Bayerischer Wald 2004

Pfingstausflug im unbekannten Land ...


Prolog

Bayerischer Wald: Unbekanntes Land ..?Ein Krankheitsfall im Familienkreis machte kurzfristig Urlaubspläne zunichte und zwang dazu, entweder ganz zu Hause zu bleiben oder in nächster Nähe nach einem Reiseziel zu suchen. 

Nach einer Krisensitzung mit den Kindern und diversen Stunden im Internet stand das Ersatzziel fest: Es geht in den Bayerischen Wald, der noch nie von der Familie erkundet worden war. Ohne große Erwartungen ging es am Pfingstmontag los Richtung Spiegelau, das direkt am Rande des Nationalparks Bayerischer Wald liegt.

Dass aus dem ursprünglichen Plan, ein Reisetagebuch zu schreiben, ebenfalls nichts wurde, ist der lieben Technik zu verdanken: Ein Speicherfehler der Digicam löschte einen großen Teil der bereits sicher geglaubten Fotos. So entschloss sich der Autor schließlich, einen persönlichen Reiseführer mit den Highlights der jeweiligen Region zu schreiben - die regionale Gliederung und der Verzicht auf eine chronologische Reisebeschreibung soll dem Leser dabei helfen, eigene Touren in diesem abgelegenen Teil Bayerns zu planen ...


Oberer Bayerischer Wald (Bodenmais/Silberberg)

Ungefähr zwischen Regensburg im Westen, Deggendorf im Südosten und Waldmünchen im Norden erstreckt sich der Obere Bayerische Wald. Hat man, so wie wir, seinen Stützpunkt in der Nähe des Nationalparks, ist dieser Teil des Gebiets jedoch nur mit langen Anfahrten zu erkunden. Die gut erreichbaren Ziele liegen eher rund um den Arber, der sich nördlich des Nationalparks 1.458 m in die Höhe streckt.

Ab in den Stollen ...Nach kurvenreicher Fahrt über Zwiesel Richtung Norden weitet sich plötzlich die Landschaft und die Häuser von Bodenmais breiten sich auf dem vor uns liegenden Talgrund aus. Noch vor dem Ortsschild biegen wir nach Osten ab, um das Schaubergwerk im Silberberg näher zu erkunden. Die großzügig ausgebaute Auffahrt zum Parkplatz ist den Segnungen des Wintersports zu verdanken und lässt schnell klar werden, dass wir uns nicht in einsamer Wildnis befinden: Der Silberberg ist im Winter neben dem Arber ein weithin beliebtes Familienskigebiet.

Nach einer ersten Orientierung ist klar: Das Bergwerk will erobert werden. Wir lassen das Angebot der Seilbahn sprichwörtlich links liegen und machen uns zu Fuß auf den ca. 20-minütigen Weg zur Mittelstation, wo der Eingang zum Bergwerk zu finden ist. Dabei werden Erinnerungen an das sehr sehenswerte Kupferbergwerk in Prettau (Südtirol) wach. 

Dort wurde der Berg auch von oben nach unten mit immer neuen Stollen versehen, um die Erzlagerstätten zu erschließen. Nachdem wir (sehr modisch! ) mit blauen Umhängen und gelben Helmen eingekleidet worden sind, geht es mit einem Bergmann auf Entdeckungstour in die dunklen Stollen ...

Erzförderung

In der gut 30-minütigen Führung dringen wir tief in das Berginnere vor und ich bin nicht nur einmal froh, einen Helm auf dem Kopf zu haben . Erstaunlich ist zu sehen, wie in früherer Zeit durch Feuersetzen das Gestein mürbe gemacht wurde, um es anschließend leichter heraus hauen zu können. Auf diese Weise entstand hier der größte Hohlraum dieser Art in Europa: Der mit Holzleitern erschlossene Raum ist 25 m hoch und hat im oberen Drittel eine steinerne "Zwischendecke", die nur 30 cm stark ist. 

"Bergmannsfeeling live" ... Nach verschiedenen Erklärungen und Vorführungen gibt es dann noch "Bergmannsfeeling live": Der Führer setzt mittels Druckluft einen 50 Jahre alten Schlagbohrer in Gang und gibt uns somit einen reellen Einblick in die körperliche Belastung, die ein Bergmann früher hier aushalten musste. Zudem ist der Lärm ohrenbetäubend. In den Bergwerken Russlands und Chinas müssen allerdings auch heute noch die Arbeiter unter teils noch schlechteren Bedingungen die Bodenschätze ans Tageslicht befördern ...

