Miniatur-Gigantonomie: Im Wunderland des Modellbauers ...


Wie hatten wir noch gleich geschrieben anlässlich unseres kurzen Hamburg-Besuchs im Juli 2013: "Die Buchungsbestätigung vom ´Miniatur Wunderland´ lässt keine Fragen offen und wir verbringen etliche Stunden hier - da das Ganze ein wirklich lohnendes Reiseziel nicht nur für Modellbauer ist, werden wir diesem "Wunderland" demnächst einen eigenen Bericht widmen - natürlich in unserer Rubrik Modellkeller!

Stundenlang kann man sich im "Wunderland" aufhalten, wo auf über 1.300 qm Modellfläche 13 km Gleise verbaut sind, fast 1.000 Züge fahren mit über 1.200 Signalen, 3.000 Weichen, 330.000 Lichtern, 3.700 Häusern und Brücken sowie 9.000 Autos: insgesamt die weltgrößte Anlage dieser Art. Ganz zu schweigen von dem ebenfalls aufgenommenen Schiffs- und Flugverkehr, den Landschaften und Ländern, die von Modellanlagen der Schweiz über Hamburg bis nach Skandinavien reichen, wo man auch das berühmte Erzbergwerk der LKAB in Kiruna bewundern kann, das wir einst besuchten und und und ...

Selbstverständlich ist nach unserem Besuch in Hamburg ein Paket aus Buch und DVDs zum "Miniatur Wunderland" Pflicht ..." Und ebenso selbstverständlich, dass wir dieser Ankündigung unbedingt nachkommen müssen ..!

Das Buch zu mehr als 10 Jahren Miniatur Wunderland ... Programm: Der Reiseführer für den Besucher ...

"Das Miniatur Wunderland ist größtenteils in der Fantasie entstanden. Als Vorbild standen uns zwar Deutschland, Österreich, Schweiz, Amerika und Skandinavien zur Verfügung, jedoch haben wir uns lediglich daran orientiert. Ziel war es, dass unsere Besucher verschiedene Regionen erkennen können. Die meisten Bauwerke sind allerdings der Kreativität unserer Mitarbeiter entsprungen. Im Hamburg- und Amerika-Abschnitt wurden jedoch einige Sehenswürdigkeiten in filigraner Kleinstarbeit nachgebildet. Allein in den originalgetreuen Nachbau des Terminals vom Hamburger Flughafen sind fast 50.000 Arbeitsstunden geflossen. Schauen Sie einmal genau hin und Sie werden merken, dass sogar das Innenleben bis ins letzte Detail stimmig ist."

Unser Einleitungstext aus dem Reiseführer zum Miniatur Wunderland zeigt bereits, dass es äußerst schwierig ist, einen umfassenden Beitrag zu diesem echten "Wunderland" des Modellbauers zu bringen, da man kaum weiß, wo man eigentlich anfangen soll bei diesem "gigantomanischen Miniatur-Projekt", dem weltgrößten seiner Art. Vielleicht ganz einfach chronologisch!

Im Juli des Jahres 2000 kam ein "Verrückter" namens Frederik Braun bei einem Spaziergang in Zürich und nach dem Besuch in einem dortigen Modellbahngeschäft auf die Idee, die größte Modelleisenbahn der Welt zu bauen. Es kostete einige Wochen harte Überzeugungsarbeit, bis Frederik auch seine beiden Partner, Zwillingsbruder Gerrit Braun und Freund Stephan Hertz, für dieses abenteuerliche Vorhaben gewinnen konnte. Von da an begann sehr viel harte Arbeit: Die Suche nach geeigneten Räumlichkeiten und der ausreichenden Finanzierung. In beiden Punkten hatten die drei Abenteurer schließlich Erfolg: Sowohl der Standort in der Hamburger Speicherstadt (ein ehemaliger Gewerbespeicher, in dem jahrzehntelang Kaffee gelagert worden war) als auch die Finanzierungspartner bei der Hamburger Sparkasse, die die kalkulierten Millionen D-Mark bis zur Eröffnung und und danach bereitstellten, erwiesen sich als Glücksgriff. Die vorausgesetzten 100.000 Besucher im Jahr wurden schon bald übertroffen, und nach über 10 Jahren sind es nun im Schnitt gut eine Million Leute, die sich pro Jahr durch die gewaltige Anlage auf drei Geschossen an der Adresse "Kehrwieder 2" in Hamburg schieben ...

