Sa, 18.06.05: Tourismus muss sein - unterwegs mit Bahn und Schiff ...

Als wir uns heute morgen erneut zur Südspitze des Sees aufmachen, regnet es: Kein Grund, die Nerven zu verlieren wegen der Sonnwendfeuer, denn das Wetter soll sich spätestens ab heute Nachmittag wieder bessern ...

Wir erreichen wieder die Anlegestelle "Seespitz" und warten auf die Bahn, die hier in wenigen Minuten zum ersten Mal Richtung Jenbach starten soll. 

Lange Geschichte ... ... und kurze Fahrt nach Jenbach ...

Was hatten wir der Information auf der Webseite der Achenseebahn entnommen: 

"Seit der Eröffnung 1889 wird diese Bahnlinie als öffentliche Eisenbahn betrieben. Mit über 115 Dienstjahren gehören die Dampfloks der Achenseebahn zu den ältesten, fahrplanmäßig im Einsatz stehenden Dampflokomotiven der Welt. Und heute wie damals bezwingen dieselben Lokomotiven die 160 Promille steile Rampe zum 930 m hoch gelegenen Achensee. Fahrzeit 45 Minuten."

Die zugehörige Übersicht zeigt den Weg, den die Bahn zurücklegt: Nach dem Start in Seespitz in einer Höhe von rund 930 m über NN geht es vorbei an mehreren Haltestellen wie Maurach oder Eben, bis man unten im Tal am wichtigen Eisenbahnknotenpunkt Jenbach ankommt in einer Höhe von rund 530 m. Da es bis Eben bergauf bis auf ca. 970 m geht, werden auf einer Strecke von weniger als 7 km insgesamt 440 Höhenmeter in rund 40 Minuten überwunden. 

Bereits nach kurzer Zeit naht das skurrile Unikum: Laut zischend und fauchend nähert sich heute der erste und mit nur einem Waggon recht kurze Zug der Dampf-Zahnradbahn ...       

"Echter" Neger an Bord ... Die Lok : Seit 1889 dabei ...

Ein "echter Neger" ist an Bord der Lok als Heizer tätig: Er bedient auch den dampfbetriebenen Wasserkran, der die Loks mit Seewasser versorgt. Als nach einiger Wartezeit, während der die 3-köpfige Besatzung des Zuges irgendwo rund um das Abfertigungsgebäude spurlos verschwindet, schließlich kassiert wird, kommen wir kurz ins Staunen: Für die Hin- und Rückfahrt von zwei Personen sind insgesamt 48,- EUR (!) fällig - das touristische Unikum verlangt seinen Tribut!

Mit wild schwappendem Kühlwasser auf der Lok und einem ebenso wild filmenden Touri, der den größten Teil der Strecke mit seiner Videokamera halb aus dem Zug hängen wird, starten wir durch Felder und Wiesen fauchend Richtung Maurach. Über eine sogenannte "Reibungsstrecke" geht es bergan bis zum höchsten Punkt nach Eben, hinter dem die eigentliche Zahnradstrecke beginnt. Von hier aus hat man nicht nur einen Blick auf den Achensee, sondern auch auf das Rofangebirge und den Naturschutzpark Karwendel. Von nun an fahren wir auf der eigentlichen Steilrampe mit einer Leiterzahnstange hinab, wo der Zug aus Sicherheitsgründen bergab gezogen und bergauf geschoben wird von der davor bzw. dahinter laufenden Lok.

Und nun wird es wirklich spannend: Eingerahmt von Büschen und Bäumen faucht das dampfspeiende Ungeheuer vor uns abwärts, der Filmer auf dem offenen Wagenteil vorn muss sich immer wieder ducken, um nicht von tief hängenden Ästen getroffen zu werden - eine wirklich spektakuläre Fahrt, die eher an ein Wies´n-Abenteuer als eine normale Zugfahrt erinnert ...

