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    England / Schottland 2011/2012:

Impressionen eines Umgesiedelten ...


Vorbemerkung: Wenn man einem Deutschen Schottland oder einem Engländer Bayern erklären will, vergleicht man es am besten die beiden Länder miteinander. Die Ähnlichkeiten sind verblüffend, wie unser frisch nach Edinburgh übersiedelter Autor Karsten Franke festgestellt hat. Seine Impressionen des Landes und vom täglichen Leben folgen an dieser Stelle künftig in lockerer Folge. Beginnen wir mit den ersten Eindrücken, die wohl nicht ganz ohne Augenzwinkern festgehalten wurden, wie wir vermuten ..!


Schottland - das Bayern des Nordens

Wie Bayern zu Deutschland gehört Schottland zu Großbritannien, und genau so wie die Bayern nur wegen ein paar unglücklicher historischer Zufälle zu Deutschen wurden, so wurden auch die Schotten wegen eines bedauerlichen historischen Versehens zu Briten ...

Glücklicherweise zeigen beide Länder trotz permanenter Unterdrückung und finanzieller Ausbeutung durch ihre stärkeren Nachbarn in den letzten Jahrzehnten eine recht positive Entwicklung mit ständig steigender Lebenserwartung, niedriger Kindersterblichkeitsrate und hohem Alphabetisierungsgrad, was die volksnahen Politiker beider Länder jedoch nicht davon abhält, weiterhin für die Verbesserung der Lebensbedingungen und - mehr oder weniger ernsthaft - für die Unabhängigkeit ihrer Länder zu kämpfen. Beide Länder sind nämlich Weltspitze in fast allen denkbaren Gebieten, und falls nicht, liegt das an der ständigen Bevormundung aus Berlin oder London, die den brillanten Politikern vor Ort keine freie Hand in den Dingen lässt.

Schotten und Bayern sind die nettesten Menschen, die man sich überhaupt vorstellen kann, und dass sie mit den schwu ... Engländern in London beziehungsweise den arroganten Saupreußen in Berlin nichts zu tun haben möchten, liegt eindeutig an letzteren. Diese halten sich bekanntlich für etwas Besseres, vor allem wegen ihrer elaborierten Sprache. Wer ein sauberes Hannover-Hochdeutsch oder Oxford-Englisch spricht, zählt automatisch zur Elite, während Schottisch und Bayrisch traditionell die Sprachen der Schaf- bzw. Rinderhirten sind und auf gebildete Menschen erheiternd wirken. Dies macht sich oft die Filmindustrie beider Länder zunutze und peppt ansonsten relativ langweilige Filme mit ein paar lustigen Bayern oder Schotten auf ...

Die Lästermäuler in London und Berlin sollten jedoch besser still sein, denn Bayern und Schottland sind auch in der Kultur führend: Edinburgh gilt seit jeher als Athen des Nordens und produziert großartige Philosophen, Schriftsteller und andere helle Köpfe wie am Fließband, zum Beispiel Adam Smith, den weltberühmten Erfinder der "Unsichtbaren Hand". Bayern hingegen betreibt mit seinem Reinheitsgebot für Bier bereits seit dem Jahr 1516 kritischen Verbraucherschutz und gilt nicht zuletzt deshalb als Vorreiter der modernen Öko-Bewegung.

Große Ähnlichkeiten gibt es auch bei den Traditionen der beiden Länder: So haben Schottland und Bayern eine lange Tradition in traditioneller Kleidung, die größtenteils von Touristen gekauft und getragen wird. Parallelen gibt es auch bei der traditionellen Musik, die in beiden Ländern ausschließlich im streng bewachten Rahmen von Volksfesten vor allem für ausländische Gäste gespielt und außerhalb der Landesgrenzen höchstens als legale Alternative zum Waterboarding verwendet wird.

Die Alltagssprache beider Länder ist gerade für Touristen ein heikles Thema. Wie Deutsch in Bayern wird Englisch in Schottland zwar meistens verstanden, aber nur von einer ausländischen Minderheit und geschulten Angestellten der Tourismusbranche gesprochen. Als Ausländer sollte man die sprachliche Abgrenzung der Einheimischen respektieren und im Zweifelsfall auf nonverbale Kommunikation zurückgreifen.

Die jährlichen Feste in den Hauptstädten der beiden Länder sind Weltklasse: München hat das Oktoberfest, ein jährliches Woodstock für Biertrinker, verklemmte Exhibitionisten und Liebhaber von dicken Blondinen in Dirndln. Edinburgh zielt mit Theater, Buch, Film und anderer Kunst mehr auf ein kulturbegeistertes Publikum, was sich natürlich negativ auf die Besucherzahlen auswirkt. So lockt das Oktoberfest jedes Jahr über 6 Millionen Besucher an, während das Edinburgh Festival nur von etwa einer halben Million Menschen besucht wird. Elitäres Gehabe hat eben seinen Preis!