Gründerzeit: Im Jahr 2000 kam die Idee ...

Von 2001 bis 2011 wurden mittlerweile 8 Abschnitte des "Miniatur Wunderlandes" MiWuLa eröffnet, das von den Gründern inzwischen als ihr Lebenswerk bezeichnet wird. Daneben gibt es in einem weiteren Stockwerk z.B. Tischdioramen zur Historie und zur politischen Bildung. Weitere Bauabschnitte sind derzeit bis ins Jahr 2020 geplant. Folgende Bereiche umfassen die einzelnen Abschnitte, die im Laufe eines Jahrzehnts eröffnet wurden:

  • Ausschnitt: Abschnittsplan im Reiseführer ...1: Mitteldeutschland / Harz, 2001
  • 2: Knuffingen, 2001
  • 3: Alpen / Österreich, 2001
  • 4: Hamburg, 2002
  • 5: Amerika, 2003
  • 6: Skandinavien, 2005
  • 7: Schweiz, 2007
  • 8: Flughafen Knuffingen / Allgäu, 2011

Seit Frühjahr 2013 wird bereits am Bauabschnitt 9 "Italien" gearbeitet, weitere geplante Bauabschnitte sind "Frankreich" (Mitte 2015), "Großbritannien" (2017) und "Afrika" (2019). Sie haben noch viel vor, die Visionäre!

Klar, dass wir bei unserem ersten Besuch im MiWuLa direkt hinter dessen Kulissen schauen wollten - also galt es, eine der einstündigen Führungen durch dieses Modellbauer-Paradies bereits im Voraus zu buchen. Im Ticket für die Führung gibt es unter "Blick hinter die Kulissen" genaue Anweisungen. Man wird gebeten, ca. 5 Minuten vor Beginn der Führung zum Treffpunkt an den Leitstand zu kommen, von wo aus die gesamte Anlage gesteuert und überwacht wird. Die Ankündigung, dass man im Flughafenabschnitt über eine von Google Inc. betriebene Webcam mit Livebildern ins Internet übertragen wird, wobei angabegemäß Maßnahmen ergriffen wurden, dass Besucher auf den Bildern unerkannt bleiben, dürfte sich in der Zwischenzeit erledigt haben: Unter der angegebenen URL www.chromeweblab.com findet man derzeit nur noch eine geschlossene Webseite ...

Die Führung erfolgt unter der Leitung einer jungen Dame, die zu den inzwischen gut 200 Mitarbeitern im Team des Wunderlandes gehören. Wir zwängen uns durch enge Gänge hinter und inmitten der Anlage, immer Aug in Aug mit Weichen, Wendeschleifen, Parkplätzen, versteckten "Schattenbahnhöfen", Ladestationen für Fahrzeuge und anderen Sehenswürdigkeiten in diversen Zwischenböden und Abteilungen. Eisenbahnen, Fahrzeuge, Flugzeuge und nun auch Schiffe - zusammen mit den unzähligen Gebäuden und Figuren in der Riesenanlage ein wahrhaft gigantisches Modellbauer-Reich, das wir hier aus der Nähe kennenlernen ...

Lohnende DVDs ... Platz für gut 200 Mitarbeiter ...