Fauchend durchs Unterholz ... Filmaufnahmen müssen sein ...

Vorbei an der Bedarfshaltestelle Burgeck geht es - die Anwohner mögen das skurrile Gefährt offensichtlich, denn immer noch schauen sie hoch und einzelne winken sogar dem Zugpersonal zu: Die Anwohnerin am Fenster eines unmittelbar an der Strecke liegenden Wohnhauses winkt sogar besonders heftig, als der Heizer sie recht vertraut grüßt im Vorbeifahren ...

Bereits hoch über der Endhaltestelle in Jenbach haben wir einen beeindruckenden Blick über das Inntal und die umliegenden Berge. Jenbach selbst ist für die österreichische Bundesbahn schon seit langem ein sehr wichtiger Knotenpunkt: Hier treffen Züge mit drei verschiedenen Spurweiten aufeinander, die Bundesbahn mit "Normalspur", die ebenfalls teilweise dampfbetriebene Zillertalbahn und eben die Achenseebahn mit ihrer Meterspur.

In Jenbach haben wir eine kurze Wartezeit, bis wir eine gute halbe Stunde später wieder bergan zurückfahren wollen. Eine hervorragende Gelegenheit, sich auch die 1902 in Betrieb genommene Zillertalbahn anzuschauen, von der ein Zug hier gerade ebenso zischend und fauchend mit vielen unterschiedlichen Waggons auf die Abfahrt wartet.

Diese Bahnstrecke ist insgesamt 32 km lang und führt auf einer ebenfalls eingleisigen Strecke mit einer Spurweite von nur 76 cm über 35 Brücken. Neben den historischen Dampfzügen gibt es weitere Attraktionen wie z.B. einen Hobbyzug, einen Kinderdampfzug, einen Silvesterzug usw. ...

In Jenbach ... ... historische Fotos am Bahnhof ...
... und die Zillertalbahn ... ... wartet fauchend auf die Abfahrt ...

Doch auf uns wartet wieder die Achenseebahn und die Rückfahrt: Nun folgt sicher die spektakulärste Strecke, denn jetzt geht es z.T. mit einer Steigung von 160% bergan, was beim gleichen Gefälle während der Herfahrt wohl kaum zu vergleichen war. In rund 25 Minuten muss bei einer Geschwindigkeit von 8 km/Std. vom Bahnhof Jenbach bis Eben 440 m an Höhe gewonnen werden - wahrlich keine leichte Aufgabe für die ächzende und stampfende Lok, wie man in den nun mehreren Waggons feststellen kann ...

Als Fußgänger hätte man es hier wohl deutlich schwerer, und so erklärt sich auch, dass die Bahn im Kriegsjahr 1944 die höchste Beförderungszahl mit über 140.000 Personen erreichte, für die Versorgung kriegswichtiger Betriebe und von Bombenflüchtlingen im Achenseegebiet von erheblicher Bedeutung war und in dieser Zeit sogar nachts und im Winter fuhr.

Nach infernalischem Pfeifen der Lok stürmt der Schaffner zu uns auf das offene Vorderteil des Waggons: Er betätigt sich als wild kurbelnder Bremser, der die Wagen stoppt, als die Lok nicht mehr kann und auf halber Strecke zum Stillstand kommt. Offenbar muss erst wieder Dampfdruck aufgebaut werden, bevor die mit Touristen gut gefüllten Waggons wieder bergan gedrückt werden können - das Ächzen der Lok dabei zeigt wirklich, was sie hier wohl leisten muss ...

Wieder zurück: Touristenankunft in Seespitz ... ... wo das Fahrgastschiff "Tirol" bereits auf uns wartet ...

Irgendwann haben wir es geschafft: Wir erreichen wieder Seespitz und werden überholt von uns vorauslaufenden Touristen, die ihren kurz zuvor in Jenbach verabschiedeten Bekannten wie wild zuwinken wollen ...