Doch solch geringe kulturelle Unterschiede sollen uns nicht von Gemeinsamkeiten der beiden Länder ablenken, die mit Sicherheit mehr verbinden als trennen. Edinburgh und München sind seit 1954 Partnerstädte und auch die Flaggen und Wappen der beiden Länder sind zum verwechseln ähnlich. Die Flaggen der Länder sind weiß-blau und die Wappen beider Länder zeigen Löwen, sicherlich kein Zufall. Bleibt zu hoffen, dass diese beiden stolzen Nationen sich eines Tages vom Joch der Fremdherrschaft befreien können und endlich den Platz in der Welt erhalten, der ihnen zusteht ...
 

My Home is my Hospital

Großbritannien hat bekanntlich das beste Gesundheitssystem der Welt: Der National Health Service (NHS) gilt seit seiner Gründung im Jahre 1948 als der Gold-Standard der Gesundheitssysteme und unterscheidet sich wohltuend von den maroden Gegenstücken auf dem europäischen Kontinent. Das oberste Prinzip des NHS ist Hilfe zur Selbsthilfe, oder "empowerment" wie man es hierzulande nennt. Dies erfolgt vor allem über zwei Wege: Bildung und freier Zugang zu Medikamenten.

Während anderswo Leute wegen Lappalien wie Husten, Durchfall oder Blinddarmentzündung routinemäßig zum Arzt gehen, kuriert der Brite alles selbst, und zwar daheim. "My home is my hospital" sagt er dann und begibt sich in Behandlung bei Chefarzt "Dr. Me". Er ist dabei nicht auf sich allein gestellt. Die NHS unterstützt den Selbstheilungsprozess mit modernster Technologie. So kann man auf der NHS Webseite mit dem "Symptom Checker" jede denkbare Krankheit vom Haarausfall über Herzinfarkt bis hin zum möglichen Suizid selbst diagnostizieren und bekommt anschließend genau gesagt, wie man weiter verfahren soll. Anschließend reicht meist ein kurzer Abstecher zur nächsten Drogerie oder zum Supermarkt, wo Jedermann für wenig Geld fast jedes denkbare Medikament kaufen kann. Ein Hustensaft-Kartell aus Hausärzten und Apothekern wie z.B. in Deutschland kennt man hier nicht ...

Diese paradiesischen Zustände verdanken die Briten zuallererst ihrer Geschichte als Kolonialmacht. Als die Briten die Welt kolonialisierten, hatten sie in Indien, Afrika oder Australien weder Ärzte noch Krankhäuser. Um die Behandlung von Krankheiten kümmerten sich in diesen Ländern traditionell Schamanen, von denen die Briten als ein aufgeklärtes Volk der Wissenschaft zu Recht nichts hielten. Fernab der europäischen Zivilisation entwickelten die britischen Entdecker so ihre eigenen Heilverfahren, die bis heute einfach und zuverlässig von Jedermann anwendbar sind und Ärzte weitgehend überflüssig machen.

Tatsächlich ist die Existenz von britischen Hausärzten ungefähr genauso umstritten wie die Existenz des Monsters von Loch Ness. Einige schräge Gesellen behaupten zwar, sie wären einmal von einem "General Practitioner" behandelt worden, aber diese Berichte sind meistens voller Widersprüche und kaum glaubwürdiger als Berichte über angebliche UFO-Entführungen.

Solch offensichtlich verrückten Menschen begegnet das britische Gesundheitssystem mit britischer Politeness: Besteht jemand darauf, einen Arzt zu sehen, notiert man im örtlichen Health Centre freundlich seine Daten und setzt ihn auf die Warteliste. "Die Warteliste ist leider schon sehr lang und es wird wohl eine Weile dauern bis Sie drankommen" sagt man dem armen Irren und schickt ihn wieder nach Hause. Kein Fall ist so dringend, dass ein anderer nicht noch dringender sein könnte und die meisten Symptome verschwinden erfahrungsgemäß von selbst, wenn man nur lange genug wartet. Dieser simple Grundsatz spart jedes Jahr Millionen und es ist deshalb um so erstaunlicher, dass er in anderen Ländern nur selten Anwendung findet.

