Zwischen Polarluft und Südwestströmung

- Mit Schlittenhunden in Tirol -


Es ist kurz vor 20:00 Uhr an diesem klirrend kalten Wintertag im Jänner 2011 in dem kleinen Ort Angerberg in Tirol: Gestern war Silvester, und die Zeichen beim alljährlichen Abschlusstauchen am Achensee im Bezug auf das Wetter stehen schon auf Wechsel. Nach dem Tauchgang versammeln wir uns noch gemeinsam um ein vor kurzem gesägtes Schwedenfeuer und genießen den Sonnenuntergang bei milden Temperaturen ...

Leider nicht immer möglich: Musherin unterwegs mit ihren HuskysAm nächsten Tag ist das Wetter allerdings wie ausgewechselt: Es hat markant abgekühlt, es ist wolkenverhangen und jetzt am Abend ist sogar noch dichter Nebel von den Bergen gekrochen. Durch den feuchten Atem bildet sich langsam Eis in meinem Bart, und die warmen Tage seit Weihnachten gehören nun wohl endlich der Vergangenheit an. Ich stehe mit meiner Frau Ingrid am sogenannten Huskytrail und wir bereiten uns auf eine Trainingsfahrt mit unseren zwei Schlittenhundeteams vor.

Die beiden Schlitten sind noch auf dem Hänger, aber die Hunde können es schon nicht mehr erwarten und heulen wie ein Rudel Wölfe aus dem Inneren des Trailers - sie wollen keine Sekunde mehr warten. Es scheint auch eine Last von ihnen abzufallen, wie bei uns: Schon sehr bald findet genau hier, wo wir momentan stehen, ein internationales Schlittenhundrennen mit über 50 gemeldeten Mushern und ihren Hundeteams statt.

Wir wollen wieder dabei sein, trainieren schon lange auf diesen Moment hin, und sind voller Vorfreude, die Schlittenhundeführer und ihre "Rasselbanden" wieder zu treffen. Man kennt sich untereinander und trifft sich oft nur bei diesen Rennterminen. Leider hat es lange danach ausgesehen, dass das Wetter dieses Rennen vereiteln wird. Aber nun ist die Hoffnung mit einem Schlag wieder da, und wir haben gleich eine tolle Ausfahrt mit unseren starken Spezialstirnlampen.

Die Tage vergehen, und jeden zweiten Tag steht am Abend ein Training mit unseren Huskys an, das inzwischen auch schon über die volle Renndistanz geht. Die Zeiten sind konstant, und es macht einfach unbeschreibliche Freude hinten auf einem Hundeschlitten zu stehen, während sich die Huskys vorne richtig auspowern und genau das tun, was sie am liebsten machen: Laufen, laufen, laufen …

Gipfelkreuz Hundalmjoch ...An den Wochenenden sind wir sehr oft mit Gästen unterwegs, die unsere Schlittenhunde kennenlernen wollen. Wir bieten verschiedene Erlebnisse an, und was dieses Mal ansteht, lieben unsere Gäste wie Hunde gleichermaßen: Wir stapfen den Berg mit Schneeschuhen hinauf auf ein Hochplateau. Dort bauen wir mit der Igloo Ice-Box (von Grand Shelters aus den USA) ein Iglu und übernachten auch darin. Die Hunde sind natürlich dabei und geben so - an den Gästen mittels Bauchgurt und Ruckdämpferleine angehängt - noch mal einige Extra-PS. Die werden auch dringend gebraucht, denn die Ausrüstung in den großen Rucksäcken will erst einmal auf den Berg befördert werden.

Oben angekommen lassen wir es uns dann aber an nichts mehr fehlen: Die guten und bewährten Gerichte von der Firma Travellunch (Simpert Reiter aus Augsburg, auf vielen Expeditionen auf der ganzen Welt bewährt), jede Menge Tee und Kaffee und als Highlight am nächsten Morgen Eier mit Tiroler Speck zu gutem Krustenbrot.

