Zum Ziel: Die Reststrecke durch Norwegen ...

Do. 20.07.00

An diesem Morgen wird es mehr als deutlich: Die Sonne macht jetzt nur noch eine riesige Ellipse am Himmel und ist gegen 2:00 Uhr morgens schon wieder hinter dem gegenüberliegenden Bergrücken aufgestiegen.

Weiter nach Norden durch malerische Landschaft ...Wieder herrschen 30°C im Explorer beim Aufstehen um 6:30 Uhr - so muss eine kleine Vorhölle sein! Draußen auf dem Fliegengitter tummeln sich unzählige von unseren aggressiven Freundinnen, alle wollen rein und es wirkt wie ein großes Labor dort draußen, wo man bei Testen von Anti-Mückenmitteln ggf. mal einen Arm reinhalten muss ... sie riechen, was dort drinnen herumschwitzt und wie die Kaninchen vor der Schlange nach draußen starren ...

Die Undichtigkeiten im Explorer werden an diesem frühen Morgen entdeckt: Die Mücken kommen durch eine Lücke in der Nähe des vorderen Deckelscharniers. Man jagt eine nach der anderen, die sich tatsächlich dort sichtbar durchzwängen: Sie sitzen am Rand der Innenverkleidung, eine nach der anderen, etwas zerzaust wirkt jede einzelne, dann schütteln sie sich gleichsam und starten in das Innere der Kabine - ihr zumeist letzter Flug hat begonnen!

Die andere undichte Stelle wird später an der Eingangstür entdeckt und auch dort sofort abgedichtet - ein Teilerfolg?

Die Viecher krallen sich selbst bei stärkerem Wind heute morgen wieder auf der Explorer-Rückseite am Eingang im Windschatten fest - muss man gesehen haben! Ca. 7 Stiche in kürzester Zeit innerhalb der Kabine treffen den Berichterstatter trotz Mückennetz, viel zu viele sind bei kurzer Windstille mit einem hinein gekommen (sie sitzen auf dem Rücken und lassen sich auch beim Durchgang durch das überlappende Netz kaum abschütteln).

Stiche erfolgen natürlich im Bereich der Füße, die wegen der Hitze freiliegen. Kein Rückzugsgebiet besteht scheinbar mehr vor der Hitze und den Mücken - man kann schließlich nicht mehr viel anziehen und sich in den Schutz seiner Thermounterkleidung begeben, durch die kein Durchstich mehr möglich wäre. Äußerst beeindruckender Fund heute: Eine tote, zerquetschte Mücke mit Blutspur in der Unterhose - wäre hier und jetzt wirklich nur noch Badehose + Autan das beste??!

Wenn man draußen ist im Morgenwind, kann man heute die typische Kommunikation nach innen studieren: Man steht neben dem Fahrzeug im Wind, weil man sich hinter dem Fahrzeug nicht aufhalten kann, denn dort ist Windschatten und dort lauern sie in unschlagbarer Menge.

Ursprünglich sollten es heute nur ca. 100 km werden - wir verlassen die Höhe durch wirklich malerische Landschaft, die als arktisches Gebiet in der Karte gekennzeichnet ist.

Wir erreichen die Engstelle, die die Nordkinn-Halbinsel fast auch zur Insel gemacht hätte - aber hier gibt es eine gut 300 m breite Landverbindung, die das verhinderte! Bei Hopseidet an dieser Engstelle besuchen wir das Denkmal zu einer  Gräueltat im 2. Weltkrieg, bei der hier einige Fischer von deutschen Besetzern ermordet wurden.

Nun sind wir endlich auf der Nordkinn-Halbinsel, die nach ihrer nördlichsten Spitze auch oft als "Kinnaroden-Halbinsel" bezeichnet wird - wie dem auch sei, die von nun an maßgebliche Kommune Gamvik haben wir erreicht!

Endlich: Kommune Gamvik erreicht ...