Es gibt natürlich Dinge, die sich nicht ewig aufschieben lassen, aber auch scheinbar kompliziertere Dinge wie eine Geburt erledigt der Brite bzw. die Britin überwiegend daheim. Hausgeburten werden von Ärzten und Hebammen explizit empfohlen, schließlich handelt es sich um einen völlig normalen und natürlichen Vorgang, den Mütter schon seit Millionen von Jahren auch ohne Ärzte und Hebammen bewältigt haben - und heutzutage geht es sogar ganz komfortabel in der eigenen Badewanne. Warum also anderswo Mütter ihre Kinder in einem Krankenhaus gebären, versteht hierzulande niemand.

Wenn ein Brite das erste Mal in ein Krankenhaus kommt, ist es meistens in seiner letzten Stunde. In Großbritannien gehen die Menschen ins Krankenhaus, um zu sterben, nicht um ein paar Tage auf Kosten der Krankenkasse fernzusehen wie auf dem Kontinent. Dafür gibt es einen guten Grund: Niemand kann selbst seinen Tod feststellen und den Totenschein ausfüllen, dafür braucht man einen Arzt ...


Schottischer Sommer

Über das schottische Wetter ist schon viel Schlechtes geschrieben worden, aber nur wenig Wahres. Angeblich regnet es hierzulande die ganze Zeit und selbst im Sommer steigen hier die Temperaturen nie über 15° C. Das ist natürlich alles Quatsch: Im Sommer wird es auch in Schottland regelmäßig bis zu 22° C warm und es regnet höchstens an 10 Tagen im Jahr den ganzen Tag, viel weniger als in allen tropischen Ländern, denen man gemeinhin gutes Wetter unterstellt.

In Wahrheit regnet es in Schottland zwar oft, etwa 50 Mal an einem durchschnittlichen Tag, aber jedes Mal nur ein paar Minuten, also insgesamt weniger als 3 Stunden. Die größten Unwahrheiten kursieren jedoch über den schottischen Sommer, der allgemein als kalt und regnerisch beschrieben wird und selbst für Engländer als unzumutbar gilt. Nichts könnte falscher sein!

Tatsächlich ist der schottische Sommer ein ganz besonderer Tag im Jahr. Jedes Jahr irgend wann zwischen Juni und August gibt es in Schottland einen Tag, an dem es den ganzen Tag nicht regnet, die Temperatur auf über 20° C steigt und die Windstärke unter 5 sinkt - der Sommer! An diesem Tag ist alles anders, die Menschen lassen Regelmäntel und Gummistiefel im Schrank und tragen statt dessen die Kleider vom letzten Spanienurlaub. Es ist der einzige Tag im Jahr, an dem man keine Tweed Jackets, keine Mützen und keine Kapuzen sieht. Männer tragen kurze Hosen, Frauen kurze Röcke und tief geschnittene Oberteile, manche sogar Bikinis. Innerhalb weniger Stunden sind alle krebsrot von der Sonne, aber trotzdem guter Dinge.

Im Sommer strömen dann die Menschen in die Gärten und Parks, an den Strand und all die anderen Orte, die an normalen Tagen im Jahr nur als Hundetoilette dienen. Dort feiern die Schotten den Sommer oft mit einem traditionellen Bonfire, auf dem an diesem besonderen Tag alle ausrangierten Möbel und sonstiger nicht mehr benötigter Hausrat verbrannt wird.

Bis spät in die Nacht wird um die Feuer herum gefeiert, gesungen, getrunken, getanzt und gelacht, bis in den frühen Morgenstunden des nächsten Tages der erste kräftige Regenschauer das Feuer auslöscht und die Menschen nachhause gehen.

Am nächsten Tag ist dann wieder alles beim alten: Die Menschen gehen mit Gummistiefeln, Regenmänteln und Tweedjackets zur Arbeit, der Wind verbiegt die Regenschirme der Touristen, nur die schwarzen Brandflecken der Bonfires in den Grünanlagen erinnern noch jenen besonderen Tag im Jahr, den Sommer ...


Krawalle und Kolonien

Als kürzlich aus heiterem Himmel Krawalle in etlichen englischen Städten ausbrachen, wurden sowohl die Regierung als auch die gesamte britische Gesellschaft böse überrascht: Demonstrationen sind in London nichts Besonderes und oft geht es dabei auch nicht gerade friedlich zu, aber mit Plünderungen und Brandstiftung im großem Stil hatte wohl niemand gerechnet. Nachdem die Feuer gelöscht waren, begann die Ursachenforschung.

