Rückkehr nach AlaskaVon Wolf Cropp |
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Die Polarnacht: Wie eine Reise ins All
In der technisierten, zivilisierten Welt sehnt sich der
Mensch an Orte, die gefährlich und mystisch erscheinen, an Orte die
das Abenteuer nicht nur ahnen lassen. Bisweilen geht es mir so, dann
muss ich aufbrechen – nach Alaska. In der Wildnis des Landes, in
völliger Abgeschiedenheit war ich oft allein, doch -umgeben von
faszinierender Natur, liegt ein großer Zauber, und ich war - nie
einsam!
Seit ein paar Tagen bin ich mit dem Inuit Isaak Matusok, ein
ehemals geachteter Jäger, und seinem Hundeschlitten-Team unterwegs.
Oben, östlich von Barrow, dem Ort, der heute Utqiagvik, "Platz, um
Schneeeulen zu jagen", heißt. Isaak verfolgt die Spur eines Nanoq,
eines Eisbären, an der Polarmeerküste.
Wir gleiten durch die Nacht. Klare, kalte Dunkelheit umgibt uns. Es ist windstill. Der Polarstern steht senkrecht am Firmament, das von Milliarden flimmernden Punkten unterbrochen wird. Die Hunde traben durch eine berauschende Nacht. Eine Hundeschlittenfahrt bei Tag ist ein Erlebnis, bei Nacht geradezu unwirklich – wie eine Reise ins All! Rastlos ziehen wir über das Eis. So weit die Pfoten tragen. Nur Isaak kennt den Weg, vielleicht auch noch der Leithund. Zeitlos scheint die Reise, und dennoch rennen die Stunden dahin. Ich bin müde. Aber in dieser Nacht darf ich nicht schlafen - bin nach Alaska gekommen, um Nächte wie diese erleben zu dürfen! Ich empfinde tiefe Dankbarkeit.
Mit einem Mal scheinen die Sterne blasser zu werden. Am Horizont taucht ein heller Streifen auf. Die Ankündigung eines neuen Tages? Morgenrot? Unmöglich! Es muss etwas anderes sein. Mensch und Tier werden von eigentümlicher Unruhe gepackt. Es geschieht etwas in dieser Nacht, etwas Fantastisches: der schwarz-violette Himmel gerät in Aufruhr. Schleier huschen über ihn hinweg. Ein Vorhang aus den Farben des Regenbogens wächst und schwillt wie eine Brücke von Ost nach West. Strahlenbündel züngeln auf, überfluten in berauschender Pracht das Gewölbe. Ganz allmählich teilt sich der Vorhang in wallende Gardinen, die sich winden und drehen, als würde sie ein Windhauch bewegen … endlich flach werden und wie phosphoreszierende Wogen in die Arktis spülen. Wie es flammt und knistert! Wirklich knistert, sogar raschelt. Als würde Seidenpapier geknüllt ...
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Längst steht der Schlitten. Ehrfürchtig verharren die Hunde, ihre Köpfe nach oben gerichtet. Einer heult in die geheimnisvolle Nacht. Der Inuit legt die Hand auf meine Schulter, sie zittert. Ich drehe mich um, gebannt schaut er in den Himmel. "Was ist mit dir?", frage ich. "Ich weiß nicht – horch, horch die Geister!", raunt er. "Glaubst du daran?" "Nein, aber hör nur, die Stimmen, ganz deutlich!" Auch ich lausche gespannt – und wieder knistert es … Aurora borealis, Polarlicht, heißt diese Vision des hohen Nordens – schon häufig beobachtet, doch selten so intensiv! Ein Gespinst aus tanzenden Lichtfäden. Atomare Teilchen sind in das Magnetfeld der Erde eingedrungen. Sie erzeugen diese Lichtreflexe.
