Médoc, wir kommen!

Am Hotel erwartet uns schon Eric, Besitzer der Domaine "Quittignan Brillette" in Moulis-en-Médoc, in der wir den Rest der Reise wohnen werden. Eric ist ein freundlicher Franzose, der alle deutschen Clichés bezüglich eines Franzosen erfüllt.

Unsere Gruppe wird geteilt: Wer Lust hat, französisch zu parlieren, fährt mit Eric, denn er ist äußerst kommunikativ. Der Rest fährt mit Frau Burkard im Kleinbus, der Eric folgen soll.

Château Smith Haut Lafitte ... ... ausschließlich eigene Fässer ...
Erst Theorie, dann Praxis ... ... Showroom mit Kunstinstallation ...

Es wäre keine Weinreise, würden wir direkt zu unserer neuen Unterkunft reisen, nein, wir unterbrechen die Fahrt für einen Besuch beim Château Smith Haut Lafitte Grand Cru Classé de Graves in Pessac-Léognan. Das Château gehört seit 1990 Daniel Cathiard, einem ehemaligen Skiläufer der französischen Nationalmannschaft, und seiner Frau Florence. Sie verfolgen die Prinzipien des biologischen Weinbaus und setzen zum Sortieren der Weintrauben Maschinen für die Himbeerenlese ein. Das Ganze wird umrahmt von moderner Kunst: Ein typisches Objekt ist der Hase, der hier in der Region ansässig ist und sich überall auf dem Weingut wiederfindet. Eine Tochter der Besitzer betreibt das benachbarte Wellnesscenter Caudalie. Man leistet sich hier sogar eine eigene Werkstatt für die Produktion der Fässer.

Das ganze Weingut ist durchgestylt, die Fässer haben rote Farbbinden, eine traditionelle Methode, mit der man die hässlichen Spuren beim Füllen / Umfüllen des Weins verdeckt.

Bei der Verkostung mit mehreren Jahrgängen (2000, 2007, 2008) begegnen wir zum ersten Mal auf dieser Reise bewusst dem Erst- und dem Zweitwein. Erstwein ist der beste Wein eines Weinguts, hier erkennbar am Grand Cru Classé de Graves. Der Zweit- und dann auch Drittwein wird gesondert gekeltert, oft mit anderen Rebsortenanteilen im Verschnitt. Der Zweitwein hier trägt den Namen Le Petit Haut Lafitte. Während der Verkostung dürfen wir in den künstlerisch gestalteten Showroom unter dem Verkostungsraum, in dem die alten Jahrgänge der Weine präsentiert werden. Nicht alle Besucher dürfen diese Kapelle des Weins betreten ...

Es geht es weiter zum Château Pape Clément in Pessac. Doch der Weg wird beschwerlicher als geplant, ein großer Stau verhindert ein reibungsloses Vorankommen - gut, dass wir uns bei Haut Smith Lafitte gestärkt haben!

Im Stau zeigt uns Eric, wozu ein Franzose am Steuer fähig ist: Geschickt zwängt er sich durch LKW-Lücken und mit ständigem Spurwechsel voran bis ... bis der Kleinbus dahinter schließlich nicht mehr zu sehen ist. Eric sieht das gelassen und ist voll Vertrauen in Fr. Burkard, sie werde das Château schon finden ...

Derweil sehen die Gruppenmitglieder im Kleinbus hilflos zu, wie Eric vor ihnen entschwindet. Beherzt greift Frau Burkard in das Handschuhfach, angelt ein Navi heraus und nutzt die kurzen Stopps im Stau um es zu starten, zu programmieren und zu montieren. Derweil klingelt auch noch ihr Handy, sie meldet sich und erklärt dem Anrufer, sie wäre gerade in Frankreich auf Urlaub - diese Frau bringt wirklich nichts so schnell aus der Ruhe und damit hat sie sich bereits heute den Titel "einzig wahre Weinkönigin" redlich verdient, den sie im weiteren Verlauf unserer Tour noch täglich bestätigen wird.

Am Château Pape Clément wird die Gruppe mit Eric bereits unruhig, wir sind die letzten Besucher des Tages und man wird nicht mehr lange auf uns warten, doch da kommt der Kleinbus um die Ecke und los geht es zur Besichtigung und Verkostung.

Château Pape Clément ... Weinlagerung bei Pape Clément ...
Alte Ledersättel im Glas ..?  

Den Namen trägt das Château von seinem berühmtesten Besitzer Papst Clement V, Erzbischof von Bordeaux, der im 13. Jhdt. lebte. Wein angebaut wird in Pessac aber schon seit dem 7. Jhdt. Wir besichtigen die Sortieranlage für die Weintrauben, die Gärtanks - hier aus Holz - und den Keller. Bei den Gärtanks nutzt man die freien Flächen für Kunstobjekte und zur Präsentation der Produkte. Der Keller mit den Fässern erinnert an eine Krypta, das hätte dem Papst wohl gut gefallen ...