Die konservative Regierung sah den Grund vor allem in dem von Labour ausgebauten Sozialsystem, welches eine große Anzahl von sozialhilfeabhängigen Nichtsnutzen herangezogen hat, die wenig zu verlieren haben. Die Opposition meint hingegen, dass vor allem die herzlosen Kürzungen der Regierung schuld sind. Mit solchen Pauschalisierungen gewinnen die Politiker vielleicht ein paar Wählerstimmen, der wirkliche Grund ist jedoch ein ganz anderer.

Die Aufgabe der Kolonien war offensichtlich ein fataler Wendepunkt in der britischen Geschichte und ist wohl die wahre Ursache für viele Probleme der heutigen britischen Gesellschaft: Die Kolonien sorgten nicht nur für eine blühende britische Wirtschaft, sie boten auch Chancen für all jene, denen auf der britischen Insel kein Glück beschert war.

Junge Männer ohne Arbeit konnten Eisenbahnen in Indien und Afrika bauen oder als Matrosen auf einem der vielen Handelsschiffe arbeiten. Niemand musste sein Leben ohne Hoffnung auf Verbesserung in einer heruntergekommen Sozialwohnung fristen. Die Welt stand jedem offen und nach ein paar Jahren harter Arbeit konnten sich so viele ehemals unterprivilegierte Männer den Traum einer kleinen Zuckerrohrplantage mit ein paar Sklaven in den West Indies erfüllen und dort ihren Lebensabend mit einer oder mehreren lokalen Dorfschönheiten genießen.

Auch denen, die nicht besonders abenteuerlustig waren und lieber daheim geblieben wären, wurde ein Neuanfang ermöglicht: Eine Scheibe Brot zu stehlen war oft ausreichend, um zusammen mit anderem Gesindel nach Australien oder anderswohin verschifft zu werden. Wer denkt, dies war eine unangemessen harte Strafe, der täuscht sich: Gerade für ärmere Menschen war ein Leben im warmen sonnigen Indien, der Karibik, in Australien oder in Afrika mit Sicherheit angenehmer als im kalten verregneten England. Wer zu dieser Zeit die britische Insel trotz der hervorragenden Lebensbedingungen in den britischen Überseegebieten nicht verlies, dem ging es in seiner regnerischen Heimat sehr gut. Alles in allem war die Kolonialzeit, abgesehen von zwei Weltkriegen, mit Sicherheit die schönste Zeit in der britischen Geschichte ...

All dies ging durch die leichtfertige Aufgabe der Kolonien im 20. Jahrhundert verloren. Heutzutage ist der einzige Platz, an dem die britische Unterschicht ihr Glück suchen kann, der Spielsalon um die Ecke. Einzig die britische Armee bietet noch unterprivilegierten jungen Männern die Chance ins Ausland zu gehen, allerdings sind die Plätze sehr begrenzt, die Arbeit hart und die Chancen, ein paar Jahre später eine Zuckerrohrplantage in den West Indies zu besitzen, extrem gering. Kein Wunder also, dass hierzulande viele Menschen die Hoffnung auf ein besseres Leben aufgegeben haben - und es sich mit kostenlosen Fernsehgeräten aus dem Laden gegenüber verschönern möchten!


Untertanen- vs. Nanny-State

Das Leben auf der britischen Insel ist bekanntlich um einiges härter als auf dem Kontinent. Der kontinentaleuropäische Konsens dazu ist ungefähr folgender: Ganzjährig Dauerregen, schlecht gewürztes Essen, hohe Lebenshaltungskosten, minimale soziale Absicherung, schlecht isolierte Häuser und soziale Ungleichheit. Außerdem natürlich eine entsetzlich europafeindliche Regierung, die die gesamte europäische Gemeinschaft vor den Kopf stößt, nur um ein paar Vorteile für die einheimische Bankenindustrie herauszuschlagen.

In den Augen vieler Europäer wurde die britische Wirtschaft von Margaret Thatcher in den 80er Jahren systematisch zerstört, außer ein paar Großbanken, deren einziges verbliebenes Geschäftsfeld extrem riskante Spekulationsgeschäfte sind. Seither ist es nur schlimmer geworden, besonders seit unter Premierminister David Cameron "Thatchers Children" an der Macht sind und die verhängnisvolle und herzlose Politik der Iron Lady fortsetzen. Damit stürzen sie in den Augen der Kritiker nicht nur die britische Insel, sondern den gesamten europäischen Kontinent ins Unglück, vielleicht sogar die ganze Welt - außer die USA, denn sie sind sowieso schon am Ende. Großbritannien, da ist man sich auf dem Kontinent einig, ist ökonomisch und politisch auf dem Holzweg und das Leben ist zumindest für Normalverdiener die reinste Hölle.