Für die Inuit, mögen sie Christen sein oder nicht – gibt es keinen Zweifel: Mit dem Polarlicht huschen die Seelen der Verstorbenen über den Himmel. Und wenn es knistert, sprechen die Ahnen zu ihnen. "Es ist seltsam", sagt der Inuit ergriffen, "wenn der Himmel glüht habe ich Angst." Jetzt heulen seine Huskys mit zurückgelegtem Kopf und offenem Rachen. Auf ihre ureigenste Weise antworten sie auf das Geheimnis der Natur. Die Lichtwellen aus dem All verebben. Die Farben verblassen und die Schleier zerreißen. "Es ist gleich zu Ende", flüstert Isaak.
Der letzte Vorhang fällt, ein schwacher Schein verweilt am Horizont, und dann umgibt uns die Dunkelheit der Polarnacht aufs Neue. Beißender Wind kommt auf und treibt feine, trockene Eiskristalle mit, so wie Wüstensturm Sandkörner verwirbelt. Der Rest der Nacht steht im Zeichen des Eissandes – ich binde mir die Kapuze meines Parkas fest um die Gesichtsmaske.
Tagelang ziehen wir kreuz und quer über Eisfelder weit nördlich von Simpson. Kriechen zwischen zerklüfteten Bergen und Türmen aus Eis herum. Umsonst: Die Fische wollen nicht beißen, die Robben meiden ihre Atemlöcher. Selbst der Nanuq zeigt sich nicht - bis auf einmal, da liegt er weit entfernt bei untergehender Sonne in seinem Element, dem Eis. Es ist wie verhext. "Unser Proviant geht zu Ende. Die Hunde brauchen Fleisch!", ermahnt Isaak. Also ziehen wir weiter, suchen verbissen Robben, angeln Fische mit mäßigem Erfolg. Bei einer Rast verfüttert Matusok das letzte für die Huskys reservierte Robbenfleisch. Unsere Verpflegungslage ist nicht nur miserabel, sie wird bedrohlich!
Der Inuit schaut prüfend in alle Himmelsrichtungen.
"Das Wetter
wird schlecht. Wir müssen zurück!", lautet seine Einschätzung. "Es
riecht nach Schnee, der kommt von Westen", ergänzt er. Wir ziehen
dem Unwetter entgegen. Nach drei Stunden hat es uns erreicht und
orgelt drauflos. Schnee peitscht waagerecht. Die Sicht - gleich
null. Wir flüchten in eine Eishöhle. Es stinkt merkwürdig scharf in
der Finsternis. Blizzards mit unvorstellbarer Gewalt toben über uns
hinweg. Sind es Stunden? Tage? Ich verliere jegliches Zeitgefühl …
der Hunger verbeißt sich in der Magengegend.
Irgendwann höre ich Isaaks Stimme: "Dies ist `ne Bärenhöhle. Man kann’s riechen. Wenn er kommt, macht er uns die Hölle heiß!" Die Huskys stört der Eis- und Schneesturm wenig. Eingerollt lassen sie sich einschneien. Was mich, aber allmählich auch der Meute zu schaffen macht, ist der grimmige Hunger. Hoffentlich werden die Schlittenhunde nicht rebellisch.
Wir dämmern dahin, wie lebendig Begrabene. Warten, Schlafen, Wachen, Horchen gehen ineinander über. Von Halluzinationen genarrt, sehe ich mich in einer warmen, gemütlichen Stube, an einem mit allerlei leckeren Speisen gedeckten Tisch. Tatsächlich aber hat uns Alaskas Urnatur fest im Griff, und ich nage am letzten Stückchen Stockfisch … Plötzlich stößt und rüttelt mich etwas unsanft. Erschrocken fahre ich hoch – der Bär ..?
*) Der obige Textausschnitt stammt aus dem neuen Buch von
Wolf Cropp
"Rückkehr nach Alaska",
das gerade im Verlag Omnino erschienen ist. Wer am Ausgang der
Hundeschlitten-Fahrt mit dem Inuit interessiert ist, oder mehr über
den 49. Staat der USA erfahren möchte, dem sei die Neuerscheinung
empfohlen. Sie ist im Buchhandel erhältlich. ISBN 978-3-95894-389-6,
196 Seiten, 16 EUR, oder als E-Book für 12,99 EUR.
© 2026 Wolf Cropp