Bei der Verkostung wird die Bandbreite des Bordeaux-Geschmacks deutlich: Waren die Weine des St. Emilion fruchtig und geschmeidig, so bekommt man im Château Pape Clément schon mal deftige Paprika oder Leder- und sogar Pferdestallaromen ins Glas. 

Nach diesem Zwischenstopp wird schon bald Moulis-en-Médoc erreicht, unser heutiges Ziel. Alles sind begeistert von unserer Unterbringung: In der umgebauten Scheune ist für uns schon gedeckt, Erics Frau hat für uns gekocht, sie verwöhnt uns mit Foie gras, Entenconfit und einer süßen Versuchung zum Nachtisch. Eric präsentiert uns dabei Weine aus der Region, durchweg unter 20,- Euro pro Flasche, die nicht nur günstig, sondern auch gut, aber weniger komplex sind als so manches, das wir bis jetzt verkostet haben.

Da man im Bordeaux dem Weißwein doch nicht ganz entrinnen kann, wird er probiert und - welch Wunder - er schmeckt gut! Ein Sommelier der Gruppe klärt uns auf, dass diese Weißweine gereifter sind, länger im Barrique gelegen haben und insgesamt über weniger des uns sonst störenden CO2 verfügen. Der ganze Abend entwickelt sich zur gigantischen Weinprobe, denn auch Fr. Burkard und einige Gruppenmitglieder entkorken Flaschen aus ihren Beständen ...

Quittignan Brillette Ein Abend bei Eric ...

Erneut erwartet uns der Morgen mit bestem Wetter und einem vorzüglichen Frühstück.

Heute ist ein großer Tag! Nicht dass uns DREI Châteaux erwarten, nein, das erste wird das legendäre Château Lafite Rothschild sein - Premier Grand Cru Classé 1855 (das legendäre Château, das als einziges seit dem Jahr 1855 in den Kreis der Premier Cru Médoc-Klassifizierten aufgenommen wurde). Hier sind wir als Profis angekündigt, denn mit Hobbytrinkern geben sich die Rothschilds auf diesem Château nicht ab. Mittlerweile erfüllen wir doch auch alle den Status des Profis und versprechen Frau Burkard, sie nicht zu blamieren ...

Futuristische Kellereinfahrt ... romantisches Schloss: Château Lafite Rothschild Stilvolle Verkostung, und etwas Angabe ...
Der Staub würde uns nicht stören ... Châteaux in St. Estèphe ...

Der Führer erläutert den Unterschied zwischen Mouton-Rothschild (englische Linie), das sind Rothschilds, die auch auch hier in Pauillac Wein produzieren, und den französischen Rothschilds, denen unter anderem das Château Lafite gehört.

Es folgt der Gang zu den Gärtanks, hier in Edelstahl und in Holz. Die große Kellerhalle mit den Weinfässern dient nicht nur der Lagerung von edlen Tropfen, es werden dort auch Konzerte veranstaltet für ein ausgewähltes Publikum. Für uns werden in dieser heiligen Halle zwei Flaschen Wein entkorkt, darunter als Highlight der Jahrgang 1995. Und da kann man noch so meckern über den hohen Preis, jeder Schluck ist seinen Euro wert!

Bis zum Mittagessen ist noch etwas Zeit, die für einen Spaziergang nach Saint-Estèphe zum Château Cos d’Estournel genutzt werden kann. Auch hier wird berühmter Wein angebaut, der 2ème Grand Cru Classé 1855. Daneben befindet sich gleich das Château Cos Labory 5ème Grand Cru Classé 1855.

In Lynch-Bages schließlich gibt es am Dorfplatz eine Boutique, die allerlei edle Haushaltsartikel und Bücher rings um Kochen und Wein verkauft. Ein Kinderbuch weckt das Interesse, in dem alles zum Weinanbau erklärt wird: "Großvater erzähle mir vom Weinbau" ist sein Titel. An der Kasse bietet man mir an, das Buch zu signieren, denn zufällig ist die Autorin Pascale Bounet gerade da. Sie erzählt uns, wie sie das Buch geschrieben hat, immer ihren Sohn vor Augen, und ich erkläre ihr, dass dieses Buch für mich ein ideales Werk ist, um all die Fachbegriffe in Französisch zu lernen.

Gegenüber der Boutique wird im Café de Ladival unser Mittagessen serviert: Ein super Menü und wir wagen es, zum Fisch einen 2004 Rotwein aus St. Estèphe (Château Ormes de Pez) zu probieren. Fisch und Wein halten es aus, denn der Wein ist vergleichsweise noch jung und säurebetont, was dem Fisch entgegenkommt.

