Wieder nach Albanien

Wir wollen heute wieder nach Albanien und einen Übernachtungsplatz kurz vor Peshkopi suchen. Das sind etwa 75 km und führen kurz nach der nordmazedonischen Stadt Debar wieder zu einem Grenzübergang, wo wir diesmal aber zügig und ohne genauere Kontrollen abgefertigt werden. Ist ja auch klar: Kein Schmuggler auf der Welt würde Rauschgift von Mazedonien nach Albanien bringen!

Danach beginnt die Suche nach einem Nachtplatz, diesmal ohne Andis digitale Unterstützung. Park4night hat in dieser Gegend kein Angebot, ja das gibt es auch. Ich suche also aus der 150k F&B Karte eine kleine "weiße" Straße, die am Fluss Drin endet und will diese so weit wie möglich fahren. Pustekuchen: Da kommen wir gar nicht weit und an einer kleinen Siedlung mit zwei Häusern ist Schluss. Die "Straße" wird immer schmaler und ist von einem tiefen Drainagegraben begrenzt, in den man leicht hineinrutschen könnte.

Aber die Hauptstraße zwei Kilometer zurück finden wir eine andere Abzweigung in die Landschaft und unsere zwei bewegungssüchtigen Kundschafter werden zu Fuß vorausgeschickt. An den kümmerlichen Resten einer alten Befestigungsanlage vorbei finden sie einen sehr schönen ebenen Platz neben dem Feldweg und mit guter Aussicht in die Umgebung. Viele kleine Ortschaften, von denen man zum Teil nur die Minarette sieht, sind am Horizont in etwa 2-3 km Entfernung zu erkennen. Später wird man sich daran erinnern, dass einige total begeistert waren vom Ruf der Muezzine, die über das Tal sehr laut und klar zu uns herüber hallten und fast schon so etwas wie eine mystische Wirkung ausstrahlten ...

Für "große Küche" ist es heute schon zu spät, aber nach einer kurzen Vesper zusammensitzen, die Musikfavoriten der Mitreisenden über den Bluetooth-Lautsprecher abspielen und den Tag mit Wein ausklingen lassen - das macht Spaß! Musik hören kommt sowieso viel zu kurz bei unseren ausgefüllten Tagesprogrammen, deshalb wird dieser Abend besonders lang ...

Links die Mauern einer alten Burg ... Stellplatz mit Weitblick ... ... und Frühstück mit Ausblick Der Feldweg lädt zur Rückfahrt ... 

Sehr früh weckt uns ein vielstimmiges Vogelkonzert und was ich bisher nicht wusste: Der Wiedehopf mit seinem charakteristischen bububup ist ein ausgesprochener Frühaufsteher, der die anderen Vögel wecken muss. Beim gemütlichen Frühstück genießen wir noch einmal den Blick auf die umgebenden Kleinsiedlungen und schauen einem Bauern zu, der sein Pferd zum Grasen mit langem Seil an einen Baumstamm bindet und uns freundlich zuwinkt.

Die nächsten Tage wollen wir den Fluss Drin begleiten, der sich vom Ohridsee kommend in zum Teil tiefen Schluchten durch die Berge Nordostalbaniens gegraben hat. Am südlichen Stadtrand von Shkodra fließt der Drin vorbei und vereint sich mit dem Abfluss aus dem Shkodrasee, von wo er nun unter dem Namen Buna als Grenzfluss zu Montenegro in die Adria mündet und dort beim montenegrinischen Ulcinj ein naturfachlich sehr wertvolles Mündungsdelta mit vielen seltenen Tieren bildet. Das alles steht noch auf unserem Programm.

Offroad am Drin

Der Offroadführer der Pistenkuh beschreibt die Tour am Drin entlang Richtung Norden bis zur Stadt Kukës in zwei ausführlichen Etappen und diese hochinteressante Route wollen wir nehmen. Zuerst müssen wir von unserem Nachtplatz in den Feldern ein paar Kilometer zurück und dann die SH6 noch 7 km nach Westen fahren. Da beginnt die Piste über einen Bergrücken westlich des Drin bis zur Brücke bei Muhurr, geschätzt 35 km Strecke mit - laut Führer - mäßigem Schwierigkeitsgrad. Aber es zeigt sich wie bei der Frashër-Runde: Mit unseren 4-Tonnern sind manche Passagen, speziell die engen Kehren bergauf und die zugewachsenen Waldwege, etwas ambitionierter und mit einem 10-Tonner würde ich die Auffahrt von Süden her überhaupt nicht mehr wagen. Wohlgemerkt - möglich ist alles und noch etwas mehr ...