Auch manches Detail, manche Figur und manche Kleinigkeit wird bei der Führung von unseren Aussichtspunkten aus sichtbar, die der "normale" Besucher vor dem jeweiligen Abschnitt niemals sehen kann. Dafür haben normale Besucher an verschiedensten Stellen der Anlage die Gelegenheit, bestimmte Detailszenen auf Knopfdruck zum Leben zu erwecken: Bei weit über 150 "Knopfdruckaktionen" kann man am Geländer oder direkt an der Anlage interaktiv ins Geschehen eingreifen und diverse Szenen in Gang setzen - zu den Top Ten dieser Aktionen gehören z.B. eine Straßenbaustelle, ein Gefängnisausbruch, der Start eines Space Shuttles oder auch ein Großbrand und vieles mehr.

Die Führungsstunde vergeht wie im Fluge und auch nachdem wir noch einen weiteren "ungeführten" Rundgang inmitten der anderen Besucher hinter uns haben, wird eines klar: Das nächste Mal muss man hierhin kommen mit einem genauen Plan der Anlage im Gepäck und genauen Vorstellungen, was man sich nochmals sehr detailliert ansehen möchte.

Der Empfehlung unserer Betreuerin, das Buch "3652 Tage Wunderland" samt einer Doppel-DVD mitzunehmen, folgen wir gern. Das Buch zum inzwischen mehr als zehnjährigem Bestehen des MiWuLa gibt weitere Einblicke in Geschichte, Aufbau und Betrieb der Anlage und sollte bei jedem Interessierten im Bücherregal stehen.

Für die einzelnen Jahre des Betriebs der Anlage gibt es in diesem Buch diverse Hintergrundartikel: So wird man z.B. beim Jahr 2009 daran erinnert, dass das "Miniatur Wunderland" schon einmal Thema für einen "Wetten dass ..?"-Kandidaten war. Zum Jahr 2003 berichtet Mitgründer Gerrit Braun, der auch den Blog Gerrits Tagebuch führt, etwas zum Carsystem im Abschnitt "Amerika", wo erstmals eine computergesteuerte LKW-Verladung auf einem Zug realisiert wurde. Lustig auch die Berichte z.B. aus dem Jahr 2001, als das "MiWuLa-Inferno" stattfand, die im Chaos endende Testfahrt aller Züge in der Nacht vor der Eröffnung. Oder der Zeitungsartikel aus dem Jahr 2002, der u.a. berichtet, dass es bei den 2,2 cm großen "Einwohnern" des Miniatur Wunderlandes mittlerweile 126 "Tote" durch den Staubsauger und 414 vermisste Personen gäbe, die vermutlich von Kindern entführt wurden. Oder die Beiträge zum Kabelsalat, zum 15 Minuten langen Tag im Wunderland, zum Miniatur Schweizerland, zum Besuch der Gründer bei Johannes B. Kerner im Jahr 2006 und und und ...

Knopfdruckaktionen: Space Shuttle Start ... ... und Tischdioramen zur politischen Bildung ...
Schiffsverkehr: noch nicht automatisiert ... Das Meiste steuert aber der Computer ...

Noch einmal zurück zum Carsystem: Dieses wurde von dem der Firma Faller abgeleitet und mit einem Aufwand von rund 10 bis 52 Arbeitsstunden pro Fahrzeug wird jedes hier eingesetzte für die Anforderungen der Anlage umgebaut. Was uns dabei auffällt: Im Gegensatz zum Modellbahnbetrieb, bei dem man bereits seit vielen Jahren das ruckfreie Anfahren und Abbremsen der Züge realisiert hat, ist dies beim Carsystem derzeit offenbar noch nicht möglich: Abrupt vor Ampeln stoppende und genau so abrupt wieder losfahrende Fahrzeuge sind dabei offenbar noch die Regel. Aber wir wollen nicht meckern: Die Art und Weise, wie hier ein Wechsel von Tag- und Nachtbetrieb mit unterschiedlichsten Fahrzeugen, Zügen und Flugzeugen realisiert wurde, wie Unfälle simuliert und auch Feuerwehren zu ihren Einsatzorten rasen, sucht derzeit weltweit noch seinesgleichen.

