Der erste Tag - Seeklar - Verholen ...

Heute ist der 10. August 2013 und der erste Tag unserer ersten Reise: Er beginnt in Weener um 06:00 Uhr, der Himmel ist bedeckt, zeitweise regnet es bei 16°C. Viele Dinge müssen an Bord nun auf die schnelle Tour erledigt werden: So erhält z.B. unser Fernseher seine Wandhalterung. Loona und Mr. H. junior sind schon ganz aufgeregt, Leo bleibt ganz locker. Sie ist schon sehr lange dabei und war mit Jürgen und seiner alten Bahia oft unterwegs ...

Die Signalflagge "P" weht an der Backbord-Saling. Eigentlich ein Signal aus der Zeit der alten Segelschiffe, aber heute noch gültig. Es bedeutet, dass das entsprechende Schiff auslaufen will.

Für Besatzungsmitglieder an Land war es das Signal, wieder an Bord zurück zu kommen. Bei einer Yacht hat das Signal durchaus auch einen Sinn: In einem stark genutzten Yachthafen werden andere Yachten vermeiden, an einem solchen Boot festzumachen.

Vor der Reise haben wir unsere Festmacherleinen von geschlagenem Tauwerk auf geflochtenes Tauwerk umgestellt. Dieses ist weicher und liegt erheblich besser bei Gebrauch in der Hand. Dabei ist eine geflochtene Leine dünner im Durchmesser bei höherer Bruchlast. Das sind alles Vorteile, die besonders weibliche Besatzungsmitglieder zu schätzen wissen ...

Signalflagge `P´gehisst: Es kann losgehen! Von Weener aus Richtung Holland ...

Gegen 15:00 Uhr kommt Horst an Bord: Er will uns die ersten Tage unterstützen. Zusammen machen wir das Boot seeklar. Das heißt, alles, was ein Eigenleben entwickeln könnte, muss gesichert werden. Dazu zählen zum Beispiel auch rollende Eier im Kühlschrank. Da wir an Bord leben, müssen auch alle wichtigen persönlichen Unterlagen von Bord, damit diese im Falle eines Unfalls erhalten bleiben.

Die letzten Einkäufe werden erledigt. An Deck werden Fender und Bootshaken vorbereitet, denn morgen geht es sehr früh los. Da kann man solche Vorbereitungen besser jetzt schon erledigen. Loona ist wachsam und aufgeregt: Sie ahnt, dass da etwas völlig Neues auf sie zukommt.

Das Wetter wird im Laufe des Tages immer besser, am späten Nachmittag frischt der westliche Wind für etwa zwei Stunden auf. Um 18:10 Uhr verholen wir dann aus dem inneren alten Hafen etwa 300 m in Richtung der Seeschleuse. Das Wetter bleibt trocken. An späten Abend zieht sich der Himmel leider wieder zu.

Der Wecker wirft uns um 04:30 Uhr aus den Betten: Der Himmel ist heiter mit einer 3/8 Bedeckung, es weht ein westlicher Wind der Stärke 3. Ein Frühstück gibt es erst auf der Ems. Einige Vorbereitungen schaffen wir aber noch: Tee und Kaffee wandern in die Thermoskannen und ein paar Brote bekommen wir auch noch fertig.

Loona ist das frühe Aufstehen gar nicht gewöhnt und schaut uns alle verständnislos an. Erst einmal abwarten denkt sie und bleibt liegen, Augen und Ohren auf Empfang. Doch es hilft nichts: Auch sie muss noch schnell an Land, damit nachher unterwegs bei ihr nichts klemmt ...

Aufbruch im Morgengrauen ... Wo ist mein Bett??

Kurz vor 05:30 Uhr legen wir ab. Der Morgen ist frisch und wärmende Kleidung muss sein. Hafenmeister Heiner hat pünktlich seinen Posten in der Schleuse eingenommen: Sehr zuverlässig! Er hat dafür auf sein Ausschlafen heute verzichtet. Loona ist erst einmal wieder aufgeregt, das ist schließlich alles neu in ihrem jungen Leben. Während der Manöver bleibt sie bei Jürgen in der Plicht, mit angelegter Schwimmweste. Sie ist so aufgeregt, dass sie zittert wie ein durchgehendes vibrierendes Handy. Trotz Beruhigung achtet sie sehr genau darauf, ob alle beim Manöver ruhig bleiben oder nicht. Das überträgt sich sofort auf sie ...

Nach dem Verlassen der Schleuse geht Loona erst einmal in Deckung. Für uns gibt es nun ein Frühstück in der Plicht. Der Himmel ist leicht bewölkt, ein westlicher Wind Stärke 3 und das ablaufende Wasser bringen uns zügig nach Emden, unserem ersten Ziel. Bereits um 07:45 Uhr bringt uns der Ebbstrom durch das Emssperrwerk. Unsere Segel bleiben heute noch unbenutzt.

Bereits um 08:30 Uhr laufen wir im Emder Außenhafen ein: Der Himmel ist fast schon wieder bedeckt, eigentlich wäre aber etwas mehr Sonne durchaus in unserem Sinne ...

