In den Dschungel der Stadt ...

Am Morgen geht es erneut zum Donaukanal, jedoch diesmal zum Franz-Josef-Kai: Dort wartet das Nationalparkboot auf uns für einen Ausflug in den Dschungel von Wien - die Lobau.

Wir fahren den Donaukanal flussabwärts und bekommen erläutert, durch welchen Bezirk wir gerade schippern und was wir rechts und links sehen. Wo die Besiedlung abnimmt, fahren wir an zahlreichen Daubelhütten vorbei: Daubel ist das große viereckige Fischernetz, das ins Wasser gelassen wird und als sehr schonendes Fischfanggerät gilt ...

Das Naturparkboot wartet ... Typische Daubelhütte ...
Es gibt viel zu erzählen ... ... vom Dschungel ...

Es ist ruhig auf dem Kanal, bis uns das Schnellboot Wien-Bratislava überholt: Eine Jetfähre, die die beiden Hauptstädte mehrmals täglich binnen einer Stunde verbindet.

Es wird erzählt, dass der Seegang im Kanal vom Kapitän des Schnellboots abhängt. Mancher nimmt Rücksicht auf die anderen kleinen Boote, mancher rast ungebremst bis zum Kai ...

Die Lobau, seit 1996 Nationalpark, ist ein Auwald der Donau, den man in großen Teilen sich selbst überlässt. Umgefallene Bäume werden nur dort entfernt, wo sich Wanderwege befinden. Die Biber und viele andere vom Aussterben bedrohte Tierarten können sich hier frei entfalten.

Die Lobau war häufig von Zerstörung bedroht: Schon Anfang des 18. Jhdt. wurde der Donau-Oder-Kanal geplant. Der Bau begann dann erst in der NS-Zeit und endete nach 4,2 Kilometern. Gleichzeitig wurde der Ölhafen errichtet, an dem wir vorbeifahren und der so gar nicht zum Flair des Urwalds passt. Napoleon lagerte hier mit 150.000 Soldaten nach der Schlacht von Aspern, seine erste Schlacht, die er verlor. Das österreichische Bundesheer nutzte das Gelände für Manöver. Umstritten ist seit vielen Jahren das Projekt Lobautunnel für die Autobahn - ob der Tunnel verhindert werden kann, ist noch unsicher.

Am Anlegesteg angekommen, nimmt uns der Förster in Empfang: Auf einem Rundweg bekommen wir einen Eindruck vom Urwald. Biber lässt sich keiner sehen, aber es wird berichtet, dass ca. 1000 Biber hier zu Hause sind. Den Auwald verlassen sollten die Biber lieber nicht, denn wenn sie die nahe Grenze nach Niederösterreich überqueren, könnten sie den Jägern zum Opfer fallen. In der Lobau hingegen sind sie ganzjährig geschützt.

Wir lernen viel über den Hochwasserschutz, überall sieht man die Dämme, die man aufgrund des Jahrhunderthochwassers in 2002 in 2012 um 1,5 m erhöht hat.

Wir schippern zurück nach Wien, da radelt am Ufer des Donaukanals eine Hochzeitsgesellschaft vorbei: Das ist doch mal originell, mit Pferdekutsche und Luxuskarosse kann ja jeder heiraten ...

Radelnde Hochzeitsgesellschaft: Pferdekutsche kann jeder ... 

Unser nächstes Ziel: Der Prater. Eigentlich der Wurstlprater, wie der Vergnügungspark bezeichnet wird, denn Prater ist das 6 qkm große Wald- und Wiesengebiet, an dessen Rand sich der Wurstlprater befindet.

Das Riesenrad ist ein Muss: Karten per Internet vorzubestellen braucht man nicht, denn auch mit der Buchungsbestätigung muss man sich in die endlosen Warteschlangen vor den Kassen einreihen. Auch auf die Gondel muss man warten, aber die Zeit kann man nutzen, um die liebevoll gestalteten Modelle zu betrachten.

Gemütlich geht es los, immer höher und von oben hat man einen herrlichen Blick über Wien und die Attraktionen des Wurstlpraters: Achterbahnen, Wildwasserbahnen, Karussels, jede Menge Gastronomie und dazwischen die Liliputbahn unterhalten die Besucher.

Das Gedränge zwischen den Fahrgeschäften ist groß, doch nur wenige Schritte daneben hat man freie Wege. An einem dieser Wege steht der "Kugelmugel", der an ein Raumschiff erinnert. Zuerst sollte das Baukunstwerk als Atelier und Galerie mit Belassungsabsicht auf einem Grundstück der Stadt Wien errichtet werden. In einem Prozess wurde dann festgestellt, dass der Kugelmugel nicht auf Baugrund, sondern im Grünland steht, das ist aber laut Wiener Verordnung nur Superädifikaten vorbehalten. Nun steht er mittlerweile im Prater und kann nicht betrieben werden, da sämtliche Anschlüsse wie Wasser und Strom verweigert werden. Die Prozesse dauern bis heute an. Wer aber so richtig tief in österreichisches Bürokratendeutsch - oder Bürokratenösterreichisch - eintauchen will, muss nur die Tafeln rings herum lesen und genießen ...