Trotz dieser lebensfeindlichen Bedingungen ziehen jedes Jahr rund 200.000 Menschen (netto) auf die Insel, während zum Beispiel aus Deutschland seit einigen Jahren über 10.000 Menschen (netto) auswandern.  (Anm. der Red.: Laut Statistischem Bundesamt war im letzten Jahrzehnt in Deutschland die Zahl der Fortzüge in den Jahren 2008 und 2009 größer als die Zahl der Zuzüge. Vor 2008 und seit 2010 wieder gibt es in Deutschland netto mehr Zuzüge als Wegzüge).

So übel scheint das Leben auf der Insel der Verdammten also auch wieder nicht zu sein. Das liegt vor allem daran, dass die Vorteile, die die britische Insel bietet, von außen nicht zu sehen sind: Es sind Dinge wie das Verhältnis zwischen Staat und Bürger, welches auf der Insel grundsätzlich anders ist als auf dem Kontinent. Britische Staatsdiener behandeln Bürger meistens als Bürger und manchmal wie Kinder, während die Bürger auf dem Kontinent immer noch wie Untertanen behandelt werden. Nichts kann diesen Unterschied so gut veranschaulichen wie ein paar Anekdoten.

Mein letzter Besuch beim Arbeitsamt in Deutschland liegt schon etwas zurück: Damals im Jahre 2003 wurde ich zu 10 Uhr dorthin bestellt, der Termin wurde mir per Post mitgeteilt und mit ein paar Drohungen gewürzt. Als ich ankam, war bereits der ganze Gang voll mit unzufriedenen "Kunden", die dort teilweise seit Stunden warteten. Um 12 Uhr sperrte meine Sachbearbeiterin ihr Büro ab und ging kommentarlos in die Mittagspause. Eine Stunde später bat sie mich dann ihr Büro: "Sie sind sehr geduldig und sprechen Hochdeutsch" stellte sie fest. "Sie können im Callcenter arbeiten". Mein Einwand, dass ich eigentlich eher gern meine bis dahin recht erfolgreiche Karriere im IT Sektor fortsetzen würde und Callcenter dazu eher wohl ungeeigneter wären, interessierte sie wenig. Ich hätte für mein Alter sowieso ungewöhnlich viel verdient und solle jetzt mal kleinere Brötchen backen.

Direkt nach meiner Ankunft in Schottland hatte ich auch einen Termin im örtlichen Jobcentre, dem britischen Arbeitsamt, um mich bei der britischen Sozialversicherung zu registrieren. Den Termin machte ich am Telefon aus und konnte dabei zwischen verschiedenen Terminen auswählen. Als ich im Jobcentre ankam, wurde ich am Eingang freundlich von einem Mann begrüßt, der meinen Namen auf seiner Liste hatte und mich bat, noch einen Augenblick Platz zu nehmen. Der Sitzbereich war in der Mitte des Büros, so dass Kunden und Sachbearbeiter sich sehen konnten. Außer mir warteten nur zwei weitere Kunden, alle Sachbearbeiter waren beschäftigt. Nach etwa 5 Minuten wurde ich von einer netten Dame an ihren Schreibtisch gebeten. Während sie alle notwendigen Formulare für mich ausfüllte, erzählte sie mir von ihrem letzten Urlaub auf dem Kontinent, fragte mich, wie mir das Leben in Schottland gefällt und gab mir etliche nützliche Tipps. Es sollte nicht allzu schwer für mich sein in Schottland Arbeit zu finden, meinte sie, und dass sie gerne helfen würde, falls es wider Erwarten doch Probleme gäbe. Nach 15 Minuten war alles erledigt.

Diese positive Erfahrung war kein Einzelfall, sondern ist der Normalfall, wenn man als britischer Bürger auf Staatsdiener trifft. Sogar die Hausbesuche waren bisher ausschließlich positiv. Vor und nach der Geburt unserer Tochter bekamen wir oft Besuch von unserer Health Visitor, einer netten älteren Lady, die nachsah, ob alles in Ordnung war und uns mit Tipps versorgte. Wir empfanden die Besuche weniger als Kontrolle sondern tatsächlich als Serviceleistung. Klopft in Deutschland der Staat an die Haustür, bedeutet das für den Betroffenen meistens nichts Gutes. Wenn sich der deutsche Staat zum Bürger bemüht, dann in der Regel nur, weil sämtliche mit der Post verschickten Mahnungen und Drohungen nicht gefruchtet haben oder der arme Bürger bös überrascht werden soll: Steuerfahndung, Gerichtsvollzieher und GEZ Schergen greifen am häufigsten zu solchen Überraschungsangriffen, angenehmen Besuch vom Staatsdienern bekommen die meisten Deutschen in ihrem ganzen Leben nicht.