Am Zollanleger lässt es sich für die erste Nacht angenehm liegen. Hier ist Jürgens Arbeitsplatz: Normalerweise fährt er auf dem großen Zollkreuzer Emden, der hier zur Zeit noch auf seiner Seestreife ist. Gegen 18:30 Uhr wird er zurück kommen. Diese Stelle am Anleger wird zur Zeit nicht für ein Boot genutzt, Platz für uns! Auch die Kollegen wollen einmal die pacifico bewundern.

Die Einfahrt nach Emden vor uns ... Emden, Am Ratsdelft: Hafen-Wanderung oder Fußgängerzonen-Besuch zu empfehlen ...

Wir nehmen uns Zeit und besuchen die Stadt Emden, einschließlich Fischessen im Hafen. Für Loona fällt auch wieder ein Stück Matjes ab. Sie will offenbar unbedingt auch für Mr. H. junior und Leo Fisch mitbringen. Für Jürgen ist es gar nicht einfach, ihr klar zu machen, dass Mr. H. junior nur auf Bananen steht und Leo immer satt ist ...

Ab 18:00 Uhr ist der Himmel bedeckt und Schauer sind im Anmarsch. Wir ergänzen unsere Wasservorräte, füllen Diesel auf und gehen an Bord in Deckung. Loona geht ihrer Lieblingsbeschäftigung nach - Stofftiere jagen und schmusen ...

"Seehund" Loona - Erstes Segeln - Im Tulpenland

Kurz nach 7 Uhr morgens verlassen wir den Außenhafen von Emden: Wir wollen heute die Segel testen und im Anschluss mit der auflaufenden Tide nach Delfzijl fahren. Das Frühstück gibt es nach dem Ablegen. Loona hat die ersten ruhigen Momente: Es ist alles unbekannt, aber nicht alles gefährlich. Das ist schon einmal ein Fortschritt. Ihr Platz beim Ablegen ist in der Plicht, mit angelegter Schwimmweste. Ist das Boot frei von Land und das Relingnetz wieder geschlossen, darf sie auch an Deck. Sie muss dann eben etwas aufpassen, um bei den Leinen- und Fenderarbeiten aus dem Weg zu gehen. Mit der Zeit lernt sie diese Handgriffe kennen und weiß nun, dass das nicht gefährlich sein muss, wie sie aus dem Weg läuft und doch dabei ist ...

Raus aus dem Außenhafen ...Der 12. August 2013 beginnt bedeckt, aber trocken: Wir vermissen alle etwas mehr Spätsommer. Unsere alte Maschine läuft nach der Komplettüberholung und den vielen Umbauten der umgebenden Technik einwandfrei. Inzwischen haben wir bemerkt, dass unser linksdrehender Propeller bei Rückwärtsfahrt den Bug fast sofort nach Backbord dreht. Sobald der Propeller rückwärts dreht, geht das los. Beim Anlegen mit der Steuerbordseite ist das schon lästig, es gibt einen starken Radeffekt.

Nachdem die Reling geschlossen ist, kann Loona an Deck. Fast sofort wird sie zwischen den Anderen ruhiger. Als wir die großen Autotransporter passieren, bleibt sogar Zeit für einen ruhigen Rundumblick. Wenige Minuten später erreichen wir die Ems.

Bereits um 08:40 Uhr kommen wir am sogenannten K-Weg an, einer kleinen Abkürzung in der Emsschleife Richtung See gleich westlich von Delfzijl. Hier setzen wir die Fock, die Maschine hat jetzt Pause. Bei einer angenehmen Windstärke 3 aus SSW geht es langsam mit einer Geschwindigkeit von 4 Knoten stromabwärts - Simone und Loona segeln nun das erste Mal. Es ist ein herrliches Gefühl, nur das Rauschen des Wassers zu hören ...

Unser Frühstück gibt es wieder unterwegs: Kaffee und Tee mit allem, was so dazu gehört. Wenn alle mitmachen, ist das überhaupt kein Problem. Der Wind könnte vielleicht etwas mehr sein, die Zeit der warmen Vormittage scheint auch langsam vorbei zu sein. Es ist einfach zu frisch, um die Plane weiter zu öffnen oder schon Kleidung abzulegen.

Mit Loona gehen wir immer wieder über das Deck. Sie soll sich an das rauschende Wasser und das fehlende Land gewöhnen. Für einen Alleingang ist ihr das noch alles viel zu unbekannt. Da aber alle an Bord ruhig und guter Laune sind, macht sie das einfach nach, eine kluge kleine Hundedame!

Wir segeln eine Stunde, dann will die Tide, dass wir langsam Richtung Delfzijl Kurs ändern. Das Wetter bleibt herrlich und bei der Emstonne 45 gehen wir auf Gegenkurs. Da der Wind jetzt nicht mehr passt, wird die Fock wieder weggepackt. Horst und Simone erledigen das, der Motor muss nun ran.