Unvergessliche Momente bei diesem Erlebnis sind aber auch der fantastische Ausblick auf das Lichtermeer im Tal und das Entertainment der Hunde. Wer es schafft, aus dem kuschligen Schlafsack heraus zu schlüpfen, kann auch den unvergleichlichen Sonnenaufgang über dem Kaisergebirge genießen. Winterschlafsäcke, große Rucksäcke usw. stellen wir zur Verfügung, die Gäste können einen Fleece Innenschlafsack und diverse andere Ausrüstung wie Teller, Tassen und Besteck als Erinnerung behalten.

Das Wochenende war einfach ein Traum: Pulverschnee und glitzernde Raureifkristalle, die wie Diamanten funkelten. Doch jetzt am Anfang der Woche sieht es auf einmal wieder ganz anders aus: Der zweite Wärmeeinbruch in diesem Winter! Das darf doch bitte einfach nicht wahr sein ...

Die Winter verändern sich immer mehr: Meteorologen sagen, das Mittelmeer kühle nicht mehr so stark ab wie früher und deshalb kämpfe die daraus entstehende Südwestströmung immer stärker gegen die von uns so dringend benötigte kalte Polarluft an. Leider gewinnt diese Südwestströmung jetzt wohl schon wieder den Kampf. Ausgerechnet nun, wo am Wochenende doch das internationale Schlittenhunderennen stattfinden soll, für das wir schon so lange trainieren!

Im Camp ... Das Igloo wächst ... Lichtermeer im Tal ...
Im Igloo wird leider noch geschlafen! Extra-PS durch Hundestärken ... Zeit zum Streicheln muss immer sein ...

Bange Tage vergehen, doch es zeichnet sich immer mehr ab, was keiner wirklich wahrhaben möchte: Es wird wohl auf eine Absage hinauslaufen. Der Trail ist dank der unzähligen Helfer vom Langlaufverein und sonstiger Freiwilliger noch in einem guten Zustand, aber der Stake Out Platz, der Platz an dem die Schlittenhundeteams ihr Lager aufschlagen, ist vom Überlaufen des Moosbaches bedroht.

Und dann passiert es wirklich, der Bach tritt über die Ufer und der Rennleitung vom RSSC bleibt nichts anderes übrig, als das Rennen abzusagen, bevor die vielen Teams hunderte Kilometer aus allen Ländern Europas umsonst anreisen.

Aus der Traum, geplatzt wie eine Seifenblase! Aber man kann nicht ändern, was nicht zu ändern ist. Es gilt nun nach vorne zu schauen und diese Enttäuschung abzuhaken. Viele Rennen sind dieses Jahr leider dem Wetter zum Opfer gefallen. Doch eines gibt es da noch, auf das wir uns ganz besonders freuen: Das Rennen im Bayrischen Wallgau! Dieses Rennen führt Ende Februar 2011 an der Isar entlang durch eine Landschaft, die sehr stark an Kanada erinnert.

Mal sehen, ob dieses Rennen durchgeführt werden kann, wir geben die Hoffnung nicht auf. Die Hunde und wir sind wie immer gut motiviert und jeden zweiten Tag ziehen wir auch unsere Trainingsrunden auf dem Trail hier in Angerberg, der immer noch in gutem Zustand ist. Inzwischen ist Mitte Februar, und der Winter sollte noch nicht vorbei sein …


Nachtrag: Leider ist auch das Rennen in Wallgau in letzter Minute noch abgesagt worden.

Es hatte so gut ausgesehen, und der Wetterbericht ließ die Hoffnung bis zuletzt aufrecht bleiben. Zuerst wurde abgesagt, dann wieder zugesagt und dann endgültig abgesagt. Es ist sehr traurig für uns und alle anderen Teams, aber so ist das Leben ...


© 2011 Christian Ortner, GetWet Outdoor Adventures, Angerberg/Tirol