Mit dem  EXPLORER MAGAZIN "unterwegs":

  Norwegen 2001

Am nördlichsten Confluence-Punkt Europas, oder:
"In Gamvik bleibt alles besser" ..
   

Immer wieder mal fahren Leser Touren nach, über die wir im Explorer Magazin berichtet haben - wenn wir davon erfahren, auch für uns immer wieder ein Anlass, uns darüber zu freuen und natürlich auch interessant: Was mögen unsere Leser dort erlebt haben? Wenn nun noch aber noch gleich mehrere Berichte zusammen zu einer Leseraktivität führen, ist das sicherlich ein ganz besonderer Grund, neugierig zu werden.

So geschehen bei Jan Liska, der uns anlässlich der Messe Abenteuer Allrad in Bad Kissingen seinen Besuchsbericht übergab. Er hatte wahr gemacht, was wir uns bei unserem Wettlauf zum Weißwurscht-Äquator schrieben: Hätten wir früher von dem sogenannten "Degree Confluence Project" (DCP) erfahren - so z.B. vor unseren Touren Skandinavien 99 oder natürlich Skandinavien 2000 - wären unsere Confluence-Spuren mit Sicherheit am Nordende Europas zu finden ...

Für Jan Liska war es nun eine klare Sache: Er wollte das DCP-Projekt mit einer Skandinavienfahrt zum Nordende Europas kombinieren und konnte es dort realisieren: Am nördlichsten Confluence-Punkt Europas ein Steinmännchen zu bauen .

Dass er und seine Lebensgefährtin bei dieser Gelegenheit natürlich genau wie wir auch noch Gamvik und Mr. Hilly am nördlichsten Campingplatz Festlandeuropas besuchten, versteht sich dabei von selbst ...

   

Sommer 2001 : Confluence-Jagd am Ende Europas

Nachdem es mich schon vier Mal nach Süd-Norwegen gezogen hatte, sollte es im Sommer 2001 noch weiter in den Norden gehen: Zusammen mit meiner Lebensgefährtin Renate hatte ich eine Reise an das "Ende Europas", zum Nordkapp geplant.

Inzwischen hatte auch ein brauchbares Offroad-Fahrzeug in unserem Fuhrpark Einzug gehalten: "BlueGerbil" war geboren. Mit diversen Umbauten hatte ich ihn fit gemacht für die große Tour. Neben einem Spezialfahrwerk, grobstolligen großen Reifen und einem Dachzelt begleitete uns auch modernste Elektronik auf unserer Reise.

Natürlich hatte ich vor dem Urlaub ausführlich im Internet recherchiert und war auch auf die Berichte des Explorerteams über dessen Tour "Skandinavien 2000" gestoßen. Diese hatten uns in dem Wunsch bestärkt, nicht nur das Nordkapp zu besuchen, sondern auch ans wesentlich unbekanntere Nordkinn zu fahren und weiter bis an die Grenze der ehemaligen Sowjetunion.

Durch einen Zufall war ich im Frühjahr 2001 auch auf das "Degree Confluence Project" (DCP) aufmerksam geworden. Bei diesem Projekt geht es um das Besuchen und Dokumentieren von Schnittpunkten von Längen- und Breitengraden. Und natürlich eignen sich dünn besiedelte, abgelegene Gegenden optimal hierzu, da dort nur wenige Punkte bereits besucht worden sind ...

Der geneigte Leser wird nun schon ahnen, was wir planten: "Confluencen" am Ende Europas - zwischen russischer Grenze und dem nördlichsten Punkt des europäischen Festlands!

Nachdem wir in Larvik in Süd-Norwegen die Fähre "Peter Wessel" der Color Line verlassen hatten, suchten wir uns am frühen Abend einen Campingplatz. Mit wunderbarer Aussicht auf den Oslofjord verbrachten wir die erste Nacht in unserem Dachzelt und die erste Nacht auf skandinavischem Boden. Wir machten es uns zur Gewohnheit, abwechselnd "wild" zu campen und Campingplätze aufzusuchen - das Recht, wild zu campen, ist ja in den Verfassungen der skandinavischen Länder im sogenannten "Jedermannsrecht" verankert.

