15.Tag: Freitag, 29.08.97, 08:00 Uhr UTC

Nach einem guten Frühstück und der Gewissheit, dass der Campingplatz tatsächlich kostenlos ist (keiner kommt nach dem Frühstück kassieren), steht noch ein Einkauf beim hafennahen "Supermarkt" an, um die Vorräte für die nächsten Tage zu bunkern, auch wenn wir vorhaben, erneut in Richtung Egilsstaðir zu fahren.

Wir nehmen die Straße 917 nach Süden, die über Islands höchsten Pass führt - ein hervorragendes Unterfangen für einen regnerischen und stürmischen Tag wie diesen. Nach Zuschalten des Allradantriebs quält sich der Pickup bei starkem Jochwind die Serpentinen hoch, bei dichtestem Nebel und 15% Steigung macht sich ein flaues Gefühl bei der Besatzung breit. Keine Sicht, dafür umso mehr Regen belohnt uns. Wie früher beim Cessna-Fliegen wird an den schwierigsten Stellen des Weges gefunkt, doch unverändert keine Spur von "Seehund", keine Antwort ist selbst vom höchsten Pass aus zu hören ...

Der Abstieg im Jochwind ist bemerkenswert: die Funkantenne biegt sich während langsamster Fahrt, der Regen steht fast waagerecht seitlich auf dem Explorer, insgesamt die beste Gelegenheit, den 4L-Antrieb in allen Varianten bis hin zum dritten und vierten Gang zu testen - nie zuvor gab es so hervorragende Möglichkeiten!

Irgendwann ist der Pass samt seinem Abstieg geschafft und auch die Entlohnung mental verarbeitet: die östlich der Jökulsá á Fjöllum verlaufende Jökulsá á Dal ergießt sich hier in breiter Front ins Meer und verschafft den vom Pass absteigenden einen fantastischen Anblick mit ihrer Weitläufigkeit ...

Ohne Allradantrieb geht es weiter auf der Straße 917 nach Süden, leicht morastig, schmierig und glitschig ist sie hier, die Mainroad, und irgendwann passiert es dann: der Pickup, wegen Schlaglöchern vom Fahrer am linken Fahrbahnrand gehalten, rutscht langsam aber sicher und unaufhaltsam von der Piste in erheblicher Schräglage links neben die Fahrbahn, Schreck pur, kippt er oder kippt er nicht?

Endlos wird die Fahrt für die Insassen, bis er steht: ohne zu bremsen ist es gelungen, ihn neben der Piste zu halten, der tiefe Schwerpunkt vom Explorer mit Hubdach hat sich soeben bewährt - im tiefen Graben zwei Meter weiter neben der Piste hätte andernfalls ein Totalschaden gedroht, späte Strafe für die "Pistenrandsau"??

Eine Pistenrandsau am Pistenrand ... ... mit Hoffnung auf Bergung?

Nach dem Aussteigen und Besichtigen der Situation wird ein Plan gemacht, wie man wieder auf die Straße zurückkommen kann. Äußerst mühsam mit noch größeren Schräglagen kommen Pickup und Explorer mit 4L wieder zurück auf die Piste. Ein vom benachbarten Hof herbeifahrender Einheimischer winkt uns zu - geschafft! Nie mehr ohne Allrad bei solchen Straßenverhältnissen und immer auf der Hut sein: Das ist "Driving on icelandic roads"!

Die nervliche Anspannung hat sich schon merklich gelegt, als wir die Einmündung der Straße 917 auf die Ringstraße 1 erreichen. Die Strecke, die nun bis kurz vor Fellabaer folgt, ist die schlechteste, die wir je auf der 1 erlebt haben und erinnert an üble Schlagloch- und Lehmpisten von "Hochlandqualität" - wieder mal bewegt sich der Pickup im Schrittempo voran, und das auf Islands Hauptstraße!

Irgendwann kommen wir trotzdem wieder in Egilsstaðir an, die obligatorischen Einkäufe sind schnell erledigt und es geht weiter die geteerte Straße 92 lang Richtung Süden nach Reyðarfjördur, unserem heutigen Etappenziel.