Wir folgen der Straße 888 in Richtung Gamvik vorbei an Mehamn (Der Ort wäre der Ausgangspunkt für einen mindestens zweitägigen Fußmarsch an die Kinnarodden-Spitze, den nördlichsten Punkt des europäischen Kontinents, wenn man diesen tatsächlich so erreichen will, was die einen oder anderen auch machen - wir diesmal nicht! Falls sich jemand für diese Art der Anreise interessiert, sei ihm der Reisebericht von Thomas Bujack empfohlen).

Mehamn, das angeblich verschlafene und doch so eigenartige "Fischernest", erscheint uns als sehr merkwürdiger Ort der reduzierten Geschwindigkeit (liegt´s nur an der Hitze?). Vom Temperament der Norweger ist auch im aufgesuchten Laden nichts zu bemerken. Im Gegenteil: Ebenfalls merkwürdige Bedienungs-Prozeduren an der Kasse werden beobachtet, wo u.U. auswärtige Käufer in der Warteschlange gar nicht bemerkt und berücksichtigt werden! Das Geschäftsleben ist trotz Sommer ebenfalls erwähnenswert - nur von 9-16:00 Uhr sind Geschäfte geöffnet, danach ist alles zu, selbst die Tankstelle schließt um 16:30 Uhr, am Samstag sogar um 13:30 Uhr, am Sonntag ist ganz geschlossen - typischer Mystery-Ort aus Akte-X?

In der Mittagsglut von Mehamn ... Kann man den Explorer da irgend wo reinstellen??

Wir besuchen selbstverständlich auch den Flugplatz des Ortes - er wirkt ebenfalls geschlossen, obwohl täglich anfliegbar auch mit größeren Zweimotorigen ab Oslo (mit mehreren Umsteigeplätzen). Auch wenn sich das hier schon Kommune Gamvik nennt, die gleichnamige Stadt im Norden hat nicht mehr annähernd die Bedeutung wie vielleicht früher einmal. Die Postschiffslinie "Hurtigruten" mit ihren kombinierten Fracht-, Passagier- und Kreuzfahrtschiffen legen nämlich ebenfalls hier in Mehamn an, der wahren "Hauptstadt" der Nordkinn-Halbinsel.

Wir finden in Mehamn zwar einen Hinweis auf eine Tourist-Info, aber selbst ein Fußmarsch bringt weder einen Hinweis noch eine Karte zu Tage, ebenso findet sich nicht der angeblich hier vorhandene Campingplatz - welch ein Unterschied zum Nordkap-Tourismus!

Es geht weiter - Gamvik wartet. Wir sind mittlerweile so weit nördlich wie an der Nordspitze Alaskas. Wir fahren noch ein kleines Stück weiter: Zuerst durch den Ort und dann noch die letzte Piste - wir sind angekommen am nördlichsten Festland-Leuchtturm der Welt: Slettnes Fyr. Nördlich von uns nur noch das Eismeer, die Barentssee!

Auch beim Einparken auf dem Parkplatz am Leuchtturm (N71°05.31584´ E028°13.10173) nur der selbe verzweifelte Blick wie schon in den letzten Tagen: Er fällt auf das Thermometer, das auch heute die fast schon gewohnte Situation zeigt - Cockpit-Temperatur 38°C. Wen wundert es, wenn bei der kurzen Pause bei der Rückfahrt vom Leuchtturm wie immer in den letzten Tagen wieder die Sonnenblenden hinter der Frontscheibe angebracht werden müssen, ansonsten hält man es hier einfach nicht mehr aus ...

Am nördlichsten Festland-Leuchtturm der Welt ...
Badegäste am Eismeer ... ... und ein Touri, der in der Hitze ohne Bier gerade verreckt ...

Nach kurzem Aufenthalt im Ort Gamvik erreichen wir den Endpunkt der nördlichsten Etappe: "Mr. Hilly" alias Hildor Bech und sein nördlichster Festland-Campingplatz der Welt: Camp 71°N (Camp 6) (N71°04.34445´ E028°13.86295´) erwarten uns ...

