Mit dem Mineralienhändler Aziz nach Guelmim

Seit ein paar Tagen plaudern wir schon abends über Geschäfte, Corona und unsere Pläne. Aziz lebt schon lange in Österreich, ist jetzt aber auch der Corona-Gefängnisatmosphäre entflohen. Er handelt mit Mineralien und baut an einer kleinen Farm in der Wüste für Bioprodukte. Da er auch gerne mal ein paar Bier trinkt und meinen billigen Moghrabi Wein in seiner Jugend in Marokko bereits genügend genossen hat, beschließen wir einen Ausflug mit seinem Auto nach Guelmim zu machen.

Von Sidi Ifni nach GuelmimDort suchen wir zunächst wieder den Alkshop auf, wo sich eine herrliche Szene abspielt: Ein alter Araber kommt in den Laden, fragt nach einem Bier und legt 20 Dirham Münzen auf den Tisch. Der Verkäufer fragt ihn, was er denn für ein Bier will, ein "Großes" meint er. Ja, aber welche Sorte denn, wie sieht es aus? Da antwortet der alte Araber lakonisch: "Wie Erde!" und alle müssen lachen, schließlich rückt er mit einem großen Pils ab ...

Danach treffen wir zwei Bekannte von Aziz, die ihm Steine anbieten, welche in einer kleinen Mine ca. 80 km von Guelmim abgebaut werden. In der Mine finden sich Goldeinschlüsse in Kristallen, die werden gewöhnlich herausgeschlagen und eingeschmolzen. Er aber sucht unversehrte Kristalle, wo die kleinen Goldstücke ganz natürlich herausschauen, so wie kleine Nägel. Ein Araber bietet ihm eine große Menge an, aber bei den meisten Stücken sieht man, wo sie mit einem Hammer abgeschlagen wurden. Die Kristalle interessieren in der Mine keinen, es geht nur ums Gold, das eingeschmolzen und dann in kleinen Barren verkauft wird. Interessanterweise übersteigt der Preis für in Kristall eingeschlossenes Gold noch den sowieso zur Zeit schon hohen Goldpreis von 60,- bis 80,- EUR, dafür muss man aber die Sammler und Händler kennen.

Er kauft schließlich 6,5 Gramm bei einem Kollegen für 80,- EUR das Gramm, ich muss ihm dabei noch 500 Dirham auslegen. Es ist wie bei einem Bücherankauf, das Feilschen, die Argumente des Zerschlagenen. Später essen wir noch eine Ziegen-Tajine mit schön viel Zwiebeln ...

Die Polizei ist nach Neujahr stiller geworden, so gondeln wir entspannt durch die Berge, derweil ein wenig Regen die Wüste zu begrünen beginnt. Gegen Abend, als wir auf der Terrasse sitzen, bekommt Aziz vom selben Kollegen noch ein Angebot übermittelt, mit einem großen Kristall und schönem Goldfinger beidseitig, aber 1.000,- EUR will er dafür haben, der Goldwert beträgt bestenfalls 300,- bis 400,- EUR. 500,- EUR wäre er bereit zu zahlen, aber diese Differenz wäre selbst unter Arabern wohl eine Beleidigung, wie er mir erklärt ...

Ich traf heute noch Boubkar, Spitzname "Bob", einen kleinen marokkanischen Verkäufer auf dem Markt. Er bietet Schuhe, Tücher sowie Souvenirs an und spricht gut Deutsch, da er auch mal länger dort war. In Casablanca hat er Philosophie studiert und ist ungefähr in meinem Alter. Wir unterhielten uns ein wenig über das Corona-Blabla und ich erzählte ihm, wie sie in Lettland zur Zeit immer mehr abdrehen. Jetzt soll sich dort laut dem Ministerrat von Regierungschef Krišjanis Karinš keiner mehr mit einem anderen treffen. Tja, meinte Bob, demnächst ist es verboten in den Spiegel zu schauen, da man sich so mit sich selber treffen und infizieren könnte ...

Kuriose Umkehr der Verhältnisse

Früher war das Gesicht der meisten Frauen in Marokko bis über die Nase verschleiert, verhüllt. Heute müssen es die meisten Männer in Marokko unter Strafe selber tun, derweil die Frauen oft ganz ohne Maske durch die Gegend laufen, ohne von Polizisten belästigt zu werden. In Europa war es verbreiteter Konsens, dass Maskentragen im Wesentlichen die Anderen vor Infektion schützt, hier in Marokko sieht es in der Praxis genau umgekehrt aus: Diejenigen, die das Virus für sehr gefährlich halten, zumeist Ältere, tragen ganz akkurat die Maske bis über die Nase, die meisten anderen nur symbolisch, so als ob es jedem selbst überlassen wäre zu entscheiden, ob er sich vor dem Virus schützen möchte oder eben nicht.