Von hier aus sieht die Straße nicht schwierig aus ... Rast auf Lichtung neben Marmorblöcken ... Für ein Shooting scheut man keinen Marmorblock! ;-)) 

Am höchsten Punkt angekommen finden wir eine größere Lichtung, die zu einem Rast mit Aussicht einlädt: Bei der Erkundung der Umgebung erkennen wir an einigen Stellen der Felsen Spuren von ehemaligem Marmorabbau und lassen die Autos ein wenig spielen, die verwaschenen Spuren früherer LKW-Tracks erkunden und eine schöne Position für das Actionfoto oben an der Abbaukante einnehmen.

Die großen Steinbruch-Laster können damals ja unmöglich die engen Kehren unserer bisherigen Auffahrt genommen haben, müssen also in die andere Richtung eine breitere Piste gehabt haben, die wir für die Abfahrt nun suchen wollen.

Ja, richtig, enge Kehren gibt es nun nicht mehr. Aber die Vegetation hat die Jahrzehnte seit Produktionsende genutzt, um uns ein wenig zu ärgern. Andi muss an zwei Stellen wieder seine Säge gegen das Dickicht ziehen. Auf den waagrechten Passagen sind die von Schwerlastern erzeugten Kuhlen mit Schlamm und Wasser vollgelaufen. An den Steigungsstrecken zeigen sich erosionsbedingte Auswaschungen, die ein Balancieren auf dem optimalen Pfad notwendig machen. Abrutschen darf man dabei nicht und Regenwetter wäre sehr ungünstig. Bei Selishte kommen wir auf die SH36 und die letzten Kilometer bis zur kleinen Brücke bei Muhurr sind landschaftlich sehr reizvoll, und ohne Schwierigkeiten ...

Schwung und Sperren angesagt!
Schlammige Pfützen warten ... Wo geht´s denn hier hin? Balance vorbei an Auswaschungen ... 
SH36: Nach Muhurr hinunter am Drin Weiter geht´s? Am Drin-Zufluss: Wieder ein schöner Übernachtungsplatz ... 

Diese läppischen 35 Kilometer haben uns den ganzen Tag gekostet. Zugegeben bei später Abfahrt, mit langen Pausen und relativ frühem Nachtstopp. Aber 10 km/h Durchschnitt haben wir nicht erreicht. Und das war nur die erste und deutlich kürzere Etappe am Drin entlang und sie hat uns schon so angestrengt. Wie soll das erst bei der zweiten Etappe werden, die laut Angaben der Pistenkuh fast 8 Stunden und damit doppelt so viel Fahrzeit beanspruchen würde? Wir machen erst mal Pause und finden am Ufer des kleinen Baches wieder einmal einen sehr schönen Übernachtungsplatz, für die Harten unter uns sogar mit Bademöglichkeit ...

Am nächsten Tag besprechen wir nach dem Frühstück die Lage bezüglich der Weiterfahrt. Die Piste am Drin entlang bis Kukës wäre zwar ein Leckerbissen, sie würde uns aber deutlich mehr als einen Tag kosten. Danach kämen 100 km kurvige Piste bis Fierze, dem Startpunkt für die Fähre nach Koman. Dafür haben wir eigentlich keine Zeit mehr oder wir müssten später auf den gewünschten Erholungstag am Meer verzichten. Deshalb wird entschieden, nach einem kurzen Einkaufsstopp in Peshkopi die 73 km nach Kukës auf der Hauptstraße zu fahren. Piste am Drin, ich komme irgendwann hierher zurück ..!

Aber zuerst geht es über eine schmale und abenteuerlich aussehende Brücke über den Bach unbekannten Namens in den kleinen Ort, der laut Karte Muhurr heißt: Dort sehen wir einen laufenden Wasserhahn neben der Straße und wollen gerade unsere Wasservorräte auffüllen, als eine ältere Frau mit erhobener Hand auf uns zukommt und uns klar macht, dass dies kein Trinkwasser sei: wegen der Weidetiere dort oben signalisiert sie uns. Unsere enttäuschten Gesichter versteht sie und bittet den Fahrer eines vorbeifahrenden Kleinbusses, uns die gefasste Quelle mit gutem Wasser zu zeigen. Dafür müssen wir ihm einige Kilometer folgen und dabei auch den Drin über eine größere Brücke queren. An der Quelle angekommen werden unsere Schöpfarbeiten von Buben aus der Nachbarschaft genau beobachtet.

Die Brücke über den kleinen Fluss Trinkwasserquelle mit neugierigen Buben ... 
Die Brücke aus vertrauenerweckender Perspektive ..? Es heißt sich vorsichtig voranzutasten ... 

Die Straße SH6 von Peshkopi nach Kukës ist zweispurig und ordentlich geteert. Eigentlich eine Garantie für schnelles Vorankommen. Aber nicht in Albanien: Die Strecke überquert mehrere Pässe, geht in ständigem Wechsel bergauf und bergab und es folgt Kurve auf Kurve ...


© 2021 Sepp Reithmeier,  Fotos: Sonja Ertl, Erich Junker, Marie Schömer