Hildor war ca. 11 Jahre alt, als er für die Deutschen in der Stellung von Gamvik arbeitete, um ein wenig Geld zu verdienen (siehe hierzu unser noch folgendes Schwerpunktthema: Hinterlassenschaften - Überreste deutscher Aktivitäten). Heute nachmittag kündigt er uns (wen wundert´s?) "Moskitos like hurricanes" an, falls der Wind abflauen sollte. Er selbst sitzt in aller Ruhe mit uns bei deutsch / englischer Unterhaltung inmitten dieser Tierchen auf seiner Terrasse und ist übersäht von ihnen. Ungerührt lässt er sich unaufhörlich stechen, kaum bewegt er einmal eine Hand dabei. Keine Quaddeln bilden sich bei diesem Mann mehr, er scheint immun zu sein. Sein Hund frisst die Mücken, indem er immer wieder nach ihnen schnappt. Bei unseren Gesprächen über Mücken werden Legenden ausgepackt: Sie müssen stechen, damit sie Blut zu den Moltebeeren fliegen, damit diese reifen können, ist eine der wundersamen Geschichten, die man hier erzählen kann ...

Heute abend werden wir noch rausfahren in die Barentssee nördlich vom nördlichsten Festlandpunkt. Hillys Boot ist bestens ausgerüstet: Stufe 1 Rettung (Back-up-Außenborder), Stufe 2 (Rettungsboot - auch mit Außenborder), Stufe 3 (Ruder) und Stufe 4 (Haken!) - "Safety first!" grinst er, während er sein Funktelefon an Bord einstöpselt. Er ist in der Tat sicherheitsbewusst - als wir etliche Wochen später mit ihm wegen eines möglichen Wintertrips telefonieren, macht er wenig Hoffnung auf eine Fahrt zur Kinnarodden-Spitze im kommenden Januar - die See wäre zu gefährlich!

So fahren wir aber heute abend hinaus zu den Seehundsbänken und den Sehenswürdigkeiten der Nordküste: Daumannsvika, Hollendervika und Steinvag sind unsere Ziele vom Wasser aus. Auch den aus der Ferne an die Zugspitze erinnernden Felsen von Kinnarodden können wir vom Boot aus gut sehen, aber dazu mehr unter unserem Schwerpunktthema Nordkinn-Halbinsel.

Robben in der Barentssee ... ... und Mr. Hilly, der einen dahin bringt ...

Das Wetter ist urplötzlich etwas erträglicher mit Wind von Norden, nach dieser Fahrt: Ein massiver Wetterumschlag macht sich bemerkbar. Es ist wie ein Wunder, so starker Wind geht hier auf einmal, dass wir den Explorer auf Mr. Hillys Geheiß (und unseren Eindrücken entsprechend) umparken - tatsächlich etwas tiefer in den Windschatten eines Hügels neben seinem Haus. Nebel und angenehme Kühle sind zu bemerken - um 14°C (!) auf 12°C ist die Temperatur innerhalb von 45 Minuten gefallen, wir fühlen sogar etwas wie den Eismeerhauch an diesem Abend - ein "Hilly Wunder"?

Die Moskitos sind wie ein Spuk verschwunden, man kann am Abend erstmalig wieder durchatmen - ein Nebelspaziergang lässt auch recht schnell wieder trollmäßige Eindrücke aufkommen: In Gamvik wird alles besser!!


Fr. 21.07.00

Ein Ruhetag ist angesagt in Gamvik, hier haben wir ihn uns nun wirklich verdient! Doch: Es wird schon wieder heiß, die anstehende Wanderung an der Nordküste wird echt "sonnig", wieder werden vorsorglich die Sonnenblenden hinter der Frontscheibe angebracht ...

Am nördlichsten Festland-Campingplatz der Welt: Camp 71° N

Mehr zur Nordküste im Schwerpunktthema: Nordkinn-Halbinsel - Am Ende Europas ... und Nachtrag dazu von 07/2013.