Um das "Wohl des Kindes" sicherzustellen, müssen Eltern in Deutschland seit einigen Jahren ihr Kind regelmäßig beim Kinderarzt vorführen, der die Eltern dann vom Generalverdacht der Kindesmisshandlung freispricht und das Ergebnis einer extra dafür geschaffenen Behörde mitteilt. Verpasst man einen dieser Kontrolltermine, schickt diese Behörde direkt ein scharf formuliertes Schreiben und droht darin mit ernsten Konsequenzen. Als wir einmal einen dieser Termine um 2 Wochen verpassten, da beim Kinderarzt kein Termin frei war, bekamen wir so ein Schreiben. Ein Versuch, die Angelegenheit am Telefon zu erklären, war erfolglos. Auf Terminprobleme könne man leider keine Rücksicht nehmen hieß es und wenn wir nicht sofort kooperierten, würde man das Jugendamt einschalten.

Auch die Suche nach einem Schulplatz ist hierzulande viel angenehmer, wenn auch nicht gerade einfacher. Man hat freie Auswahl zwischen klassischen Staatsschulen, religiösen Schulen, Academies, Free Schools und Independent Schools. Man kann jede Schule problemlos besichtigen und wird dabei vom Head Teacher persönlich etwa eine halbe Stunde herumgeführt. Dabei ist uns aufgefallen, dass es selbst an staatlichen Schulen in sozialen Brennpunkten um einiges gesitteter zugeht als in einer typischen deutschen Schule. Viel wichtiger, man wird von den Lehrern ernst genommen.

Ein Grund für unseren Wegzug aus Deutschland war die Aussicht, unseren Sohn in die örtliche Dorfschule einschulen zu müssen. Dort war nach einigen Gesprächen mit der Schulleitung klar, dass es diese Schule ganz bestimmt nicht sein würde. Nur gibt es in Deutschland eben nicht die freie Auswahl, die man hierzulande genießt. Wettbewerb im Schulsystem ist in Deutschland verpönt, während man in Großbritannien die Berichte der Schulinspektoren und die Leistungen der Schüler im Internet findet. Hier ist es im Interesse eines jeden Lehrers gut zu sein, da ansonsten die Eltern ihre Kinder auf andere Schulen schicken.

Ich könnte noch eine ganze Reihe ähnlicher Geschichten erzählen: Von der Gründung meiner Firma an einem Feiertag für etwa 100 Pfund, von den Individual Savings Accounts, in denen jeder Brite jedes Jahr über 10.000 Pfund steuerfrei anlegen kann, von den Steuerfreibeträgen und Sozialleistungen, die automatisch mit der Inflation steigen, vom Einkaufen an Sonn- und Feiertagen und von vielem mehr. Soweit also meine persönlichen Erfahrungen zum angeblich so harten Leben auf der britischen Insel.

Generell betrachtet ist Großbritannien ein Nanny-State, der mit seiner Fürsorge zwar manchmal nervt, es aber immer gut meint, seine Schützlinge zur Selbständigkeit erzieht und dabei überwiegend pragmatisch handelt. Der deutsche Staat verhält sich hingegen eher wie ein strenger Vater, der von seiner Familie Gehorsamkeit und Respekt verlangt, wenig Freiheiten lässt, zwar berechenbar und verlässlich ist, aber selbst kleinste Regelverstöße hart bestraft. Der wohl größte Unterschied, der die meisten Irritationen auf dem Kontinent hervorruft, ist jedoch, dass der britische Nanny-State das Individuum in den Mittelpunkt stellt und diesem recht großzügige Freiheiten gewährt, während der deutsche Vater Staat sich vor allem darum sorgt, das Individuum in Gruppen zu integrieren und darin möglichst gleich zu machen.

Man merkt dies zum Beispiel bei Gesprächen mit Lehrern, die hierzulande regelmäßig die  Stärken der Kinder in den höchsten Tönen loben, aktiv fördern und Schwächen eher herunterspielen, während es im deutschen Bildungssystem vor allem darum geht, den Durchschnitt zu erreichen. Wer in Deutschland herausragt, macht sich selten beliebt, wer schlechter als der Durchschnitt ist, erhält bestenfalls Mitleid, aber nur selten echte Hilfe. Genau diesen Unterschied zwischen Großbritannien und Deutschland kann man auch in der aktuellen EU-Krise beobachten.

