5.Tag: Dienstag, 19.08.97, 09:30 Uhr MEZ

Das vor kurzem eingebaute Bordradio bewährt sich beim Frühstück: Auf FM, MW und insbesondere Kurzwelle bester Empfang. Der schottische Sender in der "Nähe" kommt gut rüber - englischsprachiges hören wir hier auf den Faröern gern!

Auch der örtliche Sender bringt ein Programm erfreulicherweise u.a. in Englisch. Der Wetterbericht ist gut zu verstehen heute morgen und passt gut zusammen mit dem, was wir draußen sehen: strahlenden Sonnenschein! Die besten Wünsche im Radio "Have a truly magical day" kommen gut an, zumal vorher noch eine wirklich schöne Sage aus der Rubrik "Fairies & Tales" über den Äther kommt - die von der "seal woman". Eine Robbenfrau verwandelt sich laut der Sage in eine menschliche Frau und erst dann wieder zurück, als der Ehemann nach Jahren unvorsichtig ist und den Schlüssel zum Versteck ihres Fells nicht weglegt - wer wollte diese Geschichte der Frau von Mikladalur auf der Faröer Insel Kalsoy heute morgen nicht glauben?

Neben der Talsperre bei Vestmanna ...

Die Suche nach Reifenspuren der gestrigen Nacht erweist sich als vergeblich - die Explorer-Spuren in der Pistenkurve sind unbeschädigt und keine Spuren eines schweren Lastwagens sind zu erkennen. Die Sache wird nicht weniger rätselhaft bei Sonnenschein, als später anhand einer genauen Karte deutlich wird, dass die Piste nur noch weiterführt zum Fallrohr an der Talsperre und dort endet ...

... Aussicht auf Haldarsvik ...Wir entschließen uns, den Weg zum Stausee (N 62°09,79317´ W007°05,0737´) doch noch hochzufahren und uns die Gegend bei schönstem Wetter erneut anzuschauen. Der Weg lohnt sich, das Gelände um die Talsperre ist einfach schön, einsam und wartet nur auf einen Besuch!

Da unsere Zeit auf den Inseln begrenzt ist, soll es schon bald weitergehen, über Haldarsvik nach Tjornuvik nahe der Nordspitze von Streymoy. Bei weiter strahlendem Sonnenschein geht es nach Norden, zwischendurch begegnet man immer wieder Fahrzeugen von der Norröna - die Inseln sind halt klein! 

Ca. 2 km auf dem Fußweg ab Haldarsvik (N 62°16,54847´ W007°05,66304´) liegt ein großer Wasserfall, zu dem wir uns zu Fuß vom Ort aus aufmachen - die schöne achteckige Kirche des Ortes lassen wir hinter uns zurück. Der Fußweg von ca. einer Stunde lohnt sich, auf jeden Fall als Vorbereitung auf Island - Wasserfälle wie diesen werden wir dort noch häufig erleben!

Weiter geht es die häufig einspurige Straße nach Norden, der kleine Ort Tjornuvik ist dafür bekannt, dass seine umgebenden Felsen so hoch sind, dass die Sonne ca. vier Monate im Jahr nicht über ihnen aufgeht ...

Der Sandstrand von Tjornuvik (N 62°17,48381´ W007°09,03264´) allein lohnt schon den Besuch - der Blick auf die beiden berühmten Felsen Risin und Kellingin gar nicht mitgerechnet! Bei immer noch strahlend sonnigem Wetter sitzen wir am Sandstrand und erinnern uns an die Sage über die beiden, nachzulesen in TOURS 3/96:

"In grauer Vorzeit lebten hier zwei Trolle, die unbedingt die Faröer Inseln nach Island verschieben wollten. Mit einem Tau, das an einem Felsen befestigt war, zog der Troll Risin, während seine Frau Kellingin mit allen Kräften das Archipel anschob. Sie plagten sich die ganze Nacht, ohne daß die Inseln sich rührten, und vergaßen dabei, daß es langsam hell wurde.

Doch Trolle müssen, wie wir heute wissen, die Erdoberfläche verlassen, ehe die Sonne aufgeht, und so wurde Risin von einem Sonnenstrahl getroffen. Dadurch erschrak Kellingin so, daß sie zu ihrem Mann ins Wasser sprang. Doch es war zu spät, die Sonne traf sie beide und ließ sie zu Stein erstarren, und so stehen sie noch heute an der Küste und schauen sehnsüchtig nach Island."

Ausblick auf Risin und Kellingin ...

Die Rückfahrt nach Süden beschert uns eine Begegnung mit einem der gnadenlosen Linienbusse auf diesen Straßen. Wahrscheinlich hat der Explorer-Fahrer einen Fehler gemacht, als er an der Ausweiche auf der gegenüberliegenden Straßenseite vorbeifährt - und das in Sichtweite des Busfahrers! Normalerweise hätte man hier warten müssen, bis der Bus an der Ausweiche vorbeigefahren ist, aber das wird erst hinterher deutlich. Erbarmungslos fährt nun der Bus geradeaus und der Explorer muss mit Höchstgeschwindigkeit zurücksetzen - der Bus wird immer größer vorm Bullenfänger! Dergestalt in Rückwärtsfahrt zurückgedrängt erreichen wir wieder die Ausweiche und der Bus rauscht vorbei - eine Lektion fürs (Faröer-) Leben!

Wir tanken kurz vor Tórshavn nochmal 13 Liter nach (um in Island wenigstens bis zur nächsten Tankstelle zu kommen, irgendeiner hat behauptet, der Sprit dort wäre billiger als auf den Faröern, soon Quatsch!).

Der Campingplatz in Tórshavn (N 62°01,04455´ W006°45,26259´) ist zwar nicht gerade allzu einladend, soll aber heute nacht durchaus genügen. Draußen unter der Zeltplane wird der erste Reisebericht in den Bordcomputer gehackt, während etliche andere Norröna-Fahrzeuge langsam eintreffen. Neben uns parkt der Bus der Fotografen-Familie aus Erlangen, die uns während der Fahrt noch mehrfach begegnen und immer wieder für gesprächige Unterhaltung sorgen wird.

Ein dänischer Nissan-Pickup neben uns fällt auf - auch er hat trotz Kotflügelverbreiterung die Originalreifen aufgezogen. Der ältere Fahrer mit seinem Wohnwagen neben dem Pickup versichert aber, nur Ringstraße in Island fahren zu wollen. Ein Tschechen-Bus mit nur noch geringer Bodenfreiheit und vielen Zeltern an Bord steht ebenfalls in unserer Nähe, auch er wird uns noch mehrfach auf der Fahrt begegnen ...

Abends ist auf dem Campingplatz noch viel Leben: Im Schein der nahen Laternen der Straße und des Hafens stehen viele "tourists" nicht nur vom Tschechen-Bus - die morgen bevorstehende Abfahrt nach Island hält heute nacht noch viele wach ...


© Text/Bilder 1997 J. de Haas