Tag 1: Frankreich

Der Tag beginnt um 4 Uhr morgens auf dem Zeltplatz Le Grand Champ in Les Bossons nahe Chamonix, an dem ich Motorrad sowie Koffer kostenfrei für sechs Tage unterstellen kann. Mein Wecker ist nicht der Grund für das frühe aufwachen, dieser ist auf 6 Uhr gestellt - ein Rettungshubschrauber dreht eine Runde, scheinbar direkt über meinem Zelt ...

Blumenwiese beim Col de VozaNach einem Kaffee gegen 7 Uhr mache ich mich auf zum Bus, der mich nach Les Houches bringt. Von hier beginne ich die Tour de Mont Blanc und folge dem grünen TMB-Zeichen auf den Wanderschildern: Von 1.008 Meter auf 1.653 Meter - was gibt es schöneres am frühen Morgen? Mit schweißgetränkter Kleidung erreiche ich Col de Voza, einen Pass, der seit 1908 auch mit einer Bergbahn erreichbar ist.

Ich entscheide mich, dem ursprünglichen Weg durch die französischen Dörfer zu folgen anstatt dem alternativen, der weiter nach oben zum Col de Tricot führt.

Schöne Landschaft: Bunte Alpenweiden mit Butterblumen und Schafgarben, Bergpanorama als Hintergrund, darüber ein Schäfchenwolkenhimmel. Ich bin dankbar, dass in jedem Dorf ein Trinkwasserbrunnen für durstige Wanderer installiert ist. Die Sonne brennt. Ein schattiges Plätzchen bietet sich für eine Mittagsrast an, Pitabrot mit Schinken und Käse, während eine Viehherde an mir vorbei getrieben wird. Ich bin nicht sicher, wer irritierter schaut: Die Kühe oder ich selbst ...

In Les Contamines, einer 1.200 Seelen-Gemeinde, möchte ich mein Abendessen um ein Stück Käse bereichern - leider haben sämtliche Geschäfte zwischen 12:30 und 15 Uhr Mittagspause. Punkt 14:55 Uhr verlasse ich den Spar-Markt mit einem Stückchen Roquefort.

Vorbei an einem Husky-Park und dem Kletterfelsen Falaises de la Duchère führt der Weg zur Notre Dame de la Gorge: Im Mittelalter wurde hier eine Schutzhütte für Reisende errichtet, die sich kurz darauf in eine Pfarrei verwandelte. Nachdem einige Brände dieses Heiligtum schwer beschädigten, entstand daraus um 1700 eine katholische Barockkapelle.

Der nächste Anstieg: Mein erster Zielpunkt ist ein designierter Zeltplatz nahe des Refugios de la Balme, 1.706 Meter. Diesen erreiche ich gegen 18 Uhr: Leider stehen hier bereits ein 10-Personen- Zelt, die dazugehörenden Camper und zwei Esel, die das Gepäck tragen - auch eine Art zu wandern. Für mich zu viel los, und noch ganze drei Stunden Tageslicht ...

Blick zurück vom Refugio La Balme Murmeltier gesichtet! Nahe Croix de Col du Bonhomme

Also weiter, zum Col du Bonhomme, einem Pass auf 2.329 Metern. Flauschige Murmeltiere am Wegesrand stellen sich auf die Hinterbeine und begrüßen mich pfeifend. Ich erreiche die Steinansammlung "Tumulus du Plan des Dames": Einer Legende nach ist dies das Höhengrab einer englischen Adeligen und ihrer Zofe, die hier bei einem Sturm ihr Leben ließen. Um Pech abzuwehren, sollte ein Stein hinzugefügt werden ...

Die Sonne hat sich mittlerweile hinter den Bergen verkrochen, der Weg führt mich über Schneebrücken - Überbleibsel des letzten Winters. Die kalte Luft, die von diesen ausgeht, bildet einen starken Gegensatz zu dem sonst heißen Tag.

Ich überwinde die letzten, anstrengenden Meter auf Schnee und befinde mich am Pass: Ein berauschender 360°-Blick! Die Berge sind weißgestreift, mal längs, mal quer. Eine winzige Schutzhütte wurde hier errichtet. Heute Nacht sind Gewitter angekündigt und ich überlege, hierzubleiben. Das Refugio beim Col de la Croix du Bonhomme ist allerdings nur eine Stunde entfernt.

