Ins Blaufränkischland ...

Am nächsten Morgen geht es weiter nach Neckenmarkt: Schon auf dem Weg dahin wird deutlich, dass hier das Land von einer Traube regiert wird, der "Blaufränkischen". Aufgrund der geringen Campingplatzdichte haben wir bei der Gemeinde Neckenmarkt zuvor angefragt, ob es irgendwo einen Stellplatz für uns gäbe. Frau Wieder von der Gemeinde kümmerte sich darum vorbildlich: Wir werden herzlich aufgenommen, dürfen vor dem Rathaus stehen und bekommen Zugang zu den Sanitäreinrichtungen. 

Jetzt weiß jeder, wo er sich befindet ... Diese Traube regiert das Land ...

Es gibt (zumindest etwas) Schatten, auf dem Dach klappern die Störche, was wollen wir mehr? 

Man lässt uns wissen, die Feuerwehr veranstaltet heute ein Weinfest, das wir besuchen sollen. Nebenan ist ein Weinbaumuseum mit allerlei Handwerkszeug der Winzer und für den Nachmittag empfiehlt uns Amtsrat Schubaschitz eine Tour durch die Weinberge, was wir gerne aufgreifen.

Sollten wir noch etwas brauchen: Es ist Freitag und die Gemeindeverwaltung hat bis 16:30 Uhr geöffnet, damit Pendler, die z.B. in Wien arbeiten, noch Gelegenheit haben für kleinere Besorgungen auf dem Amt. Das ist Service für den Bürger!

Hast du schon gesehen? Das Explorer Magazin ist da! Alte Traubenpresse
Die Gemeinde Neckenmarkt hat für uns gesorgt! Weinberge geben der Landschaft ihren Rhythmus ...

Teilweise auf Feldwegen, teilweise auf kleinen Asphaltstraßen führt uns unser Weg durch die Schatzkammer der Gegend, die Weinberge. Sie geben der Landschaft eine rhythmische Struktur. An den Rändern der Weinberge wuchern duftender Wermut und Minze, hübsche Distelarten und reife Brombeeren. Eine Smaragdeidechse huscht durchs Gebüsch ...

Offensichtlich wird, wer hier den Weinanbau dominiert: Bei vielen Weinbergen ist zu sehen, dass für den Winzerkeller Neckenmarkt produziert wird. Ca. 380 Mitglieder hat der Winzerkeller, die streng kontrolliert Trauben produzieren. 

Die Nähe zur ungarischen Grenze ist spürbar, denn aus den Zeiten des kalten Krieges stehen hier noch Wachtürme. Wir fahren zu einem hin, der als Aussichtsturm bestiegen werden kann. 

Hier sind festes Schuhwerk und das Fehlen von Höhenangst hilfreich, denn es gibt nur Leitern für den luftigen Aufstieg bis zur Plattform. Doch oben wird man belohnt mit einem herrlichen Weitblick über die Weinberge und Felder nach Neckenmarkt, Deutschkreutz und bis nach Ungarn. Wen wundert es, wenn wir hier oben trotz der Glutsonne Pannoniens länger verweilen ..?

Querfeldein durch die Weinberge ...

Oft zu sehen: Der Winzerkeller dominiert den Weinanbau! Überrreste aus dem kalten Krieg ...
Der Winzerkeller Neckenmarkt Neckenmarkt in der Glut ...

Wir fahren weiter zur Niederlassung des Winzerkellers Neckenmarkt (N47°36.305´ E016°33.076´): Ein Schild am Eingang weist die Weinbauern an, am 24. Juli  eine "Peronospora-Behandlung" durchzuführen. Offensichtlich wird hier alles streng reglementiert. Im Verkostungsraum sind wir neben einem Vertragswinzer die einzigen Gäste. Der Vertragswinzer ist offensichtlich den Produkten des Winzerkellers sehr zugetan und steht da sicher nicht bei seinem ersten Glasl. 

Schnell kommen wir ins Gespräch: Er berichtet, dass er sich nicht mehr als "Weinmacher" sieht, sondern nur als Traubenlieferant für den Winzerkeller. Die Experten vom Winzerkeller geben vor, wie der Wein anzubauen ist und kreieren daraus so manchen preisgekrönten Tropfen. Das mag für die Winzer sicher einfacher sein, aber geht damit nicht auch Vielfältigkeit und Selbständigkeit verloren? Wie können sich da Neckenmarkter Winzer durchsetzen, die nicht unter Vertrag sind? Man wird sehen, was die Zukunft bringt ...

Die Ergebnisse sprechen bis jetzt für das Modell: Wir probieren leckeren "Hochberg Blauburgunder" und Blaufränkischen. Besonders schmecken uns die "8 Trauben". Der Name rührt daher, dass pro Weinstock nur 8 Trauben reifen dürfen. Durch die Reduzierung des Ertrags ergibt sich eine Intensivierung des Geschmacks. Auch der Winzerkeller hat einen preisgekrönten Toptropfen: Den Zaubertrank "Potio Magica", eine Cuvée aus Blaufränkisch (85%), Zweigelt und Cabernet Sauvignon, die vom österreichischen Weinsalon zur besten Rotweincuvée Österreichs gekürt wurde. Und erneut wird der Explorer mit Kartons beladen - unser Rotweinkeller bekommt wieder mal Zuwachs! (

(Anm. der Red.: Zu den "8 Trauben" siehe unseren Nachtrag!).