Die heimlich trotz Fotoverbot gemachten Bilder fallen leider einem Speicherfehler der Digicam zum Opfer, wie sich später herausstellen wird . Einen ersten Eindruck vom Bergwerk vermittelt aber auch ein Besuch der Homepage von Bodenmais. Einem Hinweis unseres Bergmanns, der entweder ein sehr starkes Rasierwasser benutzt, oder aber zwischen den Führungen den Staub mit dem hier verbreiteten und hochprozentigen "Bärwurz" aus der Kehle vertreibt , verdanken wir die Entdeckung eines neu restaurierten Stollens oberhalb des Besucherbergwerks. Hier gibt es nach Anmeldung spezielle mehrstündige Führungen, die ein noch eindrucksvolleres Erlebnis versprechen.

Wir ersteigen trotz Nieselregens und auf dem Gipfel aufsitzender Wolken noch die Spitze des Silberbergs und alle haben Spaß daran, unterwegs den einen oder anderen Erzbrocken oder sonstiges interessantes Gestein aufzusammeln. Wir malen uns dabei aus, wo in früheren Jahrhunderten die oberirdischen Erzgruben gewesen sein könnten und lassen dabei unserer Phantasie freien Lauf. Dank des schlechten Wetters gelingt es uns an der Talstation relativ leicht, die Kinder an allerlei münzenfressenden Maschinen vorbei zu manövrieren. Gerade bei schlechtem Wetter ist der Silberberg nicht nur für Kinder ein echtes Erlebnis ...

Die Weiterfahrt unterhalb des Arbers vorbei Richtung tschechische Grenze führt nach Bayrisch Eisenstein. Die Schönheit der Landschaft lässt sich leider für uns nur erahnen, da die Wolken immer dichter werden und mittlerweile auf der Straße angekommen sind. So wird der geplante Stop am Arbersee eher ein "Stop and Go", da außer dem Seeufer nichts im Nebel zu erkennen ist. Die Weiterfahrt nach Tschechien ist allerdings nur all denen zu empfehlen, die weiter in das Land hinein fahren wollen. Die grenznahe Region lädt nicht zum Verweilen ein und vermeintlich billige Angebote entpuppen sich beim genauen Hinsehen als schlechte Qualität. Uns verwundert außerdem, dass trotz des kurz zuvor erfolgten Beitritts Tschechiens zur EU die Markenpiraterie hier weit verbreitet ist und offensichtlich noch nicht geahndet wird ...

Unterer Bayerischer Wald (Keltendorf "Gabreta")

Westlich von Freyung, in eine außergewöhnliche und weitreichende Hügellandschaft eingebettet, liegt der Ort Ringelai. Hier gibt es nicht nur die sogenannte "Buchberger Leite", eine dramatische Wildbachklamm mit einem romantischen Wanderweg, sondern auch das Keltendorf "Gabreta". Auf einer Hügelkuppe nahe der Ortschaft Lichtenau entstand durch Privatinitiative, gepaart mit wissenschaftlicher Pionierarbeit, ein archäologischer Erlebnispark, der in Europa seinesgleichen sucht.

Keltendorf "Gabreta" ... Kraulfreundliche Wollschweine ...

In derzeit 6 frühgeschichtlichen Häusern ist das Leben der Kelten plastisch und praktisch erlebbar. Dabei ist es nicht ein Museum, das jede Woche einmal abgestaubt wird. Gabreta lebt und gibt dem Besucher je nach Jahreszeit einen besonderen Eindruck vom Leben und Arbeiten unserer Vorfahren. Angefangen vom Angebot, sich mit alten Techniken des Töpferns und Webens zu beschäftigen, bis hin zur Viehzucht mit Rassen, wie sie bereits vor Urzeiten in Europa heimisch waren, wird hier ein weites Spektrum geboten. Am meisten sind wir von den Wollschweinen fasziniert, die sich ausgiebig von unseren Kindern kraulen lassen ...

Auch die Techniken des Hausbaus aus damaliger Zeit werden im Wortsinn begreifbar. Für Kinder steht sogar ein Rohbau zur Verfügung, dessen mit Weidengeflecht ausgefachte Wände eigenhändig mit Lehm beworfen werden können ...

In diesem Gebiet ist es mit einer geeigneten Karte auch kein großes Problem, auf diversen Feld- und Wirtschaftswegen die spärlich besiedelte Landschaft zu erkunden. Dabei haben wir mit unserem Landrover nicht nur einmal das Gefühl, auf einer richtigen Entdeckungsreise zu sein.

Mit dem Landrover ... ... auf Entdeckungsreise ...

