Schweiz  Italien  Transalp 2004 - Alpenüberquerung mit dem Bike

von Klosters (Schweiz) bis zum Gardasee in 7 Tagen ...


Vorbemerkung

Ein Abenteuer mit sieben Bikern ...Schon während meiner ersten Tour von Scharnitz (Mittenwald) bis Torbole am Gardasee hatte ich entschieden, dass im Jahr 2004 eine zweite Alpenüberquerung auf einer anderen Route erfolgen würde: Zusammen mit Marc, der letztes Mal auch schon mit dabei war, gelang es mir drei weitere Teilnehmer, nämlich Marvin, Serge und Sergio, für dieses Abenteuer zu begeistern.

Am 27. August 2004 schließlich machten wir uns gegen 10:00 Uhr auf den Weg ins schweizerische Klosters, dem diesjährigen Startpunkt unserer Tour. Gegen 19 Uhr fand sich dann auch unser Tourguide Thomas Exner ein, mit dem wir schon auf unserer letzten Tour viel Spaß hatten. Dieses Mal sollte uns Thomas  kanadische Freundin Jaqui begleiten.

Unser Abenteuer mit sieben Bikern konnte beginnen ...


1. Tag, 28.08.04

(Abfahrt ca. 9:30 Uhr, Strecke 40 km, 1.860 Höhenmeter, Dauer 6:46 h)

Der Start verzögerte sich zwar etwas, da wir noch Gruppen- und Einzelfotos machen wollten.

Doch endlich ging es los, der Puls wurde allmählich nach oben gejagt: Lange Bergauffahrt (ca.1.500 m) mit wunderschöner Aussicht bei herrlichem Wetter. Zum Schluss war noch eine Stunde Schieben und Tragen angesagt, durch die ersten Schneefelder vorbei am Casanna bis Parsennfurga. Welch eine unbeschreibliche Aussicht! Das Weissfluhjoch (2.626 m) war wegen Schnee nicht zu fahren (eigentlich schade!). 

Ein schöne Abfahrt folgte vorbei an der Parsennhütte, den Panoramaweg herunter mit Sicht auf den Davoser See und das Dischmatal. Auf einer Terrasse in Davos verhalfen uns Krabbensuppe und Spagetti al arrabiata wieder zu Kräften: Die Auffahrt durch das malerische Dischmatal bis zum Dürrboden ließ uns die Steigung kaum spüren ... 

Angekommen an der urigen Hütte mussten wir feststellen, dass es weder Dusche noch Waschgelegenheit gab. Nach Stretching und Fotoshooting dafür dann aber erneut Kohlenhydrate al arrabiata und carbonara in Mengen. Dann erst fanden wir heraus, dass es in einem Nebengebäude sogar warmes Wasser und Toiletten gab (zu spät! ). 

Unser Schlafraum befand sich in einem Schuppen, der durch seine mit dicken Steinen gepflasterte Treppe und seine dicke Holztür doch etwas Besonderes war. In 2 mal 5 Betten übereinander erholten wir uns recht gut von unserem ersten Tag ...

Bergan zu Fuß ...

2. Tag, 29.08.04

(Abfahrt ca. 8:45 Uhr, Strecke 68 km, 1.928 Höhenmeter, Dauer 8:31 h)

Nach ausgiebigem Frühstück die Abfahrt: Die Etappe begann mit 30 Minuten Fahren und einer Stunde Tragen, vorbei an einigen Schneefeldern bis zum Scalettapass (2.606 m). Die Aussicht von der Passhöhe entschädigte uns für die Mühen. Abwärts dann das bisherige Trail-Highlight, das die volle Konzentration beim Balancieren erforderte: In wilder Fahrt durchs Val Susauna ließen wir die Höhenmeter nur so schmelzen. 

Mit Pizza und Nudeln in einer Pizzeria in Zernez belohnten wir uns für die Schinderei. Danach hieß es wieder: Lange auf und ab durchs Engadin und dann noch 10 km über leicht ansteigende Schotterpiste an einem riesigen Flussbett entlang bis zu einem kleinen und für Autos gesperrten Dörfchen namens S-Charl.

Wären da nicht volle eineinhalb Stunden Regen zum Schluss gewesen, hätten wir einen wunderbaren Tagesabschluss mit Dusche für Rad und Mann, Kleiderwäsche und 5-gängigem Menü  in der Pension Crusch Alba gehabt. Die Übernachtung folgte im 8-Bettzimmer, wo wir bis in den Morgen hinein Wasser plätschern hörten - zum Glück stellte sich dann aber heraus, dass das ein Brunnen war und der Regen aufgehört hatte ...

3. Tag, 30.08.04

(Abfahrt ca. 9:30 Uhr, Strecke 62 km, 1.630 Höhenmeter, Dauer 8:17 h)

Das Frühstück war wie unser Gesamteindruck von Crusch Alba: Exzellent!