Gestern gab es das Seuchenpaket komplett: Vorgestern Abend, nach einem ausgiebigen Fischmahl in meinem Terrassenzelt ein Glas Wein getrunken und eine Kippe geraucht - urplötzlich wie ein Schuss in den Rücken folgt ein Übelkeitsanfall ersten Grades. Aziz saß noch mit einem Bier oben, ich musste mich entschuldigen und hinlegen. Den nächsten Tag mit Durchfall gekämpft und eigentlich nur gelegen und dann abends eine Rotznase bekommen: Die Nacht durchgeschwitzt und am Morgen den Geschmack verloren, aha dachte ich, wie immer einmal im Jahr eine richtig gute Erkältung. Mag am relativ kalten und windigen Wetter liegen, am Schwimmen und am Besuch beim Barbier, da nun die wärmenden Haare fehlen ...    (Anm. der Red.: Aber vielleicht auch nur an einer klitzekleinen Fischvergiftung ..? )

Die meisten Menschen denken, sie hätten ihr Leben im Griff, könnten es lenken, bestimmen. Beschränkt auf ihren kleinen alltäglichen Horizont mag das zutreffen, sie beschließen morgens pünktlich mithilfe des Weckers aufzustehen, nach dem Kaffee aufs Klo zu gehen, das Auto abzuschließen, die Rechnungen zu bezahlen, Produkte zum Essen auszuwählen und einzukaufen: Antrainierte Gewohnheiten wie die Prägung der Gänse bei Konrad Lorenz. Doch wenn es um den Tod geht, kann man sich auf die Gewohnheiten nicht mehr verlassen, sondern die verlassen einen Stück um Stück. Und unberechenbar, unvorhersehbar und außerhalb der eigenen Regie kommt der Tod, so wie man eben auch geboren wird. In unserer heutigen Corona-Albtraumwelt denkt man selbst dem Tod ausweichen zu können, ihn zu regulieren, in seine Alltagsgepflogenheiten einpassen zu können. Lächerliche Vorstellung, als ob ca. 3.000 Jahre geistesgeschichtliche Entwicklung eine überflüssige Schimäre gewesen wäre ...

Ein Ausflug nach Tarfaya, der kleinen Hafenstadt - nur 110 km entfernt von den Kanaren ...

Saint Exupery hat in diesem Ort einige Jahre verbracht als Pilot und dort auch seine Erzählung "Kurier Süd" geschrieben. Es gibt ein kleines Museum dazu. Ein gigantischer Hafen wurde hier gebaut, auch um ab 2007 die Fähre ASSALAMA von und zu den Kanarischen Inseln abfertigen zu können, nämlich zum 110 km entfernten Puerto del Rosario auf Fuerteventura.

Nun liegt der Hafen brach bis auf einige Fischerboote, die Fähre ist bereits 2008 bei Sturm vor der Küste Tarfayas auf Grund gelaufen. Im Jahr 2019 bin ich dorthin geschwommen und draufgeklettert, sogar die Fahrzeuge auf dem Autodeck stehen dort noch rostig und zerbeult. Erinnerungen werden hier wach an das viel berühmtere Wrack vor der Westküste der nahen Insel Fuerteventura: Die Geschichte der American Star ...

Ebenfalls auffallend ein ganz besonderes "Haus am Meer", das einsam am Strand aus den Fluten ragt: Einst erbaut im Jahr 1882 von einer englischen Handelskompanie sollte es das Beladen und Entladen von Schiffen erleichtern, als es noch keinen Hafen gab. Aus diesem Grund steht es auch heute noch bei Flut im Wasser und ist bei Ebbe immerhin mit leicht nassen Füßen zugänglich ...

Strecke zwischen Sidi Ifni, Guelmim, Tarfaya und Laâyoune ... Wrack der ASSALAMA Hafen Tarfaya, groß angelegt aber klein geblieben ... Verwaiste Hafenzufahrt ...
Straße in Tarfaya Denkmal zu Saint Exupery an der Strandpromenade Englisches Handelshaus, einst erbaut als es noch keinen Hafen gab ...

Es fallen einem auch Geschichten ein über Wege ins Nichts wie auf dem weiteren Weg nach Laâyoune (El Aaiún), entlang der sich erstreckenden leeren Küste mit Fischerzeltdörfern, Sanddünen und der ewig starken Brandung: Ein Platz zum Vergessen und vergessen werden. Dort muss ich an ein Jugendbuch mit der Geschichte vom kleinen Wichtel denken, der am Meer haust, bei Flut und Ebbe, und die wahnwitzige Idee hat, nach jeder Flut Ordnung schaffen zu wollen, obwohl am nächsten Tag die Flut wieder den ganzen Müll anspült. Das dauernde Denken an Ordnung und Sicherheit zerstört das einzelne individuelle Leben zugunsten einer amorphen anonymen Masse ...

Raila, eine junge Frau in Tarfaya, macht Konversation und will mit den Augen locken. Ein Mann setzt sich an unseren Tisch und fragt, ob er mitessen darf. Ein anderer Mann sitzt seit den Morgenstunden im Schatten eines Hauses und wartet neben einer Tüte bis zum Abend  auf gar nichts. Der "Teebringdienst" in Tarfaya boomt, ob mit Auto oder Moped: Tabletts mit Gläsern und Kännchen werden dauernd durch die Gegend gefahren, so als ob Zuhause niemand mehr Tee kochen könne ...

Überflutung durch Regen in Tan Tan Wege ins Nichts ..? Vorbei an Strand und Sandwüste ... ... und der grünen Wüste bei Tan Tan 
Hier überholen sogar Kamele ... Fischerzeltdörfer ... Kinder spielen Fußball am Strand von Port Laâyoune ... Noch ein Wrack am Hafen von Laâyoune: Die "QUE SERA SERA" ...

Südlich von Tafaya beginnt die Westsahara: Desto weiter man in dieser Richtung voran kommt, umso geringer wird das ganze Corona-Spektakel, es ist auch so, dass im Prinzip die Menschen zum Süden hin in Marokko immer gleichgültiger werden, was ihr eigenes Leben und das der Anderen betrifft. Als Kontrast zu unserer panischen, überregulierten und kontrollierten Corona-Welt in Europa mal ganz entspannend. Ein weiteres Wrack am Hafen von Laâyoune in der Westsahara scheint das ebenfalls so zu sehen: Sein Name lautet QUE SERA SERA (Was wird sein, wird sein ...)


© 2021 Michael Gallmeister