Ginge es nach den Briten, wäre die EU nichts weiter als eine große Freihandelszone mit nationalen Währungen und einem Minimum an gemeinsamer Bürokratie. Die Mehrheit der Briten glaubt, dass der beste Weg zu Frieden und Wohlstand freie Märkte und Handel sind. Soll doch jedes Land seinen eigenen Weg finden und für sich selbst und andere herstellen was es am besten kann: Deutschland Autos und Wurst, Frankreich Rotwein und Flugzeuge, Großbritannien Whisky und Finanzdienstleistungen, Griechenland Oliven und Urlaubsreisen. Alle Länder können in jeder Hinsicht höchst unterschiedlich zueinander sein, aber alle können ihre Produkte im gemeinsamen Markt ohne lästige Handelsbarrieren verkaufen, wobei letztlich alle gewinnen.

Auf dem Kontinent, und dort insbesondere in Deutschland und Frankreich, konnte man sich mit dieser simplen Idee einer europäischen Gemeinschaft nie anfreunden und versucht seit Jahrzehnten, die deutschen und französischen Gleichheitsideale in der gesamten EU durchzusetzen. Überall sollen möglichst die gleichen Lebensbedingungen, die gleichen Sozialstandards, die gleichen Steuern und möglichst auch die gleichen Gesetze gelten. Möglichst wenig Wettbewerb zwischen den Staaten und eine zentrale Bürokratie in Brüssel, die verbindliche Regeln für alle Länder festlegt.

Dass einzelne Staaten EU Beschlüsse nicht mittragen, wie Großbritannien neulich bei einem der vielen Krisengipfel, ist in diesem Modell nicht vorgesehen. Das einzelne Land hat sich gefälligst in die Gruppe der 27 zu integrieren und seine eigenen Interessen dem Gemeinwohl unterzuordnen. Es sind nicht nur die Briten, die sich mit diesem Modell ihre Probleme haben, es sind auch die Staaten im Süden der EU, die als Euro-Mitglieder jedoch weit weniger Spielraum haben als Großbritannien.

Die EU wird von den meisten Briten als bürokratischer Moloch empfunden, der die nationale Souveränität untergräbt und die Wirtschaft mit sinnlosen und teuren Regulierungen überzieht. Umfragen zeigen seit Jahren, dass eine solide Mehrheit der Briten das Land gerne außerhalb der EU sehen würde. Die Vorbilder sind hier die Schweiz und Norwegen, in denen das Leben sicherlich nicht schlechter ist als in den meisten EU Staaten. Man kann David Cameron also nicht vorwerfen, er hätte den Willen seiner Wähler missachtet, als er am 9. Dezember 2011 als einziger Staatschef gegen mehr Integration und mehr Regulierung in der EU stimmte. In den Augen eines typischen britischen Wählers war es das Mindeste, was er tun konnte, viele hätten sich eher mehr gewünscht.

In den anderen Ländern der EU wird die Meinung der Bevölkerung hingegen konsequent ignoriert: Die deutsche Bevölkerung würde zwar mehrheitlich gerne in der EU bleiben, hätte jedoch statt des Euros lieber die D-Mark als Währung - ein Wunsch, der sich in keinem aktuellen Parteiprogramm wiederfindet. In Italien und Griechenland wurde die Demokratie kurzerhand außer Kraft gesetzt und demokratisch gewählte Regierungen durch technokratische Übergangsregierungen ersetzt, die sich womöglich weniger der Bevölkerung der Länder als mehr den Bürokraten in Brüssel verpflichtet fühlen.

In Griechenland herrschen schon länger bürgerkriegsähnliche Zustände, in Irland ist zwar alles nach außen hin ruhig, aber niemand sollte denken, dass die Iren begeistert darüber sind, die vom irischen Staat leichtsinnig übernommen Schulden der Banken abzutragen und ewig ruhig bleiben. Sollte die EU demnächst auseinanderfallen, ist es sicher nicht die Schuld der Briten, sondern auch die Ignoranz der Regierungen in Paris und Berlin, die einfach nicht einsehen wollen, dass die deutschen und französischen Ideale nicht auf alle EU Staaten übertragbar sind.

Bleibt zu hoffen, dass sich alles irgendwie zum Guten wendet und die EU, die eigentlich ewigen Frieden in Europa garantieren sollte, nicht noch zu schlimmeren Spannungen zwischen den Völkern des Kontinents führt ...


Caledonian flings oder "Britannia, wir müssen reden ..."