Eine mäßige Auffahrt (ca. 500 m) folgte zum Passo Costainas (2.251 m), begleitet vom ständigen Pfeifen und Herumtollen von Murmeltieren: Dies war einer der wenigen fast ganz fahrbaren Pässe unserer Tour. Belohnt wurden wir mit einer schönen Abfahrt ins Münstertal bis Fuldaro, wo wir uns noch kurz mit Suppe und Kuchen stärkten. Der 800 m Anstieg über Schotterpisten ins Val Mora war in der prallen Mittagssonne recht anstrengend. Mit der Abfahrt auf schmalem Pfad, immer nahe am Abgrund und an riesigen Schotterfeldern vorbei bis zum Lago S. Giacomo, folgte ein fahrtechnisches Highlight.

Marvin führte uns noch vor, wie man am Hang fährt (oder besser auch nicht) ... Weil es an der nächsten Hütte um diese Zeit keine warme Küche mehr gab, mussten wir uns mit ein paar Sandwiches begnügen. Nach 350 m Aufstieg zum Passo Alpisella (2.300m) kam dann eine kilometerlange Abfahrt am Hang mit Sicht auf den See von Livigno: Ankunft im Hotel, wo Dusche und anderer Luxus uns erwarteten. Zum Abendessen gab’s dann Nudeln, Pizza und Fleischgerichte in einer Pizzeria in Livigno ...

4. Tag, 31.08.04

(Abfahrt ca. 9:30 Uhr, Strecke 87 km, 1.932 Höhenmeter, Dauer 8:45 h)

Nach einer sehr warmen Nacht im Hotel Federia sollten wir noch eine Schleife durch die Schweiz fahren, bevor wir dann unsere Tour durch Italien fortsetzten.

Es begann mit einer langsam ansteigenden Auffahrt (700 Höhenmeter) zum Furcola Livigno an der italienisch-schweizerischen Grenze, wobei immer wieder das Warn-Pfeifen der Murmeltiere zu hören war. Nach einer Schleife durch die Schweiz mussten wir dann oben am Grenzposten die Räder einen schmalen Pfad entlang an einer fast senkrechten Felswand bis La Stretta (2.476 m) schieben bzw. tragen. Der Weg war mit immer gröberem Gestein verschüttet, die Luft wurde allmählich dünner, aber der Ausblick ins Tal war dafür grandios. 

Am Pass angelangt rauschten wir zuerst über Singletrails, dann über Schotter und Wasserrillen durch das Val da Fein, wo Sergio sich noch einen Platten einfing. Eine kurze Auffahrt (300 m) bis zum Lago Bianco folgte, wo wir uns dann in einer Hütte mit Nudeln stärken konnten. Beim nächsten Downhill, bestehend aus grobem und glattem Gestein, legten sich Serge und Marvin erneu hin: Auch Marc hatte jetzt genug davon und weigerte sich, noch weitere solche Singletrails zu fahren.

Insgesamt hatten wir jetzt 1.800 Höhenmeter zu vernichten, runter durch das Valle Poschiavo bis nach Tirano (500 m.ü.M.). Eine unendlich lange Auffahrt (900 m) durch das Valle Belviso bis zum Rifugio Christina machte uns zu schaffen, wo wir in völliger Dunkelheit nach 21 Uhr ankamen. Unser Abendessen folgte gegen 22:00 Uhr in Christina, als Nachtlager erwartete uns danach ein dunkler Raum mit 12 Etagenbetten, jedoch gab es nebenan 2 Duschen. Meine Kleider, die ich abends noch ausgewaschen hatte, musste ich morgens dann wieder feucht einpacken bzw. auf dem Rucksack trocknen ... 

5. Tag, 01.09.04

(Abfahrt ca. 9:00 Uhr, Strecke 49 km, 1.800 Höhenmeter, Dauer 8:05 h)

Durch Schneefelder ...Erneute Auffahrt: Bei feuchten 9°C zum Passo Veneroncolo (2.314 m), zuerst eine  Stunde über Schotter, mit Steigungen von bis zu 27%, ein schierer Gewaltakt. Schwer auffindbarer Weg durch Nebel und Wolken: Wir kämpften uns schiebend und tragend während 3 Stunden quer durch den Berg, felsige und verblockte Trails verlangten uns alles ab, Schwindelgefühle und Höhenangst waren unsere ständigen Begleiter. Diese Passage würde ich als Biker mit dem Prädikat "nicht empfehlenswert" würdigen ...

Doch dann endlich: Passo del Gatto (2.416 m). Und der Abstieg während zweieinhalb Stunden neben dem Bike, an meist gefährlichen Passagen entlang, zum Passo del Vivione: Dort wurde uns vom Hüttenwirt eine gute Gemüsesuppe und anschließend Torte serviert. 

Wieder Auffahrt, diesmal zum Passo di Campelli (1.892 m), dann schöner Downhill ins Val Camonica bis Breno (330 m) und noch einmal 300 m Auffahrt bis nach Bienno. Serge vollführte bergab auf der Straße noch einen Überschlag, landete aber wieder auf den Füßen (gekonnt ist eben gekonnt ). Dann: Speichenbruch an Marc’s Hinterrad ... 