Schon seit 1897 beliebt: Das Wiener Riesenrad ... Der Kugelmugel ...
Alles unter Dampf bei der Liliputbahn ... Der Großglockner in der Hochschaubahn ...

Unweit vom Kugelmugl ist ein Bahnhof für die Liliputbahn. Man hat die Wahl zwischen Dampf und Diesel. Die Dampflokomotiven haben mehr als 85 Jahre auf dem Buckel, aber auch die Dieselloks sind mit mehr als 50 Jahren schon echte Oldtimer. Und gleich kommt sie vorgefahren, die Dampflok: Schnell wird Kohle und Wasser nachgefüllt, der Lokführer quetscht sich wieder in seinen winzigen Leitstand und schon sind wir auf dem Weg durch den Prater ...

In diesem Vergnügungspark befinden sich moderne und historische Fahrgeschäfte nebeneinander. Historisch sind das Riesenrad, die Liliputbahn und die Hochschaubahn, die seit 1948 hier bergauf und bergab fährt. Mit viel Liebe zum Detail hat man den Großglockner mit Heilig Blut nachgebaut. Doch, auch wenn die Bahn so harmlos erscheint, sie ist im Gegensatz zu den modernen Bahnen nicht gedämpft und so bekommt man dann doch den einen oder anderen erheblichen Schlag ins Kreuz.

Ein echter Blickfang ist der Praterturm: Ein Kettenkarussel, mit dem man auf 95 m Höhe befördert wird. Mit 60 km/h geht es rund herum. Das Erstaunlichste ist aber die Präzision: Die Leute setzen sich in den Sessel, lassen ihre Schuhe auf dem Boden stehen, fahren hoch und runter und werden genau wieder bei ihren Schuhen angehalten.

Hier kann man den ganzen Tag und auch den Abend bis tief in die Nacht verbringen und vielleicht trifft man ja am Bitzinger Würstlstand doch mal einen Star. Aber auch ohne Star gilt mal wieder der Song: "Haben Sie Wien schon bei Nacht gesehen ..?"

Was kann man am letzten Tag noch erledigen, wenn der Rückflug erst am Nachmittag startet? Man nimmt nicht den CAT direkt zum Flughafen, sondern man steigt in die die S-Bahn und macht einen Zwischenstopp bei der Station Schwechat. Günstig ist dies, wenn es Sonntag und im Sommer ist, denn dann ist das Eisenbahnmuseum in vollem Betrieb. Das Museum nutzt das Gelände der ehemaligen Zugförderung der Lokalbahn Wien - Pressburg.

Ein Highlight für alle Bahnfans: Dampflok in Betrieb ... Schwere Arbeit auf dem Lokführerstand ...
Zugreisen wie anno dunnemal ... Es gibt noch viel zu restaurieren ...

In den restaurierten Zügen kann man erahnen, wie sich Bahnfahren in der Vergangenheit angefühlt hat - bei dem einen oder anderen kommen sicherlich auch ein paar Jugenderinnerungen hoch. Schön, dass man in die Waggons steigen und sich auch die Lokführerstände bei der kurzen Mitfahrt anschauen darf. Auf dem Gelände werden immer noch Waggons und Lokomotiven restauriert und man hat Gelegenheit zu einer Führung durch die Werkstatt. Das Highlight sind aber die Lokomotiven, die am Sonntag von den Mitgliedern über das Gelände gefahren werden. Man lädt uns ein, in der Dampflok vorn im Führerstand mitzufahren. Ganz schön heiß und dampfig ist es, man muss schon aufpassen, nicht vollkommen verrußt wieder rauszukommen ...

Zum Ausgleich kann man in eine Diesellok umsteigen: Den Mitgliedern macht es offensichtlich Spaß, die Besucher den ganzen Tag hin und her zu fahren.

Hier vergeht die Zeit bis zum Abflug rasend schnell, aber wir müssen Wien nun verlassen: Ab sofort werden wir beim Anblick der Stadt von der Autobahn aus nicht mehr nur den Stadtmoloch sehen, sondern uns auch an viele schöne Momente zurückerinnern ...


© 2014 S. Zerlauth


Anmerkung der Red.: Wer neugierig ist auf weitere Berichte zu ähnlichen Städtereisen, dem seien weitere Beiträge der neuen Serie "Viel zu erledigen - (Verlängertes) Wochenende" empfohlen: