Irland 1997: Hochmut kommt vor der Havarie

oder: Mit Routine auf den Felsen. Bericht von einer "Seefahrt" auf dem Shannon ...

- In Memoriam Brigitte († 1999) und Arno († 2011) -


Es war im August des Jahres 1997: Unsere Freunde Ruth und Arno, meine Frau Brigitte und ich hatten beschlossen, gemeinsam mal wieder einen Kreuzer auf dem Shannon in Irland zu mieten.

Diese schöne Tour hatten wir schon in den Jahren zuvor viermal mit großer Begeisterung unternommen. Dabei wurden unsere Boote von Jahr zu Jahr immer größer, genau wie unsere Routine. Uns konnte man nichts mehr vormachen, wir kannten uns bestens aus! Auf unseren Seefahrten gefiel es uns, anderen Anfängern auf See gute Ratschläge zu erteilen.

Zu unserer ersten Fahrt hatten wir von der Reederei Carrick Craft ein Boot der "Mayo Class" gebucht. Das war ein kleinerer "Cruiser", wie sie am Shannon diese Wasserfahrzeuge etwas übertrieben nennen, "Kreuzer" eben.

Aufgelaufen im Lough Key ...Es handelte sich um ein Boot für vier Personen, und es war für das erste Mal völlig ausreichend. Wir waren alle sehr aufgeregt, denn schließlich bekommt man ein solches Boot in Irland ohne jeglichen Nachweis nautischer Kenntnisse, einfach so zum "Kreuzen" ...

Wir hatten Arno zu unserem Skipper ernannt. Er war der richtige Mann für diese verantwortungsvolle Aufgabe: Deutscher Polizeibeamter mit technischem Studienabschluss, handwerklich gewieft, in allen Dingen verantwortungsbewusst und genau.

Jeden Morgen noch vor dem Duschen und vor dem Frühstück war Arno "unter Deck", um die gesamte technische Anlage wie Maschine, Welle und Steueranlage auf ihre Seetauglichkeit zu untersuchen. Ölstand, Akku und Bilgenpumpe zu untersuchen, das war eine Selbstverständlichkeit. Ich glaube außer Arno hat kein anderer "Tourist zur See" sich so liebevoll und so gründlich um einen "Cruiser" auf dem Shannon gekümmert!

In den folgenden Jahren und mit immer mehr Erfahrung zur See wurden unsere Kreuzer immer größer und komfortabler: Auf ein größeres Boot von der Reederei Emerald Star folgte ein noch größeres von Carrick Craft und schließlich im Jahr 1997 der Kreuzer aus der "Clare Class" von Emerald Star. Das war ein Kreuzer der nach Werksangaben für acht Personen geeignet war mit einer Länge von fast 14 Metern und einer Breite von 3,80 Metern. Und diesen Cruiser hatten wir für uns vier allein! Das bedeutete, dass jedes Paar einen separaten Schlafbereich für sich hatte mit Dusche, WC und Doppelbett jeweils im Bug und im Heck, getrennt durch den Wohnbereich und die Kombüse.

Nach kurzer Einweisung schipperten wir in Carrick-on-Shannon los: Das war an einem schönen sonnigen Samstag und zwar in Richtung Süden über den großen See "Lough Ree" (sprich: "Loch Rii") bis Athlone. Am folgenden Mittwoch machten wir kehrt und fuhren zurück bis zu der kleinen Stadt Boyle am Lough Key (sprich "Loch Kii").

Am Vorabend unserer Havarie hatten wir im Lough Key festgemacht und stiegen mit angezogenen Schwimmwesten in unser Dinghi mit Außenmotor zu einer kleinen Erkundungstour in die nähere Umgebung. Wir konnten nicht ahnen, dass das unfreiwillig zu einer Rettungsübung für den kommenden Tag werden sollte. Übrigens: Ein solches "Beiboot" war für einen Kreuzer unserer Größenordnung zwingend vorgeschrieben.