Seit der britische Premierminister David Cameron und Schottlands First Minister Alex Salmond sich regelmäßig öffentlich wegen der schottischen Unabhängigkeitsbestrebungen zoffen, pardon austauschen, hat sich der Wunsch nach einer schottischen Unabhängigkeit auch auf dem Kontinent herumgesprochen. Zugegeben, die Idee souveräner Staaten ist in Zeiten, in denen finnische Holzfäller die Bezüge griechischer Pensionäre erwirtschaften, vielleicht etwas altmodisch, aber nach über 300 Jahren an der Seite Großbritanniens sehnt sich Schottland eben nach etwas Freiraum ...

Es ist nicht so, dass Schottland Großbritannien nicht mehr mag, es ist eher so wie in vielen langjährigen Beziehungen, in denen sich Partner über die Jahre auseinander leben und sich schließlich einer der Partner trennen möchte. "Lass uns Freunde bleiben", sagt Schottland zu Großbritannien. "Wir haben uns in den letzten 300 Jahren beide verändert und es ist nun an der Zeit, dass wir unsere eigenen Wege gehen. Ich werde immer wieder gerne an all die guten Zeiten zurückdenken, die wir zusammen hatten, und werde in schweren Zeiten weiterhin zu dir halten. Sollte unsere schöne Insel mal wieder von Germanen oder anderem Unheil heimgesucht werden, stehe ich natürlich an deiner Seite, aber falls du dich mal wieder mit ein paar gottesfürchtigen Bartwichteln oder durchgeknallten Diktatoren im Sandkasten prügeln willst, musst du dir jemand anderen suchen. Die Atom U-Boote kannst du übrigens bitte mitnehmen, ich brauche den Platz für ein paar neue touristische Attraktionen."

Britannia ist eine alte Lady, die schon oft verlassen wurde. Von den USA, Indien und etlichen anderen Eroberungen in aller Welt. Jahrzehntelange "Rosenkriege" wie in Nordirland sind zwar selten, aber Trennungen sind immer schwierig und zehren an den Nerven. Wer kriegt die Öleinnahmen, wie werden die Staatsschulden aufgeteilt, was passiert mit der gemeinsamen Armee, der Währung, der EU- und der Nato-Mitgliedschaft? Am wichtigsten ist natürlich das Wohl der Kinder, aeh der Bevölkerung, aber Britannia ist eben auch ein wenig gekränkt. "Was willst du mit Europa, dieser dummen arroganten Bitch? Habe ich nicht immer alles für dich getan, dir alle Wünsche erfüllt und immer zu dir gehalten? Was hat sie was ich nicht habe? Größere Parlamente und prallere Budgets? Bist du wirklich so primitiv, dass du dich davon blenden lässt? Hast du nicht gesehen, was sie mit Athene gemacht haben und all den anderen, die ihr und ihrer sadistischen Gespielin Germania auf den Leim gegangen sind? Möchtest du bestraft und erniedrigt werden? Wenn du auf so was stehst, sag Bescheid, ich kenne da noch ein paar Rollenspiele aus Kolonialzeiten, die werden dir sicherlich gefallen ..."

Natürlich hat Schottland kein Interesse an dauerhaften intimen Beziehungen mit germanischen Folterweibern und europäischen Hydras und schlägt deshalb "den Kindern zuliebe" eine "offene Beziehung" vor, die es Schottland unter dem Deckmantel einer offiziellen britischen Partnerschaft erlaubt, ein paar Abenteuer zu erleben. Tatsächlich gibt es in der schottischen Bevölkerung derzeit keine Mehrheit für eine vollständige Trennung, jedoch viel Zustimmung für "devolution max", einen quasi unabhängigen schottischen Staat, der abgesehen von Außenpolitik und Verteidigung alles selbst bestimmt.

Davon will Britannia natürlich nichts wissen: "Entweder ganz oder gar nicht! Ich habe schon damals nachgegeben als du unbedingt deinen eigenen Partykeller in Holyrood haben wolltest und dir auch sonst in den letzten Jahren immer mehr Freiheiten gelassen, irgendwann ist Schluss. Entscheide dich, ob du weiterhin mit mir zusammen bleiben willst oder unsere über 300 Jahre alte Beziehung für ein flüchtiges Abenteuer mit einer verlogenen, geldgierigen und machtgeilen europäischen Nutte aufgeben willst. Und denk aber ja nicht, dass du hinterher zurückkommen kannst!"

Schottland wird sich voraussichtlich im Jahre 2014 entscheiden, ob es die Beziehung zu Großbritannien beendet oder beibehält und bis dahin wird es zwischen den beiden wohl noch so einiges zu bereden geben. Gute Unterhaltung ..!

Fortsetzung folgt!


© 2011-2012 Karsten Franke, Bilder "Nanny-State": Lennox B. Miller