Es sollte dabei aber selbstverständlich sein, dass die Wege in erster Linie für die Bewirtschaftung der Felder und Wiesen da sind und nicht zum Test eines evtl. neu eingebauten Rallyefahrwerks taugen: Sind Bauern auf den Wegen unterwegs, oder ist gerade Erntezeit, versteht es sich von selbst, dass man dieses einspurige Vergnügen lieber bleiben lässt und den Bauern nicht den Weg versperrt ...

Nationalpark Bayerischer Wald (Glashütten/Lusen/Wildgehege/Finsterau-Tschechien)

Der Nationalpark ist mit seinen 24.300 ha der westliche Teil des "grünen Daches Europas" und steht damit seit 1990 unter dem Schutz der UNESCO. Im Osten schließt sich der größte europäische Nationalpark, der tschechische Sumava-Nationalpark, mit 69.039 ha an. Durch den Zusammenschluss ist ein einmaliges Gebiet entstanden, das allein auf bayerischer Seite mit 320 km Wanderwegen und im Winter mit nicht weniger als 170 km Langlaufloipen aufwarten kann.

Unbedingt auf dem Reiseplan sollte ein Besuch der Wildgehege stehen: Wir sind erstaunt, dass für das Parken dort eine nicht unerhebliche Gebühr verlangt wird. Jedoch wird man damit entschädigt, dass das gesamte Areal dann ohne weitere Kosten besucht werden kann ...

Wir wollen den späten Vormittag dort verbringen und sind letztendlich 5 Stunden unterwegs, ohne dass es unseren Kids dabei langweilig wird. Mit reichlich Proviant ausgerüstet und mit ordentlichem Schuhwerk versehen geht es von einem Gehege zum nächsten, mitten durch den dichten Mischwald. Gleich zu Anfang sehen wir einen balzenden Auerhahn aus 5 m Entfernung: Das Gluckern und Prahlen ist beeindruckend und hat rein gar nichts mit altdeutscher Wohnzimmeratmosphäre oder einer bestimmten Biersorte zu tun ...

Eindeutiger Höhepunkt ist jedoch das Wolfsgehege: Auf einer riesigen Fläche mitten im Wald wurde eine erhöhte Plattform für die Besucher gebaut und wir können aus sicherer Entfernung das Rudel bei seinen Streifzügen beobachten. Nicht unbedingt stressfrei ist es, hier mit seinem Hund zu sein. Die Hunde spüren förmlich die Bedrohung durch die wilden Brüder unter ihnen und manche werden sichtlich nervös.

Nebenbei erfahren wir, dass viele Wildtiere im Nationalpark sich daran gewöhnt haben, dass die Besucher auf den vorgeschriebenen Wegen bleiben und nicht quer durch die Botanik laufen ...

Wildtiere ... ... und viel Natur ...

Ein paar Tage später haben wir auf einem Streifzug unterhalb des Rachel ein erstaunliches Erlebnis, das dies bestätigt: Wir sind nach einer längeren Regenphase im Kerngebiet des Nationalparks unterwegs, als wir ein paar Meter vor uns eine große Eule auf einer abgebrochenen Fichte sehen. Der Vogel bemerkt uns und schaut uns direkt an. Er fliegt aber erst majestätisch auf den nächsten Baumstumpf, als wir uns langsam bis auf wenige Meter nähern. Das Spiel geht so ein paar Mal und wir sind fasziniert von diesem direkten Kontakt mit einem frei lebenden Großvogel.

Natürliche Verjüngung ...Schlechtes Wetter scheint im Bayerischen Wald nicht nur häufig zu sein, es ist auch ganz nebenbei ein Garant für unmittelbare Naturerlebnisse: In einem solch ausgedehnten und naturbelassenen Waldgebiet zu wandern und mehrere Stunden auf keinen Menschen zu stoßen, ist in Deutschland nicht unbedingt leicht. Gerade am Spätnachmittag, wenn die meisten Besucher wieder weg sind, lassen sich so richtige Entdeckungstouren unternehmen.

Die Philosophie, nicht in den natürlichen Kreislauf einzugreifen, hat in den letzten Jahren viele Kritiker auf den Plan gerufen. Der Borkenkäfer hat den Fichtenbestand in weiten Gebieten auf den ersten Blick vollkommen vernichtet. Wer aber sieht, mit welcher Kraft die natürliche Verjüngung funktioniert, erlebt dies nicht als Sterben, sondern eher als die Geburt eines neuen Waldes ...

Die Bemühungen auf der tschechischen Seite mit großflächigem Ausholzen der befallenen Bäume sind nicht von Erfolg gekrönt. Auf den dort entstandenen Rodungsflächen wachsen die angepflanzten Jungbäume sehr schlecht oder gar nicht an.

