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Eine Radtour nach Shanghai?

Die Vorgeschichte einer langen Reise ...


Erste Überlegungen

Zu einer mehrmonatigen Radtour startet man nicht spontan: Vielmehr entsteht die Idee dazu allmählich, nimmt dabei immer konkretere Gestalt an und führt schließlich zu ernsthaften Planungen und Vorbereitungen. Im Falle meiner Tour nach Shanghai dauerte dieser Prozess fast vier Jahre ...

Im Jahr 2001 liegt mein Arbeitsplatz in der südkoreanischen Hafenstadt Pusan. Von dort schickt mich die Firma zweimal für einige Tage in das nur eine Flugstunde entfernte Shanghai, das mich sofort fasziniert. Doch die Arbeit hat Vorrang und so entsteht schnell der Wunsch nach einem weiteren Besuch ohne berufliche Verpflichtungen. Ich bin ein überzeugter Radfahrer, habe nie ein Auto besessen und vermisst, und so erwäge ich bald mehr oder weniger ernsthaft, ob der Weg von Deutschland nach Shanghai auch mit dem Fahrrad zurückzulegen sei. 

Auf dem Rückflug von Korea über die Sibirienroute nach Frankfurt sitze ich am Fenster und verschaffe mir einen ersten Eindruck von den dabei zu durchquerenden Landschaften: Sie wirken durchaus befahrbar, abgesehen von der Wüste Gobi. Doch diese soll eine Fernstraße durchqueren, so zeigen es mir die Atlanten und Karten, die ich nach der Rückkehr studiere.

Somit wäre eine solche Tour grundsätzlich möglich und zudem auf dieser nördlichen Route deutlich kürzer als weiter südlich entlang der Seidenstraße. Eine Realisierung erscheint allerdings vorerst völlig unrealistisch, denn ein Jahresurlaub ist dafür viel zu kurz und meinen Beruf aufgeben möchte ich denn doch noch nicht ... 

Zufälle

Einige Monate nach meiner Rückkehr aus Korea nutze ich einen sonnigen Juniabend zu einer kleinen Radtour nach Feierabend: Diese endet abrupt schon nach gut drei Kilometern mit dem Gabelbruch meines Fahrrads. Das Rad stammt noch aus meiner Schulzeit und hat mich in über 25 Jahren mindestens 100.000 Kilometer weit getragen, doch jetzt ist sein Ende gekommen. Zum Glück habe ich mich beim unvermeidlichen Sturz nicht ernsthaft verletzt und suche gleich nach einem neuen Rad. Ich möchte eines mit Stahlrahmen, doch angeboten wird fast nur noch Aluminium. 

Ein kleiner Hersteller in der Nähe meines Heimatortes lötet aber noch in Handarbeit Stahlrahmen zusammen und nach einiger Bedenkzeit entschließe ich mich zur Bestellung eines solchen Rades. Mitentscheidend dafür ist, dass damit wohl auch die Tour nach Shanghai möglich wäre, aber das erzähle ich zu diesem Zeitpunkt noch niemandem. Nach einigen Wochen bekomme ich das maßgefertigte Trekkingrad "Norwid Quattro Stagioni" und bin von seinen Fahreigenschaften sofort begeistert.

Etwa ein halbes Jahr später wird in der Firma entschieden, dass mein seit vielen Jahren mit etwa 700 Überstunden gut gefülltes Gleitzeitkonto in absehbarer Zeit abgebaut werden muss. Ich sehe darin einen Wink des Schicksals, die Schanghaitour nun ernsthaft in Angriff zu nehmen, denn auch die Unstände in meinem persönlichen Umfeld sind dafür derzeit günstig. Damit rückt diese Tour in den Bereich des Realen. 

Vorbereitungen: Die Skandinavientour ...

Meine Vorbereitungen bestehen zunächst darin, gezielt Informationen zu sammeln: Schnell stelle ich fest, dass ich nicht der erste bin, der durch Sibirien und die Mongolei radeln will. Das haben in den letzten Jahren schon andere getan und darüber im Internet berichtet. Ich hingegen habe bisher nur Tagestouren unternommen. So muss ich dringend Erfahrungen mit mehrtägigen Radtouren sammeln und beschaffe ich mir die nötige Ausrüstung zum Zelten, Kochen und natürlich Radfahren ... 