Aus Mangel an einer ebenen Grundlage für das Zelt mache ich mich ein letztes Mal auf den Weg. Dieser ist angenehmer, nur eine geringe Steigung. Ein weiterer Schritt, und ich muss feststellen, dass ich mit Gepäck wohl zu viel für den schmelzenden Schnee bin - mein rechtes Bein steckt bis zum Oberschenkel im Weiß.

Wenig später sehe ich anhand der Spuren, dass ich nicht der Einzige mit dieser kalten Erfahrung war. Das Refugio erreiche ich eine halbe Stunde später. 25 Personen halten sich dort auf - ziemlich viel für die Nebensaison. Unterhalb davon befinden sich halbkreisförmige knöchelhohe Steinmauern, um Zeltplätze abzustecken. 10 Minuten später steht mein temporäres Zuhause. Der Nebel hat die Landschaft inzwischen in ein trübes Grau getaucht und die Sicht auf ein Minimum reduziert. Spaghetti mit Roquefort - ein seliger Tagesabschluss ..!

Tag 2: Von Frankreich nach Italien ...

Erneut erwache ich um 4 Uhr, der Grund diesmal: Ein heftiges Berggewitter. Regentropfen und Hagelkörner schmettern auf mein Zelt ein. Es BLITZT! Ich zähle: Ein-und … - Es DONNERT! Beruhigend, das Gewitter ist also noch 150 Meter entfernt!

Ich verkrieche mich tiefer in meinen Schlafsack und gebe mir Mühe, mich auf meiner Isomatte klein zu machen, um die Zeltstangen nicht zu berühren ...

Heute komplett Regen und Gewitter - ist zumindest angekündigt. Die Sonne, die mich weckt, scheint nicht damit einverstanden zu sein. Ich öffne meine Zeltplane und erhasche eine überragende Aussicht: Ein grüner Bergrücken mit wenigen weißen Flecken erinnert an einen riesigen Dinosaurier.

Bergab, knapp 1000 Meter: Ich muss einen elektrischen Zaun überwinden, um mich durch eine Kuhherde zu kämpfen, bis ich das 3-Häuser-"Dorf" erreiche. Aus der Reihe der hier selbstgemachten Produkte entscheide ich mich für einen leckeren Ziegenkäse.

Auf dem Weg nach Ville de Glaciers passiere ich ein Denkmal an den Zweiten Weltkrieg: Juni 1940 leisteten hier französische Truppen den italienischen erbitterten Widerstand. 4 Tage lang, bei starken Windböen und -25°C, bis der Waffenstillstand vom 25. Juni in Kraft trat ...

Leicht bergauf führt der Weg vorbei an ein paar Pfützen, in denen sich Wassersalamander tummeln. Links fällt der Hügel in eine steile felsige Schlucht ab, auf der anderen Seite: saftige Weide und hungrige Rinder.

Kurz vor Refuge des Mottets "König der Schafe" bei Refuge des Mottets ... Blick von Col de la Seigne nach Italien 

Am Refuge des Mottets fülle ich meinen Wasservorrat auf, eine Mittagsrast verbringe ich etwas oberhalb bei einem haushohen Stein. Ein Murmeltier sucht gerade Stroh für sein Zuhause und schaut mich überrascht an, bevor es in die Weite entschwindet.

Danach folgt ein Anstieg zum Col de la Seigne: Steil und steinig. Eine große Steinpyramide markiert den höchsten Punkt des Passes, kilometerweite Sicht in die Ferne belohnt die Anstrengung.

Ein weiterer Schritt, und ich bin in Italien. Das Rifugio Elisabetta ist schneller erreicht als gedacht. Eine Gruppe missmutiger Franzosen setzt ihren Weg von dort gerade fort, obwohl es bereits 17:30 Uhr ist. "Hier darf man nicht zelten", meldet der Letzte, der gerade hektisch aufbricht.