Später: Übernachtung in einer Appartementwohnung, Essen im Dorf, Hin- und Herfahrt durch die Chefin, die uns mit hausgemachten Gnocchis, Maccaronis und verschiedenen Fleischsorten überraschte ...

6. Tag, 02.09.04

(Abfahrt ca. 9:00 Uhr, Strecke 56 km, 2.246 Höhenmeter, Dauer 8:03 h)

Frühstück in einer Bar in Bienno, wo jeder 4-5 Teilchen zu sich nahm: Die volle Kraft in den Waden war gefragt, als wir uns durch das Val Grigna zum Dosso dei Galli (2.196 m) hoch kämpften: Wieder und wieder waren heftige Rampen zu überwinden. 

Sergio und Marvin schlugen den falschen Weg ein: Laut Karte hätte dieser auf den anderen treffen müssen. Dem war aber nicht so! Ein Pilzsammler belehrte uns, dass der Weg ins falsche Tal führe. Um nicht wieder diese ganzen Höhenmeter zu verlieren bis zur letzten Kreuzung, streiften wir nun während 30 Minuten quer durch Heidelbeerhecken, um schließlich dann doch unverrichteter Dinge wieder zurück in Richtung Tal fahren zu müssen. Und immer wieder der Satz: Wir sind ja nicht zum Spaß hier, es muss schmerzen ..! 

Nach stundenlanger Auffahrt dann endlich oben: Weiter über den Passo del Mare, wo der Weg durch einen Erdrutsch versperrt war. Gott sei Dank überstanden alle die Kletterpartie über das lose Gestein heil - Sergio, der noch einen Sturz hinlegte, musste schließlich am Boden zwecks Fotoshooting festgehalten werden. 

Dann, nach 20 km talabwärts, endlich der Lago di Idro: Übernachtung und Abendessen in der Albergo ...

7. Tag, 03.09.04

(Abfahrt ca. 10:00 Uhr, Strecke 53 km, 1.959 Höhenmeter, Dauer 8:35 h)

Nach dem Wechsel der Bremsbeläge an Serges Scheibenbremsen und nach einem kurzen Besuch im Supermarkt die Abfahrt bei sonnigen 27°C: Auffahrt zur Bocca di Campei / Cablone (1.850m). Ein Pferdehalter machte uns unterwegs darauf aufmerksam, dass der breite Schotterweg nach einem Kilometer zu Ende sei. Er bot uns tschechisches Bier an, was wir ihm nicht abschlagen konnten. Dann schickte er uns geradewegs die steile Wiese hinauf, wo nur anhand von verschiedenen  Markierungen ein Weg zu erkennen war ... 

Nach einer Stunde Schinderei erreichten wir wieder einen fahrbaren Weg: Abfahrt zur Bocca Lorina, Auffahrt zum Passo Tremalzo (1.850 m), was uns restlos die letzte Energie aus den Muskeln sog. Nach dem Tremalzo-Scheiteltunnel eine schier endlose Abfahrt durch Schotterkehren und dann noch über den Passo Rochetta. Der nächste Megadownhill war nur noch von unserem Tourguide Thomas zum Teil zu fahren. Mit rasanter Fahrt ging es dann über die alte Ponalestraße, die seit kurzem wieder geöffnet ist, nach Riva und anschließend nach Torbole. Zur unserer großen Überraschung erwartete uns dort Fränz, der unsere letzte Tour vor zwei Jahren mitgefahren war, mit Champagner ...

Weizenbier, Wein, Pizza, Nudeln und leckere Fleischgerichte ließen dann die Schmerzen der vergangenen Tage vergessen und alle waren froh, den morgigen Tag ohne Bike verbringen zu können ...

FAZIT :

Insgesamt 415 km, 13.355 Höhenmeter: Über 56 Stunden gefahren, geschoben oder geschultert ohne die Pausen (Durchschnitt von 8 Stunden pro Tag), teilweise über 11 Stunden unterwegs am Tag.

Dennoch eine empfehlenswerte Tour durch eine absolut wilde und ungezähmte Bergwelt mit vielen hohen Pässen, die allerdings größtenteils Schiebe- und Trageabschnitte beinhalten. Landschaftlich kaum zu überbieten, und: Fast keinen Bikern und Wanderern begegnet ...

Wer rastet, rostet nicht unbedingt ...Am Rande ist noch zu erwähnen, dass Thomas, unser empfehlenswerter Tourguide, nicht aus der Ruhe zu bringen war und uns immer neue Überraschungen bescherte:

Thomas Exner
Staatl. gepr. Berg- und Skiführer
Gebirgspionierstr.48
D-82481 Mittenwald.
Tel.:0049 8823 2370
Email:thomas_exner@t-online.de

Anmerkung:

Da die Tour auf über 2.600 M.ü.M hochgeht:

  • Alpines Verhalten in dieser Höhe wird vorausgesetzt
  • Warme Kleidung und gutes Schuhwerk sind Pflicht
  • Sicheres Fahren in steilem, schwierigem Gelände wird vorausgesetzt
  • Schwindelfreiheit und Fehlen von Höhenangst erleichtern die Touren ungemein!

© 2005 Romain Weber