende einer Schotterstraße am Ufer des Flusses Waitawheta. Es gibt hier Toiletten, keinen Strom und man muss sein Wasser aus dem nahen Fluss holen. Die Campinggebühren werden in einer Tüte am Eingang eingeworfen. Ein ganz besonderes Feature kommt hier dazu: Es besteht Alkohol-Verbot und weit und breit befindet sich natürlich auch kein Restaurant, weshalb selbst gekocht werden muss.

Wer sich wundert, wieso in einer derartig abgelegenen Gegend ein ganz spezielles Alkoholverbot besteht, muss sich mit Neuseeland und Alkohol im Allgemeinen befassen: Man kann Alkohol ab 18 Jahren kaufen und es gibt ihn im Liquor Shop, Wein, Bier und Sekt aber auch im normalen Supermarkt. Der Preis für alkoholhaltige Getränke ist mittlerweile niedrig, berichtet wurde früher von Fällen, wo derartige Getränke billiger als abgefülltes Wasser waren. Besonders günstig ist Bier, weshalb auch davon berichtet wird, dass manche Leute die ganze Woche nur darauf warten, am Wochenende trinken zu können, gern natürlich in entsprechend gestimmten Gruppen, die dieses "Event" gemeinsam begehen ...

Nicht ohne Grund: AlkoholverbotIn der Tat werden wir während unserer Reise auch Spuren von Gelagen finden, die wohl ab und zu an idyllisch gelegenen und öffentlich zugänglichen Campsites stattfinden: Mengen von Scherben und zerbrochenen Bierflaschen zeugen davon.

Von der Lage her wäre sicher auch die Dickey Flat Campsite ein solcher Ort, denn einen schöner gelegenen und noch relativ einsamen Platz findet man nicht oft. So ist es eigentlich dann kein Wunder, wenn für diese Campsite ein Alkoholverbot ausgesprochen ist. Da wir uns allerdings nicht als die typische Zielgruppe für dieses Verbot sehen, erlauben wir uns, trotz Verbot (ganz heimlich) eine oder zwei in der Autotür versteckt stehende Dosen Bier zu konsumieren - niemand bemerkt das natürlich und wir müssen uns auch nicht im Geringsten bemühen, auf die wenigen Campnachbarn stocknüchtern zu wirken ...

Im Warehouse hatten wir einen Eimer gekauft, mit dem nun in diesem Idyll Wasser geholt wird vom nahen Fluss, der sich in wunderbarer Umgebung befindet. Fast wäre der Plastikhenkel des Chinaprodukts noch weggeschwommen, der sich natürlich bei der geringsten Belastung sofort gelöst hatte, aber dank blitzschneller Reaktion noch aus dem Wasser geborgen werden konnte - Vorsicht vor den 2-Euro-Produkten in solchen Weltgegenden!

Das Plumpsklo am Platz ist auffallend sauber, auch das landesübliche dünne Klopapier ist ausreichend vorhanden - sind die Einheimischen eher "Bauschwischer" als "Lagenwischer"? Immerhin weiß der meditierend hier vor sich hin sitzende und bekennende  3-Lagen-Wischer, dass er damit in die Kategorie der Weicheier fällt - eigentlich kein Wunder für den ebenso bekennenden Schattenparker!

An der Wand des Örtchens wird man aufgefordert, die Klobrille nach Gebrauch zu schließen und die Tür anschließend offen zu lassen - was natürlich Unmengen an Insekten und vor allem korpulente Fliegen zum Anlass nehmen, dieses Domizil zu ihrem Versammlungsort zu erklären. Dies merkt man ganz intensiv, wenn man bei beschaulicher Sitzung in dieser Idylle die von außen unter der Türritze durchzudringen versuchenden Kampfgeschwader beobachten kann. Nach der mehr oder minder erfolgreichen Abwehrschlacht gegen die ersten Wellen wird das jedoch zunehmend schwieriger: Irgendwann ist die Festung erfolgreich gestürmt und der Fremde zieht es vor, sicher tapfer an das Rückzugsgefecht zu machen ...

Camping-Zahlstelle ... "Traumcamper", aber stromlos ...
Eingangs-Infos für die Camper ... Verstecktes Alkoholverbots-Bier ... Hinsetzen und sich wohlfühlen: In NZ gibt´s noch Klopapier ...
Camping-Idyll ... Wasserversorgung gesichert ... ... und Vogelkunde inbegriffen ...

In aller Ruhe können wir bei bestem November-Frühlingswetter hier sitzen und erstmals den wunderbaren Vogelstimmen lauschen, die uns in der nächsten Zeit fast überall extrem beeindrucken werden. Ein großes Schild am Eingang des Camps zählt die hier wichtigsten Sänger auf und wir erfahren so von Korimako (Bellbird), Kereru, Kaka, Ruru, Kotare, Piwakawaka und insbesondere der Tui, der uns wie auch der Bellbird noch oft wunderbare Laute liefern wird während der Reise, die vom "Callcenter" mit dauerndem Telefongeklingel bis zu Geräuschen einer Metallwerkstatt reichen ... Oft denkt man in diesen Tagen an unseren Freund und Autor Sepp Reithmeier und muss spätestens nun hier in NZ verstehen, warum Vogelbeobachten ein Reisehobby werden kann ...  

Während dieses Konzerts ist Gelegenheit, noch einmal die "Campingausstattung" zu sichten: Dazu gehört auch der erste "Ausbau" der Porta Potti, die tatsächlich vom Vorgänger einigermaßen gründlich gereinigt wurde. Es steht aber fest, das Teil schon aufgrund seiner unmöglichen Unterbringung nach Möglichkeit künftig nicht zu nutzen, was uns auch gelingen wird.

Unsere Platznachbarn sind Australier, mit denen man schnell ins Gespräch kommt: Ihr kleines Womo von Wendekreisen erscheint in dieser Situation als das perfekte Campingfahrzeug, ist doch in seinem Inneren alles ähnlich leicht erreichbar und vorhanden wie im heimischen Explorer - also offensichtlich ein echtes "Glamping"-Fahrzeug im Vergleich zu unserem! Die beiden sind offensichtlich auch ganz angetan von ihrem Camper, was sich erst am nächsten Morgen legt: Sie haben zwar ebenfalls zwei Batterien, aber es gelingt ihnen nicht, denen noch irgendwelchen Strom zu entlocken. Diese Batterien folgen offenbar dem Motto: Wenn nicht auf diesem Platz "richtig" stromlos, wo dann ..?

Man fragt uns um Hilfe, aber leider können für die neuen "Leidensgenossen" nichts tun, die nun Kontakt mit ihrem Vermieter aufnehmen und auf diesen noch warten müssen, als wir uns am nächsten Morgen wieder auf den Weg machen. Die heutige Etappe wird über 150 km lang werden ...


© 2020 J. de Haas