Auch keine gute Nachricht für mich … Übernachtungspreise liegen bei etwa 40 Euro. Ich lasse die Hütte hinter mir, lege einen Schritt zu. Eine Stunde später erkenne ich die Cabane du Combal, mein nächster Versuch. Zeitgleich höre ich erneut ein Grollen vom Himmel. Zwei Schritte, und schon wieder öffnen sich die Wolken. Einige wenige Regentropfen verwandeln sich in einen Hagelschauer. Und die nächste schlechte Nachricht: Auch hier darf ich nicht zelten. Meine Überredungskünste bleiben wirkungslos. Ein Bett kostet hier schon 70 Euro.

Ich warte bei einem Glas italienischen Rotwein geduldig ab, bis das schlimmste vorüber ist. Der Hüttenwart schickt mich die Asphaltstraße nach unten, da sich dort drei Campingplätze befinden - eine Alternativroute, die mich leider ein schönes Stück der Tour du Mont Blanc verpassen lässt.

Es ist trocken, als ich mich erneut auf den Weg mache … zwei Minuten lang. Eine halbe Stunde später finde ich eine Abzweigung nach rechts und ein Schild mit der Aufschrift "Camping". Ohne zu überlegen nehme ich diese und renne, schlittere, rutsche über den Schlammpfad durch Wald und Feld.

Nass bis auf die Knochen erreiche ich das Camping La Sorgente: Zelten für 9,20 Euro oder alleine in einem Vierbett-Dorm für 12 Euro; Die Entscheidung ist nicht schwierig. Meine Sachen hänge ich über alles mir zu Verfügung Stehende. Es donnert. Die Wände wackeln. Eine heiße Dusche … Glücklich!

Tag 3: Italien

Im Schein der Sonne geht es das letzte Stückchen der Asphaltstraße hinunter nach Courmayeur. Dort angekommen biege ich links ab - leider ein Fehler, wie ich eine Pizza und zwei Stunden später feststelle.

Val Ferret, ItalienZwar hätte ich weiter auf einer Straße in Richtung Val Ferret spazieren können, allerdings damit eine ganze Tagesetappe der Tour du Mont Blanc aufgeben müssen. Will ich aber nicht. Zähneknirschend drehe ich um und gehe den Weg wieder zurück ...

Und als wären die 10 Extra-Kilometer nicht schon genug, geht es nun wieder bergauf. Zuerst durch den Ort Villair. Kleine ruhige Seitengassen zweigen von der Hauptstraße ab, noch nicht einmal ein italienischer Kleinwagen passt hier durch. Danach über Serpentinen durch ein Waldstück. Glücklicherweise.

 Schattenspendende Bäume sind hier meine engsten Freunde. Vereinzelt finden sich auf den Stämmen die regionale Markierung der Tour du Mont Blanc: eine gelbe Raute mit schwarzen Buchstaben "TMB".

800 Höhenmeter und zwei Stunden später liegt das Rifugio Bertone vor mir, der Aufstieg und leider auch der Schatten hinter mir. Die Nachmittagssonne geleitet mich zwischen saftigen grün und bunten Blumen über einen flachen Höhenweg. Gegenüber, auf der anderen Seite: Eine massive Berglandschaft, die steil in das Tal abfällt. Gesäumt mit grünen Flecken und weißen Zungen, an deren Ende sich Wasserfälle in tausende Bäche ergießen … Und irgendwo, verborgen hinter den letzten vereinzelten Wolken, thront der europäische König der Berge.

Vom Rifugio Bertone zum Rifugio Bonatti ... Zeltblick zum Mont Blanc, nahe Rufigio Bonatti

Rifugio Bonatti, und die übliche Antwort der Wirtin: "Zeltplatz gibt es hier keinen", diesmal jedoch verbunden mit einer positiven Nachricht: "Solange Sie das Zelt nicht in Sichtweite aufstellen, gibt es kein Problem."

Also überquere ich noch eine Brücke, über der nepalesische Gebetsflaggen hängen und suche mir ein flaches, windgeschütztes Fleckchen. Zwei Stunden später ist es dann soweit, endlich. Fasziniert sitze ich im Zelt und schaue durch die offene Plane Richtung Südwesten: Wenige Kilometer entfernt sehe ich die 4.810 Meter hohe Erhebung mit der berühmten weißen Spitze. Von italienischer Seite erinnert er an einen Backenzahn, der rechts in eine relativ flache Skipiste mündet, während er links wie über eine Säge im 45-Grad -Winkel abfällt ...


© 2017 Jan Kozlowski, TrekkingSpiritProject