Sa 22.07.00

Hildor schenkt uns bei der Abreise tollen Fisch - der Kabeljau wird an Bord noch zu Hochgenüssen führen! Er erzählt uns zur Abreise die detaillierte Geschichte der Festung Gamvik (dazu mehr im oben erwähnten Schwerpunktthema). Er hätte uns auch noch mal kostenlos mitgenommen zum Fischen, wie er uns bedauernd erklärt, wenn wir nur nicht schon heute abreisen müssten ...

Aber wir müssen - ab heute wollen wir wieder zurück fahren, ansonsten können wir unseren Zeitplan nicht einhalten!

Auf der langsamen Rückfahrt von Gamvik über Mehamn Richtung Hopseidet wird uns allerdings zunehmend bewusst, dass wir eigentlich überhaupt noch keine Lust haben, schon wieder in den "Süden" zurückzukehren. Schließlich erwarten uns dort sicher die nächsten 2.000 km nur wieder Hitze und Mücken - immerhin ist die Sonne schon wieder draußen und der ersehnte Wetterumschwung hat zwar etwas kühlere Temperaturen, aber doch wieder den endlos blauen Himmel zurück gebracht. Was Touris sonst herbei sehnen würden, nervt inzwischen nur noch - in Gamvik war alles besser??

Nein, wir werden einen weiteren Ruhetag nutzen für einen Abstecher auf der Nordkinn-Halbinsel: Nach Gamvik und Mehamn soll es zur dritten und letzten nennenswerten menschlichen Ansiedlung hier oben im äußersten Norden gehen. Wir biegen bei Hopseidet Richtung Osten ab und folgen der Uferstraße 284 nach Skjanes, der "letzten" Siedlung (siehe auch hierzu Schwerpunktthema Nordkinn-Halbinsel).

Ein wunderbarer "wilder" Campingplatz oberhalb des Ortes (Camp 7) (N70°48.10152´ E028°04.66693´) auf einer Höhe erwartet uns, dazu ein fantastischer Blick hinaus in den Fjord. Wir stehen direkt neben einem örtlichen Grillplatz, der sogar mit Kohle etc. für die Bewohner ausgerüstet zu sein scheint, von denen sich aber hier und heute trotz Wochenende und  hervorragendem Wetter niemand blicken lässt.

Wildes Campen hoch über Skjanes ...

Was wir ebenfalls heute erstmals sehen, ist der Original "Nebel des Grauens" aus dem Carpenter-Film, der sich hier am Horizont bildet und sich schnell ausweitet - so etwas muss man also gesehen haben, um die Idee zu einem derartigen Film zu bekommen!

Erstaunlicherweise werden wir weder vom Nebel verschluckt noch stürmen gespenstische Seeräuber heraus, um alles nieder zu metzeln, was sich ihnen zeigt - der Nebel verzieht sich wieder! Offensichtlich waren die Abwehrkräfte des Explorer Teams doch noch stärker als die der alten Seegeister - wir hätten sie auch behandelt wie die Mücken ..!

Eine GSM-Abdeckung ist auch hier oben wie bereits während der letzten Tage nicht vorhanden: Mit D2 zu telefonieren, ist unverändert nicht möglich ...

17°C haben wir noch nach 17:00 Uhr, leichter Wind geht, doch die hochstehende Sonne schafft wieder mal sommerliche Atmosphäre. Die Mücken werden erst am Abend wieder unerträglich - dichte Schwärme verfolgen jeden Fußgänger. Keines der Mittel (außer Autan), die wir während unserer Vorjahrestour Skandinavien 99 einsetzten, kommen dieses Jahr zum Einsatz: Nach der Bekleidung auch kein Ventilator, weil´s überall zu viele sind. Auch ist man mittlerweile so abgebrüht, dass man den nicht mehr braucht, wenn es weniger werden. Fazit: Ein Ventilator ist gut, aber vielleicht doch eher was für Mücken-"Einsteiger" - wir werden sehen, ob und wie wir das auf der Rückfahrt durchhalten!


© Text/Bilder 2000 J. de Haas