In diesem Ort gibt es einen kleinen kostenlosen Campingplatz, den wir kurzfristig als einziger Camper belegen (N 65°02,04345´ W014°14,44172´). Vorher jedoch der immer lohnende Besuch im örtlichen Hallenbad, auch dort außer zwei Kindern keine Badegäste, so dass wir den ebenfalls obligatorischen "Hotpot" wieder mal für uns haben - wo eigentlich nicht? Das Wetter ist erneut miserabel, Regen, Wind, aber 10°C machen das ganze recht erträglich.

Einem gemütlichen Camper-Spätnachmittag folgt ein zunehmend ungemütlicher Abend. Er bringt einen zunehmenden Sturm, der die Sträucher am Rande des Campingplatzes fast waagerecht legt. In der Nacht nimmt der Sturm noch an Heftigkeit zu, wir sind froh, dass wir nicht quer zum Wind stehen, während der Explorer dennoch heftigst schaukelt und der zusätzlich angebrachte Thermoschutz kaum das Flattern vermeiden kann.

Oft werden wir noch wach in dieser Nacht, schaukeln wir tatsächlich auf einem Campingplatz oder ist es bereits wieder die Norröna auf dem Heimweg ...? 

16.Tag: Samstag, 30.08.97, 07:00 Uhr UTC

Der Sturm hat sich gelegt und wie so oft hier haben wir in seinem Gefolge strahlenden Sonnenschein an diesem Morgen.

Am Leuchtturm von Vattarnestangi ...Heute soll es die Ostfjorde entlang weiter nach Süden gehen und so sind wir bereits bald nach dem Frühstück auf der Küstenstraße 96, die einen guten Zustand hat und das Weiterkommen so in weiten Strecken erleichtert. Wir fahren den Fjord lang und lassen unseren Übernachtungsort schnell hinter uns. Dicht gegenüber liegen die beeindruckenden Wände der nördlichen Fjordseite und der Blick auf die Straße 92 ist ungetrübt.

Wir nennen unseren Weg schon bald die Straße "der 1000 Wasserfälle", da viele kleine Wasserfälle von rechts kommend den Berghang hinunter ihren Weg in den Fjord suchen.

Das Wetter spielt nach wie vor mit, als wir den Leuchtturm von Vattarnes(tangi) erreichen, den wir von unserem "Parkplatz" in einer Baugrube aus jedoch nur nach einem entsprechenden Fußweg durch sumpfige Wiesen erreichen können - dennoch, der Weg hierhin lohnt sich!

Weit draußen vor der Küste ist der Leuchtturm der Insel Seley sichtbar, den wir wohl kaum jemals aus der Nähe sehen werden können. 

... Idyll an der Ostküste ...Nur kurz hinter dem Leuchtturm erreichen wir die Ostspitze mit einem weiteren kleinen Leuchtturm, den von Hafnarnes.

Vorbei an vorgelagerten interessanten Inseln, von denen eine wie ein Flugzeugträger wirkt, gehts von nun an wieder nahezu exakt in öst-westlicher Richtung zum Ort Faskrudsfjördur, wo wir an einem französischen Soldatenfriedhof vorbeifahren. Was mögen die hier wohl gemacht haben? Wir beschließen, diese Frage nach unserer Rückkehr zu klären. Beindruckende grün bewachsene Fjordabhänge mit "Basaltpagoden" säumen unseren Weg.

Nachdem wir nun wieder in die Gegenrichtung nach Osten zum nächsten Leuchtturm fahren, erreichen wir nicht weit vor der nächsten Kehre ein merkwürdiges Gebäude, das links von der Straße mit Sicht auf den Fjord unsere Aufmerksamkeit erregt.

Diesmal handelt es sich um ein altes französisches Spital, das in einer Gemeinschaftsaktion mit isländischen Stellen wieder renoviert werden soll. Die erneute Frage vor diesem irgendwie gespenstisch anmutenden Platz, "was haben die Franzosen hier gemacht", wird nun noch aktueller ...