Am 9. Juni 2003 starte ich zu meiner ersten Radreise: Die Skandinavientour führt mich über Rostock und Trelleborg zunächst nach Schweden und dort an der Westküste entlang nach Göteborg und weiter über Trollhättan bis nach Norwegen. Dort geht es über Oslo und Gjövik am Mjösasee an den Sognefjord. Nach ein paar Tagen am Fjord bringt mich eine Schnellfähre weiter nach Bergen, wo ich fünf Tage lang etwa 20 Kilometer vor der Stadt zelte. Bei herrlichem Sommerwetter fahre ich jeden Tag mit dem Rad in die Stadt und bezwinge dort auch die zum Aussichtspunkt auf dem Floyenberg führenden Serpentinen. 

Schließlich nehme ich die Fähre von Bergen nach Hanstholm in Dänemark und habe es von dort nicht mehr weit nach Hause. Die Tour dauert insgesamt 24 Tage und führt über mehr als 2.200 Kilometer. Sie verläuft absolut problemlos und ermutigt mich weiter, die Shanghaitour in Angriff zu nehmen. Die Auswertung der Tour zeigt, dass Tagesleistungen von 150 bis 200 Kilometern möglich sind, solange ich auf befestigten Straßen fahre und nicht zu starken Gegenwind habe. 

Mit diesen Erkenntnissen beginne ich die Planung der großen Tour: Schnell zeigt sich dabei die Wichtigkeit der Visabestimmungen für den Terminplan. Will ich die benötigten Visa für alle zu durchquerenden Länder vor meiner Abreise beschaffen, bleiben mir zum Beispiel nur drei Monate bis zum letztmöglichen Einreisetag nach China. Beschaffe ich die Visa erst unterwegs, wird eine Zeitplanung weitgehend unmöglich. Ich lese Hinweise wie "Manchmal ist der Konsul auf Jagd, dann werden wochenlang keine Visa ausgestellt." Auch das Klima muss beachtet werden, besonders die Wüste Gobi kann im Sommer sehr heiß und im Winter eisig kalt sein, den kurzen Herbst dazwischen muss ich zur Durchfahrt nutzen. Schließlich entwickle ich einen komplizierten Plan: Zur Vereinfachung der Visabeschaffung werde ich Weißrussland umfahren, aber dafür die Tour auf zwei in den Jahren 2004 und 2005 zu fahrende Teilstrecken aufteilen. 

Mehr: Die Ostseetour ...

Die erste Teilstrecke führt nach St. Petersburg und bildet den Hauptteil der Ostseetour, die ich vom 21. Juli bis zum 17. August 2004 als Generalprobe für die weit größere Etappe im Folgejahr bestreite. Ich durchquere Königsberg und natürlich St. Petersburg und benötige hierfür ein russisches Geschäftsvisum zur zweimaligen Einreise. 

Die notwendige Einladung erhalte ich von einem russischen Radfahrerverband, die Beschaffung des Visums erledigt eine Servicefirma zu meiner vollen Zufriedenheit. Ihre Dienste beanspruche ich auch im Folgejahr. 

Ansonsten führt die Tour durch die gerade der EU beigetretenen Länder Polen, Litauen, Lettland und Estland, sowie durch Finnland und Schweden. Zwischen Helsinki und Stockholm sowie Trelleborg und Travemünde transportieren mich große Fährschiffe, während ich bequem in einer Kabine schlafe. Doch sonst ist diese Tour ein echter Härtetest: In genau 28 Tagen lege ich etwa 3.800 Kilometer zurück und absolviere daneben noch ein umfangreiches Besichtigungsprogramm z.B. in Stettin, Danzig, Marienburg, Riga, Tallin (Reval), St. Petersburg, Helsinki, Stockholm und Karlskrona

An einem heißen Tag lege ich die etwa 250 Kilometer lange Strecke von St. Petersburg ins finnische Hamina zurück und überspanne damit den Bogen: Auf der gesamte Reststrecke durch Finnland und Schweden quäle ich mich mühselig gegen Wind und eigentlich lächerliche Steigungen. Dies erweist sich als wertvolle Erfahrung für das Folgejahr, in dem ich jede Überanstrengung konsequent vermeiden werde. Weitere wichtige Erkenntnisse betreffen die Verkehrs-, Verpflegungs- und Übernachtungsbedingungen in Russland: Auch diese sind ermutigend, ich sehe keinen Grund mehr an meinem Vorhaben zu zweifeln ...