Im Yachthafen von Delfzijl, Position: 53°19,8´N 006°55,8´EEs ist 11:40 Uhr, als wir den Zeehavenkanaal erreichen: Der Kanal ist die Zufahrt nach Delfzijl und ziemlich lang. Man fährt mit der auflaufenden Tide gut eine halbe Stunde, bis man den eigentlichen Hafen erreicht. Früher lag die Zufahrt nach Delfzijl direkt am Westende des Hafens. Die heutige Zufahrt ermöglicht Industriestandorte am Kanal und weniger Verschlickung des Hafens.

Es gibt hier sehr viel Industrie und den entsprechenden Schiffsverkehr dazu. Dazu kommen uns viele Binnenschiffe aus den Kanälen der Niederlande über die Schleuse von Delfzijl durch den Zeehavenkanaal auf ihrem Weg in die Ems entgegen. Die Südseite des Kanals ist voller Industrie. Diese beeinflusst leider auch den Ort Delfzijl sehr: Die Nordseite des Kanals ist ein einziger Deich und komplett asphaltiert. Ganz wie ein Hausbesitzer, der seinen Garten asphaltiert, um nicht mehr Rasen mähen zu müssen ...

Kurz vor der Einfahrt in den Zeehavenkanaal melden wir uns brav bei der Revierzentrale an. Es ist gut, wenn man ein paar Kenntnisse in Niederländisch hat. Es geht aber auch auf Deutsch und Englisch. Nur nicht melden sollte man sich nicht! Die Zentrale ist sehr wachsam. Die Gespräche der Zentrale, die man so während der Fahr mithört, sind nicht sehr verständlich. Der einheimische Slang ist, wie in allen anderen Ländern auch, allgegenwärtig.

Inzwischen hat sich das Wetter verschlechtert: Der Himmel sieht so aus, als sollten wir uns bald verkriechen. Wir halten aber trotzdem die vorgeschriebene Höchstgeschwindigkeit ein. Eine grundsätzliche Einklarierung wird kaum noch durchgeführt, als europäische Yacht haben wir da keine Probleme. Kommt man allerdings aus Fahrtgebieten außerhalb der EU, muss man von sich aus seine Ankunft melden und um Abfertigung bitten. Natürlich führen die Niederlande, wie auch andere Länder, nichtangekündigte Kontrollen durch.

Gleich nach dem Festmachen im vom Neptunus-Verein betriebenen Yachthafen geht es zum Spaziergang an Land: Loona hat Sehnsucht nach etwas Wiese, Mr. H. junior will eine frische Banane von Land und Leo liegt schon wieder oben auf dem Sofa. Leider verschwindet der blaue Himmel schon bald wieder. Zusammen bummeln wir zum Emsstrand, auf dem Weg dahin treffen wir auf die erste Stromtankstelle für Elektrofahrzeuge ...

Noch seltener Anblick: An der Stromtankstelle ... Loona: Interesse an Wellen unübersehbar ... In der Fußgängerzone von Delfzijl ... 

Hier in Delfzijl gibt es auch ein Strandbad: Es befindet sich allerdings ein Verbotsschild für Hunde dort. Loona lässt das jedoch völlig kalt. Ohne zu zögern betritt sie das nicht umzäunte Strandbad und geht runter ans Ufer. Dort sieht sie den ankommenden kleinen Wellen ganz interessiert zu. Das Bad ist gerade nicht besetzt; so bekommen wir auch keinen Ärger wegen Loona. Nackt baden ist hier vermutlich aber sicher auch nicht erlaubt und Loona hat nichts passendes dabei ...

Vom Strandbad aus erreichen wir über eine Fußgängerbrücke die Fußgängerzone von Delfzijl. Wir kommen zwar während der Öffnungszeiten der Geschäfte an, jedoch ist die Fußgängerzone trotzdem irgendwie ausgestorben. Kaum ein Besucher ist hier anzutreffen, viele Geschäfte sind leer. Uns fallen etliche Kleinbusse mit vielen Sitzplätzen auf: Das sieht nach jeder Menge Leiharbeitnehmern aus, meistens ist das eher moderner Menschenhandel. Jürgen kennt Delfzijl bereits von früheren Besuchen, so ausgestorben wie heute hat er die Stadt allerdings noch nie erlebt. Alle anderen an Bord sind heute das erste Mal in diesem Ort.

Sanitäre Anlagen unter der Wasseroberfläche ... Wäsche waschen ist möglich ...

Die sanitären Anlagen des Neptunus-Yachthafens liegen innerhalb des Vereinspontons unter der Wasseroberfläche. Alle Einrichtungen sind sauber und funktionell. Wäsche waschen ist möglich, das System dazu etwas gewöhnungsbedürftig. Wer mit einem Kleinkind anreist, findet hier eine Möglichkeit, es zu versorgen. Oben im Ponton gibt es einen Versammlungsraum mit Öffnungzeiten. Einen weiteren doppelstöckigen Ponton mit dem Hafenmeister und einer Tankstelle befindet sich gleich bei der Einfahrt zum Yachthafen. Hier wird auch das Liegegeld zu den angeschlagenen Öffnungszeiten entrichtet. Die Preise sind normal und entsprechend, für unsere pacifico sind pro Tag 10,80 EUR fällig ...


© 2015 Jürgen Sattler