5. Tag (Do, 24.08.95)

Kann jemand nachvollziehen, was es für ein Gefühl bedeutet, mitsamt seinem tragbaren Campingklo im Sonnenschein (bei noch vertretbaren Temperaturen) mutterseelenallein am Rande eines einsamen Sees zu sitzen? Die Vorteile des "wilden" Campens sind hier für Einsamkeitsfanatiker unbeschreiblich und "hautnah" spürbar. Niemand wird Zeuge dieser morgendlichen Idylle.

Als wir die Staumauer verlassen, werfe ich ihr noch einen langen Blick zu. Niemand ahnt in diesem Moment, dass wir ca. 16 Monate später an Silvester 1996 genau über diese Staumauer zum vulkanischen Eruptionsgebiet auf dem Vatnajökull mit einer Partenavia der Leiguflug fliegen werden. Der Berichterstatter, dann auf dem Copilotensitz dieser Maschine sitzend, wird seinen Augen nicht trauen und von Rührung schier übermannt werden, wenn die Maschine über die tief verschneite Piste und die zugefrorene Talsperre in östlicher Richtung weiterfliegt und die tiefstehende Sonne unten jedes Detail bis hin zur winzigen Messstation auf dem Damm erkennbar macht ...

Zurück in die Gegenwart des August 95. Kurz nachdem wir an diesem Morgen wieder auf die F28, den Sprengisandur zurückgestoßen sind, begegnen wir einem ersten "Schwesterschiff". Die Besatzung des anderen Pickup-Campers winkt freundlich und bald verlieren sich unsere Staubwolken wieder. Es geht weiter nach Norden, wo wir bereits nach kurzer Fahrt in Versalir ankommen, einer recht einsamen Sommertankstelle (Hütte mit Tank vor der Tür). Wir nehmen das Warnschild mit Hinweis auf die Entfernung zur nächsten Tankstelle ernst und lassen unseren Tank trotz Ersatzkanister randvoll füllen, man weiß ja nie, was passiert ...

Tanken in Versalir ...

Eine phantastische, einsame Fahrt in den Norden auf Rüttel-, Schüttel- und Schotterpiste folgt, Sprengisandur pur. Einsame Furten, zur Zeit nicht so tief wie die der von uns bereits befahrenen F22, folgen. Im Osten sehen wir die Ausläufer des Vatnajökull, des größten Gletschers Europas, im Westen den Hofsjökull, einen weiteren der vier großen Gletscher. 

Das alles im Sonnenschein bei zwar kaltem, aber klaren Wetter mit guten Sichten. Als wir an der Hütte des Tungnafellsjökull, einem kleineren Gletscher zwischen Vatna- und Hofsjökull ankommen, erscheint der Hüttenwirt verhüllt mit schwerer Jacke und Kapuze. Hier in einer Höhe von mehr als 800 m weht ein schneidender Wind und es wird uns bewusst, was es selbst im Sommer bedeuten kann, sich in Islands Hochland zu bewegen ...  

Einsamkeit pur auf dem Sprengisandur ...
... nur die Gletscher säumen den Weg ...

Nachdem wir Wasser getankt haben, fahren wir bald weiter, jeder Gedanke, hier auf dem leeren Campingplatz am Fuße des 1.500 m hohen Gletschers zu bleiben, wird im wahrsten Sinne des Wortes schnell weggeweht.

Kurz hinter dem Platz teilt sich die Piste. Hinter einer weiteren Furt kann man die (schwierigere) F98 in Richtung Osten dicht nördlich vom Dyngjujökull-Ausläufer des Vatnajökull in Richtung Askja fahren, wobei eine gewisse Erfahrung im Hochlandfahren und Furten vorhanden sein sollte. Wir folgen dagegen unserer Routenplanung entsprechend dem Sprengisandur weiter Richtung Norden zur Odáhraun, der Wüste der Verlorenen und Missetäter. Es ist unglaublich, wenn einem in dieser kalten, kargen Einsamkeit ein Radfahrer entgegenkommt, der hier gegen den Wind und den sicherlich vorhandenen inneren Schweinehund ankämpfen muss. Wir sind uns in diesem Augenblick einig, Island niemals auf dem Fahrrad durchqueren zu wollen ... 

Wo ist er denn, der Weg ..? ... hier muss er sein ...
... die nächste Furt wartet schon auf den Vorfurter ...

Die Strecke zieht sich. Die Missetäterwüste hinterlässt in der Tat einen tiefen Eindruck und führt unweigerlich zu der Cockpit-Diskussion, wen man hier unter welchen Bedingungen (ohne Pickup) zu Fuß und in welcher Begleitung aussetzen würde. Die Einigung auf einige gemeinsame Bekannte fällt nicht schwer, während das Fahrzeug teilweise äußerst langsam über die unwegsame Piste holpert.

Der Planung entsprechend wollen wir den Sprengisandur erneut auf einem "Pfad" verlassen und uns in Richtung auf einen Endpunkt mit verzeichneter Hütte vorkämpfen und dort wieder "wild" campen. Doch trotz genauer Messungen finden wir den Abzweig nicht, und das, obwohl wir den Pickup mehrfach wenden. Auch der lizenzierte Führer (am Pullover-Abzeichen zu erkennen) eines zufällig vorbeikommenden Hochlandbusses kann uns nicht weiterhelfen. Er bestätigt lediglich, "the track is very unclear" und weist in die Richtung, die wir bereits mehrfach abgesucht haben. Er rät jedoch davon ab, weiterzusuchen, da man uns sonst vielleicht "im nächsten Frühjahr wiederfinden würde".