Feinplanung

So beginne ich mit der Feinplanung und vereinbare mit der Firma einen etwa viermonatigen Extraurlaub, der mein Gleitzeitkonto im zweiten Halbjahr 2005 drastisch zusammenschmelzen lassen wird. Nun kann ich mir keinen Rückzieher mehr erlauben. 

Die bereits im Vorjahr bewältigte Etappe nach St. Petersburg will ich diesmal mit der schifffahrtshistorisch interessanten Fähre "Finnjet" zurücklegen, die glücklicherweise gerade in diesem Jahr von Rostock dorthin fährt. Trotz der so gesparten Zeit bleibt der Zeitplan zum Erreichen Chinas recht eng und ich versuche durch tagesgenaue Planung die Termine für die verschiedenen Visa optimal aufeinander abzustimmen. Für das mongolische Visum benötige ich den Nachweis einer Unterkunft, so reserviere ich zwei Hotelübernachtungen in Ulan Bator und lege mich damit bereits endgültig auf das Datum meiner dortigen Ankunft fest. So entsteht eine Art Fahrplan, der mir für jeden Tag ein Etappenziel vorgibt. 

Als Zeitpuffer plane ich vier Übernachtungen in Irkutsk ein, aber die Unwägbarkeiten des Wetters, der eigenen Fitness und möglicher Defekte an Rad und Ausrüstung sind damit wohl nur unvollkommen berücksichtigt. Als ich während der Tour diesen Fahrplan anderen Radfahrern zeige, ernte ich jedenfalls Kopfschütteln und Gelächter ...

Ein wichtiger Teil der Vorbereitungen gilt der Optimierung der Ausrüstung: Ich will möglichst wenig Gewicht mitschleppen, so beschaffe ich mir ein sehr leichtes Zelt und einen warmen, aber dabei recht leichten Schlafsack. Auf den Kocher verzichte ich bei dieser Tour ganz. Zum Fotografieren nehme ich nur eine kleine Digitalkamera mit - eine enorme Gewichtsersparnis gegenüber der Spiegelreflexkamera mit Wechselobjektiven und 25 Filmen, die ich in den Vorjahren mitgenommen hatte. 

Dafür kommen andere unverzichtbare Dinge wie Ersatzteile für das Fahrrad und ein Wasserfilter hinzu und bringen das Gesamtgewicht meines Gepäcks letztlich doch auf über 20 kg. Als alles bis ins Detail geplant ist, buche ich die Fähre nach St. Petersburg und beauftrage schließlich den Visaservice. Ich habe damit lange gezögert, denn eine zu frühe Ausstellung der Visa würde sie auch zu früh ablaufen lassen. Allerdings darf ich auch nicht zu lange warten, denn zum Beispiel muss das chinesische Visum schon im Pass sein, bevor das mongolische beantragt werden kann. So bleibt die Spannung erhalten, bis ich drei Tage vor der Abfahrt meinen Pass mit allen Visa zurück bekomme. Erleichtert stelle ich fest, dass meine Einreise nach China noch bis zu 10 Tagen nach der Abreise vom Hotel in Ulan Bator möglich ist. Damit kann ich beruhigt bis zum Freitagabend meiner Arbeit nachgehen, bevor ich am folgenden Morgen zur großen Tour aufbreche. Den Weg zur Fähre in Rostock kann ich dann allerdings nur noch mit der Bahn schaffen, doch diese Etappe habe ich ja schon im Vorjahr mit dem Rad zurückgelegt.

Trotz der üblichen Zugverspätungen klappt die Anreise letztlich problemlos und bildet so den verheißungsvollen Auftakt zu einer Radreise über gut 10.000 Kilometer, die vermutlich einmalig in meinem Leben bleiben wird ... 


Anm. der Red.: Und unser Autor Kay Friese macht seine Reise - über 3 Monate ist er von St. Petersburg aus unterwegs, bis er schließlich sein Ziel Shanghai erreicht. Da der spannende Bericht über seine dreimonatige Reise unseren Rahmen sprengen würde, stellen wir diesen Bericht ausnahmsweise als pdf-Datei zum Download bereit. Wir wünschen gute Unterhaltung bei der Lektüre!


© 2006 Kay Friese