Bei unserer abendlichen Kreuzfahrt mit dem Dinghi sahen wir linkerhand die Öffnung des Lough Key nach Norden, die wir auch gleich erforschen wollten. Diese Zufahrt war aber ausdrücklich für Touristenkreuzer gesperrt, d.h. der Bereich war in den an Bord befindlichen Karten eindeutig mit den entsprechenden Seezeichen als abseits der Fahrrinne gelegen dargestellt. Mit unserem Beiboot sahen wir allerdings keinen Grund, nicht dorthin zu fahren. Je weiter wir fuhren, umso weniger konnten wir einen Grund für diese Sperrung erkennen. Und so beschlossen wir, am nächsten Tag mit unserem großen Cruiser diese Tour zu wiederholen ...

Gesagt, getan! Wir starteten am nächsten Morgen bei schönstem Wetter gleich nach dem Frühstück: Arno hatte vorher natürlich unseren Kreuzer auf Herz und Nieren untersucht, alles ok. Na dann ahoi, hinein ins gesperrte Gewässer! Wir fühlten uns prächtig und waren in großartiger Stimmung. Alle vier standen wir oben auf der Flybridge am zweiten Steuerstand - zum Glück waren wir alle oben, wie wir bereits kurz danach erfahren mussten ...

Unser Kreuzer steht "felsenfest" ... An Bord des Havaristen mit Notflagge: Brigitte (v), Arno (m), Ruth (h)

Beim Einfahren in den nördlichen Seeteil hatte Arno "volle Fahrt voraus" eingestellt. So stachen wir ein paar Minuten in nördlicher Richtung in den verbotenen See, um dann in einem schwungvollen Bogen rechts um die erste kleine Insel zu fahren. Wir unterhielten uns angeregt; Brigitte hatte gerade folgenden Satz begonnen: "Wenn wir
übermorgen wieder in Dublin sind ..." , da tat es plötzlich einen MORDSSCHLAG!

Unser fast 14 Meter langer Cruiser schoss etwa 10 Meter vor uns in die Höhe und schien in unserer Vorstellung über uns hinweg zu fliegen. Das geschah jedoch nicht, Gott sei Dank! Aber er neigte sich schließlich nach vorne links, "backbord" sagt der Seemann dazu, gleichzeitig hob sich das Heck und ließ die Schraube über der Wasseroberkante erscheinen. So kam unser Traumschiff schließlich zum Stillstand, mitten im See. Wir hatten den etwa 20-30 cm unter der Wasserlinie liegenden Felsen nicht nur getroffen, sondern ihn auch gleich noch bootsmäßig besetzt! Arno tat sofort das Richtige und schaltete die Maschine aus. Totenstille auf Deck ...

"Das kann doch nicht wahr sein", unser Skipper meldete sich als erster wieder zurück aus dem Entsetzen. Brigitte geriet in Panik: Wir hatten keine Schwimmwesten an und sie konnte nicht schwimmen. Ruth konnte sie erst beruhigen, als klar wurde, dass wir unsere Kreuzfahrt "felsenfest" beendet hatten. Ein Blick nach hinten: Unser Dinghi war noch am Mutterschiff und schaukelte, beruhigend anzusehen, im Wasser. Glück gehabt ..!

Ich stieg mit großen Schwierigkeiten herunter in das Boot, um Schwimmwesten und die Notflagge zu holen sowie unsere Pässe und Bargeld zu sichern.

Mit dem Dinghi unterwegs zum Kreuzer ...Unter Deck sah es grauenvoll aus: Den Kühlschrank hatte es aus seiner Verankerung gerissen. Speisen und Getränke sowie Konserven lagen verstreut im ganzen Raum. Aber - unglaubliches Glück verglichen mit anderen Havarien auf dem Shannon - wir waren offensichtlich nicht leck geschlagen, irgendwie beruhigend. Was keiner von den anderen gemerkt hatte, ich hatte auch meinen Fotoapparat sichergestellt und konnte so mit den hier beigefügten Fotos das Geschehen dokumentieren.

Wieder auf Deck befestigten wir zunächst die Notflagge an Steuerbord - ein weißes rechteckiges Tuch mit gekreuzten roten Balken in der Diagonale. Das war zwar Vorschrift, aber in diesem Fall Blödsinn, denn von Land aus konnten wir wegen der dazwischen liegenden Insel ohnehin nicht gesehen werden. Dann zogen wir unsere Schwimmwesten an.