Am nächsten Morgen fuhren wir weiter ostwärts: Zuerst nach Oslo, wo wir noch ein Ersatzteil für unser Fahrzeug kaufen wollten, bei Kongsvinger überquerten wir dann die Grenze zu Schweden und verbrachten die Nacht in der Nähe eines wunderschönen, mückenverseuchten Sees inmitten der schwedischen Wälder. Aber vom Explorerteam wussten wir ja: "In Gamvik wird alles besser!"

Der dritte Tag sah uns bis an die Ostseeküste und dort nordwärts in Richtung Kemi fahren. Hier, am Nordzipfel des bottnischen Meerbusens,  kurz hinter der schwedisch-finnischen Grenze, führte uns der Weg weiter in Richtung Polarkreis bei Rovaniemi. Nach kurzer obligatorischer Besichtigung des Polarkreismuseums (Arktikum) fuhren wir weiter bis an den Inarisee.  Ein kurzer Ausflug an die russische Grenze folgte bei Ivalo, die wir wie erwartet ohne Visum nicht passieren durften. Dies werden wir aber bei einem weiteren Besuch der Region besser vorbereitet nachholen.

Unser weiterer Weg führte uns wieder über die finnisch-norwegische Grenze, bei Neiden stießen wir auf die E6, die uns weiter nach Kirkenes leitete. Bedingt durch die massiven Bombenangriffe der Deutschen im zweiten Weltkrieg und die damit verbundenen Zerstörungen zeigt sich das Stadtbild dort als äußerst zweckmäßig. Im Tourismusbüro vor Ort informierten wir uns über die Möglichkeiten, Russland zu besuchen. Kurz gesagt: Es war nicht möglich, zu einem erträglichen Preis kurzfristig ein Visum zu bekommen.

Mit einer Mischung aus Beklemmung und Neugier erkundeten wir im Anschluss die Region um Grense Jakobselv, das "Ende Europas", das letzte Dorf vor der Grenze zu Russland. Irgendwie unheimlich, aber auch unglaublich interessant. Auch das Grenselandmuseum in Kirkenes verdient auf jeden Fall einen Besuch, dort erfährt man viele Details über dieses historisch interessante Stück Erde.

Am 28. August 2001 war es dann soweit, von Mehamn kommend trafen wir am späten Nachmittag in Gamvik ein. Der Weg dorthin führte uns durch eine wüstenähnliche Landschaft, die natürlich zu kurzen Offroad-Ausflügen mit dem Jeep einlud.

Zielstrebig machten wir uns auf den Weg zu "Mr. Hilly", dem Betreiber des nördlichsten Campingplatzes des europäischen Festlandes. Dort mieteten wir uns in einer seiner Hütten ein und verbrachten eine komfortable Nacht: Endlich wieder eine Dusche!

Am nächsten Morgen ging es mit Mr. Hilly hinaus zu seinem Boot. Mit dem fuhren wir in Richtung Nordkinn: Bei leicht bewölktem Himmel und ruhigem Seegang erreichten wir die wahre nördlichste Spitze des europäischen Festlandes. Leider war ein Anlegen hier wegen des Seegangs nicht möglich, Mr. Hilly brachte uns noch ca. 1,5 km landeinwärts, wo wir in eine gespenstische Landschaft aus Felsnadeln, Nebel und Bergen eintauchten.

Zwischen den spitzen Felszacken manövrierte er das Boot an eine geschützte Stelle; dort stiegen wir in das mitgeschleppte Begleitboot um und gingen an Land. Wir vereinbarten, dass er uns in ungefähr zwei Stunden wieder abholen sollte und machten uns auf den Weg Richtung Norden. Über eine steile Geröllhalde schafften wir es ungefähr bis an die Position N71° 07´ E027° 38´. Dort schien ein weiteres Vorstoßen an der immer steiler werdenden Felsküste nicht mehr sinnvoll. Wir stiegen wieder in Richtung Küste ab und erkundeten an dieser Stelle die Reste eines vom Sturm zerstörten Dorfes.