Andere Tüftelecken der Großbastler: Die Organisation des Flugbetriebs mit startenden und landenden Maschinen, die am Ende der Runway hinter Toren verschwinden und zum nächsten Start wenden. Weiterhin die Schiffe, die derzeit noch nicht vollautomatisch durch eine Computersteuerung dirigiert werden können wie der Bahn-, Fahrzeug- und Flugbetrieb. Sie müssen durch eine RC-Steuerung jeweils noch von menschlichen Kapitänen durch die Wasserwege bugsiert sowie an- und abgelegt werden. Doch auch hier ist man optimistisch: Eines Tages werden auch in diesem Bereich die noch bestehenden Ortungs- und Steuerungsprobleme im Rahmen einer Computersteuerung gelöst sein.

Stark beeindruckt verlassen wir an diesem Tag das Hamburger Miniatur Wunderland in der Speicherstadt wieder und sind von einem überzeugt: Hier muss man früher oder später auf jeden Fall mindestens noch einmal hin ..!


Werkstatt: Neue Abschnitte entstehen ... Treffpunkt: Ein Leitstand wie bei den Großen ... Führung: Blick hinter die Kulissen und in Schattenbahnhöfe ... Hierher kommen "normale" Besucher nicht ...
Führung: Blick auch auf Details der Anlage ... Liebe zum Klein-Detail an allen Orten der Miniaturwelten ... Automatische Ladestation für Lkw´s ... Es wird Nacht in den Miniaturwelten ...
2011 eröffnet: Der Flughafenbetrieb ... Jede Menge Knopfdruckaktionen im Geschehen ... Kommt uns bekannt vor, der skandinavische Erzabbau ... Die Mine der LKAB in Kiruna ...
Zugunglück: Erinnerung an das "MiWuLa-Inferno" von 2001 ..? Schiffsverkehr noch RC-gesteuert ... Auch auf der Werft viel Liebe zum Detail ... Finstere Nacht im MiWuLa ...
Diverse Landschaften nachgebildet ... Hamburger Landungsbrücken: Rickmer Rickmers mit nur 2 (!) Masten ..? Gewinnt der HSV wenigstens hier schon mal ..? ;-)) Weltkriegsschäden in der Abteilung "politische Bildung" ...

Nachtrag, November ´13: Elbphilharmonie endlich eröffnet ...

Das Miniatur-Wunderland hat es möglich gemacht: Am Mittwoch, den 13. November 2013 hat die Hamburger Elbphilharmonie allen Unkenrufen zum Trotz mit einem Feuerwerk schließlich doch noch viel früher eröffnet, als vorausgesagt! Dass es sich dabei allerdings nur um ein 82 Zentimeter hohes Modell handelt, das sich auf Knopfdruck öffnen lässt, um das innen befindliche NDR-Sinfonieorchester den ersten Satz von Mozarts 34. Sinfonie spielen zu lassen, muss allerdings dazu gesagt werden.

Im Beisein der Hamburger Kultursenatorin Barbara Kisseler erklärte Geschäftsführer Gerrit Braun allerdings, dass auch der Bau ihrer Elbphilharmonie dreimal so lange gebraucht hätte und mit 200.000 Euro dreimal so teuer geworden wäre wie geplant. Nach dem Scheitern der zuerst mit dem Bau beauftragten Firma "Drunter&Drüber" hätten sich noch Brandschutzprobleme ergeben, wonach man sich an die Höher&Weiter AG aus Berlin gewandt hätte. Aber auch die soll es dann letztlich nicht gepackt haben.

Warum allerdings anschließend die Hamburger Kultursenatorin von einer Journalistin gefragt wurde, ob sie sich denn nicht von Gerrit Braun veräppelt vorkomme, wissen wir nicht! 


© 2013 J. de Haas