Französisches Spital an der Ostküste ...Von nun an folgt Fjord um Fjord, kaum zu zählen die beeindruckenden Anblicke, mittlerweile ist die Straße 96 wieder auf die Ringstraße 1 eingemündet, der wir nun folgen. Als wir gegenüber vom Ort Djúpivogur ankommen, den wir als heutiges Ziel erreichen wollen, wird jedoch deutlich, dass es auf Dauer für die Einheimischen frustrierend sein muss, endlos an Fjorden entlang zu fahren, die Zielorte scheinbar greifbar nahe, aber doch ewig weit entfernt über die Straße ...

In Richtung Djúpivogur ist es diesmal besonders extrem. Lange schon haben wir uns von dem scheinbar nahen Ort entfernt, fahren endlos wieder nach Nordwesten über die Straße 1, bis wir die "Gegengerade" Richtung Südosten erreichen, die nun endlich in den Ort führen soll. Zwischendurch hat die Ringstraße 1 wieder an Qualität verloren, ist nicht mehr gepflastert. Über Schlaglöcher kommen uns Campingfahrzeuge entgegen, die eindeutig in Richtung Norden und damit auch zu (unserer) letzten Fähre unterwegs sind. Scheinbar führt die "normale" Rundtour über Islands Ringstraße 1 doch zu einem etwas anderen Fahrtverlauf.

Wir fahren vorbei an dem bedeutenden Mineralienfundgebiet Teigahorn, das nur mit einem örtlichen Farmer betreten werden darf. Die Straße ist mittlerweile wieder geteert und führt nun direkt zum Abzweig nach Djúpivogur. Direkt neben der Straße 1 besteht ein wildromantischer Campingplatz, den wir allerdings hinter uns liegen lassen, um in den Ort selbst zu fahren. Wieder ein Nest, das vom Fischfang lebt und wir mitten darin auf einem kleinen kostenlosen Campingplatz in der Nähe des "Zentrums" (N 64°39,37836´ W014°16,8393´)!

Vom wilden Samstagabend merkt man hier am Hafen nichts bei einem Rundgang. Kleine Mädchen mit Rucksäcken gehen in ein Restaurant, offensichtlich zu einer Geburtstagsfeier.

In Djúpivogur - Explorer-Suchbild 2 ...Auf dem Campingplatz sammeln sich mittlerweile noch einige Fahrzeuge, darunter ein "Mettmanner" mit Freundin, beide offensichtlich "erfahrene" Camper. Das DM 20,- Werbegeschenks-Einfachzelt, das ER in endloser Aufbauprozedur entstehen lässt, und seine Suppenkocherei im Kofferraum, an der SIE sich deutlich sichtbar nicht beteiligen will, lassen keinen guten Reiseverlauf vermuten (Island war vermutlich seine Idee!).

Im Hafen herrscht reges Treiben, Fischer sind hier heftig am werkeln. Beim Spaziergang am Hafenrand entdecken wir einige kleine Fische, die offensichtlich aus einem Tank gespült wurden und sich nun auf dem Trockenen winden. An diesem Abend werden wir zu Rettern von drei Fischen, die nach einigen vergeblichen Versuchen endlich den nahen Öllachen entkommen und im Hafenbecken verschwinden können.

Ein gutes Gefühl, für örtliche Fischer sicher nicht nachzuvollziehen (um ehrlich zu sein: die Verantwortlichen hätte man problemlos derselben Prozedur ausgesetzt, bis zum wiederholten Wurf ins Hafenbecken ..!)

Am Abend kommt wieder starker Wind auf, es zahlt sich aus, dass der Explorer erneut recht sorgfältig in Windrichtung des Fjords ausgerichtet worden war - Mitleid mit den "Mettmännern" haben wir nur wenig, deren Zelt quer zum Wind steht und die in der Nacht nur sehr wenig geschlafen haben dürften ...


© Text/Bilder 1997 J. de Haas