Zum vereinbarten Zeitpunkt holte uns Mr. Hilly wieder ab und wir machten uns auf den Rückweg nach Gamvik. Dort bezahlte Mr. Hilly auch brav seine "Wettschuld": Er hatte mit meiner Lebensgefährtin gewettet, dass ihr durch die Bootsfahrt schlecht werden würde und hatte leichtsinnigerweise 2 Flaschen Bier gesetzt. Diese Aufstockung unseres Biervorrates war uns sicher! Zum Ausgleich bekam er aber auch zwei Dosen aus unseren Becks-Vorräten ...

Am gleichen Abend noch fuhren wir in Richtung Mehamn zurück. Auf ungefähr halber Strecke bogen wir von der Straße ab und suchten uns einen windgeschützten Platz für die Übernachtung. Am nächsten Morgen war der Besuch am nördlichsten Confluence-Punkt des europäischen Festlandes angesagt.

Gegen 8 Uhr machten wir uns auf den Weg. Wir folgten relativ genau dem Richtungspfeil unseres GPS-Empfängers: Entlang der Sandfjordelva führte der Weg direkt zu einem Wochenendhäuschen. 

Dort parkten wir unseren Jeep, plauderten kurz mit dem Besitzer des Anwesens, der es gar nicht fassen konnte, dass wir dort nicht angeln wollten, und setzten dann unseren Weg in südlicher Richtung fort.

Abwechselnd am linken bzw. rechten Ufer der Sandfjordelva näherten wir uns dem gewünschten Punkt. Den Fluss mussten wir dabei zweimal durchqueren, dank ordentlicher Vorbereitung und brauchbarem Kartenmaterial hatten wir das eingeplant und so hatten wir natürlich auch Gummistiefel dabei.

Bald verloren sich die letzten Andeutungen eines Pfades und so wanderten wir über die Hochfläche des Fjells, nur vom GPS geleitet. Das Gelände war hügelig, Schotterfelder wechselten sich mit Gestrüpp und kleinen Sumpfflächen ab, so dass wir nicht allzu schnell voran kamen. Unterwegs fanden wir neben einigen wenigen Moltebeeren auch zwei Rentiergeweihe. Menschen begegneten uns den ganzen Tag über keine.

Gegen 13 Uhr war es dann aber endlich soweit: Wir standen am nördlichsten Confluence-Punkt des europäischen Kontinents. N 71° E 028° war erreicht! 

Das GPS zeigte die Position auf mehrere Nachkommastellen präzise an, der Empfang des Signals war sehr gut, da wir uneingeschränkte Sicht zum wolkenfreien Himmel hatten. Nachdem wir die für das Projekt notwendigen Fotos des Punktes und seiner Umgebung gemacht hatten, gönnten wir uns eine ausgiebige Rast und genossen die Stille, Abgeschiedenheit und Menschenleere dieses Ortes.

Nach circa einer Stunde begannen wir mit dem Rückweg, schließlich hatten wir ja noch mal 6 Kilometer Luftlinie durch unwegsames, teilweise sumpfiges Gelände vor uns. Diesmal folgten wir eher den Kämmen der Hügelketten, dies stellte sich als deutlich schneller heraus, als der Weg am Ufer entlang. Gegen 17 Uhr trafen wir dann wieder an unserem Jeep ein.

Unser weiterer Weg führte uns noch ans Nordkapp, nach Tromsö und dann entlang der Westküste bzw. der E6 folgend Richtung Süden, wo wir einen Tag in Oslo verbrachten, eine alte Freundin besuchten und uns schließlich wieder per Schiff auf den Rückweg ins hektische Deutschland machten ...


© 2002 Text / Bilder Jan Liska