Wir brechen die Suche ab und fahren die F28 weiter nach Norden. Nördlich vom Ishólsvatn verspricht die Karte einen interessanten Fleck zum Verweilen. Wir verlassen erneut den Sprengisandur und halten neben der Piste hinter einer Hügelkuppe. 

Nach dem Hochkurbeln des (Parallel-)Hubdachs erfolgt ein kleiner Streifzug in die nächste Umgebung des Pickups. In unmittelbarer Nähe entdecke ich eine wundervolle, in keiner Karte verzeichnete Wasserfall-"anlage" ...

Campingidyll an einer Wasserfall-Anlage ...

Das Szenario kann kaum beschrieben werden. In der Dämmerung treffen sich eine Vielzahl mittlerer und kleiner Wasserfälle in einem Bassin und bilden eine Anlage, die die Pickup-Besatzung als begeisterte Modellbauer direkt nachbauen möchte - das Projekt wird jedoch verschoben und stattdessen der Foss nur mit neuem Entdeckernamen nach einem Besatzungsmitglied getauft.

Zurückgekehrt in den Camper warten wieder heißer Tee, Rum und Osborne und leider ein mittlerweile durch Erkältung verlorengegangener Geschmackssinn. Das scharfe chinesiche Nudelgericht vom Gaskocher, sicherlich wie immer ein Höhepunkt des Tages, muss mir an diesem Abend wieder einmal beschrieben werden - schmecken kann ich jedenfalls nichts ... 

6. Tag (Fr, 25.08.95)

Am nächsten Tag wird deutlich, wie dicht wir vor dem Ende des Sprengisandur übernachtet haben. Nur wenige hundert Meter weiter müssen wir ein Gatter öffnen, nach dessen Passieren wir die legendäre Piste praktisch hinter uns gelassen haben. Kurz darauf kommen wir bereits am Mýri, dem Mückenhof vorbei, der den Anfang (oder das Ende) der Zivilisation mit der Straße 842 einleitet ...     

Am Anfang / Ende des Sprengisandur ...

Mit dem sehr zwiespältigen Gefühl, das einen immer dann beschleicht, wenn man sich nach einigen Tagen in der Einsamkeit wieder durch die Zivilisation bewegt, fahren wir weiter nördlich und machen kurz "lila" Pause mit den reifen süßen Blaubeeren, die dort auf uns zu warten scheinen. Über eine "Mini-Golden-Gate" wechseln wir auf die östliche Seite des Sjálfandafljót und folgen diesem auf der Straße 844 noch ein ganzes Stück durch eine malerische Flusslandschaft bis wir wieder auf die nördliche Ringstraße 1 treffen.

Ein Fußweg zum Goðafoss ist dort ein Muss und wir lassen den gewaltigen Wasserfall ausgiebig auf uns wirken ...    

... am Goðafoss ...

Weiter geht es auf der abwechslungsreiche Ringstraße 1 in östlicher Richtung - der Mývatn steht auf dem Programm. Dort angekommen, können wir uns für keinen Stellplatz so recht entscheiden und umrunden deshalb den See, bis wir in Reyjkahlið ankommen, wo der erkältungsgeschwächte Körper nach Tagen in der Wildnis als erstes nach einem Dampfbad verlangt.

Dass nun inzwischen die gesamte Besatzung erkrankt ist, äußert sich in allgemeinem Schwächeln nach dem Besuch im Hotpot, einem der wunderbaren, quirligen, sprudelnden heißen runden Töpfen, die in vielen isländischen Bädern anzutreffen sind.

... Trocknungs-Orgie bei Sonnenschein ...Das anschließende Forschen nach einer Apotheke im Ort bleibt erfolglos, man verweist uns auf den 56 km entfernten "Nachbarort" Husavik, auf dessen Besuch wir jedoch verzichten. Wir sind nach dieser Auskunft aber froh, "nur" erkältet zu sein.

Der Ort verfügt zwar nicht über eine Apotheke, jedoch über zwei recht schön gelegene Campingplätze, wovon wir den am Seeufer gelegenen aufsuchen. Der Pickup-Camper bekommt wie immer einen Platz zugewiesen, wobei wieder einmal deutlich wird, dass das Gefährt von den Campingplatzbetreibern in der Regel nur schwer eingeordnet werden kann ...

Im Laufe des Nachmittags gesellen sich aber noch verschiedene Fahrzeuge zu uns, unter anderem ein Österreicher in einem alten Landy und die unvermeidliche Reisegruppe mit Zelten und Anhängern am Geländewagen.

Das Wetter ist erstmals so schön, dass wir unsere Sachen außen am Auto trocknen und auf einer Holzbank ein Bier trinken können - von den aufgesparten, versteht sich - ohne die Tagesration zu gefährden. Einziger Wermutstropfen an dem "geschenkten" bayerischen Bier in der Myvatn-Sonne: auch davon schmecke ich nahezu nichts ...

Der abendliche Spaziergang am Seeufer mit einem schier endlosen farbenprächtigen Sonnenuntergang führt durch eine echte Camping-Idylle, viele Jugendliche scheinen sich hier genauso wohl zu fühlen wie wir selbst. Während der Nacht im Camper setzt ein lebendiges Hin und Her in der Umgebung des Standplatzes ein - die Zivilisation hat uns wirklich wieder ..!


© Text/Bilder 1996, 1997 J. de Haas