Die Kommandobrücke der "Tirol" ...Wir lassen uns vom Touristenstrom die paar Meter von der Bahn zum Motorschiff "Tirol" mitziehen, das bereits an der Anlegestelle wartet. 

Unser Erstaunen ist groß, als wir uns ausgerechnet in einer Gruppe isländischer (!) Touristen wiederfinden - bisher noch nie und nirgendwo Erlebtes! Man reagiert sofort, als wir gut verständlich unser Boot als "Norröna" bezeichnen und irgendwas vom "Vatnajökull" vor uns hinmurmeln ... 

Allerdings bleibt es beim Austausch einiger Höflichkeiten, bis wir uns bewaffnet mit einem Bier auf das Deck der "Tirol" zurückziehen - schließlich wollen wir hier keine Diskussionen über die ferne Insel im Nordatlantik vom Zaun brechen - es ist schließlich auch auf dem Achensee bald Mittsommernacht und umso erstaunlicher, dass diese Isländer ihre Insel anlässlich des großen Festes verlassen haben!

Die "Tirol" legt ab - und damit der neuste der Achensee-Dampfer, die schon seit Mitte des 19. Jahrhunderts auf diesem See kreuzen und eine touristische Erfolgsstory sind.

Im Jahr 1994 wurde mit dem Bau dieses 600-Personen Schiffes die bisher größte Investition der Achensee-Schiffahrt getätigt. Es steht zur Verfügung für verschiedenste Sonderveranstaltungen, wie etwa die "Abendrundfahrten mit Musik" oder auch die heutige Fahrt zur Sommersonnenwende "Berge in Flammen" - ebenfalls eine Abendrundfahrt mit Musik und den Feuern auf den Berggipfeln.

Die "Tirol" kreuzt über den See, wir lernen Anlegestellen wie Pertisau, Achenseehof und schließlich Scholastika kennen, die nördlichste Anlegestelle, wo wir das Schiff für einen Rundgang im Ort Achenkirch verlassen.

Überzeugende Forderungen am Wegesrand ...Auch wenn uns der Campingplatz von Achenkirch im Vorbeifahren mit der "Tirol" aufgrund seiner Lage am See interessanter erschien als unserer in Maurach, so gilt das sicherlich nicht für Ort Achenkirch selbst: Ein vollkommen vom Tourismus gezeichnetes Nest erwartet uns hier, das nur wenig Lust darauf macht, länger zu Verweilen. 

Lediglich die Parolen der Volkspartei erzielen unsere vollkommene Zustimmung: "Weniger Steuern. Mehr Geld zum Leben" lautet deren sensationelle und überzeugende Forderung - wer würde dazu schon Nein sagen ..?

Ein deutlich kleineres Schwesterschiff der "Tirol" holt uns in Scholastika wieder ab: Den zunächst ins Auge gefassten Fußweg zum Achenseehof haben wir wieder verworfen - längst brennt nämlich die Sonne wieder unbarmherzig wie immer herab. 

Auch der Strom von Wanderern, den wir von Bord aus entlang dieses Wegs ähnlich einer Ameisenstraße erkennen können, macht nicht unbedingt Lust auf eine Wanderung an dieser Stelle, außerdem machen sich die in der Zwischenzeit gekauften Flaschen mit Tiroler Schnäpsen ebenfalls bemerkbar.

Während über uns die Paraglider ihre Ziellandungen am Seeufer üben, nähert sich das Boot der Anlegestelle Buchau, von wo aus wir zu unserem Camp zurück laufen wollen. Hier macht man sich schon bereit für den heutigen Abend: An der Strandbar rüstet man sich sichtlich für das Event des Tages und der Nacht - die Berge in Flammen ...

Ameisenstraße Richtung Achenseehof ... Paraglider-Ziellandungen ...

© Text/Bilder 2005 J. de Haas, Streckenübersicht Achsenseebahn: achenseebahn.at