Wenige Schritte vom Café wartet das Château Lynch-Bages 5ème Grand Cru Classé 1855 auf uns. Eine Deutsche, die es vor vielen Jahren hierher verschlagen hat, freut sich, die Führung machen zu dürfen. Frau Burkard hat "Pause", sie musste bis jetzt auch jede Menge übersetzen.

Die Geschichte des Châteaux beginnt im 16. Jhdt.  Im 18. Jhdt. wurde es an Elisabeth Drouillard vermacht, die dann den "Teilnamensgeber" Thomas Lynch heiratete. Nach einigen Besitzerwechseln erwarb letztendlich die Familie Cazes das Weingut zusammen mit Château Ormes de Pez in Saint-Estèphe zu Beginn des Zweiten Weltkriegs.

Das Weingut hat seine alten Produktionsräume mit den historischen Maschinen und Gärfässern konserviert, man kann es besuchen und erhält einen Einblick in die historische Herstellung von Wein. Ein schöner Kontrast, haben wir doch bis jetzt so viel vor allem über die moderne Kelterei erfahren. Im Gegensatz zu den bis jetzt besuchten Châteaux setzt Lynch-Bages bei der Verkostung auf schlichte Nüchternheit: Nichts soll vom Geschmack der zahlreichen Weine ablenken. Es gibt nicht nur reinrassigen Lynch-Bages, sondern auch Weine aus den zugehörigen Weingütern wie z.B. Château Ormes de Pez.

Alles über Wein ... Lynch-Bages ...
Blick in die Vergangenheit ... Nüchterne Vielfalt ...

Nun aber weiter zu unserem letzten Weingut für heute: Château Pichon-Longueville 2ème Grand Cru Classé 1855. Ein Schloss wie aus einem Bilderbuch beherrscht das Ensemble, daneben moderne Produktionsräume, deren Architekt sich sicher von Prachtbauten aus der Antike inspirieren ließ. Die Führung beginnt im angeschlossenen Weinberg und führt uns durch die gesamte Produktion bis hin zum Versand. Bei einer Maschine fragt die Führerin ganz stolz, ob etwa jemand wüsste, um was es sich hierbei handle und ist völlig überrascht, als wir ihr sagen, dass die Maschine aus der Himbeerenernte kommt. Tja, wir haben schon viel gelernt auf unserer Reise!

Es wird klar, Bordeaux ist nicht gleich Bordeaux, denn jeder Hersteller hat seine eigenen Verfahren, ob beim Weinanbau, der Traubenernte und -sortierung, der Gärung im Tank, dem Verschnitt oder der Lagerung im Barrique. Wer ein Château kennt, kennt eben nur ein einziges und weiß noch nichts über viele andere ...

Der Verkostungsraum ist edel gestaltet, überall liegen Kisten und Flaschen, die den Besucher zum Kauf verführen sollen.

Romantik und Antike gepaart: Château Pichon-Longueville ... Vom Weinberg in die Produktion ...
Fachgespräche über Wein ...  

Für den Abend beschließen wir, uns mit den Köstlichkeiten der Region selbst zu versorgen: Frau Burkard stürmt zum Einkauf los, während dessen wir uns noch eine kleine abendliche Tour des Châteaux gönnen, denn die Weingüter sind auch von außen hübsch anzuschauen, auch wenn wenn man die Keller interessanter findet. In Margaux wird bei der Vinothek Cave l'Avant-Garde gestoppt: Eric hat sie uns empfohlen, denn es gibt ein breites Angebot zu moderaten Preisen. Dort decken wir uns ein mit "Lehrstoff" für den Abend und mit Wein, den wir morgen in unser Sternerestaurant mitnehmen werden. Ja, das ist richtig: In Frankreich darf man seinen eigenen Wein in solch gehobene Restaurants mitbringen und zahlt dafür ein Flaschenentgelt. Das Personal kümmert sich dann um den Wein, entkorkt und belüftet ihn, um ihn anschließend zum Essen zu servieren.

Frau Burkard hat sich wieder einmal übertroffen: Sie bringt  einen Querschnitt aus der Region mit - Schinken, Salami, Pâté, verschiedene Brot- und Käsesorten, Quiche, eingelegte Gemüse und, und ... In Erics Küche dürfen wir alles vorbereiten zum großen Abendbuffet, für eine umfangreiche Weinverkostung einschließlich ausführlicher Weinfachsimpelei ist ebenfalls gesorgt.

Morgen wird leider unser letzter Tag hier sein ...


Die "Blitz-Tour" zu den Châteaux:

Château Margeaux
1er Grand Cru Classé 1855
(Margaux)
Château Cantenac Brown
3ème Grand Cru Classé 1855
(Margaux)
Château Palmer
3ème Grand Cru Classé 1855
(Margaux)
Château Beychevelle
4ème Grand Cru Classé 1855
(St. Julien).

© 2011 Sixta Zerlauth