Verkostung beim Winzerkeller Neckenmarkt Die freiwillige Feuerwehr Neckenmarkt lädt ein ...

Beim Rundgang durch den Ort finden wir einen Laden mit Winzerbedarf. Und plötzlich scheint sich die Gelegenheit zu bieten, eine alte verlorene Mostwaage wieder zu ersetzen. Wir gehen rein: Drinnen finden wir eine Ansammlung von Winzern bei - na, bei was wohl - einem kühlen Bier! Ich frage, ob es noch eine "Klosterneuburger Mostwaage" gibt, denn es handelt sich hierbei um ein zunehmend "veraltetes" Messinstrument für den Zuckergehalt des Mosts. Der Ladeninhaber gibt sich alle Mühe, die sichtlich von unserem Wunsch beeindruckten Winzer diskutieren derweil heftig über Oechsle, Klosterneuburger (KMW), Brix, Mostwaagen und Refraktometer sowie über alte Zeiten. Heutzutage messen die Burgenländer Winzer auch in Oechsle ... 

Tatsächlich: Eine Mostwaage wird im Lager gefunden und ist kurz danach in unserem Besitz. Der Leser wird sich fragen, wozu ist eine Mostwaage gut und wo liegt der Unterschied zu den Oechsle? Die Klosterneuburger Grade geben an, wie viel Gramm Zucker in einem Liter Traubenmost sind. Die Oechsle geben an, wie schwer 1 Liter Most ist: So bedeuten 100° Oechsle, dass 1 Liter Most 1.100g wiegt. 100° Oechsle entsprechen in etwa 20 KMW, was bedeutet, dass 20% Zucker im Most sind. Aus beidem lässt sich errechnen, wieviel Alkohol bei der Gärung entstehen kann, beides dient zur Festlegung der Weinqualität.

Heute haben wir noch mehr Glück, denn der Gasthof  "Zur Traube" hat geöffnet. Dort werden wir mit Burgenländer Spezialitäten (Zander) verwöhnt und genießen bei einem Glas "8 Trauben" den frühen Abend. Im Gasthof kann man übrigens die Weine des Winzerkellers zu Originalpreisen kaufen. Das ist ganz praktisch, denn der Winzerkeller hat nur beschränkte Öffnungszeiten. 

Die Wirtin sorgt dafür, dass jeder Gast zufrieden ist. Auch hier fällt uns auf, dass man sich im Burgenland gerne duzt: Es geht sogar so weit, dass der Radiomoderator von "Kronehit Radio" seine Zuhörer mit "Du" anspricht. Für uns ist es gewöhnungsbedürftig, wenn Verkehrsnachrichten eingeleitet werden mit "Du stehst im Stau auf der A1 Richtung ...." oder wenn auf Veranstaltungen hingewiesen wird mit "Heute Abend kannst du in Eisenstadt noch Karten für das Konzert ... bekommen". Warum sagt der Moderator eigentlich nicht "ihr"? Stehen Burgenländer immer allein im Stau? Kauft der Burgenländer immer ganz für sich allein Konzertkarten?

Fragen über Fragen, die sich selbst nach weiteren Krügerln Blaufränkischem, die wir noch auf dem Feuerwehrfest am Freitagabend schlürfen, nicht klären lassen. Auch hier zeigt sich der Burgenländer von seiner geselligen Seite.

Nach einer ruhigen Nacht verlassen wir Neckenmarkt. Es hat uns sehr gut gefallen, wir können den Ort nur weiter empfehlen. Für die nette Aufnahme bedanken wir uns noch per Email:

Gemeinde Neckenmarkt:

Sehr geehrte Frau Wieder,
wir möchten uns bei Ihnen und auch Herrn Amtsrat Schubaschitz noch einmal bedanken für die freundliche Aufnahme in Neckenmarkt.

Da wir von Freitag auf Samstag vor Ihrem Rathaus "campen" konnten, gestaltete sich der Aufenthalt in Ihrer sympathischen Gemeinde sehr angenehm. Wir konnten die Gelegenheit nutzen, sowohl die Umgebung als auch Neckenmarkt selbst intensiv zu erkunden. Vom Winzerkeller bis zum Feuerwehrfest ergaben sich zusätzliche Besuchsmöglichkeiten.

Im Bericht über unsere Kurzreise, der ca. Ende nächsten Monats erscheinen wird, ist Neckenmarkt sehr positiv zu erwähnen.

Beste Grüße
Jürgen de Haas
www.explorermagazin.de 

Doch nach soviel Rotwein wollen wir am nächsten Morgen doch sehen, warum das Burgenland so heißt wie es heißt ...


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