Uns wurde schnell klar, dass wir uns nur mit Hilfe unseres intakten Beibootes ans Ufer retten konnten: Also leitete unser Skipper alle notwendigen Maßnahmen ein. Hier galt ausnahmsweise nicht "Frauen und Kinder zuerst": Arno stieg als erster ins Dinghi, um Brigitte zu helfen, die fast wieder in Panik geraten war. Denn über die schräge Leiter ins Beiboot zu gelangen war für sie besonders schwierig, weil ihre Schwimmweste wegen ihrer kleinen Größe ein weiteres Hindernis war.

Schließlich waren wir alle glücklich an Bord: Arno, der unglückliche Havarist, hatte sich wieder gefangen und steuerte uns mutig um die Insel. Dann die große Überraschung: Kaum waren wir um die Insel herum, da erschien das Ausflugsschiff von Michael Sweeny mit einer Schulklasse an Bord und sah uns Unglücksraben in der kleinen Nussschale. Sweeney hatte damals eine separate Anlegestelle vor dem Restaurant im "Lough Key Forest Park". Seine Kundschaft akquirierte er "vor Ort" unter den Touristen oder sonstigen Besuchergruppen wie in unserem Fall die Schulklasse.

Wir gingen "längsseits" , und dann erst sah Michael Sweeny unseren gestrandeten Cruiser. "You are on the Rocks" war sein erster humorvoller Kommentar, typisch irisch ...

Dann schlug er vor, die Frauen zu sich an Bord zu nehmen, weil er erst seine Ausflugsfahrt beenden wollte, um uns später an Land wieder zu treffen. Er meinte auch, dass die Reederei ihn wohl mit der Bergung unseres Bootes beauftragen würde. Arno und ich sollten weiter Richtung Anlegestelle Lough Key fahren und uns in der Zwischenzeit ruhig ein Guinness genehmigen. Denn: "Guinness is good for You", gerade nach so einem Schock, wie Sweeny augenzwinkernd zu uns meinte.

Und so geschah es: Nach einer Stunde kamen wir wieder zusammen mit unseren Frauen, mit Michael Sweeny und einer Schar junger irischer Schüler, die alle von uns wissen wollten, was mit uns denn passiert sei und uns trösten wollten ...

Der Kreuzer ist freigeschleppt ... Kreuzer, Schlepper und Dinghiy auf dem Rückweg zur Anlegestelle ...

Michael Sweeny hatte schon unterwegs per Funk mit der Reederei Kontakt aufgenommen: Von dort sollte ein Ingenieur kommen, um zusammen mit Sweeny unseren Kreuzer zu bergen. Der Ingenieur kam zwei Stunden später. Alle zusammen gingen wir an Bord von Michaels Ausflugsschiff und schipperten zurück zu unserem Boot. Im Schlepp hatten wir natürlich unser Dinghi für den Ingenieur, damit er zu unserem Kreuzer gelangen konnte. Nachdem er unseren Cruiser vor Ort besichtigt hatte und feststand, dass dieser nicht leckgeschlagen war, konnte unser Boot zuletzt tatsächlich vom Felsen gezogen und an Land gefahren werden.

An Land durften wir unseren Kreuzer wieder übernehmen, gerade so, als sei nichts geschehen; keine Vorwürfe, keine Häme, nur Bedauern, dass wir ja nun einen Urlaubstag nicht auf See verbringen konnten. Immerhin waren wir mit unserem Kreuzer Vollkasko versichert. Trotzdem bleibt übrig, dass wir ganz bewusst im verbotenen Teil des Sees unterwegs gewesen waren. In Deutschland wäre unser Abenteuer jedenfalls nicht so glimpflich abgegangen ...

Als ich Michael Sweeny ein Trinkgeld anbieten wollte, lehnte er das strikt ab. Aber auf ein Guinness ließ er sich gerne einladen. Und für unseren "verlorenen" Urlaubstag auf See hatte er auch gleich das passende irische Sprichwort parat: "When God made Time He made enough of it" (Als Gott die Zeit machte, da hat er genug davon gemacht").

Ach ja, noch eine notwendige Ergänzung der Vollständigkeit halber: Der komplette Satz von Brigitte zum Zeitpunkt der Havarie sollte lauten: "Wenn wir übermorgen wieder in Dublin sind, dann gehe ich zum Friseur" ...


© 2014  Roland Malchow