Wie nach Kanada versetzt kommt man sich schließlich vor, wenn man am frühen Abend auf den dann menschenleeren Lusen wandert. Ab 16 Uhr ist auch die Straße zum Parkplatz am Fuß des Berges wieder befahrbar. Wer vorher den Weg auf diese Weise verkürzen will, muss auf die sogenannten Igelbusse ausweichen, die tagsüber diesen Parkplatz anfahren. Auf der eindrucksvollen "Himmelsleiter", die mitten durch abgestorbenen Wald verläuft, klettern wir über Felsblöcke geradewegs auf den kahlen Gipfel (= Lusen).

Durch abgestorbenen Wald ... ... und über die "Himmelsleiter" ...

Auf halber Höhe wurde ein Plankenweg eingerichtet, der eindrucksvoll das natürliche Nachwachsen des Waldes deutlich macht. So ist es möglich, ohne auch nur einen Fuß auf den unberührten Waldboden zu setzen, einen Blick in die Waldkinderstube zu werfen.

Die Spitze des Berges ragte in der letzten Eiszeit gerade noch aus dem Eispanzer heraus und die Schichtung der Felsbrocken verhindert bis heute, dass sich außer Flechten eine Vegetation ausbreiten kann, obwohl wir uns weit unterhalb der Baumgrenze befinden. Deshalb ist der Lusen bis heute "oben ohne".

Auf dem kahlen Lusen ...Wer sich hier oben selbst verpflegen möchte sei darauf hingewiesen, dass er sich nicht wie wir auf eine der Bänke der Lusenhütte kurz unterhalb des Gipfels setzt: Will man nichts konsumieren, wird man auch als einziger Wanderer an diesem Abend vertrieben ...

Weniger anspruchsvoll verläuft dann unser Rückweg entlang der schmalen Forststraße, die von der Lusenhütte ins Tal direkt zu unserem Ausgangspunkt führt. Langeweile kommt aber auch hier nicht auf: Verlief der Aufstieg in abgestorbenem Fichtenwald, führt uns der Abstieg durch einen alten und ursprünglichen Laubwald. Dabei erstaunt uns nicht nur einmal, aus welchen Stämmen - und seien sie auch noch so morsch und hohl - frische Triebe sprießen.

Wir haben während der zwei Wochen in dieser Ecke Bayerns einige überraschende Entdeckungen gemacht und ich kann jedem, der echte Naturerlebnisse sucht ohne gleich weite Strecken reisen zu müssen, den Bayerischen Wald empfehlen. Ob mit dem Auto, mit dem Fahrrad oder ganz intensiv zu Fuß lassen sich Gebiete entdecken, die sehr ursprünglich und reich an Erlebbarem sind. Wir haben jedenfalls beschlossen, in der nächsten Zeit wieder zu kommen und unsere Erkundungen fortzusetzen.

Wer wie wir gerne draußen ist, dem seien drei Campingplätze empfohlen:

  • Camping Green Village bei Zwiesel: Hier hat man auf dem ebenen Wiesengelände fast den Eindruck in Skandinavien zu sein ...
  • Camping am Nationalpark zwischen Klingenbrunn und Spiegelau: mit guter Ausgangslage in alle Richtungen des Gebiets.
  • Campingplatz in Finsterau: am Ortsende in ruhiger Höhenlage (höchstgelegener Campingplatz Deutschlands) gut geeignet für Wanderungen in den bayerischen und vor allem auch in den tschechischen Teil des Nationalparks. Ganz in der Nähe das Freilichtmuseum Finsterau, für das man auf jeden Fall einen Tag einplanen sollte.

Noch ein Nachtrag zum Speicherfehler der Digicam: Unsere Digitale ist eine Konica KD400z mit einem robusten Metallgehäuse und einem Schieber, der das Objektiv schützt und gleichzeitig die Kamera aus- bzw. einschaltet. Auf der Jagd nach den besten Eulenfotos habe ich, um Batterie zu sparen, immer wieder die Kamera geschlossen und damit ausgeschaltet. Ist der Speichervorgang des letzten Bildes jedoch noch nicht beendet, so kann die Elektronik die Datei nicht ordnungsgemäß zu Ende schreiben. Es fehlt also der Abschluss, der für einen erneuten Lese- oder Schreibvorgang unbedingt notwendig ist. Ob der Hinweis "keine Daten" oder am PC "der Datenträger ist nicht formatiert" unbedingt sinnig ist, bleibt dahingestellt. Mit einem geeigneten Editor könnte die letzte Datei abgeschlossen und damit der gesamte Inhalt des Speichers wieder lesbar gemacht werden ...


© 2005 Matthias Bernhard


Weitere Berichte von Matthias Bernhard führen uns zu zwei Kurzbesuchen nach Italien: